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Kapnographie im Notfall: CO₂-Kurven richtig interpretieren

Die Kapnographie bestätigt die Tubuslage und liefert Hinweise auf Reanimationsqualität und ROSC. Der Artikel erklärt die Interpretation typischer Kapnographie-Kurven, Normalwerte und klinische Bedeutung in verschiedenen Notfallsituationen.

Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol

Lesezeit ca. 7 Min.

Die Kapnographie gehört zu den wichtigsten Monitoring-Werkzeugen in der Notfallmedizin – und wird dennoch häufig unter ihrem Potenzial eingesetzt. Wer die CO₂-Kurve nur als „Tubuslagekontrolle" versteht, verschenkt klinisch relevante Informationen. Denn das endtidale CO₂ (etCO₂) liefert in Echtzeit Hinweise auf die Qualität der Reanimation, den Metabolismus, die Ventilation und die Perfusion. In ACLS-Algorithmen ist die kontinuierliche Kapnographie heute fest verankert – als Goldstandard zur Tubuslageverifikation, als Surrogatparameter für den Herzzeitvolumen während CPR und als frühester Indikator für ROSC. Dieser Artikel beleuchtet die physiologischen Grundlagen, erklärt typische Kurvenformen und gibt dir konkrete Entscheidungshilfen für den klinischen Alltag.

Physiologische Grundlagen: Was misst die Kapnographie?

Die Kapnographie misst die CO₂-Konzentration in der Ausatemluft über die Zeit und stellt sie als Kurve (Kapnogramm) dar. Das endtidale CO₂ (etCO₂) – also der höchste CO₂-Wert am Ende der Exspiration – korreliert unter physiologischen Bedingungen eng mit dem arteriellen pCO₂ (PaCO₂). Die Differenz (PaCO₂ – etCO₂) beträgt normalerweise 2–5 mmHg.

CO₂ entsteht im Zellstoffwechsel, wird über das venöse Blut zur Lunge transportiert und dort abgeatmet. Die etCO₂-Messung ist damit ein integraler Parameter, der drei Systeme gleichzeitig abbildet:

  • Metabolismus: CO₂-Produktion (z. B. erhöht bei Fieber, Sepsis, maligner Hyperthermie)
  • Zirkulation: CO₂-Transport zur Lunge (abhängig vom Herzzeitvolumen)
  • Ventilation: CO₂-Elimination (abhängig von Atemfrequenz und Tidalvolumen)

Ändert sich einer dieser drei Faktoren, verändert sich das etCO₂ – oft bevor andere Parameter reagieren.

Normalwerte und Messprinzipien

Der physiologische etCO₂-Bereich liegt bei 35–45 mmHg (4,7–6,0 kPa). Zwei Messprinzipien kommen zum Einsatz:

  • Mainstream-Sensoren: Direkt am Tubuskonnektor, schnelle Ansprechzeit, exakte Kurvenform
  • Sidestream-Sensoren: Aspirieren Gas über einen dünnen Schlauch, flexibler einsetzbar (auch bei Spontanatmung über Nasenbrille), minimal verzögerte Darstellung

Im Notfallsetting sind Sidestream-Geräte verbreiteter, da sie auch bei nicht-intubierten Patienten eingesetzt werden können. Die Kurvenqualität ist bei beiden Verfahren für klinische Entscheidungen ausreichend.

Das normale Kapnogramm: Die vier Phasen

Ein normales Kapnogramm zeigt eine charakteristische, nahezu rechteckige Kurve mit vier klar abgrenzbaren Phasen:

  1. Phase I (inspiratorische Baseline): CO₂ ≈ 0 mmHg – das ist Totraumgas (Frischgas aus den Atemwegen), das kein CO₂ enthält.
  2. Phase II (exspiratorischer Anstieg): Steiler Anstieg der CO₂-Konzentration – Übergang von Totraumgas zu alveolärem Gas.
  3. Phase III (alveoläres Plateau): Nahezu horizontales Plateau – hier wird reines Alveolargas gemessen. Der höchste Punkt am Ende dieses Plateaus ist der etCO₂-Wert.
  4. Phase 0 (inspiratorischer Abfall): Steiler Abfall auf null – der Patient inspiriert Frischgas.

