Supraventrikuläre Tachykardie: Vagale Manöver richtig durchführen
Valsalva modifiziert, Karotismassage und Eiswasser-Technik bei Kindern – Schritt-für-Schritt-Anleitung mit Kontraindikationen und Erfolgsraten. Ein praxisnaher Überblick für den klinischen Alltag.

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA
Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol
Lesezeit ca. 8 Min.

Die supraventrikuläre Tachykardie (SVT) gehört zu den häufigsten symptomatischen Rhythmusstörungen im Notfallsetting. Bevor Adenosin oder eine elektrische Kardioversion zum Einsatz kommen, empfiehlt die AHA-Leitlinie bei hämodynamisch stabilen Patient:innen den Versuch vagaler Manöver als First-Line-Intervention. Die Idee dahinter ist elegant: Durch Stimulation des Nervus vagus wird die Überleitung im AV-Knoten verlangsamt – und im besten Fall bricht der Reentry-Mechanismus zusammen. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass die Erfolgsrate vagaler Manöver erheblich von der korrekten Durchführung abhängt. Zwischen einem laienhaft durchgeführten Valsalva-Manöver und der modifizierten Valsalva-Technik liegt ein Unterschied von über 20 Prozentpunkten in der Konversionsrate. Dieser Artikel liefert dir eine praxisnahe Schritt-für-Schritt-Anleitung für die wichtigsten vagalen Manöver bei Erwachsenen und Kindern, inklusive Kontraindikationen und evidenzbasierter Erfolgsraten.
Pathophysiologischer Hintergrund
Vagale Manöver wirken über eine Aktivierung des parasympathischen Nervensystems. Die efferenten Fasern des Nervus vagus innervieren den Sinusknoten und – entscheidend bei der SVT – den AV-Knoten. Eine Erhöhung des Vagotonus führt zu:
- Verlängerung der Refraktärzeit im AV-Knoten
- Verlangsamung der AV-Überleitung
- Unterbrechung des Reentry-Kreislaufs, sofern der AV-Knoten Teil der Kreisbahn ist
Dieser Mechanismus erklärt, warum vagale Manöver besonders bei AV-Knoten-Reentry-Tachykardien (AVNRT) und AV-Reentry-Tachykardien (AVRT) über akzessorische Leitungsbahnen wirksam sind – also genau bei jenen SVT-Formen, die den Großteil der regelmäßigen Schmalkomplextachykardien ausmachen. Bei atrialen Tachykardien oder Vorhofflattern können vagale Manöver die Kammerfrequenz vorübergehend senken und dadurch diagnostische Klarheit schaffen, terminieren die Rhythmusstörung selbst aber typischerweise nicht.
Indikationen und Voraussetzungen
Vagale Manöver sind indiziert bei:
- Regelmäßiger Schmalkomplextachykardie (QRS < 120 ms) mit stabiler Hämodynamik
- Klinischem Verdacht auf AVNRT oder AVRT
- Als diagnostisches Hilfsmittel zur Demaskierung von Vorhofaktivität (z. B. Flattern)
Voraussetzungen vor Durchführung
- 12-Kanal-EKG dokumentiert, idealerweise unter kontinuierlichem Monitoring
- Intravenöser Zugang etabliert (für den Fall, dass pharmakologische Konversion notwendig wird)
- Defibrillator/Kardioverter in Reichweite
- Adenosin aufgezogen und bereit
- Patient:in über das Manöver aufgeklärt
Das modifizierte Valsalva-Manöver
Das klassische Valsalva-Manöver – Pressen gegen geschlossene Glottis – hat als alleinige Maßnahme eine eher bescheidene Konversionsrate von etwa 5–20 %. Die modifizierte Valsalva-Technik (auch als „postural modification" bezeichnet) hat in der REVERT-Studie die Erfolgsrate auf rund 43 % gesteigert und gilt damit als die effektivste Form des Valsalva-Manövers.
