Notfallmedizin

Akute Hypoglykämie: Notfalltherapie bei Erwachsenen und Kindern

Grenzwerte, Symptomerkennung, orale Glukosegabe vs. i.v.-Dextrose vs. Glukagon – mit separaten Dosierungen für Erwachsene und pädiatrische Patienten. Ein häufiges Notfallbild systematisch aufbereitet.

Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol

Lesezeit ca. 7 Min.

Die akute Hypoglykämie zählt zu den häufigsten metabolischen Notfällen in der prähospitalen und innerklinischen Notfallmedizin. Sie kann innerhalb von Minuten zu irreversiblen neurologischen Schäden führen, ist aber – bei rascher Erkennung und konsequenter Therapie – nahezu immer vollständig reversibel. Gerade deshalb gehört das strukturierte Management der Hypoglykämie zum Kernrepertoire jeder Notärztin und jedes Notarztes. Dieser Artikel fasst die relevanten Grenzwerte, die klinische Symptomerkennung sowie die differenzierte Therapie bei Erwachsenen und pädiatrischen Patienten systematisch zusammen.

Definition und Grenzwerte

Die Hypoglykämie wird nicht durch einen einzelnen starren Laborwert definiert, sondern klinisch über die Whipple-Trias erfasst:

  1. Symptome, die mit einer Hypoglykämie vereinbar sind
  2. Nachweis einer niedrigen Plasmaglukosekonzentration
  3. Besserung der Symptome nach Glukosegabe

Numerische Grenzwerte

Kategorie Grenzwert (venöse Plasmaglukose) Klinische Bedeutung
Normoglykämie 70–100 mg/dL (3,9–5,6 mmol/L) Zielbereich
Level-1-Hypoglykämie < 70 mg/dL (< 3,9 mmol/L) Alarmwert, Therapiebeginn
Level-2-Hypoglykämie < 54 mg/dL (< 3,0 mmol/L) Klinisch signifikant, dringend behandlungsbedürftig
Level-3-Hypoglykämie Schwere kognitive Einschränkung Fremdhilfe erforderlich, unabhängig vom Absolutwert

Für den Notfallkontext gilt: Jeder Patient mit Bewusstseinsstörung und einem BZ < 60 mg/dL wird als hypoglykäm behandelt. Bei Neugeborenen und Säuglingen gelten teils niedrigere Interventionsgrenzen (s. pädiatrischer Abschnitt).

Kapilläre vs. venöse Messung

Kapilläre Point-of-Care-Messungen (Blutzucker-Sticks) sind im Notfall der Standard für die Erstbeurteilung, weisen jedoch Limitationen auf:

  • Abweichungen von bis zu ±15 % gegenüber Laborwerten
  • Falsch niedrige Werte bei Schock, Zentralisation und Hypothermie
  • Falsch hohe Werte bei Polyglobulie

Im Zweifel gilt: Treat first, confirm later. Eine empirische Glukosegabe bei klinischem Verdacht ist stets gerechtfertigt und schadet weit weniger als eine unbehandelte schwere Hypoglykämie.

Pathophysiologie im Schnelldurchlauf

Das Gehirn ist nahezu vollständig auf Glukose als Energiesubstrat angewiesen und verfügt über keine relevanten Glykogenreserven. Bei einem Absinken der Plasmaglukose laufen physiologische Gegenregulationsmechanismen in einer typischen Kaskade ab:

  1. ~80–85 mg/dL: Suppression der endogenen Insulinsekretion
  2. ~65–70 mg/dL: Freisetzung von Glukagon und Adrenalin (adrenerge/autonome Symptome)
  3. ~50–55 mg/dL: Neuroglukopenische Symptome (kognitive Einschränkung)
  4. < 40 mg/dL: Bewusstseinsverlust, Krampfanfälle
  5. Prolongierte schwere Hypoglykämie: Irreversible neuronale Schädigung

Bei Patienten mit rezidivierenden Hypoglykämien (v. a. Typ-1-Diabetes) ist die Gegenregulationsschwelle häufig nach unten verschoben – die sogenannte Hypoglycemia Unawareness. Diese Patienten entwickeln neuroglukopenische Symptome ohne vorangehende autonome Warnzeichen, was die Diagnostik erheblich erschwert.

