Schrittmacher-Notfälle: Fehlfunktion erkennen und handeln
Pacing-Failure, Sensing-Fehler und Schrittmacher-vermittelte Tachykardien stellen im Notfall diagnostische Fallen dar. Der Artikel erklärt EKG-Zeichen, Magnetauflage und Notfallmanagement.

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA
Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol
Lesezeit ca. 8 Min.

Schrittmacher-Patient:innen begegnen dir im Notfall häufiger, als du vielleicht vermutest. In Österreich leben tausende Menschen mit implantierten Herzschrittmachern oder ICDs, und jedes dieser Devices kann fehlfunktionieren – oft in genau dem Moment, in dem die Patient:innen ohnehin hämodynamisch kompromittiert sind. Die korrekte Interpretation des EKGs, das Erkennen typischer Fehlfunktionsmuster und das rasche Einleiten lebensrettender Maßnahmen gehören zum Kernrepertoire der ACLS-Versorgung. Dieser Artikel gibt dir das Werkzeug an die Hand, Schrittmacher-Notfälle systematisch zu erkennen und zu behandeln.
Grundlagen der Schrittmacher-Funktion
Bevor du Fehlfunktionen erkennst, musst du das Normale verstehen. Ein Herzschrittmacher hat zwei zentrale Aufgaben: Pacing (Stimulation) und Sensing (Wahrnehmung). Die international gebräuchliche NBG-Kodierung beschreibt die Programmierung in fünf Buchstaben, wobei im Notfall vor allem die ersten drei relevant sind:
- 1. Buchstabe: Stimulationsort (A = Atrium, V = Ventrikel, D = Dual)
- 2. Buchstabe: Wahrnehmungsort (A, V, D)
- 3. Buchstabe: Betriebsart (I = Inhibition, T = Triggerung, D = Dual)
Die häufigsten Modi in der klinischen Praxis:
- VVI: Ventrikuläre Stimulation, ventrikuläre Wahrnehmung, Inhibition bei Eigenrhythmus
- DDD: Duale Stimulation und Wahrnehmung in Atrium und Ventrikel
- AAI: Atriale Stimulation und Wahrnehmung (selten als alleiniges System)
Im EKG erkennst du die Schrittmacher-Aktivität an Pacing-Spikes – schmalen, vertikalen Ausschlägen unmittelbar vor dem stimulierten Komplex. Ein atrialer Spike geht einer P-Welle voraus, ein ventrikulärer Spike einem breiten QRS-Komplex. Fehlen diese Spikes oder stehen sie in ungewöhnlicher Beziehung zur nachfolgenden Erregung, liegt möglicherweise eine Fehlfunktion vor.
Pacing-Failure: Wenn der Schrittmacher nicht stimuliert
Failure to Pace (Ausbleibende Stimulation)
Beim Failure to Pace fehlt der Pacing-Spike dort, wo er aufgrund der programmierten Frequenz erwartet wird. Die häufigsten Ursachen sind:
- Batterieerschöpfung (häufigste Ursache im Langzeitverlauf)
- Sondenbruch oder Sondendislokation
- Konnektorfehler (lockere Verbindung zwischen Sonde und Aggregat)
- Oversensing (der Schrittmacher interpretiert Artefakte als Eigenrhythmus und inhibiert sich – streng genommen ein Sensing-Problem mit der Konsequenz fehlender Stimulation)
EKG-Zeichen: Pausen ohne Pacing-Spikes, die länger sind als das programmierte Escape-Intervall. Bei schrittmacherabhängigen Patient:innen kann dies zu Synkopen, Präsynkopen oder im schlimmsten Fall zur Asystolie führen.
Failure to Capture (Stimulation ohne Reizantwort)
Hier siehst du den Pacing-Spike, aber er wird nicht von einem adäquaten Myokardkomplex gefolgt. Der Spike steht isoliert da, oder es folgt nur eine minimale, ineffektive Depolarisation.