Ein sauberes, rechteckiges Kapnogramm mit flachem Plateau und scharfen Übergängen spricht für eine normale Ventilation ohne relevante Obstruktion und eine korrekte Tubuslage.

Klinische Szenarien: Kurvenformen erkennen und handeln

Tubuslageverifikation

Die AHA-Leitlinie empfiehlt die kontinuierliche Kapnographie als zuverlässigste Methode zur Bestätigung und Überwachung der endotrachealen Tubuslage. Sie ist der Auskultation, der klinischen Beurteilung und kolorimetrischen CO₂-Detektoren überlegen.

Korrekte Tubuslage:

  • Persistierendes etCO₂ über mehrere Atemzüge (typischerweise ≥ 6 Atemzyklen)
  • Reguläre Kurvenform mit alveolärem Plateau

Ösophageale Fehlintubation:

  • Initial können geringe CO₂-Mengen nachweisbar sein (verschlucktes Gas, kohlensäurehaltige Getränke)
  • Charakteristisch: rapider Abfall auf null innerhalb von wenigen Atemzügen
  • Kein alveoläres Plateau erkennbar

Achtung: Bei Kreislaufstillstand kann das etCO₂ auch bei korrekter Tubuslage sehr niedrig sein (< 10 mmHg), weil kaum CO₂ zur Lunge transportiert wird. In diesem Fall ist ein niedriges, aber vorhandenes und rhythmisch schwankendes etCO₂ bei adäquater Thoraxkompression als Bestätigung der Tubuslage zu werten.

Kapnographie während CPR: Reanimationsqualität steuern

Während der Reanimation ist das etCO₂ der beste verfügbare Echtzeit-Surrogatparameter für das Herzzeitvolumen, das durch die Thoraxkompressionen erzeugt wird. Je besser die Kompressionen, desto mehr CO₂ wird zur Lunge transportiert und abgeatmet.

Konkrete Richtwerte nach AHA-Leitlinie:

  • etCO₂ < 10 mmHg nach 20 Minuten CPR: Kann als ein Indikator für eine schlechte Prognose herangezogen werden; sollte jedoch nie als alleiniges Kriterium für den Abbruch der Reanimation dienen.
  • etCO₂ persistierend < 10 mmHg: Hinterfrage die CPR-Qualität – Kompressionstiefe (mindestens 5 cm, maximal 6 cm), Kompressionsrate (100–120/min), vollständige Entlastung, minimale Unterbrechungen.
  • etCO₂ zwischen 10 und 20 mmHg: Häufig beobachteter Bereich bei adäquater CPR ohne ROSC. Optimierung der Kompressionsqualität anstreben.

Ein kontinuierlich niedriges etCO₂ trotz vermeintlich guter Kompressionen sollte dich dazu veranlassen, die Technik kritisch zu evaluieren, den Kompressor:innenwechsel alle zwei Minuten konsequent einzuhalten und reversible Ursachen (4 Hs und 4 Ts) aktiv zu suchen.

ROSC erkennen: Der etCO₂-Sprung

Der plötzliche, signifikante Anstieg des etCO₂ während der Reanimation ist einer der frühesten und zuverlässigsten Indikatoren für eine Wiederherstellung eines Spontankreislaufs (ROSC – Return of Spontaneous Circulation).

Typisches Muster:

  • etCO₂ lag bei 10–15 mmHg unter Kompressionen
  • Abrupter Anstieg auf ≥ 40 mmHg (oft auf Werte über 50–60 mmHg durch die angestaute CO₂-Last)
  • Anstieg häufig noch vor dem Tastbarpwerden eines Pulses

Dieser etCO₂-Sprung ist klinisch extrem wertvoll, weil er eine Puls-Überprüfung gezielt triggern kann, ohne die Kompressionen unnötig zu unterbrechen. Umgekehrt sollte ein etCO₂-Abfall nach initialem ROSC-Verdacht daran denken lassen, dass der Kreislauf erneut sistiert – sofortige Wiederaufnahme der CPR ist dann indiziert.

