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Mechanische Reanimationshilfen: LUCAS, AutoPulse im Einsatz

Wann sind mechanische CPR-Geräte indiziert? Evidenzlage, Kontraindikationen, korrekte Anlage und Situationen wie Transportreanimation oder Herzkatheterlabor.

Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol

Lesezeit ca. 8 Min.

Mechanische Reanimationshilfen haben sich in den vergangenen Jahren als fester Bestandteil vieler Rettungsdienst- und Kliniksysteme etabliert. Geräte wie der LUCAS (Lund University Cardiopulmonary Assist System) und der AutoPulse versprechen eine gleichmäßige, ermüdungsfreie Thoraxkompression – ein Vorteil, der gerade in Situationen zum Tragen kommt, in denen manuelle CPR an ihre Grenzen stößt. Dennoch zeigt die Evidenzlage, dass mechanische CPR-Geräte die manuelle Reanimation nicht grundsätzlich ersetzen, sondern unter definierten Bedingungen sinnvoll ergänzen. Dieser Artikel beleuchtet Funktionsweise, Indikationen, Kontraindikationen, die korrekte Anlage und die aktuelle Studienlage – mit besonderem Fokus auf Transportreanimation, Herzkatheterlabor und andere Spezialsituationen.

Funktionsprinzip: LUCAS vs. AutoPulse

LUCAS

Der LUCAS arbeitet mit einem kolbenbasierten Kompressionsmechanismus. Ein saugglockenartiger Stempel wird über dem unteren Sternumdrittel positioniert und komprimiert den Thorax in einer definierten Tiefe (ca. 53 mm bei Erwachsenen). Zwischen den Kompressionen sorgt die aktive Dekompression (Active Decompression) für eine vollständige Thoraxentlastung. Der LUCAS kann sowohl mit integriertem Akku als auch über externe Druckluftversorgung betrieben werden (je nach Generation). Die Kompressionsfrequenz liegt bei 102/min und ist fest vorprogrammiert.

Wichtige technische Merkmale:

  • Kompressionstiefe: ca. 53 mm (± 2 mm)
  • Frequenz: 102 Kompressionen/min
  • Aktive Dekompression durch Saugglocke
  • 30:2-Modus (mit Beatmungspausen) und Continuous-Modus verfügbar
  • Gewicht je nach Version ca. 7–8 kg

AutoPulse

Der AutoPulse verfolgt ein grundlegend anderes Konzept. Anstelle eines Kolbens verwendet er ein zirkuläres Lastverteilungsband (Load-Distributing Band, LDB), das den gesamten anterioren Thorax umschließt und durch Kontraktion komprimiert. Dadurch wird die Kompressionskraft über eine größere Fläche verteilt. Das Gerät berechnet anhand der initialen Thoraxumfangsmessung automatisch die optimale Kompressionstiefe (ca. 20 % des anterior-posterioren Thoraxdurchmessers).

Wichtige technische Merkmale:

  • Zirkuläre Kompression über Lastverteilungsband
  • Automatische Kalibrierung auf Patientenanatomie
  • Kompressionsfrequenz: 80 Kompressionen/min
  • Gewicht der Plattform: ca. 12 kg
  • Keine aktive Dekompression

Vergleich auf einen Blick

Merkmal LUCAS AutoPulse
Kompressionsmechanismus Kolben/Stempel Lastverteilungsband
Frequenz 102/min 80/min
Aktive Dekompression Ja Nein
Kalibrierung Fest eingestellt Automatisch (Thoraxumfang)
Beatmungspause-Modus Ja (30:2) Ja
Gewicht ~7–8 kg ~12 kg

Evidenzlage

Die Frage, ob mechanische CPR-Geräte das Outcome im Vergleich zur manuellen Reanimation verbessern, ist Gegenstand intensiver Forschung. Die Datenlage erlaubt dabei differenzierte Schlussfolgerungen.