Symptomerkennung: Autonome vs. neuroglukopenische Zeichen

Die klinische Präsentation der Hypoglykämie lässt sich in zwei Symptomkomplexe unterteilen, die eine systematische Erkennung erleichtern:

Autonome (adrenerge/cholinerge) Symptome

  • Tachykardie, Palpitationen
  • Tremor, Händezittern
  • Schwitzen (oft profus)
  • Blässe
  • Übelkeit, Heißhunger
  • Angst, Unruhe

Neuroglukopenische Symptome

  • Konzentrationsstörungen, Verwirrtheit
  • Sprach- und Sehstörungen
  • Koordinationsstörungen, Ataxie
  • Verhaltensauffälligkeiten (Aggressivität, inadäquates Verhalten)
  • Fokale neurologische Defizite (Hemiparese – cave: Stroke Mimic!)
  • Krampfanfälle
  • Bewusstlosigkeit bis zum Koma

Differenzialdiagnostische Fallstricke

Die Hypoglykämie ist ein Chamäleon der Notfallmedizin. Folgende Differenzialdiagnosen müssen bedacht werden:

  • Schlaganfall: Fokale Neurologie bei Hypoglykämie ist häufig und kann einen Apoplex perfekt imitieren. Daher gilt: BZ-Messung vor CCT – bzw. immer im Rahmen der Erstbeurteilung.
  • Epileptischer Anfall: Hypoglykämie als Krampfursache muss ausgeschlossen werden.
  • Alkoholintoxikation: Überlagert häufig eine begleitende Hypoglykämie.
  • Psychiatrische Notfälle: Agitation und Verwirrtheit werden initial oft fehleingeordnet.

Die BZ-Messung gehört bei jeder unklaren Bewusstseinsstörung zur Basisdiagnostik – das kann nicht oft genug betont werden.

Ursachen im Notfallkontext

Die häufigsten Auslöser einer akuten Hypoglykämie, denen du im Notarztdienst begegnest:

  • Insulinüberdosierung (versehentlich oder suizidal)
  • Sulfonylharnstoff-Überdosierung (cave: prolongierte Hypoglykämien über Stunden bis Tage)
  • Unzureichende Nahrungsaufnahme bei bestehender antidiabetischer Therapie
  • Alkoholexzess (Hemmung der hepatischen Glukoneogenese)
  • Sepsis (erhöhter Glukoseverbrauch)
  • Leberversagen (gestörte Glykogenolyse und Glukoneogenese)
  • Nebenniereninsuffizienz (Addison-Krise)
  • Insulinom (selten, aber an persistierende Hypoglykämien denken)

Bei pädiatrischen Patienten kommen zusätzlich angeborene Stoffwechselerkrankungen, ketotische Hypoglykämien und Nahrungskarenz bei interkurrenten Infekten als häufige Ursachen hinzu.

Therapie bei Erwachsenen

Die Therapie richtet sich nach dem Bewusstseinsgrad und dem verfügbaren Zugangsweg. Das folgende Stufenkonzept hat sich bewährt:

Stufe 1: Wacher, kooperativer Patient (orale Glukosegabe)

  • 15–20 g schnell resorbierbare Kohlenhydrate oral:
    • 200 mL Fruchtsaft oder zuckerhaltige Limonade
    • 4–5 Traubenzucker-Plättchen
    • 1 Tube Glukose-Gel (z. B. Dextro Energy Liquid)
  • BZ-Kontrolle nach 15 Minuten
  • Bei BZ weiterhin < 70 mg/dL: Wiederholung der oralen Gabe
  • Nach Stabilisierung: komplexe Kohlenhydrate (Brot, Kekse) als Nachlauf, um ein Rezidiv zu vermeiden

Stufe 2: Bewusstseinsgestörter Patient mit i.v.-Zugang

  • Glukose 40 % (G40): 0,5 g/kg KG i.v. – bei einem 70-kg-Erwachsenen entspricht das ca. 75–100 mL G40 (= 30–40 g Glukose)
  • Praxistipp: Initial 40–60 mL G40 als Bolus, dann BZ-Kontrolle nach 5 Minuten und ggf. Nachdosierung
  • Cave Venenreizung: G40 ist stark hyperosmolar. Applikation idealerweise über einen großlumigen periphervenösen Zugang. Bei paravasaler Injektion besteht Nekrosegefahr.
  • Alternative: Glukose 10 % oder 20 % über größere Volumina – venenverträglicher, aber langsamerer Anstieg
  • Nach Stabilisierung: Infusion von Glukose 10 % (G10) als Erhaltungstherapie erwägen, insbesondere bei Sulfonylharnstoff-induzierter Hypoglykämie

