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Endtidale CO₂-Messung bei Kinderreanimation: Zielwerte

Die Kapnographie hat bei der pädiatrischen Reanimation eigene Zielwerte und Interpretationsbesonderheiten. Der Artikel erklärt, wie ETCO₂-Werte die CPR-Qualität bei Kindern steuern und wann ROSC wahrscheinlich wird.

Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol

Lesezeit ca. 8 Min.

Die Kapnographie gilt als einer der wichtigsten Parameter zur Steuerung der kardiopulmonalen Reanimation – und das nicht nur bei Erwachsenen. Im pädiatrischen Setting liefert die endtidale CO₂-Messung (ETCO₂) entscheidende Informationen über die Qualität der Thoraxkompressionen, die Effektivität der Beatmung, die Wahrscheinlichkeit einer Rückkehr des Spontankreislaufs (ROSC) und die Prognose. Dennoch unterscheiden sich die Zielwerte und Interpretationsbesonderheiten bei Kindern teilweise erheblich von denen bei Erwachsenen. Wer pädiatrische Reanimationen leitet, muss diese Unterschiede kennen, um die Kapnographie als Echtzeit-Feedbackinstrument optimal einsetzen zu können.

Physiologische Grundlagen der ETCO₂-Messung bei Kindern

Das endtidal gemessene CO₂ spiegelt am Ende der Exspiration die alveoläre CO₂-Konzentration wider, die wiederum vom Zusammenspiel dreier Faktoren abhängt:

  • CO₂-Produktion: Der Metabolismus der Gewebe produziert CO₂ als Endprodukt der aeroben Energiegewinnung.
  • CO₂-Transport: Das Herzzeitvolumen transportiert CO₂ über das venöse System zur Lunge.
  • CO₂-Elimination: Die alveoläre Ventilation eliminiert CO₂ über die Ausatemluft.

Während eines Kreislaufstillstands bricht der CO₂-Transport zur Lunge zusammen. Die ETCO₂-Werte fallen initial drastisch ab. Erst durch effektive Thoraxkompressionen wird wieder ein minimales Herzzeitvolumen generiert, das CO₂ zur Lunge transportiert – und genau dieses transportierte CO₂ wird kapnographisch messbar. Damit wird ETCO₂ unter Reanimationsbedingungen zu einem Surrogatparameter für den pulmonalen Blutfluss und somit für die Effektivität der Thoraxkompressionen.

Besonderheiten der kindlichen Physiologie

Kinder unterscheiden sich in mehreren Punkten von Erwachsenen, was die ETCO₂-Interpretation beeinflusst:

  • Höherer metabolischer Grundumsatz: Kinder produzieren pro Kilogramm Körpergewicht mehr CO₂ als Erwachsene. Dies kann bei effektiven Kompressionen zu relativ höheren ETCO₂-Werten führen als bei vergleichbarer Kompressionsqualität beim Erwachsenen.
  • Höhere Atemfrequenz und niedrigeres Tidalvolumen: Die kürzere Exspirationszeit kann die Genauigkeit der ETCO₂-Messung beeinflussen, besonders bei Sidestream-Kapnographen mit längerer Ansprechzeit.
  • Größerer Anteil an Totraumventilation: Bei kleinen Atemwegsadaptern und supraglottischen Atemwegshilfen kann die Verdünnung der Ausatemluft zu falsch niedrigen ETCO₂-Werten führen.
  • Häufigste Ursache des Kreislaufstillstands: Anders als beim Erwachsenen liegt dem pädiatrischen Kreislaufstillstand überwiegend eine respiratorische oder hypoxische Genese zugrunde – nicht ein primär kardiales Ereignis. Dies hat weitreichende Konsequenzen für die ETCO₂-Interpretation.

Zielwerte während der pädiatrischen Reanimation

Die AHA-Leitlinie empfiehlt die kontinuierliche Kapnographie als Standardmonitoring bei der pädiatrischen Reanimation – insbesondere nach endotrachealer Intubation, aber auch bei Verwendung supraglottischer Atemwegshilfen und sogar bei Beutel-Masken-Beatmung mit geeigneten Adaptern.

ETCO₂ als Marker der CPR-Qualität

Der zentrale Zielwert, den du während der pädiatrischen Reanimation anstreben solltest:

  • ETCO₂ ≥ 10–15 mmHg (entsprechend ≥ 1,3–2,0 kPa): Dies deutet auf einen ausreichenden pulmonalen Blutfluss durch effektive Thoraxkompressionen hin.
  • ETCO₂ < 10 mmHg über einen längeren Zeitraum: Dies ist ein Alarmsignal für inadäquate Kompressionen oder andere behebbare Ursachen und sollte sofort zu einer Überprüfung und Optimierung der CPR-Qualität führen.