Ursachen:
- Reizschwellenerhöhung (Fibrose an der Sondenspitze, Elektrolytstörungen, Medikamente)
- Sondendislokation (Spike vorhanden, aber Sonde hat keinen Myokardkontakt mehr)
- Myokardinfarkt im Bereich der Sondenspitze
- Schwere Hyperkaliämie (erhöht die Reizschwelle massiv)
- Antiarrhythmika (Flecainid, Propafenon, Amiodaron können die Reizschwelle erhöhen)
EKG-Zeichen: Pacing-Spikes ohne nachfolgenden QRS-Komplex (bei ventrikulärer Stimulation) oder ohne nachfolgende P-Welle (bei atrialer Stimulation). Das Muster kann intermittierend auftreten – ein einzelner nicht-übergeleiteter Spike zwischen funktionierenden Stimulationen ist ebenso pathologisch.
Klinischer Tipp: Achte besonders auf die Elektrolyte. Eine Hyperkaliämie über 6,5 mmol/l kann einen zuvor regelrecht funktionierenden Schrittmacher komplett ineffektiv machen. Die Korrektur der Hyperkaliämie stellt dann die Schrittmacherfunktion oft wieder her.
Sensing-Fehler: Wenn die Wahrnehmung versagt
Undersensing (Fehlende Wahrnehmung)
Beim Undersensing erkennt der Schrittmacher den Eigenrhythmus nicht und stimuliert trotz vorhandener intrinsischer Aktivität. Das Ergebnis ist eine Konkurrenz zwischen Eigenrhythmus und Schrittmacher-Stimulation.
EKG-Zeichen: Pacing-Spikes fallen in den bestehenden Eigenrhythmus ein – sie treten unabhängig von den eigenen QRS-Komplexen oder P-Wellen auf. Besonders gefährlich ist das Phänomen, wenn ein ventrikulärer Spike in die vulnerable Phase der Repolarisation (T-Welle) fällt – hier besteht das Risiko einer R-auf-T-Phänomen-induzierten Kammertachykardie oder Kammerflimmern.
Ursachen:
- Sondendislokation (das Sensing-Signal am neuen Ort ist zu klein)
- Niedrige Signalamplitude bei Myokardinfarkt, Fibrose oder Elektrolytstörungen
- Sondenbruch (intermittierender Kontakt)
- Falsche Programmierung (Sensing-Schwelle zu hoch eingestellt)
Oversensing (Übermäßige Wahrnehmung)
Das Gegenteil: Der Schrittmacher interpretiert Störsignale fälschlich als Eigenrhythmus und inhibiert sich. Die Patient:in braucht den Schrittmacher, bekommt aber keinen Stimulus.
Häufige Störquellen:
- Myopotenziale (besonders bei unipolaren Sonden; Zwerchfell, Pektoralismuskel)
- Elektromagnetische Interferenz (Diathermie, MRT bei nicht-MRT-tauglichen Systemen, Elektrokauterisation)
- T-Wellen-Oversensing (hohe T-Wellen werden als R-Zacken fehlinterpretiert)
- Sondenbruch mit hochfrequenten Bruchstellen-Artefakten
EKG-Zeichen: Unerwartet lange Pausen ohne Pacing-Spikes, obwohl kein ausreichender Eigenrhythmus vorhanden ist. Das EKG zeigt Bradykardie oder Asystolie, obwohl der Schrittmacher eigentlich stimulieren sollte.
Klinischer Tipp: Die Unterscheidung zwischen Failure to Pace und Oversensing kann schwierig sein – in beiden Fällen fehlt der Pacing-Spike. Der Unterschied liegt in der Ursache: Beim Failure to Pace ist der Schrittmacher defekt oder stromlos, beim Oversensing funktioniert er technisch einwandfrei, wird aber durch Fehlsignale getäuscht.
Schrittmacher-vermittelte Tachykardien (PMT)
Die Pacemaker-Mediated Tachycardia ist ein Spezialfall, der vor allem bei DDD-Schrittmachern auftritt. Der Mechanismus ist eine Reentry-Schleife:
- Ein retrograd vom Ventrikel zum Atrium geleiteter Impuls wird vom atrialen Kanal wahrgenommen.
- Der Schrittmacher interpretiert dies als intrinsische atriale Aktivität und triggert nach dem programmierten AV-Intervall einen ventrikulären Stimulus.
- Dieser ventrikuläre Stimulus wird wiederum retrograd zum Atrium geleitet – der Kreislauf schließt sich.