Bronchospasmus und Obstruktion: Der „Haifisch-Flosseneffekt"

Bei bronchospastischen Erkrankungen (Asthma, COPD-Exazerbation, anaphylaktische Bronchospastik) zeigt das Kapnogramm ein charakteristisches Muster:

  • Aufsteigender Schenkel (Phase II): abgeflacht, verlängert
  • Alveoläres Plateau (Phase III): ansteigend statt horizontal – sogenannte „Haifischflosse" (Shark-Fin-Morphologie)
  • etCO₂ oft erhöht (> 45 mmHg) durch Air Trapping und verlängerte Exspiration

Dieses Muster entsteht durch die ungleichmäßige Lungenentleerung: Gut ventilierte Areale entleeren sich früh (niedrigeres CO₂), obstruierte Areale spät (höheres CO₂), was zu einem kontinuierlich ansteigenden Plateau führt.

Klinische Konsequenz: Die Normalisierung der Kurvenform unter Therapie (z. B. Salbutamol-Verneblung, Adrenalin bei Anaphylaxie) ist ein objektiverer Therapieerfolgsparameter als die Auskultation allein.

Hyperventilation und Hypoventilation

Hyperventilation:

  • etCO₂ < 35 mmHg
  • Kurvenform normal, aber Amplitude reduziert und Atemfrequenz erhöht
  • Klinisch relevant: unbeabsichtigte Hyperventilation bei beatmeten Patient:innen nach ROSC – ein etCO₂ < 30 mmHg ist mit schlechterem neurologischem Outcome assoziiert

Hypoventilation:

  • etCO₂ > 45 mmHg
  • Kurvenform normal, aber Amplitude erhöht und Atemfrequenz erniedrigt
  • Häufig bei Opioid-Überdosierung, Sedierung, zentralen Atemantriebsstörungen

Die AHA-Leitlinie empfiehlt nach ROSC eine etCO₂-gesteuerte Ventilation mit dem Ziel eines etCO₂ von 35–45 mmHg und eine Atemfrequenz von 10–12/min bei intubierten Patient:innen.

Lungenembolie

Bei einer akuten Lungenembolie (LAE) zeigt sich eine klassische Konstellation:

  • etCO₂ abrupt erniedrigt (durch erhöhten Totraumanteil – die embolisierten Lungenareale werden ventiliert, aber nicht perfundiert)
  • PaCO₂–etCO₂-Gradient vergrößert (häufig > 10 mmHg)
  • Kurvenform kann normal erscheinen, aber das Plateau liegt deutlich tiefer

Im Reanimationsszenario sollte ein anhaltend sehr niedriges etCO₂ trotz optimaler CPR-Qualität neben anderen reversiblen Ursachen auch an eine massive Lungenembolie denken lassen.

Spontan atmende Patient:innen: Sedierungsmonitoring

Auch bei nicht-intubierten Patient:innen liefert die Kapnographie über Nasenbrille wertvolle Informationen – insbesondere bei Analgosedierung oder prozeduraler Sedierung:

  • Frühzeitige Erkennung einer Atemdepression (vor dem SpO₂-Abfall!)
  • Apnoe-Alarm: Fehlendes etCO₂-Signal über > 15–20 Sekunden
  • Hypoventilation: Steigendes etCO₂ bei abnehmender Atemfrequenz

Die Kapnographie detektiert Ventilationsstörungen im Median 60–90 Sekunden früher als die Pulsoxymetrie, weil die SpO₂ aufgrund der O₂-Reserve und der Sauerstoffdissoziationskurve zeitverzögert reagiert.

Fallstricke und Limitationen

So wertvoll die Kapnographie ist – einige Fehlerquellen musst du kennen:

  • Leckage: Undichtigkeiten am Tubus, an der Maske oder am Sidestream-Schlauch verfälschen die Messwerte nach unten. Besonders bei supraglottischen Atemwegshilfen ist eine gewisse Leckage häufig.
  • Kontamination: Sekret, Blut oder Erbrochenes im Sensor oder Schlauch können falsch-niedrige oder fehlende Werte erzeugen.
  • Niedrigflusszustände: Bei Kreislaufstillstand oder schwerem Schock ist das etCO₂ primär ein Zirkulationsparameter – nicht primär ein Ventilationsparameter. Ein niedriges etCO₂ bedeutet hier nicht „Hyperventilation", sondern „zu wenig CO₂-Transport".
  • Natriumbikarbonat: Die Gabe von Natriumbikarbonat führt zu einem transienten etCO₂-Anstieg (CO₂-Freisetzung bei Pufferung), der nicht mit ROSC verwechselt werden darf.
  • Adipositas und Schwangerschaft: Veränderte Baseline-Werte beachten – Schwangere haben physiologisch niedrigere PaCO₂-Werte (ca. 30–32 mmHg).