Stufe 3: Bewusstseinsgestörter Patient ohne i.v.-Zugang

  • Glukagon 1 mg i.m. oder s.c. (bei Erwachsenen > 25 kg KG)
  • Alternativ: Glukagon-Nasalspray 3 mg intranasal (sofern verfügbar)
  • Wirkungseintritt: 10–15 Minuten (deutlich langsamer als i.v.-Glukose)
  • Limitationen: Glukagon ist bei erschöpften Glykogenspeichern unwirksam – also bei:
    • Chronischer Lebererkrankung
    • Alkoholinduzierter Hypoglykämie
    • Prolongiertem Fasten
    • Nebenniereninsuffizienz
  • Nach Wirkungseintritt: Orale Kohlenhydratzufuhr, sobald Schutzreflexe vorhanden

Wichtige Zusatzmaßnahmen

  • Engmaschiges BZ-Monitoring (alle 15–30 Minuten) über mindestens 2 Stunden
  • Sulfonylharnstoff-Hypoglykämie: Zwingend stationäre Überwachung über 24–72 Stunden – Rezidive sind die Regel, nicht die Ausnahme
  • Thiamin 100 mg i.v. vor oder gleichzeitig mit Glukosegabe bei Verdacht auf chronischen Alkoholabusus oder Malnutrition (Prävention der Wernicke-Enzephalopathie)
  • Suizidale Insulinüberdosierung: Langzeit-Monitoring, ggf. Glukoseinfusion über Stunden, Depot-Insulin-Effekte bedenken

Therapie bei pädiatrischen Patienten

Die Hypoglykämie bei Kindern folgt denselben pathophysiologischen Prinzipien, erfordert aber gewichtsadaptierte Dosierungen und altersgerechte Vorgehensweisen.

Grenzwerte bei Kindern und Neugeborenen

  • Kinder > 48 Stunden Lebensalter: < 60 mg/dL (< 3,3 mmol/L) ist behandlungsbedürftig
  • Neugeborene in den ersten 48 Lebensstunden: < 45 mg/dL (< 2,5 mmol/L) erfordert Intervention
  • Symptomatische Neugeborene: Jede Hypoglykämie mit klinischen Zeichen ist sofort therapiepflichtig

Symptombesonderheiten bei Kindern

Bei Säuglingen und Kleinkindern fehlen häufig die typischen autonomen Warnzeichen. Stattdessen achte auf:

  • Trinkschwäche, Lethargie
  • Zittrigkeit, Irritabilität
  • Blasses, marmoriertes Hautkolorit
  • Apnoen (bei Neugeborenen)
  • Krampfanfälle
  • Hypothermie

Stufentherapie pädiatrisch

Waches Kind mit Schluckreflex:

  • Orale Glukosegabe: 0,3 g/kg KG als Traubenzucker, Saft oder Glukose-Gel
  • BZ-Kontrolle nach 15 Minuten
  • Ältere Kinder: Prinzip analog zum Erwachsenen (15 g schnell resorbierbare KH)

Bewusstseinsgestörtes Kind mit i.v.-Zugang:

Altersgruppe Lösung Dosis
Neugeborene Glukose 10 % (G10) 2 mL/kg i.v. als Bolus (= 0,2 g/kg)
Säuglinge/Kleinkinder Glukose 10 % (G10) 2–5 mL/kg i.v. (= 0,2–0,5 g/kg)
Kinder > 2 Jahre Glukose 20 % (G20) 2–5 mL/kg i.v. (= 0,5–1,0 g/kg)
Jugendliche Glukose 20–40 % Analog Erwachsenendosis, max. 25 g initial
  • Grundregel: 0,5 g/kg KG Glukose i.v. als initialer Bolus
  • Niemals G40 oder G50 bei Neugeborenen und Säuglingen! Die hyperosmolare Lösung kann zu Hirnödem, Venenreizung und Hyperglykämie führen. Maximale Konzentration bei Neugeborenen: G10, bei Säuglingen/Kleinkindern: G10–G20.
  • Applikation: langsam über 2–5 Minuten
  • Im Anschluss: Glukose-Dauerinfusion mit G10, Ziel-BZ > 60 mg/dL

Bewusstseinsgestörtes Kind ohne i.v.-Zugang:

