Targeted Temperature Management nach Reanimation
Die gezielte Temperatursteuerung nach ROSC beeinflusst das neurologische Outcome maßgeblich. Der Artikel beleuchtet Zieltemperaturen, Kühlmethoden, Dauer der Hypothermie und Rewarming-Strategien gemäß aktueller Leitlinien.

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA
Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol
Lesezeit ca. 8 Min.

Das Targeted Temperature Management (TTM) – im klinischen Alltag oft noch als „therapeutische Hypothermie" bezeichnet – gehört zu den wenigen Interventionen nach erfolgreicher Reanimation, die nachweislich das neurologische Outcome verbessern können. Nach Erreichen eines Return of Spontaneous Circulation (ROSC) beginnt eine kritische Phase, in der sekundäre Hirnschäden durch Reperfusionsinjury, oxidativen Stress und inflammatorische Kaskaden das Überleben und die funktionelle Erholung massiv bedrohen. Die gezielte Steuerung der Körperkerntemperatur ist dabei ein zentrales Element der Post-Resuscitation-Care – und gleichzeitig ein Bereich, in dem sich Empfehlungen in den letzten Jahren differenziert haben. Dieser Artikel fasst die wesentlichen Aspekte von TTM nach Herzstillstand zusammen: Pathophysiologie, Zieltemperaturen, praktische Kühlmethoden, Dauer, kontrolliertes Rewarming und häufige Komplikationen.
Pathophysiologische Grundlage: Warum Temperaturkontrolle?
Nach einem Herzstillstand kommt es durch die globale Ischämie und die anschließende Reperfusion zu einer Kaskade schädlicher Prozesse im Gehirn. Diese sogenannte Post-Cardiac-Arrest-Brain-Injury umfasst:
- Exzitotoxizität durch massive Glutamat-Freisetzung
- Mitochondriale Dysfunktion mit gestörter Energieproduktion
- Freie Radikale und oxidativer Stress während der Reperfusionsphase
- Mikrovaskuläre Dysfunktion mit gestörter Autoregulation
- Apoptose-Kaskaden, die über Stunden bis Tage nach ROSC fortschreiten
- Neuroinflammation mit Aktivierung von Mikroglia und Zytokinfreisetzung
Eine erhöhte Körperkerntemperatur – selbst im Bereich milder Hyperthermie (>37,7 °C) – beschleunigt all diese Prozesse erheblich. Fieber nach Reanimation ist ein unabhängiger Prädiktor für schlechteres neurologisches Outcome und erhöhte Mortalität. Hypothermie hingegen reduziert den zerebralen Metabolismus um ca. 6–10 % pro Grad Celsius Temperatursenkung, hemmt pro-apoptotische Signalwege und vermindert die Bildung freier Radikale.
Evidenzlage und Zieltemperatur
Die wegweisenden Studien
Die ursprünglichen randomisierten Studien aus dem Jahr 2002 (HACA-Studie und die australische Studie von Bernard et al.) zeigten einen klaren Benefit einer Kühlung auf 32–34 °C gegenüber keiner Temperaturkontrolle bei Patient:innen mit Kammerflimmern als initialem Rhythmus. Diese Daten führten zur breiten Implementierung der therapeutischen Hypothermie.
Die TTM-Studie (Nielsen et al.) verglich anschließend eine Zieltemperatur von 33 °C mit 36 °C und fand keinen signifikanten Unterschied in Mortalität oder neurologischem Outcome. Dies führte zu einer Verschiebung der Empfehlungen hin zu einem breiteren Temperaturkorridor.
Die TTM2-Studie verglich eine gezielte Hypothermie bei 33 °C mit reiner Normothermie (Zieltemperatur ≤37,5 °C, Behandlung von Fieber) und zeigte ebenfalls keinen signifikanten Unterschied im primären Endpunkt (Tod jedweder Ursache nach 6 Monaten).
Aktuelle Empfehlungen
Die aktuellen AHA- und ERC/ESICM-Leitlinien empfehlen auf Basis der verfügbaren Evidenz:
- Konsequente Fiebervermeidung (≤37,5 °C) für mindestens 72 Stunden nach ROSC bei allen komatösen Patient:innen nach Herzstillstand
- Gezielte Hypothermie auf 32–36 °C kann als aktive Strategie erwogen werden, insbesondere wenn die lokale Expertise und Infrastruktur dafür vorhanden sind
- Es gibt keine Evidenz für die Überlegenheit einer bestimmten Zieltemperatur innerhalb des Korridors von 32–36 °C
- Die Empfehlung gilt für alle initialen Rhythmen – also sowohl schockbare (VF/pVT) als auch nicht-schockbare Rhythmen (Asystolie/PEA)
- Hyperthermie vermeiden ist der absolute Minimalkonsens und das Kernelement jeder Post-Resuscitation-Strategie
Die Wahl der konkreten Zieltemperatur sollte individualisiert erfolgen. Faktoren wie hämodynamische Stabilität, Blutungsrisiko und Komorbiditäten fließen in die Entscheidung ein.
