Koniotomie: Indikation, Technik und chirurgischer Atemweg
Die Koniotomie ist die letzte Option im Cannot-intubate-cannot-oxygenate-Szenario. Der Artikel erläutert die Indikationsstellung, chirurgische vs. punktionstechnische Methode, anatomische Landmarken und kindliche Besonderheiten.

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA
Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol
Lesezeit ca. 8 Min.

Die Koniotomie ist der invasivste und zugleich definitivste Schritt in der Atemwegssicherung – und gleichzeitig einer der seltensten Eingriffe im klinischen Alltag. Genau darin liegt das Problem: Wenn du sie brauchst, brauchst du sie sofort, aber die wenigsten Notärzt:innen und Anästhesist:innen haben sie jemals am lebenden Patienten durchgeführt. Das Cannot-intubate-cannot-oxygenate-Szenario (CICO) ist eine der wenigen Situationen in der Medizin, in der buchstäblich Sekunden über Leben und Tod entscheiden. Wer in diesem Moment zögert, verliert wertvolle Zeit. Wer vorbereitet ist, kann ein Leben retten. Dieser Artikel vermittelt dir die anatomischen Grundlagen, die Indikationsstellung, die chirurgische und die punktionstechnische Methode sowie die Besonderheiten bei Kindern – fundiert, praxisnah und evidenzbasiert.
Das CICO-Szenario: Wann wird die Koniotomie notwendig?
Die Koniotomie steht am Ende aller gängigen Atemwegsalgorithmen. Sowohl die AHA-Leitlinien als auch die DAS-Guidelines (Difficult Airway Society) und die DGAI-Handlungsempfehlungen folgen einem stufenweisen Vorgehen bei der schwierigen Atemwegssicherung:
- Optimierte Laryngoskopie (ggf. Videolaryngoskopie, Bougie, Lagerung)
- Supraglottische Atemwegshilfe (Larynxmaske, i-gel, Larynxtubus)
- Rückkehr zur Maskenbeatmung (Zwei-Hand-Technik, oropharyngealer Tubus)
- Chirurgischer Atemweg – die Koniotomie
Die Indikation ist klar definiert: Du kannst den Patienten weder intubieren noch oxygenieren, die Sauerstoffsättigung fällt, und alle weniger invasiven Maßnahmen haben versagt. Die entscheidende Frage lautet nicht „ob", sondern „wann" du den Schritt zur Koniotomie wagst. Die aktuelle Evidenz zeigt eindeutig: Die häufigste Fehlerquelle ist nicht ein technisches Versagen bei der Koniotomie selbst, sondern die zu späte Indikationsstellung. Wiederholte frustrante Intubationsversuche verzögern den chirurgischen Atemweg und führen zu einer prolongierten Hypoxie.
Typische klinische Szenarien
- Massives Gesichts- oder Halstrauma mit Blutung und Schwellung der oberen Atemwege
- Anaphylaxie mit komplettem Glottisödem trotz Adrenalingabe
- Verbrennungen/Inhalationstrauma mit progredienter Atemwegsschwellung
- Tumore oder Abszesse im Pharynx-/Larynxbereich
- Postoperative Atemwegsobstruktion nach Schilddrüsen- oder HNO-Eingriffen (Hämatom)
- Kieferklemme (z. B. bei Tetanus, Abszess, nach Bestrahlung)
Anatomische Landmarken: Der Schlüssel zum Erfolg
Die Anatomie des vorderen Halses ist die Grundlage jeder erfolgreichen Koniotomie. Ohne sichere Identifikation der Landmarken steigt das Komplikationsrisiko erheblich.
Das Ligamentum cricothyroideum (Lig. conicum)
Die Zielstruktur ist die Membrana cricothyroidea – die fibroelastische Membran zwischen dem Unterrand des Schildknorpels (Cartilago thyroidea) und dem Oberrand des Ringknorpels (Cartilago cricoidea). Diese Membran ist:
- Durchschnittlich 9–10 mm hoch und 22–30 mm breit
- Relativ gefäßarm im medianen Bereich
- Nur von Haut, Subkutangewebe und oberflächlicher Faszie bedeckt
Palpation – Schritt für Schritt
- Prominentia laryngea (Adamsapfel) identifizieren – beim Mann meist deutlich tastbar, bei Frauen und adipösen Patient:innen schwieriger.