Wichtig dabei: Die häufig zitierte Schwelle von 10 mmHg stammt primär aus Erwachsenendaten. Bei Kindern – insbesondere bei Säuglingen – können die absoluten Werte niedriger ausfallen, ohne dass dies zwangsläufig auf eine schlechtere Kompressionsqualität hinweist. Gründe dafür sind:

  • Das kleinere absolute Herzzeitvolumen unter CPR
  • Die geringere Muskelmasse des Thorax
  • Die höhere Thoraxcompliance, die paradoxerweise zu weniger effektiver Druckübertragung auf die großen Gefäße führen kann

Daher ist bei Kindern weniger der absolute Einzelwert entscheidend als vielmehr der Trend der ETCO₂-Kurve.

Trendanalyse statt Einzelwertfixierung

Die klinisch relevanteste Information liefert die Kapnographie während der pädiatrischen Reanimation durch die Verlaufsbeobachtung:

  • Steigender ETCO₂-Trend bei gleichbleibender Beatmung: Hinweis auf verbesserte Perfusion – entweder durch optimierte Kompressionen oder als Frühzeichen einer ROSC.
  • Fallender ETCO₂-Trend: Verschlechterung der Perfusion, Ermüdung der komprimierenden Person, Kompressionsunterbrechungen oder zunehmende Obstruktion der Atemwege.
  • Plötzlicher ETCO₂-Abfall auf nahe null: Tubusdislokation, -obstruktion oder Diskonnektion – sofortige Kontrolle des Atemwegs erforderlich.
  • Plötzlicher, anhaltender ETCO₂-Anstieg auf > 30–40 mmHg: Hochverdächtig auf ROSC.

ETCO₂ als ROSC-Prädiktor bei Kindern

Einer der wertvollsten Aspekte der Kapnographie unter Reanimation ist die frühzeitige Erkennung von ROSC – oft noch bevor ein Puls tastbar ist oder eine organisierte elektrische Aktivität am Monitor sichtbar wird.

Das ROSC-Signal erkennen

Bei Kindern zeigt sich ROSC typischerweise durch:

  • Einen abrupten, anhaltenden Anstieg des ETCO₂ auf Werte über 30–40 mmHg
  • Dieser Anstieg tritt häufig 15–30 Sekunden vor dem klinisch tastbaren Puls auf
  • Der Anstieg entsteht, weil das wiederhergestellte Herzzeitvolumen schlagartig die in den Geweben akkumulierte CO₂-Last zur Lunge transportiert

Dieser „ETCO₂-Surge" ist ein verlässliches Zeichen und sollte dich dazu veranlassen, während der nächsten geplanten Rhythmusanalyse besonders sorgfältig nach einem organisierten Rhythmus und klinischen Zeichen eines Kreislaufs zu suchen. Allerdings gilt: Unterbrich die Kompressionen nicht allein wegen eines ETCO₂-Anstiegs. Warte den nächsten regulären Analysezeitpunkt im Algorithmus ab, es sei denn, eindeutige klinische Zeichen (gezielte Bewegungen, Husten, Spontanatmung) eine ROSC bestätigen.

Prognostische Bedeutung

Die prognostische Aussagekraft der ETCO₂-Werte unter pädiatrischer Reanimation muss differenziert betrachtet werden:

  • Bei Erwachsenen gilt ein persistierend niedriger ETCO₂ < 10 mmHg nach 20 Minuten qualitativ hochwertiger CPR als negativer Prognosefaktor, der in die Entscheidung zur Beendigung der Reanimation einfließen kann.
  • Bei Kindern ist die Datenlage weniger robust. Die AHA-Leitlinie empfiehlt explizit, ETCO₂-Werte allein nicht als Kriterium zur Beendigung der pädiatrischen Reanimation heranzuziehen. Gründe hierfür sind:
    • Geringere Studienpopulationen
    • Heterogenere Ätiologien (Ertrinkungsunfälle, Atemwegsobstruktionen, angeborene Herzfehler)
    • Die Beobachtung, dass Kinder auch nach prolongierter CPR mit initial niedrigen ETCO₂-Werten neurologisch gute Outcomes erzielen können

ETCO₂ kann also die Prognoseeinschätzung ergänzen, darf sie aber bei Kindern nie allein bestimmen.