Große randomisierte Studien

Drei große randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) haben die Diskussion maßgeblich geprägt:

  • LINC-Studie (LUCAS vs. manuelle CPR): Diese multizentrische Studie zeigte keinen signifikanten Unterschied im 4-Stunden-Überleben. In einer Per-Protocol-Analyse ergaben sich Hinweise auf einen möglichen Vorteil des LUCAS, die jedoch nicht als primärer Endpunkt definiert waren.
  • PARAMEDIC-Studie (LUCAS vs. manuelle CPR): Auch hier fand sich kein Überlebensvorteil für die mechanische CPR. Es zeigte sich sogar ein Trend zu einem schlechteren neurologischen Outcome in der LUCAS-Gruppe, der jedoch durch längere No-Flow-Zeiten bei der Geräteanlage erklärt werden könnte.
  • CIRC-Studie (AutoPulse vs. manuelle CPR): Diese Studie ergab Äquivalenz beider Methoden hinsichtlich des Überlebens bis Krankenhausentlassung.

Was die AHA-Leitlinie sagt

Die aktuelle AHA-Leitlinie formuliert folgende Empfehlung: Mechanische CPR-Geräte können als vernünftige Alternative zur manuellen CPR eingesetzt werden, wenn eine qualitativ hochwertige manuelle CPR nicht durchführbar ist oder den Helfer gefährdet (Klasse IIb, Level of Evidence B-R). Eine generelle Überlegenheit gegenüber korrekt durchgeführter manueller CPR ist nicht belegt.

Interpretation für die Praxis

Die Studien haben eine wichtige Limitation: Sie bilden primär den prähospitalen Standardeinsatz ab. In Spezialsituationen – prolongierte Reanimation, Transport unter CPR, Herzkatheterlabor – existieren keine vergleichbar großen RCTs. Gerade dort liegen aber die eigentlichen Stärken mechanischer Geräte, wie Registerdaten und Kohortenstudien nahelegen.

Indikationen: Wann mechanische CPR sinnvoll ist

Mechanische Reanimationshilfen entfalten ihren Nutzen besonders dort, wo die Qualität manueller CPR absehbar kompromittiert wird.

Primäre Indikationen

  • Transportreanimation: Im fahrenden Rettungswagen, Hubschrauber oder bei innerklinischem Transfer ist qualitativ hochwertige manuelle CPR kaum möglich. Studien zeigen, dass die Kompressionstiefe und -frequenz unter Transportbedingungen signifikant abnehmen. Mechanische Geräte liefern hier konstante Kompressionsqualität.
  • Prolongierte Reanimation: Bei zu erwartender langer Reanimationsdauer (z. B. Hypothermie, Intoxikation, eCPR-Vorbereitung) ermüden Helfer:innen trotz Wechsel alle zwei Minuten. Mechanische Geräte halten die Kompressionsqualität über Stunden aufrecht.
  • Herzkatheterlabor (HKL): Unter dem Röntgen-C-Bogen ist manuelle CPR wegen der Strahlenbelastung für das Personal und der eingeschränkten Platzverhältnisse problematisch. Mechanische Geräte ermöglichen eine kontinuierliche CPR während der perkutanen Koronarintervention (PCI).
  • Vorbereitung auf eCPR (ECMO-CPR): Während der Kanülierung für die extrakorporale CPR bieten mechanische Geräte eine verlässliche Kreislaufunterstützung ohne die Notwendigkeit, Personal für Kompressionen abzustellen.
  • Begrenzte Personalressourcen: Bei Massenanfall von Verletzten oder anderen Situationen mit Personalknappheit können mechanische Geräte eine Arbeitskraft „freisetzen".

Relative Indikationen

  • Reanimation in beengten Verhältnissen (z. B. Treppenhaus, enge Wohnung)
  • Organspende nach Kreislaufstillstand (DCD – Donation after Circulatory Death): Aufrechterhaltung der Organperfusion
  • Reanimation bei Adipositas permagna des Patienten/der Patientin (Helfererschöpfung tritt schneller ein)

Kontraindikationen

Nicht jeder Patient und jede Patientin ist für mechanische CPR geeignet. Folgende Kontraindikationen sind zu beachten:

Absolute Kontraindikationen:

  • Kinder und Säuglinge (Geräte sind für Erwachsene konstruiert und validiert)
  • Traumatischer Kreislaufstillstand mit massiver Thoraxinstabilität
  • Patient:innen, deren Körperbau nicht zu den Gerätespezifikationen passt (zu klein, zu groß, zu breiter Thorax)

Relative Kontraindikationen:

  • Bekannte schwere Aortenpathologie (z. B. Aortendissektion Typ A – wobei hier die Gesamtsituation zu evaluieren ist)
  • Thoraxdeformitäten, die eine korrekte Positionierung verhindern
  • Implantierte LVAD-Systeme (Einzelfallentscheidung)

Bei einem LUCAS muss der Stempel exakt über dem unteren Sternumdrittel positioniert sein. Beim AutoPulse muss das Band den Thorax vollständig umschließen können. Passt die Patientenanatomie nicht zum Gerät, ist manuelle CPR die bessere Wahl.