EKG-Zeichen: Regelmäßige Breitkomplextachykardie (weil ventrikulär stimuliert) mit einer Frequenz, die typischerweise der programmierten oberen Trackingfrequenz des Schrittmachers entspricht – häufig zwischen 110 und 130/min, kann aber je nach Programmierung auch höher sein.
Differenzialdiagnose: Abgrenzung gegen VT, SVT mit aberranter Leitung und Vorhofflattern mit 1:1-Überleitung. Der entscheidende Hinweis ist die regelmäßige Frequenz exakt an der oberen Trackinggrenze und das Vorhandensein von ventrikulären Pacing-Spikes.
Weitere tachykarde Fehlfunktionen
- Runaway Pacemaker: Extrem seltene, aber lebensbedrohliche Fehlfunktion, bei der der Schrittmacher mit unkontrolliert hoher Frequenz (teilweise über 200/min) stimuliert. Ursache ist ein Komponentenversagen. Dies ist ein absoluter Notfall.
- Sensor-getriebene Tachykardie: Frequenzadaptive Schrittmacher (VVIR, DDDR) können durch Vibration, Fieber oder andere unspezifische Reize eine inadäquat hohe Stimulationsfrequenz generieren.
Die Magnetauflage: Dein wichtigstes Notfalltool
Das Auflegen eines Magneten auf das Schrittmacher-Aggregat ist die einzige Möglichkeit, das Device-Verhalten im Notfall ohne Programmiergerät zu beeinflussen. Die Reaktion unterscheidet sich grundlegend zwischen Schrittmachern und ICDs:
Magnet auf Schrittmacher
Der Schrittmacher wechselt in den asynchronen Modus (VOO, DOO oder AOO je nach Grundprogrammierung). Das bedeutet:
- Sensing wird deaktiviert – der Schrittmacher stimuliert mit fester Frequenz, unabhängig vom Eigenrhythmus
- Die Frequenz ist herstellerabhängig, typischerweise um 65–85/min
- Bei Batterieerschöpfung ist die Magnetfrequenz häufig reduziert (z. B. unter 65/min) – dies ist ein diagnostischer Hinweis
Wann Magnetauflage beim Schrittmacher sinnvoll ist:
- Oversensing mit Inhibition: Der asynchrone Modus überbrückt das Problem, da keine Sensing-Funktion mehr aktiv ist
- PMT-Termination: Der Wechsel in den asynchronen Modus unterbricht die Reentry-Schleife
- Diagnostik: Überprüfung der Capture-Fähigkeit und der Batteriekapazität
Vorsicht: Bei Undersensing verschlechtert die Magnetauflage die Situation nicht wesentlich (der Schrittmacher stimuliert ja ohnehin schon asynchron), aber bei Patient:innen mit relevantem Eigenrhythmus besteht im asynchronen Modus das Risiko kompetitiver Stimulation.
Magnet auf ICD
Beim ICD hat der Magnet eine andere Wirkung: Er deaktiviert ausschließlich die Tachykardie-Therapie (Schockabgabe und antitachykardes Pacing). Die antibradykarde Schrittmacherfunktion bleibt unverändert.
Wichtigste Indikation: Inadäquate ICD-Schocks (z. B. bei Vorhofflimmern, das der ICD als Kammerflimmern fehlinterpretiert, oder bei Sondenbruch mit Artefakten). Der Magnet stoppt die wiederholten Schockabgaben sofort.
Achtung: Sobald du den Magneten entfernst, ist die Schockfunktion bei den meisten Geräten wieder aktiv. Es gibt einzelne Hersteller, bei denen die Schockfunktion dauerhaft deaktiviert bleibt, bis sie aktiv reprogrammiert wird – im Notfall ist daher die kontinuierliche Magnetauflage bis zum Eintreffen des Elektrophysiologen oder zur Verfügbarkeit eines Programmiergeräts die sichere Strategie.