- Mit dem Zeigefinger nach kaudal gleiten – die erste palpable Vertiefung unterhalb des Schildknorpels ist die Membrana cricothyroidea.
- Ringknorpel tasten – der kaudale, harte Widerstand unterhalb der Membran bestätigt die korrekte Lokalisation.
Ein entscheidender klinischer Punkt: Bei bis zu 30 % der Patient:innen – insbesondere bei adipösen Frauen, kurzem Hals oder Halsödemen – ist die Palpation der Landmarken erheblich erschwert. Die Ultraschall-gestützte Identifikation der Membrana cricothyroidea vor einer geplanten Atemwegssicherung bei erwartetem schwierigem Atemweg gewinnt daher zunehmend an Bedeutung. Diese Vorarbeit – das sogenannte „Airway Mapping" – kann im Vorfeld mit einem Hautmarker dokumentiert werden.
Gefäßversorgung und Risikozonen
Die A. cricothyroidea (ein Ast der A. thyroidea superior) verläuft typischerweise im oberen Drittel der Membran, häufig horizontal. Die mediane Inzision im unteren bis mittleren Drittel der Membran minimiert das Blutungsrisiko. Ungewöhnliche Gefäßvarianten – inklusive eines hochstehenden Truncus brachiocephalicus – sind selten, aber beschrieben.
Chirurgische Koniotomie: Die Methode der Wahl
Die aktuelle Evidenz und die Empfehlungen der meisten Fachgesellschaften sprechen sich klar für die chirurgische (offene) Koniotomie als Methode der Wahl im Notfall aus. Die chirurgische Technik hat gegenüber der Punktionstechnik eine höhere Erstversuchserfolgsrate und eine geringere Komplikationsrate.
Benötigtes Material
- Skalpell (Klinge Nr. 10 oder Nr. 20 – breite Klinge bevorzugt)
- Bougie (Eschmann-Stab) oder alternativ ein spezieller Trachealtubus-Führungsdraht
- Trachealtubus Größe 6,0 (Innendurchmesser) – geblockt
- Alternativ: spezielle Koniotomie-Kanüle (z. B. Cuffed Cricothyrotomy Tube)
- Klemme oder Kilner-Haken (hilfreich, aber nicht zwingend)
- Absaugung
Technik: Der Bougie-geführte Horizontalschnitt
Die nach aktueller Evidenz am besten validierte und empfohlene Technik ist die sogenannte „Scalpel-Bougie-Tube"-Methode. Sie folgt einem klaren, standardisierten Ablauf:
Schritt 1 – Hautschnitt: Vertikaler Hautschnitt (ca. 4–5 cm Länge) über der geschätzten Lokalisation der Membrana cricothyroidea. Der vertikale Schnitt hat den Vorteil, dass er auch bei unsicherer Landmarkenidentifikation eine ausreichende Exploration ermöglicht und die Wahrscheinlichkeit einer Verletzung lateraler Gefäße reduziert.
Schritt 2 – Identifikation der Membran: Stumpfes Spreizen des Subkutangewebes mit den Fingern, bis die Membran palpabel und sichtbar wird. Bei schlanken Patient:innen ist dieser Schritt oft minimal.
Schritt 3 – Membranschnitt: Horizontale Stichinzision durch die Membrana cricothyroidea im unteren Drittel der Membran. Das Skalpell wird dabei stabilisiert, um ein zu tiefes Eindringen und eine Verletzung der Trachealhinterwand zu vermeiden. Tipp: Das Skalpell nach der Inzision zunächst belassen und als Platzhalter nutzen, um die Öffnung nicht zu verlieren.
Schritt 4 – Bougie-Einführung: Einen Bougie mit der Coude-Spitze nach kaudal (in Richtung Trachea) durch die Inzision einführen. Trachealringe als taktiles Feedback tasten – „Klicken" bestätigt die korrekte intratracheale Lage.
Schritt 5 – Tubus vorschieben: Einen Trachealtubus (ID 6,0) über den Bougie in die Trachea vorschieben. Cuff blocken, Beatmung initiieren, Lagekontrolle mittels Kapnographie.
Fehlerquellen und Praxistipps
- Zu zaghafter Schnitt: Eine zu flache Inzision, die nicht durch die gesamte Membran dringt, ist ein häufiger Fehler. Die Membran ist zäh – ein entschlossener Schnitt ist nötig.
