Notarzt-Refresher §40: Voraussetzungen und Ablauf in Österreich
Viele Notärzt:innen in Österreich suchen nach konkreten Informationen zur Fortbildungspflicht nach §40 Ärztegesetz. Der Artikel erklärt Fristen, Stundenumfang, anrechenbare Kursformate und wie AHA-zertifizierte Kurse als §40-Refresher gelten.

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA
Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol
Lesezeit ca. 8 Min.

Die Notarztberechtigung in Österreich ist an eine gesetzlich verankerte Fortbildungspflicht geknüpft. Wer als Notärztin oder Notarzt tätig sein möchte, muss nicht nur die Basisausbildung absolvieren, sondern in regelmäßigen Abständen nachweisen, dass das Wissen und die praktischen Fertigkeiten auf dem Stand der aktuellen Evidenz sind. Die rechtliche Grundlage dafür bildet §40 des österreichischen Ärztegesetzes (ÄrzteG), der die Fortbildungsverpflichtung für alle Ärzt:innen regelt – mit besonderer Relevanz für die Notfallmedizin.
In der Praxis herrscht oft Unsicherheit: Welche Fristen gelten genau? Wie viele Stunden muss ich nachweisen? Welche Kursformate werden angerechnet? Und vor allem: Wie kombiniere ich die Fortbildungspflicht sinnvoll mit tatsächlichem Kompetenzerhalt? Dieser Artikel bringt Klarheit über die Rahmenbedingungen und zeigt dir, wie du die gesetzlichen Anforderungen nicht nur erfüllst, sondern als echten Mehrwert für deine klinische Praxis nutzt.
Gesetzliche Grundlage: §40 Ärztegesetz
Das österreichische Ärztegesetz verpflichtet in §40 alle Ärzt:innen zur regelmäßigen Fortbildung. Diese Bestimmung ist kein bloßes Lippenbekenntnis, sondern hat konkrete Konsequenzen: Die Ärztekammer überwacht die Einhaltung, und ein Verstoß kann berufsrechtliche Folgen nach sich ziehen.
Für Notärzt:innen ergibt sich aus der Kombination von §40 ÄrzteG und den Bestimmungen der jeweiligen Landesrettungsgesetze eine besondere Situation. Die Notarztberechtigung ist an den Nachweis regelmäßiger notfallmedizinischer Fortbildung gebunden. Ohne diesen Nachweis kann die Berechtigung zur Ausübung des Notarztdienstes erlöschen – unabhängig davon, wie viel praktische Erfahrung du mitbringst.
Das DFP-System der Ärztekammer
Die Fortbildungspflicht wird über das Diplomfortbildungsprogramm (DFP) der Österreichischen Ärztekammer organisiert. Die wesentlichen Eckpunkte:
- Fortbildungszyklus: Innerhalb eines definierten Zeitraums müssen DFP-Punkte gesammelt werden.
- Punkteumfang: Pro Fortbildungsperiode sind insgesamt 250 DFP-Punkte nachzuweisen, davon mindestens 150 aus medizinisch-fachlichen Fortbildungen.
- Nachweis: Die Dokumentation erfolgt über das DFP-Konto bei der Ärztekammer (meindfp.at).
- Sanktionen: Bei Nichterfüllung drohen Eintragungen im Ärzteliste-Verzeichnis und im Extremfall berufsrechtliche Konsequenzen.
Für den Notarztdienst reicht es allerdings nicht, lediglich die allgemeinen DFP-Anforderungen zu erfüllen. Die spezifisch notfallmedizinische Fortbildung muss gesondert nachgewiesen werden.
Notarzt-Refresher: Spezifische Anforderungen
Die Notarztausbildung in Österreich basiert auf dem Notarzt-Lehrgang gemäß den Richtlinien der Österreichischen Ärztekammer. Nach Abschluss des Lehrgangs und Erhalt des Notarztdiploms beginnt die Fortbildungsuhr zu ticken.