Schritt-für-Schritt-Anleitung
- Patient:in in halbsitzende Position bringen (ca. 45° Oberkörperhochlagerung auf der Liege)
- 10-ml-Spritze bereithalten – die Patient:in bläst gegen den Kolben der Spritze, um einen standardisierten intrathorakalen Druck von ca. 40 mmHg zu erzeugen
- Pressen für 15 Sekunden – die Patient:in bläst kräftig und kontinuierlich in die Spritze, ohne dass sich der Kolben bewegen soll. Alternativ: Pressen wie beim Stuhlgang mit geschlossener Glottis
- Unmittelbar nach den 15 Sekunden: Flachlagerung – sofort die Liege flach stellen oder die Patient:in aktiv flach hinlegen
- Passive Beinhochlagerung – die Beine werden für 15 Sekunden um ca. 45° angehoben (durch Helfer:in oder durch Hochstellen des Fußteils)
- 15 Sekunden Beinhochlagerung halten, dann Patient:in wieder in eine halbsitzende Position bringen
- EKG-Rhythmus beurteilen – die Konversion tritt häufig während der Phase der Beinhochlagerung oder unmittelbar danach auf
Warum funktioniert die Modifikation besser?
Die Flachlagerung mit passiver Beinhochlagerung verstärkt den venösen Rückstrom zum Herzen. Die daraus resultierende Vorlasterhöhung löst über Barorezeptoren eine zusätzliche Vagusaktivierung aus, die den Effekt des Pressens potenziert. Der „vagale Rebound" nach dem Pressmanöver wird damit deutlich verstärkt.
Wiederholung
Das modifizierte Valsalva-Manöver kann bei Erfolglosigkeit bis zu dreimal wiederholt werden, bevor zur pharmakologischen Therapie eskaliert wird. Zwischen den Versuchen sollten mindestens 1–2 Minuten liegen.
Karotissinusmassage
Die Karotissinusmassage stimuliert die Barorezeptoren im Karotissinus und löst reflektorisch eine vagale Antwort aus. Sie gilt als wirksames vagales Manöver, wird aber aufgrund des Komplikationspotenzials zunehmend dem modifizierten Valsalva nachgereiht.
Schritt-für-Schritt-Anleitung
- Patient:in flach lagern, Kopf leicht zur Gegenseite gedreht und leicht überstreckt
- Auskultation beider Karotiden – bei Strömungsgeräusch auf der betreffenden Seite: absolute Kontraindikation für diese Seite
- Karotissinus lokalisieren – Höhe des Schildknorpels, am Vorderrand des M. sternocleidomastoideus, über der Bifurkation der A. carotis
- Massage mit Zeige- und Mittelfinger: festen, kreisförmigen Druck für 5–10 Sekunden ausüben
- Immer nur einseitig – niemals bilateral gleichzeitig
- Unter kontinuierlichem EKG-Monitoring durchführen
- Bei Erfolglosigkeit nach 1–2 Minuten Pause: Versuch auf der kontralateralen Seite
Erfolgsrate
Die Konversionsrate der Karotissinusmassage liegt je nach Studiendesign bei 25–35 % und damit im Bereich des modifizierten Valsalva-Manövers. Die Kombination beider Techniken kann die Gesamterfolgsrate weiter erhöhen.
Kontraindikationen der Karotissinusmassage
- Karotisstenosegeräusch bei Auskultation
- Bekannte Karotisstenose (> 50 %) oder Karotis-TEA in der Anamnese
- Schlaganfall oder TIA in der Anamnese (innerhalb der letzten 3 Monate – relative Kontraindikation; bei Z. n. Insult generell kritisch abwägen)
- Kinder – die Karotissinusmassage wird in der pädiatrischen Population nicht empfohlen
- Myokardinfarkt in der Akutphase (Gefahr von Bradykardien und Hypotension)
- Digitalis-Intoxikation (Gefahr maligner Bradykardien)
Komplikationen
Seltene, aber relevante Komplikationen umfassen:
- Zerebrale Embolie bei vorbestehender Karotisplaques
- Prolongierte Asystolie (insbesondere bei Sick-Sinus-Syndrom)
- Hypotonie
Vagale Manöver bei Kindern: Der Tauchreflex
Bei Säuglingen und Kleinkindern ist weder das Valsalva-Manöver noch die Karotissinusmassage sinnvoll durchführbar. Hier steht die Eiswasser-Technik (Triggerung des Tauchreflexes) im Vordergrund. Bei älteren, kooperativen Kindern kann ein modifiziertes Valsalva – etwa das Blasen durch einen Strohhalm oder in eine Spritze – versucht werden.
Eiswasser-Technik bei Säuglingen und Kleinkindern
Der Tauchreflex (diving reflex) ist ein phylogenetisch alter Reflex: Kältereiz im Bereich des Gesichts (Innervationsgebiet des N. trigeminus) löst eine ausgeprägte Vagusaktivierung mit Bradykardie und peripherer Vasokonstriktion aus. Bei Säuglingen ist dieser Reflex besonders stark ausgeprägt.