Notfallmanagement: Systematisches Vorgehen
Akute Bradykardie bei schrittmacherabhängigen Patient:innen
Wenn eine schrittmacherabhängige Patient:in bradykard oder asystol ist, folge diesem Algorithmus:
- ABC sichern – bei Bewusstlosigkeit CPR nach ACLS-Algorithmus beginnen
- Magnetauflage auf das Aggregat – erzwingt asynchrone Stimulation
- Atropin 0,5–1 mg IV – Wirksamkeit bei Schrittmacher-Versagen begrenzt, da oft kein funktionierender Eigenrhythmus vorhanden
- Transkutanes Pacing (TCP) sofort anlegen und starten:
- Elektroden anterior-posterior positionieren
- Mindestens 10 cm Abstand zum Aggregat einhalten
- Frequenz 60–80/min, Stromstärke schrittweise erhöhen bis zur Capture (typisch 40–120 mA)
- Adrenalin-Perfusor (2–10 µg/min) oder Isoprenalin (1–4 µg/min) als Bridging, wenn TCP nicht sofort verfügbar
- Reversible Ursachen identifizieren: Elektrolyte (K⁺, Ca²⁺, Mg²⁺), Medikamente (Antiarrhythmika?), Thoraxröntgen (Sondenlage?)
Tachykarde Schrittmacher-Fehlfunktion
- Hämodynamisch instabil? → Elektrische Kardioversion nach ACLS-Standard, dabei Paddles/Pads mindestens 10 cm vom Aggregat entfernt und möglichst anterior-posterior
- PMT vermutet? → Magnetauflage terminiert die Tachykardie meist sofort
- Inadäquate ICD-Schocks? → Magnetauflage auf den ICD, Schockfunktion deaktivieren
- Runaway Pacemaker? → Magnetauflage (kann helfen, Frequenz auf Magnetfrequenz zu senken), ansonsten Notfall-Reprogrammierung oder im Extremfall operative Aggregat-Diskonnektion
Besonderheiten bei der Reanimation
Die Reanimation von Schrittmacher- und ICD-Träger:innen folgt den Standard-ACLS-Algorithmen mit folgenden Anpassungen:
- CPR nicht verzögern – Thoraxkompressionen sind sicher, auch bei implantiertem Device
- Defibrillation: Pads anterior-posterior kleben, Mindestabstand 10 cm zum Aggregat. Falls der Schrittmacher nach Defibrillation nicht mehr funktioniert: TCP als Backup
- ICD-Träger:innen: Der ICD kann während der Reanimation Schocks abgeben, die für Helfende spürbar, aber nicht gefährlich sind. Trage dennoch Handschuhe. Wenn der ICD inadäquat und wiederholt schockt: Magnet auflegen
- Nach erfolgreicher Reanimation: Jedes implantierte Device muss zeitnah durch den Hersteller-Service oder die Elektrophysiologie ausgelesen und überprüft werden – Defibrillationsenergie kann die Programmierung verändern oder die Sonde beschädigen
Diagnostische Checkliste im Notfall
Bei jeder Patient:in mit Schrittmacher oder ICD und kardialer Symptomatik solltest du systematisch vorgehen:
- 12-Kanal-EKG: Pacing-Spikes vorhanden? Jeder Spike mit Capture? Verhältnis Spikes zu Eigenrhythmus?
- Schrittmacher-Ausweis: Hersteller, Modell, Implantationsdatum, programmierter Modus, Grundfrequenz
- Thoraxröntgen: Sondenlage (Dislokation? Bruch?), Aggregatposition
- Labor: Kalium, Natrium, Calcium, Magnesium, Kreatinin, Troponin, Schilddrüsenwerte
- Medikamentenanamnese: Antiarrhythmika, Betablocker, Kalziumantagonisten?
- Magnettest: Asynchrone Stimulation vorhanden? Frequenz als Indikator der Batterieleistung?
Zusammenfassung der Kernpunkte
| Fehlfunktion | EKG-Zeichen | Akutmaßnahme |
|---|---|---|
| Failure to Pace | Fehlende Spikes, Pausen | Magnet, TCP, Adrenalin |
| Failure to Capture | Spikes ohne QRS | Elektrolyte korrigieren, TCP |
| Undersensing | Kompetitive Stimulation | Reprogrammierung, Elektrolyte |
| Oversensing | Inadäquate Pausen/Inhibition | Magnet (asynchroner Modus) |
| PMT | Regelmäßige Breitkomplex-Tachy an oberer Tracking-Frequenz | Magnet, Reprogrammierung |
| Inadäquate ICD-Schocks | Schockabgaben ohne VT/VF | Magnet auf ICD |
Praktisches Training
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