Indikationen und Patient:innenselektion
TTM ist indiziert bei komatösen Patient:innen (GCS Motor Score ≤5 bzw. fehlende sinnvolle Reaktion auf verbale Kommandos) nach Herzstillstand mit ROSC, unabhängig von:
- Initialrhythmus (schockbar oder nicht-schockbar)
- Ort des Herzstillstands (innerklinisch oder außerklinisch)
Relative Kontraindikationen und Besonderheiten
- Aktive, nicht-kontrollierbare Blutung – Hypothermie beeinträchtigt die Gerinnung
- Schwere Sepsis/septischer Schock – Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich
- Bereits bestehende schwere Hypothermie bei Auffinden
- Terminale Grunderkrankung mit klarer Therapielimitierung
Patient:innen, die rasch nach ROSC das Bewusstsein wiedererlangen und adäquat reagieren, benötigen kein TTM im engeren Sinne, sollten aber dennoch konsequent auf Fieber überwacht werden.
Praktische Durchführung: Phasen des TTM
Das Targeted Temperature Management gliedert sich in drei klar definierte Phasen:
Phase 1: Induktion (Kühlung einleiten)
Ziel ist das Erreichen der gewählten Zieltemperatur möglichst rasch nach ROSC. Empfohlene Maßnahmen:
- Intravenöse Kühlung: Rasche Infusion von bis zu 30 ml/kg eisgekühlter (4 °C) isotoner Kristalloidlösung (NaCl 0,9 % oder Ringer-Laktat) – Achtung: Die prähospitale Gabe großer Volumina kalter Infusionen wird nach aktueller Evidenz nicht mehr empfohlen, da sie hämodynamische Instabilität und Lungenödem fördern kann, ohne das Outcome zu verbessern. Die Volumen-Kühlung ist daher primär eine innerklinische Maßnahme und sollte mit Augenmaß eingesetzt werden.
- Externe Kühlmethoden: Eispacks (Leisten, Axillen, Hals), Kühldecken, Oberflächenkühlsysteme mit zirkulierendem Kaltwasser
- Intravaskuläre Kühlkatheter: Effektivste Methode mit der besten Temperatursteuerung. Ein Kühlkatheter (meist femoral oder jugulär platziert) zirkuliert gekühlte Flüssigkeit in einem geschlossenen System.
- Evaporative Kühlung: Nasale Verdunstungskühlung kann prähospital eingesetzt werden
Praktischer Tipp: Die Kombination mehrerer Methoden beschleunigt die Induktion. Eine Zieltemperatur von 33 °C wird typischerweise innerhalb von 2–4 Stunden erreicht, bei 36 °C deutlich schneller.
Phase 2: Aufrechterhaltung (Maintenance)
Die Aufrechterhaltung der Zieltemperatur ist die kritischste Phase:
- Dauer: Mindestens 24 Stunden bei einer Zieltemperatur von 32–36 °C. Manche Zentren wählen 24–48 Stunden bei 33 °C.
- Zielkorridor: Die Temperatur sollte maximal ±0,5 °C um den Zielwert schwanken
- Feedback-gesteuerte Systeme (z. B. intravaskuläre Kühlkatheter oder Oberflächensysteme mit Servo-Kontrolle) sind hier den passiven Methoden deutlich überlegen
- Temperaturmessung: Kontinuierliche Kerntemperaturmessung ist obligat. Geeignet sind:
- Ösophagussonde (genau, wenig invasiv)
- Blasenkatheter mit Temperatursensor (cave: bei niedriger Urinproduktion ungenau)
- Pulmonalarterienkatheter (Goldstandard, aber selten ausschließlich dafür indiziert)
- Rektalsonde (akzeptabel, leichte Verzögerung)
- Nicht geeignet: Axilläre, tympanische oder temporale Messung
Phase 3: Kontrolliertes Rewarming
Das Rewarming ist eine besonders vulnerable Phase und erfordert äußerste Sorgfalt:
- Geschwindigkeit: 0,25 °C pro Stunde – dies ist der allgemein empfohlene Maximalwert. Schnelleres Rewarming (>0,5 °C/h) ist mit Rebound-Hyperthermie, hämodynamischer Instabilität und erhöhtem intrakraniellem Druck assoziiert.