- Verlust der Landmarke: Nach dem Hautschnitt kann die Orientierung verloren gehen, besonders bei blutigen Verhältnissen. Daher: Larynx mit der nicht-dominanten Hand stabilisieren und nicht loslassen (sog. „Laryngeal Handshake").
- Falsches Stockwerk: Eine Inzision durch die Membran zwischen Ringknorpel und erstem Trachealring oder noch weiter kaudal (Tracheotomie-Lokalisation) ist eine vermeidbare Komplikation. Die konsequente Palpation vor dem Schnitt ist entscheidend.
- Tubus zu groß gewählt: Ein Tubus mit einem Innendurchmesser von mehr als 6,0–6,5 mm passt oft nicht durch die Koniotomieöffnung und verursacht Trauma oder eine Fehlpassage.
Punktionskoniotomie: Wann und für wen?
Bei der Punktionstechnik wird die Membrana cricothyroidea mit einer Kanüle (z. B. Seldinger-Technik oder spezielle Sets wie Melker, Quicktrach) punktiert und ein dünnlumiger Zugang geschaffen. Kommerzielle Sets gibt es in verschiedenen Ausführungen.
Vorteile
- Technisch einfacher erlernbar
- Geringerer initialer Gewebeschaden
- Weniger Blutung
Nachteile
- Höhere Fehlversuchsrate im Vergleich zur chirurgischen Technik
- Dünnere Kanülen ermöglichen keine suffiziente Ventilation bei hohem Atemwegswiderstand
- Kinking und Dislokation der Kanüle sind häufige Probleme
- Bei Erwachsenen ist eine adäquate Oxygenierung und CO₂-Elimination über kleine Kanülen (≤ 4 mm ID) kaum möglich – eine Jet-Ventilation wäre nötig, birgt aber ein erhebliches Barotrauma-Risiko
Die aktuelle Empfehlung lautet daher: Für Erwachsene ist die chirurgische Koniotomie die Methode der Wahl. Die Punktionstechnik kann als Bridging-Maßnahme dienen, ist aber nicht als definitiver Atemweg anzusehen.
Besonderheiten bei Kindern
Die Koniotomie bei Kindern stellt eine besondere Herausforderung dar und unterscheidet sich in wesentlichen Punkten vom Vorgehen bei Erwachsenen.
Anatomische Unterschiede
- Der Larynx steht höher (auf Höhe C3–C4 beim Säugling vs. C5–C6 beim Erwachsenen)
- Die Membrana cricothyroidea ist deutlich kleiner – beim Säugling nur ca. 2,5–3 mm hoch
- Der Ringknorpel ist die engste Stelle des kindlichen Atemwegs und gleichzeitig die einzige komplett geschlossene Knorpelstruktur – eine Verletzung kann zu einer subglottischen Stenose führen
- Die Landmarken sind schwerer zu palpieren
Empfohlenes Vorgehen nach Alter
- Kinder unter 8–10 Jahren: Die chirurgische Koniotomie wird von vielen Fachgesellschaften als relativ kontraindiziert angesehen. Empfohlen wird stattdessen die Nadel-Cricothyrotomie mit einer großlumigen Kanüle (14G oder 16G) und Jet-Ventilation oder Beutel-Kanüle-Beatmung als Bridging-Maßnahme bis zur definitiven chirurgischen Tracheotomie.
- Kinder ab ca. 10–12 Jahren: Die chirurgische Koniotomie kann analog zum Erwachsenenvorgehen durchgeführt werden, allerdings mit kleinerem Tubus (ID 4,0–5,0).
Nadelkricothyrotomie – Technik bei Kindern
- Identifikation der Membrana cricothyroidea (ggf. Ultraschall-gestützt)
- Punktion mit einer 14G-Kanüle an einer Spritze (mit NaCl gefüllt) in 45° nach kaudal
- Aspiration von Luft bestätigt die intratracheale Lage
- Kunststoffkanüle vorschieben, Nadel entfernen
- Konnektion an Beatmungsbeutel über einen 3,0-Tubus-Konnektor oder spezielle Adapter
- Jet-Ventilation: niedrigstmöglicher Druck, I:E-Verhältnis ca. 1:4, stets auf ausreichende Exspiration achten (Cave: Barotrauma!)