Schritt-für-Schritt-Anleitung
- Eiswasser vorbereiten: Plastikbeutel (z. B. Gefrierbeutel) mit Eiswasser füllen – nicht mit reinem Eis, um Kälteschäden zu vermeiden
- Kind in Rückenlage, Atemwege frei
- Beutel mit Eiswasser auf das Gesicht des Kindes legen – dabei Augen, Nase und Stirn bedecken, die Atemwege jedoch freihalten (Mund und Nase dürfen nicht verschlossen werden)
- Applikationsdauer: 15–20 Sekunden (manche Quellen empfehlen maximal 10 Sekunden bei Neugeborenen)
- Unter kontinuierlichem EKG-Monitoring
- Bei Erfolglosigkeit: einmalige Wiederholung nach 1–2 Minuten
Alternative bei älteren Kindern
- Gesicht in kaltes Wasser tauchen (wenn das Kind kooperiert)
- Kalter Waschlappen auf das Gesicht legen
- In eine Spritze blasen (modifiziertes Valsalva, ab ca. 5–6 Jahren realistisch)
- Kopfstand oder Handstand – wird von manchen Kindern spielerisch akzeptiert, erhöht den venösen Rückstrom
Erfolgsrate bei Kindern
Die Eiswasser-Technik erreicht bei Säuglingen und Kleinkindern Konversionsraten von 30–60 % je nach Studie und korrekter Durchführung. Die höhere Erfolgsrate im Vergleich zu Erwachsenen erklärt sich durch den ausgeprägteren Tauchreflex im Kindesalter.
Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen bei Kindern
- Kein Eintauchen des gesamten Gesichts in Wasser bei Säuglingen (Aspirationsgefahr)
- Kein direkter Eiskontakt mit der Haut (Kälteschäden)
- Keine Karotissinusmassage bei Kindern
- Keine Bulbusdruckmassage – wird bei keiner Altersgruppe mehr empfohlen (Gefahr der Netzhautablösung und Augenläsion)
- Bei hämodynamischer Instabilität: sofortige synchronisierte Kardioversion (0,5–1 J/kgKG), keine vagalen Manöver
Allgemeine Kontraindikationen und Fallstricke
Kontraindikationen für alle vagalen Manöver
- Hämodynamische Instabilität: Hypotonie, Schock, Bewusstseinseintrübung, schwere Herzinsuffizienz → sofortige Kardioversion
- Breitkomplextachykardie (QRS ≥ 120 ms) → V. a. ventrikuläre Tachykardie, vagale Manöver nicht indiziert
- Verdacht auf Digitalis-Intoxikation → Gefahr prolongierter Bradykardien/Asystolie
- Bulbusdruckmassage → obsolet, wird von AHA und ERC nicht mehr empfohlen
Häufige Fehler in der Praxis
- Zu schwaches oder zu kurzes Pressen beim Valsalva – der intrathorakale Druck muss 40 mmHg erreichen und 15 Sekunden gehalten werden
- Fehlende Lageänderung beim modifizierten Valsalva – die posturale Modifikation ist der entscheidende Erfolgsgarant
- Verzögerung der medikamentösen Therapie – nach maximal 2–3 Versuchen sollte zu Adenosin eskaliert werden
- Vagale Manöver bei irregulärer Tachykardie – bei Vorhofflimmern sind vagale Manöver nicht zielführend für die Rhythmuskontrolle
- Parallele Dokumentation vergessen – das Rhythmus-Monitoring während des Manövers kann wertvolle diagnostische Informationen liefern (z. B. kurze Demaskierung von P-Wellen oder Flattern)
Algorithmus: SVT-Management mit vagalen Manövern
Für den klinischen Alltag lässt sich folgender Algorithmus zusammenfassen:
- Regelmäßige Schmalkomplextachykardie erkannt
- Hämodynamische Stabilität prüfen
- Instabil → synchronisierte Kardioversion (Erwachsene: 50–100 J biphasisch; Kinder: 0,5–1 J/kgKG)
- Stabil → weiter mit Schritt 3
- 12-Kanal-EKG, i.v.-Zugang, Monitoring, Defibrillator bereitstellen
- Modifiziertes Valsalva-Manöver (Erwachsene) oder Eiswasser-Technik (Säuglinge/Kleinkinder)
- Bis zu 3 Versuche
- Bei Erfolglosigkeit: Adenosin