Korrekte Anlage: Schritt für Schritt

Die Anlage eines mechanischen CPR-Geräts darf die Hands-off-Zeit nicht relevand verlängern. Die AHA betont, dass Unterbrechungen der Thoraxkompressionen auf ein absolutes Minimum zu reduzieren sind.

LUCAS – Anlagesequenz

  1. Vorbereitung: Gerät griffbereit halten, Akku prüfen. Rückplatte (Backplate) bereithalten.
  2. Manuelle CPR fortsetzen: Zu keinem Zeitpunkt die Kompressionen länger als notwendig unterbrechen.
  3. Rückplatte positionieren: Bei der nächsten geplanten Kompressionspause (z. B. Rhythmuscheck) die Rückplatte unter den Patienten/die Patientin schieben. Dies gelingt am besten durch leichtes Anheben des Oberkörpers oder seitliches Einrollen.
  4. Kompressionseinheit aufsetzen: Die Kolbeneinheit in die Rückplatte einklicken. Den Stempel über dem unteren Sternumdrittel positionieren.
  5. Höhe einstellen: Stempel bis zur Thoraxoberfläche herunterfahren.
  6. Starten: Modus wählen (30:2 oder Continuous) und Gerät aktivieren.
  7. Position kontrollieren: Korrekte Stempelposition visuell und ggf. durch etCO₂-Monitoring überprüfen.

Zeitvorgabe: Die gesamte Anlageprozedur sollte in unter 20 Sekunden (idealerweise unter 10–15 Sekunden) ohne Kompressionspause machbar sein, wenn im Team trainiert.

AutoPulse – Anlagesequenz

  1. Plattform positionieren: Die Plattform neben den Patienten/die Patientin legen und den Oberkörper darauf positionieren (bei der nächsten geplanten Pause).
  2. Band anlegen: Das Lastverteilungsband über den anterioren Thorax ziehen und einklicken.
  3. Kalibrierung: Das Gerät führt eine automatische Kalibrierungsmessung durch.
  4. Starten: Kompressionsmodus aktivieren.

Häufige Fehler bei der Anlage

  • Zu lange Hands-off-Zeit durch fehlende Teamabsprache
  • Falsche Stempelposition (zu kranial → ineffektive Kompression, Verletzungsgefahr)
  • Vergessen, das Gerät nach Positionskorrektur neu zu kalibrieren (AutoPulse)
  • Fortsetzen der Reanimation ohne etCO₂-Kontrolle nach Geräteanlage

Spezialsituationen im Detail

Transportreanimation

Die Transportreanimation ist wahrscheinlich die am häufigsten akzeptierte Indikation für mechanische CPR. Im fahrenden Rettungswagen zeigen Studien mit Akzelerometer-Messungen, dass manuelle Kompressionen in Tiefe und Frequenz massiv abnehmen – teilweise um 30–50 % gegenüber stationären Bedingungen. Zusätzlich ist die Eigensicherung der Helfer:innen im fahrenden Fahrzeug bei manueller CPR gefährdet.

Empfehlungen für die Transportreanimation:

  • Mechanisches Gerät möglichst vor Transportbeginn anlegen
  • Transport nur bei klarer Indikation (z. B. zur PCI, eCPR, Rewarming)
  • Während des gesamten Transports etCO₂-Monitoring zur Qualitätskontrolle
  • Regelmäßige Rhythmuschecks auch unter mechanischer CPR

Herzkatheterlabor

Im HKL ermöglicht mechanische CPR die Durchführung einer Notfall-PCI bei Patient:innen mit refraktärem Kreislaufstillstand. Der LUCAS ist aufgrund seines geringeren Profils oft besser mit der C-Bogen-Positionierung kompatibel als der AutoPulse. Registerdaten zeigen, dass Patient:innen mit STEMI-bedingtem Kreislaufstillstand, die unter mechanischer CPR eine erfolgreiche PCI erhalten, durchaus neurologisch intakte Überlebensraten von 15–25 % erreichen können.