Praktische Anwendung: ETCO₂-gesteuerte CPR bei Kindern

Atemwegsmanagement und Messgenauigkeit

Die Genauigkeit der ETCO₂-Messung hängt entscheidend von der Art des Atemwegsmanagements ab:

Atemwegssicherung ETCO₂-Genauigkeit Besonderheiten
Endotrachealer Tubus Höchste Genauigkeit Goldstandard; direkter Anschluss des Sensors
Supraglottische Atemwegshilfe Gut bis sehr gut Leckagen können zu falsch niedrigen Werten führen
Beutel-Masken-Beatmung Eingeschränkt Leckage häufig; Sidestream-Kapnographie mit Nasenbrille-Adapter möglich

Bei nicht-intubierten Kindern solltest du die ETCO₂-Werte mit Vorsicht interpretieren. Leckagen um die Maske oder die supraglottische Atemwegshilfe verdünnen das exspiratorische Gas und führen zu falsch niedrigen Messwerten. Ein vermeintlich niedriger ETCO₂-Wert bei Masken-Beatmung bedeutet also nicht zwangsläufig inadäquate Kompressionen.

Systematische Fehlerquellen erkennen

Bevor du CPR-Qualität oder Prognose anhand der ETCO₂-Werte beurteilst, schließe systematisch folgende Fehlerquellen aus:

  1. Tubus-/Atemwegsprobleme: Dislokation, Obstruktion, ösophageale Fehllage
  2. Leckagen: Cuff-Druck überprüfen, Maskensitz kontrollieren
  3. Überventilation: Eine zu hohe Beatmungsfrequenz – ein klassischer Fehler bei pädiatrischen Reanimationen – führt zu vermehrter CO₂-Elimination und kann paradoxerweise den ETCO₂-Wert senken, obwohl die Kompressionsqualität adäquat ist
  4. Medikamenteneffekt: Adrenalin verursacht durch periphere Vasokonstriktion eine temporäre Umverteilung des Blutflusses und kann zu einem transienten ETCO₂-Abfall von 2–5 mmHg führen – dies ist erwartbar und kein Zeichen schlechter CPR
  5. Natriumbicarbonat-Gabe: Setzt schlagartig CO₂ frei und kann zu einem kurzzeitigen ETCO₂-Anstieg führen, der nicht mit ROSC verwechselt werden darf

Beatmungsfrequenz und ETCO₂

Die Überventilation ist einer der häufigsten und schädlichsten Fehler bei der pädiatrischen Reanimation. Die Kapnographie kann hier als Korrektiv dienen:

  • Ziel-Beatmungsfrequenz bei gesichertem Atemweg: Alle 2–3 Sekunden eine Beatmung (ca. 20–30/min bei Säuglingen, 15–20/min bei größeren Kindern), je nach Alter
  • ETCO₂-gesteuerte Anpassung: Liegt der ETCO₂ bei adäquaten Kompressionen auffällig niedrig, prüfe zuerst, ob du zu schnell ventilierst
  • Kapnographie-Wellenform: Eine regelmäßige, nicht abgehackte Wellenform mit deutlichem Plateau spricht für eine adäquate Exspirationszeit

Algorithmus: ETCO₂-Interpretation während pädiatrischer CPR

Folgender systematischer Ansatz hilft dir, ETCO₂-Werte während der Kinderreanimation korrekt einzuordnen:

Schritt 1 – Wellenform beurteilen

  • Ist eine regelmäßige Kapnographie-Kurve mit Plateau sichtbar?
  • Wenn keine Wellenform: Atemweg überprüfen (Tubuslage, Konnektionsprüfung, Obstruktion ausschließen)

Schritt 2 – Absoluten Wert einordnen

  • ETCO₂ ≥ 10–15 mmHg: CPR-Qualität wahrscheinlich adäquat → beibehalten
  • ETCO₂ < 10 mmHg: Fehlerquellen ausschließen → dann Kompressionsqualität optimieren (Drucktiefe, Frequenz, vollständige Entlastung, Minimierung von Unterbrechungen)

Schritt 3 – Trend beobachten

  • Steigender Trend: positives Zeichen → aktuelle Strategie fortsetzen
  • Fallender Trend: Helfer:innenwechsel bei Kompressionen, Atemweg überprüfen, reversible Ursachen (4 H's und HITS) reevaluieren

Schritt 4 – Abrupten Anstieg erkennen

  • Plötzlicher ETCO₂-Anstieg > 30–40 mmHg: ROSC-Verdacht → bei nächster Rhythmusanalyse gezielt Pulscheck durchführen
  • Abrupter Anstieg nach Natriumbicarbonat-Gabe: kein ROSC → abwarten, ob Anstieg persistiert