Stundenumfang und Inhalte
Der Notarzt-Refresher muss bestimmte Kernkompetenzen abdecken. Die geforderten Inhalte orientieren sich an den wesentlichen Säulen der prähospitalen Notfallmedizin:
- Advanced Cardiac Life Support (ACLS): Algorithmen zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen, Reanimation beim Erwachsenen, Post-Reanimationsbehandlung
- Atemwegsmanagement: Von der Basisöffnung über supraglottische Atemwegshilfen bis zur endotrachealen Intubation und chirurgischen Atemwegssicherung
- Traumamanagement: Strukturierte Erstversorgung nach dem ABCDE-Schema, Schockbehandlung, Immobilisation
- Pädiatrische Notfälle: Besonderheiten der kindlichen Anatomie und Physiologie, Pediatric Advanced Life Support (PALS)
- Spezielle Notfallbilder: Akutes Koronarsyndrom, Schlaganfall, anaphylaktischer Schock, Intoxikationen
- Crew Resource Management (CRM): Kommunikation, Teamführung, Fehlermanagement
Die konkreten Stundenanforderungen variieren je nach Bundesland und den Vorgaben der jeweiligen Rettungsorganisation. In der Regel musst du innerhalb des Fortbildungszyklus einen strukturierten Refresher-Kurs mit einem Umfang von mindestens 16 Stunden absolvieren. Viele Organisationen fordern darüber hinaus jährliche Fortbildungsnachweise in reduziertem Umfang.
Fristen und Zyklen
Die Fortbildungsfristen für den Notarztdienst sind an mehrere Faktoren geknüpft:
- DFP-Zyklus: Der übergeordnete Fortbildungszyklus der Ärztekammer.
- Organisationsspezifische Vorgaben: Rotes Kreuz, Samariterbund, Bergrettung und andere Trägerorganisationen haben teils eigene Fortbildungsrichtlinien, die strenger sein können als die gesetzlichen Mindestanforderungen.
- Landesrettungsgesetze: Die neun Bundesländer regeln den Rettungsdienst unterschiedlich. Es empfiehlt sich dringend, die spezifischen Vorgaben deines Bundeslandes und deiner Einsatzorganisation zu kennen.
Ein häufiger Fehler in der Praxis: Notärzt:innen verlassen sich darauf, dass die allgemeine DFP-Fortbildung ausreicht, und versäumen die spezifisch notfallmedizinische Refresher-Pflicht. Die Konsequenz kann der Verlust der Einsatzberechtigung sein – selbst bei ansonsten tadellosem DFP-Konto.
Anrechenbare Kursformate
Nicht jede Fortbildung wird automatisch als Notarzt-Refresher anerkannt. Die Anrechenbarkeit hängt vom Format, vom Inhalt und von der Zertifizierung des Kurses ab.
AHA-zertifizierte Kurse
Kurse der American Heart Association (AHA) genießen in der österreichischen Notfallmedizin einen besonderen Stellenwert. Die AHA ist die weltweit führende Organisation für Leitlinien zur kardiovaskulären Notfallversorgung, und ihre Kursformate gelten als Goldstandard der notfallmedizinischen Ausbildung.
Folgende AHA-Kurse sind für den Notarzt-Refresher besonders relevant:
- ACLS (Advanced Cardiovascular Life Support): Der Kernkurs für die erweiterte kardiovaskuläre Notfallversorgung. Deckt Rhythmuserkennung, Reanimationsalgorithmen, Pharmakotherapie und Post-Reanimationsbehandlung ab. Umfang typischerweise 14–16 Stunden.
- PALS (Pediatric Advanced Life Support): Der pädiatrische Gegenentwurf zum ACLS. Unverzichtbar für die Versorgung kritisch kranker Kinder. Umfang typischerweise 14–16 Stunden.
- BLS (Basic Life Support): Basisreanimation und Defibrillation. Wird häufig als Voraussetzung für ACLS und PALS gefordert.
- ACLS EP (Experienced Provider): Vertiefungskurs für erfahrene Anwender:innen mit komplexen Fallszenarien.
Der entscheidende Vorteil AHA-zertifizierter Kurse: Sie sind international standardisiert, evidenzbasiert und werden regelmäßig an die neuesten Leitlinien angepasst. Die AHA-Providerkarte dient als international anerkannter Kompetenznachweis.
Weitere anrechenbare Formate
Neben AHA-Kursen können auch folgende Formate für den Notarzt-Refresher angerechnet werden:
- ERC-Kurse (European Resuscitation Council): ALS, EPALS und ähnliche Formate des europäischen Pendants zur AHA.
- PHTLS/ITLS: Prähospitale Traumaversorgungskurse.
- Simulationstrainings: Hochfidelity-Simulationen mit strukturiertem Debriefing, sofern sie von anerkannten Anbietern durchgeführt werden.