- Bei einer Zieltemperatur von 33 °C und einem Rewarming auf 37 °C dauert das kontrollierte Aufwärmen somit mindestens 16 Stunden
- Fiebervermeidung nach Rewarming: Für mindestens 72 Stunden nach ROSC soll die Temperatur aktiv unter 37,5 °C gehalten werden
- Feedback-gesteuerte Systeme ermöglichen hier eine deutlich präzisere Steuerung als passive Erwärmung
Monitoring und Management während TTM
Hämodynamisches Monitoring
Hypothermie verursacht eine Reihe von kardiovaskulären Veränderungen, die ein engmaschiges Monitoring erfordern:
- Bradykardie: Physiologisch bei Hypothermie und in der Regel nicht behandlungsbedürftig. Eine Herzfrequenz von 40–50/min bei 33 °C ist akzeptabel, solange der Blutdruck und die Organperfusion aufrechterhalten sind.
- Kältediurese: Durch periphere Vasokonstriktion kommt es zu einer Volumenumverteilung nach zentral mit konsekutiver Diurese. Eine adäquate Volumenzufuhr ist essenziell.
- Arrhythmieneigung: Unter 32 °C steigt das Risiko für Vorhofflimmern. Unter 30 °C wird das Risiko für ventrikuläre Arrhythmien relevant – ein Grund, warum Temperaturen unter 32 °C nicht empfohlen werden.
Stoffwechsel und Laborkontrollen
- Elektrolyte: Hypothermie verursacht eine intrazelluläre Kalium-Verschiebung. Kalium muss engmaschig (alle 4–6 h) kontrolliert werden. Cave: Beim Rewarming kehrt Kalium in den Extrazellularraum zurück – Hyperkaliämie-Gefahr! Kalium während der Maintenance nicht über 4,0 mmol/l supplementieren.
- Blutzucker: Hypothermie reduziert die Insulinsekretion und -sensitivität. Hyperglykämien sind häufig und sollten behandelt werden (Ziel: 6–10 mmol/l bzw. 110–180 mg/dl). Bei Rewarming Hypoglykämie-Gefahr durch wieder ansprechende Insulinwirkung.
- Gerinnung: Hypothermie verlängert die Gerinnungszeit und beeinträchtigt die Thrombozytenfunktion. Standard-Laborgerinnungstests werden bei 37 °C durchgeführt und unterschätzen daher die tatsächliche Gerinnungsstörung bei hypothermen Patient:innen.
- Blutgasanalyse: Die pH-stat- vs. Alpha-stat-Kontroverse ist im klinischen Alltag wenig relevant. Die meisten Zentren verwenden die Alpha-stat-Methode (Analyse bei 37 °C ohne Temperaturkorrektur).
- Laktat und ScvO₂: Als Marker der Organperfusion regelmäßig kontrollieren.
Sedierung und Shivering-Management
Shivering (Kältezittern) ist eines der häufigsten und relevantesten Probleme während TTM:
- Shivering erhöht den Sauerstoffverbrauch um bis zu 40 %, erhöht die Herzfrequenz und erschwert die Temperaturkontrolle massiv
- Bedside Shivering Assessment Scale (BSAS): Standardisierte Erfassung empfohlen
Stufentherapie des Shiverings:
- Stufe 1 – Nicht-pharmakologisch: Gegenerwärmung der Hände und Füße (Warming Pads), Vermeidung von Kältereizen im Gesicht
- Stufe 2 – Basismedikation: Paracetamol 1 g IV, Magnesiumsulfat 4–5 g IV (Ziel-Spiegel 3–4 mg/dl), Buspiron 30 mg über Magensonde
- Stufe 3 – Sedierung: Propofol, Midazolam oder Dexmedetomidin in üblicher Sedierungsdosierung. Dexmedetomidin hat den Vorteil einer zusätzlichen Anti-Shivering-Wirkung.
- Stufe 4 – Muskelrelaxierung: Cisatracurium 0,15 mg/kg Bolus, gefolgt von kontinuierlicher Infusion (1–3 µg/kg/min). Cave: Unter Muskelrelaxierung zwingend kontinuierliches EEG-Monitoring zum Erkennen epileptischer Aktivität! Relaxierung nur als Ultima Ratio und so kurz wie möglich einsetzen.
Grundsätzlich sollten alle komatösen, intubierten Patient:innen unter TTM adäquat analgosediert werden. Eine tiefe Sedierung erleichtert die Temperaturkontrolle und verhindert Shivering proaktiv.