Praktische Aspekte im HKL:

  • Vorher klären, ob das Gerät mit dem lokalen C-Bogen kompatibel ist
  • Zugangsweg für Femoralkatheter frei halten
  • Bei LUCAS: Stempelposition vor Röntgendurchleuchtung nochmals verifizieren

Hypotherme Reanimation

Bei akzidenteller Hypothermie mit Kreislaufstillstand gilt: „Nobody is dead until warm and dead." Die Reanimation kann sich über Stunden erstrecken, bis eine extrakorporale Erwärmung eingeleitet wird. Mechanische CPR ist hier nahezu unverzichtbar, um über den gesamten Zeitraum eine adäquate Perfusion aufrechtzuerhalten.

eCPR-Bridging

Bei refraktärem Kreislaufstillstand mit reversibler Ursache gewinnt die extrakorporale CPR zunehmend an Bedeutung. Die Kanülierung dauert selbst in geübten Zentren 15–30 Minuten. Mechanische CPR während der Kanülierungsphase standardisiert die Kreislaufunterstützung und entlastet das Team.

Qualitätskontrolle unter mechanischer CPR

Auch mechanische Geräte ersetzen nicht die klinische Überwachung. Folgende Parameter sollten kontinuierlich monitoriert werden:

  • Endtidales CO₂ (etCO₂): Wichtigster Surrogatparameter für die Effektivität der Kompressionen. Ein plötzlicher Anstieg kann auf ROSC hinweisen. Werte dauerhaft unter 10 mmHg deuten auf eine ineffektive CPR hin – auch unter mechanischer Kompression.
  • Arterieller Druck (falls invasiv gemessen): Diastolischer Druck > 25 mmHg als Zielwert für Koronarperfusion.
  • Klinische Zeichen: Pupillenreaktion, Hautkolorit, Spontanbewegungen.
  • Gerätefunktion: Akkuladung, Bandintegrität (AutoPulse), Stempelposition (LUCAS).

Teamtraining und CRM-Aspekte

Die Integration mechanischer CPR-Geräte in den Reanimationsalgorithmus erfordert Teamtraining. Die häufigsten Fehler entstehen nicht durch Geräteversagen, sondern durch:

  • Fehlende Rollenverteilung (Wer holt das Gerät? Wer legt an?)
  • Prolongierte Hands-off-Zeiten bei ungeübter Anlage
  • Fixierung auf das Gerät bei technischen Problemen statt Rückkehr zur manuellen CPR
  • Fehlende Nachkalibrierung nach Patientenumpositionierung

Ein klares Team-Briefing vor dem Einsatz und regelmäßiges Simulationstraining reduzieren diese Fehlerquellen signifikant.

Zusammenfassung der Key Messages

  • Mechanische CPR-Geräte sind nicht überlegen gegenüber korrekt durchgeführter manueller CPR in Standardsituationen.
  • Ihr Hauptnutzen liegt in Spezialsituationen: Transportreanimation, HKL, prolongierte Reanimation, eCPR-Bridging, Hypothermie.
  • Die Anlage muss im Team trainiert werden, um Hands-off-Zeiten zu minimieren.
  • etCO₂-Monitoring ist auch unter mechanischer CPR unverzichtbar.
  • Kontraindikationen (Kinder, unpassende Anatomie, schwere Thoraxinstabilität) beachten.
  • Im Zweifelsfall: Manuelle CPR bleibt der Standard – mechanische Geräte sind ein Werkzeug, kein Ersatz für strukturierte Teamarbeit.

Praktisches Training

Die korrekte Einbindung mechanischer Reanimationshilfen in den ACLS-Algorithmus lässt sich am besten unter realistischen Bedingungen trainieren. In den AHA-zertifizierten ACLS-Kursen von Simulation Tirol übst du im Team die strukturierte Reanimation – von der Basisversorgung bis hin zu Spezialsituationen, in denen du Entscheidungen zur Geräteauswahl und -anlage unter Zeitdruck treffen musst. Denn auch das beste Equipment nützt nur so viel wie das Team, das es einsetzt. Alle Informationen zu den ACLS-Provider- und Refresher-Kursen findest du auf der Website von Simulation Tirol.

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