Schritt 5 – Nach Adrenalingabe

  • Transienter ETCO₂-Abfall um 2–5 mmHg: erwartbar → keine Änderung der CPR-Strategie
  • Fehlender ETCO₂-Abfall nach Adrenalin kann auf einen nicht-wirksamen Zugang hindeuten (bei i.v./i.o.-Gabe: Lage und Durchgängigkeit überprüfen)

Typische Fallstricke der Kapnographie bei Kindern

Die folgenden Situationen führen in der Praxis regelmäßig zu Fehlinterpretationen:

  • Hypothermie (z. B. nach Ertrinkungsunfall): Reduzierter Metabolismus führt zu niedrigerer CO₂-Produktion. ETCO₂-Werte können trotz adäquater Kompressionen niedrig ausfallen. Dies darf nicht zur vorzeitigen Beendigung der Reanimation verleiten.
  • Asthma/Bronchospasmus: Air Trapping kann zu paradox erhöhten ETCO₂-Werten führen, die nicht zwingend bessere Perfusion widerspiegeln. Gleichzeitig kann ein „Haifischflossen"-Muster in der Kapnographie auf eine Obstruktion hinweisen.
  • Kongenitale Herzfehler mit Rechts-Links-Shunt: Ein Teil des venösen Blutes umgeht die Lunge. ETCO₂-Werte können systematisch niedriger sein als bei Kindern mit normaler Herzanatomie.
  • Pulmonale Hypertonie: Reduzierter pulmonaler Blutfluss senkt ETCO₂ unabhängig von der Kompressionsqualität.
  • Spannungspneumothorax: Führt zu einem abrupten ETCO₂-Abfall durch verminderten venösen Rückstrom und reduzierte Gasaustauschfläche – eine der reversiblen Ursachen, die sofort behandelt werden muss.

Integration in den PALS-Algorithmus

Die Kapnographie fügt sich nahtlos in den PALS-Algorithmus ein und ergänzt die standardmäßigen 2-Minuten-Zyklen:

  1. Vor dem ersten Zyklus: Kapnographie anschließen, Ausgangswert dokumentieren
  2. Während jedes Zyklus: ETCO₂-Trend kontinuierlich überwachen, Wellenform beurteilen
  3. Bei jedem Rhythmuscheck: ETCO₂-Wert aktiv in das Team-Briefing einbeziehen („ETCO₂ aktuell bei 18, steigender Trend")
  4. Nach Adrenalingabe: Kurzfristigen ETCO₂-Abfall antizipieren und kommunizieren
  5. Bei ROSC-Verdacht: ETCO₂-Anstieg als frühestes Zeichen werten, aber Kompressionen erst nach Rhythmusanalyse und Pulscheck pausieren

Die Kommunikation der ETCO₂-Werte im Team ist essenziell. Designiere idealerweise eine Person (häufig die Person am Atemweg), die ETCO₂-Werte und Trends regelmäßig laut ansagt.

Zusammenfassung der Kernpunkte

  • ETCO₂ ist der beste verfügbare Echtzeit-Marker für die Kompressionsqualität unter CPR bei Kindern.
  • Zielwert ≥ 10–15 mmHg, wobei der Trend wichtiger ist als der Einzelwert.
  • Ein abrupter, anhaltender ETCO₂-Anstieg auf > 30–40 mmHg ist der früheste Indikator für ROSC.
  • Fehlerquellen (Leckagen, Überventilation, Medikamenteneffekte) müssen systematisch ausgeschlossen werden, bevor die CPR-Qualität infrage gestellt wird.
  • ETCO₂ allein darf bei Kindern nicht als Kriterium zur Beendigung der Reanimation herangezogen werden.
  • Besondere Vorsicht bei Hypothermie, kongenitalen Herzfehlern und obstruktiven Atemwegserkrankungen.

Praktisches Training

Die Interpretation der Kapnographie unter Reanimationsbedingungen erfordert nicht nur theoretisches Wissen, sondern vor allem praktische Übung – insbesondere das Erkennen von Trends, das schnelle Troubleshooting bei unerwarteten Werten und die Integration in die Teamkommunikation. Im PALS-Kurs von Simulation Tirol trainierst du genau diese Szenarien an realitätsnahen Simulationen mit echtem Kapnographie-Monitoring und erhältst strukturiertes Feedback zur korrekten Interpretation und klinischen Entscheidungsfindung bei pädiatrischen Notfällen.

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