  • Glukagon i.m.:
    • < 25 kg KG (oder < 6 Jahre): 0,5 mg
    • ≥ 25 kg KG (oder ≥ 6 Jahre): 1,0 mg
  • Glukagon-Nasalspray (3 mg) ist für Kinder ab einem Körpergewicht von 4 kg zugelassen
  • Intraossärer Zugang (i.o.): Wenn Glukagon nicht verfügbar oder unwirksam ist, hat die i.o.-Gabe von G10 im Notfall Priorität vor weiteren i.m.-Versuchen
  • Alternativ bei erhaltenem Schluckreflex: Glukose-Gel buccal applizieren (in die Wangentasche einmassieren)

Algorithmus: Strukturiertes Vorgehen im Überblick

  1. Erkennen: Bewusstseinsstörung → BZ-Messung (kapillär)
  2. Bestätigen: BZ < 60 mg/dL oder klinisch passend
  3. Sichern: Atemwege sichern, stabile Seitenlage bei Bewusstlosigkeit
  4. Therapieren:
    • Wach → orale Glukose
    • Bewusstlos + i.v.-Zugang → Glukose i.v. (G40 bei Erwachsenen, G10–G20 bei Kindern)
    • Bewusstlos + kein Zugang → Glukagon i.m./intranasal
  5. Kontrollieren: BZ nach 5 Minuten (i.v.) bzw. 15 Minuten (oral/i.m.)
  6. Rezidivprophylaxe: Komplexe KH oral oder Glukose-Dauerinfusion
  7. Ursache klären: Medikamentenanamnese, Suizidabklärung, Sepsis-Screening
  8. Disposition: Ambulante Entlassung nur bei klarer, singulärer Ursache und normalisiertem BZ über mindestens 2 Stunden. Sulfonylharnstoff- und Insulinüberdosierungen immer stationär.

Besondere Situationen

Refractory Hypoglycemia

Wenn der BZ trotz wiederholter Glukosegaben nicht steigt oder rasch wieder abfällt:

  • An Insulinom, suizidale Insulinüberdosierung mit Depotpräparaten oder okkulte Sulfonylharnstoff-Einnahme denken
  • Kontinuierliche Glukoseinfusion (G10–G20 über Perfusor)
  • Octreotid 50 µg s.c. alle 6–8 Stunden bei Sulfonylharnstoff-Vergiftung (hemmt die endogene Insulinfreisetzung)
  • Diazoxid in Rücksprache mit Endokrinologie/Toxikologie

Hypoglykämie und Reanimation

Bei Reanimationssituationen gehört die Hypoglykämie zu den reversiblen Ursachen (H's und T's). Eine BZ-Messung sollte frühzeitig erfolgen. Bei nachgewiesener Hypoglykämie unter CPR: Glukose i.v. oder i.o. applizieren, ohne die Thoraxkompressionen zu unterbrechen.

Hypoglykämie bei nicht-diabetischen Patienten

Eine Hypoglykämie bei Patienten ohne Diabetes ist stets ein Warnsignal für eine potenziell schwerwiegende Grunderkrankung und erfordert eine weiterführende Abklärung:

  • Leberversagen
  • Sepsis
  • Nebenniereninsuffizienz
  • Insulinom
  • Nicht-Inselzell-Tumoren
  • Medikamenteninteraktionen (z. B. Betablocker, Chinolone)

Dokumentation und Übergabe

Eine strukturierte Übergabe nach dem Schema SBAR oder ISOBAR sollte folgende Punkte umfassen:

  • Gemessener BZ-Wert bei Eintreffen und nach Therapie
  • Verabreichte Glukosemenge und -konzentration sowie Applikationsweg
  • Zeitverlauf bis zur klinischen Besserung
  • Vermutete Ursache der Hypoglykämie
  • Antidiabetische Dauermedikation (insbesondere Insulintyp und letzte Applikationszeit)
  • Empfehlung zur Überwachungsdauer

Praktisches Training

Die Hypoglykämie ist ein Notfallbild, das in der Theorie einfach erscheint – in der Praxis aber durch atypische Präsentationen, pädiatrische Dosierungsberechnungen unter Stress und die Abgrenzung von Differenzialdiagnosen herausfordernd sein kann. Im Notarzt-Refresher-Kurs von Simulation Tirol trainierst du genau diese Szenarien in realistischen Simulationen: vom bewusstlosen Diabetiker im Stiegenhaus bis zur neonatalen Hypoglykämie. Die Kombination aus Fallbeispielen, Hands-on-Training und strukturiertem Debriefing festigt Entscheidungsalgorithmen, die im Ernstfall sitzen müssen. Nähere Informationen findest du unter simulationtirol.com.

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