- Notfallmedizinische Kongresse und Symposien: In begrenztem Umfang, meist nur für den theoretischen Anteil.
- Organisationsinterne Fortbildungen: Von der jeweiligen Trägerorganisation anerkannte Schulungen.
Beachte: Der Trend in der notfallmedizinischen Fortbildung geht klar in Richtung praxisorientierter Formate mit hohem Hands-on-Anteil. Reine Vortragsveranstaltungen werden zunehmend kritisch gesehen und in vielen Organisationen nur noch eingeschränkt anerkannt.
Qualitätsmerkmale eines guten Refresher-Kurses
Die gesetzliche Fortbildungspflicht ist das eine – der tatsächliche Kompetenzerhalt das andere. Ein Refresher sollte mehr sein als ein Abhaken von Pflichtveranstaltungen. Folgende Merkmale zeichnen einen hochwertigen Notarzt-Refresher aus:
Evidenzbasierte Inhalte
Der Kurs sollte sich an den aktuellen Leitlinien orientieren. Die AHA-Leitlinien bilden gemeinsam mit den ERC-Guidelines und dem ILCOR-Konsensus die wissenschaftliche Basis der modernen Reanimationsmedizin. Konkrete Algorithmen, Dosierungen und Entscheidungsbäume sollten vermittelt und trainiert werden – nicht bloß theoretisch besprochen, sondern praktisch durchgespielt.
Beispiele für Kernalgorithmen, die in einem ACLS-Refresher beherrscht werden müssen:
- Pulslose ventrikuläre Tachykardie/Kammerflimmern: Defibrillation, Adrenalin 1 mg IV alle 3–5 Minuten, Amiodaron 300 mg IV als Erstdosis, ggf. weitere 150 mg
- Pulslose elektrische Aktivität/Asystolie: Adrenalin 1 mg IV alle 3–5 Minuten, reversible Ursachen identifizieren (4 H's und HITS)
- Instabile Tachykardie: Synchronisierte Kardioversion
- Stabile Breitkomplextachykardie: Amiodaron 150 mg IV über 10 Minuten
- Symptomatische Bradykardie: Atropin 1 mg IV, ggf. Wiederholung bis max. 3 mg, bei Versagen transkutanes Pacing
Hoher Praxisanteil
Die Evidenz ist eindeutig: Praktische Fertigkeiten degradieren ohne regelmäßiges Training. Eine Studie nach der anderen zeigt, dass selbst erfahrene Notfallmediziner:innen nach wenigen Monaten ohne Übung in der Qualität der Reanimation nachlassen. Ein guter Refresher hat daher einen Praxisanteil von mindestens 50 %, idealerweise mehr.
Relevante praktische Stationen umfassen:
- Megacode-Training: Reanimationsszenarien in Echtzeit mit vollständigem Teammanagement
- Atemwegsmanagement am Phantom: Intubation, Videolaryngoskopie, chirurgischer Atemweg
- Rhythmuserkennung: Praktische Übung am Monitor/Defibrillator
- Szenarientraining: Realitätsnahe Fallsimulationen mit wechselnden Rollen
- Debriefing: Strukturierte Nachbesprechung zur Reflexion und Verhaltensänderung
Kleine Gruppengrößen
Ein Kurs mit 30 Teilnehmer:innen pro Instruktor:in ist didaktisch problematisch. Die AHA gibt für ihre Kurse ein maximales Instruktor:innen-Teilnehmer:innen-Verhältnis von 1:6 vor. Das ermöglicht individuelles Feedback und stellt sicher, dass alle Teilnehmer:innen ausreichend Hands-on-Zeit erhalten.
Strukturiertes Debriefing
Moderne simulationsbasierte Ausbildung steht und fällt mit dem Debriefing. Nicht die Simulation selbst ist der primäre Lernmoment, sondern die anschließende geleitete Reflexion. Ein guter Refresher-Kurs integriert Debriefing als festen Bestandteil nach jeder praktischen Übungseinheit.
Häufige Fragen und Fallstricke
„Ich bin seit Jahren im Notarztdienst – brauche ich wirklich einen Refresher?"
Ja. Die Fortbildungspflicht gilt unabhängig von der Berufserfahrung. Tatsächlich zeigt die Evidenz, dass gerade erfahrene Kolleg:innen manchmal an veralteten Algorithmen festhalten. Ein strukturierter Refresher bringt alle auf den aktuellen Stand und gleicht den unvermeidlichen Kompetenzverfall bei selten durchgeführten Maßnahmen aus.