Merke: Die Nadelkricothyrotomie beim Kind ist eine temporäre Notlösung, kein definitiver Atemweg. Sie kauft Zeit für die Organisation einer chirurgischen Tracheotomie unter kontrollierten Bedingungen.
Komplikationen und deren Management
Wie jeder invasive Eingriff birgt die Koniotomie Risiken. Die wichtigsten Komplikationen sind:
- Fehlplatzierung (prätracheal, ösophageal, paramedian): Kapnographie ist der Goldstandard zur Lagekontrolle
- Blutung: Meist durch Verletzung der A. cricothyroidea oder prä-/paratrachealer Venen – in der Regel durch Kompression beherrschbar
- Verletzung der Trachealhinterwand: Durch zu tiefes Schneiden oder zu forciertes Einführen des Tubus
- Subglottische Stenose: Insbesondere bei Kindern und bei prolongierter Kanülierung – die Koniotomie muss innerhalb von 24–72 Stunden in eine formale Tracheotomie konvertiert werden
- Pneumomediastinum / Hautemphysem: Vor allem bei Jet-Ventilation über Nadelkricothyrotomie
Vorbereitung und Team-Aspekte
Die Koniotomie ist nicht nur eine manuelle Fertigkeit, sondern auch eine Teamleistung. Folgende Aspekte verbessern die Erfolgsrate nachweislich:
- Klare Rollenzuteilung vor jeder geplanten Atemwegssicherung bei erwartet schwierigem Atemweg: Wer führt die Koniotomie durch, wenn sie nötig wird?
- Vorbereitung des Materials: Ein vorgerüstetes Koniotomie-Set (Skalpell, Bougie, Tubus 6,0) sollte bei jeder schwierigen Atemwegssicherung griffbereit liegen
- Verbale Deklaration: Die explizite Ansage „CICO – wir führen jetzt eine Koniotomie durch" ist entscheidend, um das Team zu fokussieren und die kognitive Fixierung auf weitere Intubationsversuche zu durchbrechen
- Human Factors: Die psychologische Hürde, einem Patienten den Hals aufzuschneiden, ist enorm. Nur regelmäßiges Training an Modellen und Simulatoren kann diese Hemmschwelle soweit senken, dass im Ernstfall entschlossen gehandelt wird
Zusammenfassung: Die wichtigsten Punkte
- Die Koniotomie ist die Ultima Ratio im CICO-Szenario – und darf nicht zu spät indiziert werden
- Anatomische Landmarken (Schildknorpel, Membrana cricothyroidea, Ringknorpel) müssen sicher identifiziert werden – ggf. Ultraschall-gestütztes Airway Mapping im Vorfeld
- Die chirurgische „Scalpel-Bougie-Tube"-Methode ist die empfohlene Technik bei Erwachsenen
- Bei Kindern unter 8–10 Jahren ist die Nadelkricothyrotomie mit Bridging-Ventilation dem chirurgischen Zugang vorzuziehen
- Kapnographie ist obligat zur Lagekontrolle
- Konversion in eine Tracheotomie innerhalb von 24–72 Stunden
- Regelmäßiges Training ist der einzige Weg, die manuelle Fertigkeit und die Entscheidungskompetenz für diesen seltenen, aber lebensrettenden Eingriff aufrechtzuerhalten
Praktisches Training
Die Koniotomie gehört zu den Eingriffen, die man nicht zum ersten Mal am Patienten durchführen sollte – und gleichzeitig im klinischen Alltag so selten vorkommt, dass praktische Routine kaum aufgebaut werden kann. Umso wichtiger ist regelmäßiges, realitätsnahes Simulationstraining. Im Notarzt-Refresher-Kurs von Simulation Tirol hast du die Möglichkeit, das CICO-Szenario strukturiert zu durchlaufen: von der Erkennung des schwierigen Atemwegs über die Indikationsstellung bis zur Hands-on-Durchführung der chirurgischen Koniotomie am Modell. Gemeinsam mit erfahrenen Instruktor:innen trainierst du nicht nur die technischen Skills, sondern auch die Teamkommunikation und Entscheidungsfindung unter Stress. Alle Details zum Kurs findest du unter simulation.tirol/kurse/notarzt-refresher.
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