- Erwachsene: 6 mg rapid i.v. → bei Erfolglosigkeit 12 mg → ggf. nochmals 12 mg
- Kinder: 0,1 mg/kgKG (max. 6 mg) → bei Erfolglosigkeit 0,2 mg/kgKG (max. 12 mg)
- Applikation: schneller Bolus über großlumigen, möglichst herznahen Zugang, gefolgt von 20-ml-NaCl-Flush (Erwachsene) bzw. 5-ml-Flush (Kinder)
- Bei Erfolglosigkeit von Adenosin: Kalziumkanalblocker (Verapamil/Diltiazem – nicht bei Kindern < 1 Jahr und nicht bei WPW!) oder Betablocker, alternativ synchronisierte Kardioversion
Evidenz und Erfolgsraten im Überblick
| Manöver | Population | Erfolgsrate | Evidenzgrad |
|---|---|---|---|
| Klassisches Valsalva | Erwachsene | 5–20 % | Moderat |
| Modifiziertes Valsalva (REVERT) | Erwachsene | 43 % | Hoch (RCT) |
| Karotissinusmassage | Erwachsene | 25–35 % | Moderat |
| Eiswasser-Technik (Tauchreflex) | Säuglinge/Kleinkinder | 30–60 % | Moderat |
| Valsalva-Varianten (Strohhalm, Spritze) | Ältere Kinder | 20–50 % | Niedrig–Moderat |
Die Daten verdeutlichen, dass die modifizierte Valsalva-Technik bei Erwachsenen das Manöver der Wahl darstellt – die posturale Modifikation verdoppelt annähernd die Konversionsrate im Vergleich zur konventionellen Durchführung.
Dokumentation und Nachsorge
Nach jedem vagalen Manöver sollte dokumentiert werden:
- Art des Manövers und Anzahl der Versuche
- EKG-Rhythmus vor, während und nach dem Manöver
- Hämodynamische Parameter (Blutdruck, Bewusstseinslage)
- Ergebnis: Konversion zu Sinusrhythmus, vorübergehende Verlangsamung, erfolglos
- Komplikationen: Bradykardie, Asystolie, Hypotonie
Patient:innen mit erstmaliger SVT-Episode oder rezidivierenden Episoden sollten eine kardiologische Abklärung inklusive Ruhe-EKG (Frage nach Präexzitation/Delta-Welle) und ggf. elektrophysiologischer Untersuchung erhalten.
Praktisches Training
Vagale Manöver sind in der Theorie simpel – die korrekte Durchführung unter Zeitdruck, die Entscheidung zwischen Valsalva und Karotissinusmassage, das Erkennen von Kontraindikationen und der fließende Übergang zur medikamentösen Therapie mit Adenosin erfordern jedoch regelmäßiges praktisches Üben. Im ACLS-Kurs von Simulation Tirol trainierst du den gesamten SVT-Algorithmus einschließlich vagaler Manöver, Adenosin-Gabe und synchronisierter Kardioversion an realistischen Simulationsszenarien – unter fachkundiger Anleitung und nach den Vorgaben der American Heart Association.
Du willst das praktisch trainieren?
In unserem ACLS-Kurs (Advanced Cardiac Life Support) übst du dieses Thema hands-on mit High-Tech-Simulatoren und erfahrenen Instruktor:innen.
Weitere Artikel
Akute Herzinsuffizienz: Notfalltherapie und Differenzierung
Vom Lungenödem bis zum kardiogenen Schock – die akute Herzinsuffizienz erfordert eine schnelle hämodynamische Einordnung. Der Artikel erklärt die klinische Klassifikation, Erstlinientherapie mit Nitraten, Diuretika und Vasopressoren.
Akutes Koronarsyndrom: Erstversorgung und MONA-Schema
Das ACS ist einer der häufigsten kardialen Notfälle. Der Artikel beschreibt die initiale Diagnostik (12-Kanal-EKG, Troponin), Risikostratifizierung, medikamentöse Erstmaßnahmen und Entscheidungspfade zur Reperfusionstherapie.
EKG-Rhythmusdiagnostik: Die wichtigsten Notfall-Rhythmen
Von Kammerflimmern über pulslose elektrische Aktivität bis zum AV-Block III° – der Artikel zeigt typische EKG-Bilder der notfallrelevantesten Herzrhythmusstörungen mit Erkennungsmerkmalen und unmittelbarer Therapie.