„Kann ich den Refresher online absolvieren?"
Teilweise. Viele AHA-Kursformate bieten eine Blended-Learning-Variante an, bei der der theoretische Anteil online absolviert wird und die praktische Prüfung in Präsenz stattfindet. Rein virtuelle Kurse ohne praktischen Anteil werden in der Regel nicht als vollwertiger Notarzt-Refresher anerkannt – und das aus gutem Grund: Thoraxkompressionen, Intubation und Teamführung lassen sich nicht am Bildschirm trainieren.
„Zählt mein ACLS-Kurs automatisch als §40-Refresher?"
Ein AHA ACLS-Providerkurs deckt wesentliche Inhalte des Notarzt-Refreshers ab und wird von den meisten Organisationen und Ärztekammern anerkannt. Dennoch solltest du vorab mit deiner Einsatzorganisation und deiner Landesärztekammer klären, ob der Kurs die spezifischen Anforderungen deines Bundeslandes vollständig erfüllt. In manchen Bundesländern werden zusätzliche Inhalte (z. B. Traumamanagement, Geburtsnotfälle) gefordert, die über den ACLS-Kurs hinausgehen.
„Was passiert, wenn ich die Frist versäume?"
Ein Versäumnis der Fortbildungspflicht kann zum Ruhen der Notarztberechtigung führen. Das bedeutet: Du darfst keinen Notarztdienst mehr versehen, bis die Fortbildung nachgeholt ist. Je nach Organisation und Bundesland kann zusätzlich eine erneute Prüfung oder ein erweiterter Refresher erforderlich sein. Die bürokratischen Hürden, eine ruhende Berechtigung zu reaktivieren, sind erheblich höher als die rechtzeitige Absolvierung des Refreshers.
„Ich habe meine Notarztausbildung in einem anderen EU-Land absolviert."
Im Rahmen der EU-Berufsanerkennungsrichtlinie können ausländische Qualifikationen grundsätzlich anerkannt werden. Die Fortbildungspflicht nach §40 ÄrzteG gilt jedoch für alle in Österreich tätigen Ärzt:innen gleichermaßen. Eine individuelle Abklärung mit der zuständigen Ärztekammer ist in jedem Fall erforderlich.
Strategische Fortbildungsplanung
Eine durchdachte Fortbildungsplanung spart dir Stress und stellt sicher, dass du nie in Zeitnot gerätst. Folgende Strategie hat sich bewährt:
- Fristen kennen: Trag dir die Deadlines deines DFP-Zyklus und die organisationsspezifischen Refresher-Fristen in den Kalender ein – mit Erinnerung mindestens sechs Monate vorher.
- Kernkurse priorisieren: ACLS und PALS als Basis, ergänzt durch Trauma- und Simulationskurse.
- Kombieffekt nutzen: Ein AHA-ACLS-Kurs bringt dir DFP-Punkte, den Notarzt-Refresher-Nachweis und eine international anerkannte Providerkarte – dreifacher Nutzen in einem Kurs.
- Regelmäßig statt geballt: Statt alle Fortbildungsstunden kurz vor Fristablauf zu absolvieren, verteile sie über den gesamten Zyklus. Das ist didaktisch sinnvoller und organisatorisch entspannter.
- Dokumentation: Halte alle Zertifikate, Teilnahmebestätigungen und Providerkarten gesammelt bereit. Das DFP-Konto bei meindfp.at ist dein zentrales Dokumentationstool.
Praktisches Training
Die Theorie hinter §40 und den Fortbildungsanforderungen ist das eine – die praktische Umsetzung das andere. Wenn du deinen Notarzt-Refresher mit einem AHA-zertifizierten Kurs verbinden möchtest, der höchste didaktische Qualität mit den Anforderungen der österreichischen Fortbildungspflicht vereint, wirf einen Blick auf den Notarzt-Refresher von Simulation Tirol. In kleinen Gruppen, mit erfahrenen Instruktor:innen und einem hohen Praxisanteil trainierst du dort die Algorithmen und Fertigkeiten, die im Notarztdienst den Unterschied machen – evidenzbasiert, strukturiert und mit dem Ziel, dass du dich bei deinem nächsten Einsatz sicherer fühlst als vorher.
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