Integration in den ACLS-Algorithmus: Praktisches Vorgehen

Die folgende Checkliste fasst die kapnographischen Entscheidungspunkte während einer Reanimation zusammen:

  1. Unmittelbar nach Intubation: Kapnographie anschließen – persistierendes etCO₂ über ≥ 6 Atemzyklen bestätigt die Tubuslage.
  2. Während CPR: etCO₂ kontinuierlich monitoren. Zielwert durch Kompressionsoptimierung: etCO₂ möglichst > 10 mmHg, idealerweise > 20 mmHg anstreben.
  3. etCO₂ < 10 mmHg: CPR-Qualität überprüfen – Kompressionstiefe, -rate, vollständige Entlastung, Helfer:innenwechsel.
  4. Abrupter etCO₂-Anstieg (≥ 40 mmHg): ROSC wahrscheinlich → Pulskontrolle bei nächster Rhythmusanalyse.
  5. Nach ROSC: Ventilation am etCO₂ steuern – Ziel 35–45 mmHg, Normoventilation, Hyperventilation vermeiden.
  6. Prognostische Einschätzung: etCO₂ < 10 mmHg nach 20 Minuten adäquater CPR als ein Baustein der Gesamtbeurteilung – nie als alleiniges Abbruchkriterium.

Kapnographie bei Kindern: Besonderheiten im PALS-Kontext

Die Grundprinzipien der Kapnographie gelten auch in der pädiatrischen Notfallmedizin. Einige Besonderheiten sind zu beachten:

  • Höhere Atemfrequenz: Die schnellere Atemfrequenz bei Kindern kann bei Sidestream-Sensoren zu einer Unterschätzung des etCO₂ führen (Wash-out-Effekt). Mainstream-Sensoren sind bei intubierten Kindern vorzuziehen.
  • Tubuslage: Gerade bei Kindern ist die Kapnographie essentiell, da die Auskultation am kleinen Thorax weniger zuverlässig zwischen trachealer und ösophagealer Lage differenzieren kann.
  • Geringeres Tidalvolumen: Sidestream-Systeme mit niedriger Aspirationsrate (50 ml/min statt 150 ml/min) sollten bei Säuglingen bevorzugt werden, um das Tidalvolumen nicht relevant zu reduzieren.

Zusammenfassung: Die fünf wichtigsten Take-Home-Messages

  1. Tubuslagekontrolle: Persistierendes etCO₂ über ≥ 6 Atemzüge – kein anderer Parameter ist zuverlässiger.
  2. CPR-Qualitätsmarker: etCO₂ spiegelt das kompressionsinduzierte Herzzeitvolumen wider – kontinuierlich monitoren und Technik anpassen.
  3. ROSC-Frühindikator: Ein plötzlicher etCO₂-Anstieg auf ≥ 40 mmHg ist oft das erste Zeichen eines wiederkehrenden Spontankreislaufs.
  4. Kurvenform lesen: Die Shark-Fin-Morphologie zeigt Obstruktion, ein fehlendes Plateau zeigt Leckage oder Fehlintubation.
  5. Ventilationssteuerung nach ROSC: Normoventilation (etCO₂ 35–45 mmHg) anstreben – Hyperventilation verschlechtert das neurologische Outcome.

Praktisches Training

Die Kapnographie ist ein Werkzeug, dessen volles Potenzial sich erst erschließt, wenn du es unter realistischen Bedingungen trainiert hast – von der Interpretation verschiedener Kurvenformen über die CPR-Steuerung bis hin zur ROSC-Detektion im Teamkontext. Im ACLS-Refresher-Kurs von Simulation Tirol arbeitest du mit High-Fidelity-Simulatoren, die realistische Kapnographie-Kurven darstellen, und übst die Integration dieses Monitorings in strukturierte Reanimationsszenarien. So wird aus theoretischem Wissen eine verlässliche klinische Kompetenz.

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