Häufige Komplikationen und deren Management
| Komplikation | Häufigkeit | Management |
|---|---|---|
| Bradykardie | Sehr häufig | Tolerieren, solange hämodynamisch stabil |
| Kältediurese/Hypovolämie | Häufig | Volumengabe, ZVD-/Echo-gesteuertes Monitoring |
| Hypokaliämie (Induktion) | Häufig | Vorsichtig supplementieren (Ziel 3,5–4,0 mmol/l) |
| Hyperkaliämie (Rewarming) | Häufig | Kalium-Kontrolle alle 2–4 h, Supplementierung stoppen |
| Hyperglykämie | Häufig | Insulintherapie, BZ-Kontrolle alle 2–4 h |
| Shivering | Sehr häufig | Stufentherapie (s. oben) |
| Infektionen (Pneumonie) | Erhöht | Hygienemaßnahmen, Surveillance, frühzeitige Diagnostik |
| Gerinnungsstörungen | Moderat | Klinische Relevanz beachten, ggf. Substitution |
| Hautläsionen (bei Oberflächenkühlung) | Gelegentlich | Regelmäßige Hautinspektion, Umlagerung |
Prognostizierung: Timing beachten
Ein essenzieller Punkt im Zusammenhang mit TTM ist die neurologische Prognostizierung. Hypothermie verlangsamt den Metabolismus von Sedativa und beeinflusst die neurologische Untersuchung. Die aktuellen Leitlinien empfehlen daher:
- Frühestens 72 Stunden nach Erreichen der Normothermie (nicht nach ROSC!) mit der neurologischen Prognostizierung beginnen
- Kein einzelner Test ist für sich allein ausreichend – ein multimodaler Ansatz aus klinischer Untersuchung (Pupillenreaktion, Kornealreflex, Motorik), Elektrophysiologie (EEG, SSEP), Biomarkern (NSE) und Bildgebung (CT, MRT) ist erforderlich
- Sedativa und Relaxantien müssen ausreichend abgeklungen sein, bevor klinische Befunde zur Prognostizierung herangezogen werden
Integration in die Post-Resuscitation-Care
TTM ist kein isoliertes Konzept, sondern Teil eines umfassenden Post-Resuscitation-Care-Bundles:
- Hämodynamische Optimierung: MAP ≥65 mmHg (manche Expert:innen empfehlen ≥80 mmHg zur Sicherung der zerebralen Perfusion), Echokardiographie zum Ausschluss einer reversiblen Ursache
- Koronarangiographie: Bei Verdacht auf kardiale Ursache frühzeitig evaluieren. TTM und Katheterintervention schließen sich nicht gegenseitig aus.
- Beatmung: Normoxie (SpO₂ 94–98 %, Hyperoxie vermeiden) und Normokapnie (PaCO₂ 35–45 mmHg) anstreben
- Blutzuckerkontrolle: Hypo- und Hyperglykämie vermeiden
- Krampfanfallbehandlung: Kontinuierliches EEG-Monitoring empfohlen, antikonvulsive Therapie bei epileptischer Aktivität
Praktisches Training
Die korrekte Durchführung von Targeted Temperature Management erfordert nicht nur theoretisches Wissen, sondern auch strukturiertes Teamwork – von der Entscheidung zur Kühlung über das Shivering-Management bis zur Phase des Rewarming. In den ACLS-Refresher-Kursen von Simulation Tirol trainierst du Post-Resuscitation-Care einschließlich TTM-Protokollen in realistischen Simulationsszenarien. Du übst die klinische Entscheidungsfindung im Team, vertiefst algorithmisches Handeln und bekommst die Möglichkeit, seltene Komplikationen in sicherer Umgebung zu managen. Alle Details und Termine findest du unter simulation.tirol/kurse/acls-refresher.
Du willst das praktisch trainieren?
In unserem ACLS-Refresher übst du dieses Thema hands-on mit High-Tech-Simulatoren und erfahrenen Instruktor:innen.
Weitere Artikel
Akute Herzinsuffizienz: Notfalltherapie und Differenzierung
Vom Lungenödem bis zum kardiogenen Schock – die akute Herzinsuffizienz erfordert eine schnelle hämodynamische Einordnung. Der Artikel erklärt die klinische Klassifikation, Erstlinientherapie mit Nitraten, Diuretika und Vasopressoren.
Akutes Koronarsyndrom: Erstversorgung und MONA-Schema
Das ACS ist einer der häufigsten kardialen Notfälle. Der Artikel beschreibt die initiale Diagnostik (12-Kanal-EKG, Troponin), Risikostratifizierung, medikamentöse Erstmaßnahmen und Entscheidungspfade zur Reperfusionstherapie.
EKG-Rhythmusdiagnostik: Die wichtigsten Notfall-Rhythmen
Von Kammerflimmern über pulslose elektrische Aktivität bis zum AV-Block III° – der Artikel zeigt typische EKG-Bilder der notfallrelevantesten Herzrhythmusstörungen mit Erkennungsmerkmalen und unmittelbarer Therapie.