Bradykardie beim Neugeborenen: Ursachen und Sofortmaßnahmen
Neugeborene und Säuglinge reagieren auf Stress häufig mit Bradykardie statt Tachykardie. Der Artikel erklärt die häufigsten Auslöser (Hypoxie, Vagusreiz, Medikamente), die kritischen Herzfrequenzgrenzen und das schrittweise Vorgehen von Stimulation bis Adrenalingabe.

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA
Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol
Lesezeit ca. 7 Min.

Neugeborene und Säuglinge unterscheiden sich in ihrer kardiovaskulären Physiologie fundamental von älteren Kindern und Erwachsenen. Während das erwachsene Herz auf Stress typischerweise mit einer Tachykardie reagiert, ist die primäre Antwort des unreifen Herzens auf Hypoxie, Azidose oder vagale Stimulation häufig eine Bradykardie. Dieser Unterschied hat unmittelbare therapeutische Konsequenzen: Eine Herzfrequenz unter 60/min beim Neugeborenen ist ein Notfall, der sofortiges, algorithmisiertes Handeln erfordert – nicht abwartendes Monitoring. Wer die Pathophysiologie dahinter versteht, erkennt die Dringlichkeit und handelt schneller.
Warum reagieren Neugeborene mit Bradykardie?
Das Herzminutenvolumen (HMV) eines Neugeborenen ist nahezu ausschließlich frequenzabhängig. Das myokardiale Kontraktilitätsreservoir ist gering, das Schlagvolumen lässt sich kaum steigern. Ein Abfall der Herzfrequenz führt daher direkt und proportional zum Abfall des HMV und damit zur Gewebehypoperfusion.
Dominanz des Parasympathikus
Das autonome Nervensystem des Neugeborenen zeigt eine relative parasympathische Dominanz. Der Vagustonus ist hoch, die sympathische Innervation des Myokards noch unvollständig ausgereift. Das bedeutet:
- Vagale Stimuli (Absaugen, Laryngoskopie, Kälte, Defäkation) können eine unverhältnismäßig starke Bradykardie auslösen.
- Die sympathische Gegenregulation, die beim Erwachsenen eine Reflexbradykardie rasch kompensiert, ist beim Neugeborenen deutlich schwächer.
Hypoxie als Haupttrigger
Der mit Abstand häufigste Auslöser einer neonatalen Bradykardie ist die Hypoxie. Der Mechanismus verläuft über den sogenannten Tauchreflex (diving reflex): Hypoxie aktiviert periphere Chemorezeptoren, die über vagale Afferenzen eine Bradykardie und periphere Vasokonstriktion triggern. Was beim tauchenden Säugetier eine Schutzfunktion darstellt, wird beim Neugeborenen unter pathologischen Bedingungen zur lebensbedrohlichen Abwärtsspirale:
Hypoxie → Bradykardie → HMV-Abfall → Gewebehypoxie → weitere Bradykardie → Asystolie
Dieser Circulus vitiosus erklärt, warum die Therapie der neonatalen Bradykardie primär auf die Beseitigung der Hypoxie abzielt – und nicht auf pharmakologische Frequenzsteigerung.
Häufige Ursachen im klinischen Alltag
Die systematische Identifikation der Ursache ist entscheidend für die gezielte Therapie. Die folgende Übersicht orientiert sich an der klinischen Häufigkeit:
Respiratorische Ursachen (häufigste Gruppe)
- Apnoe – zentral (Frühgeburtlichkeit, Infektion, intrakranielle Pathologie) oder obstruktiv
- Atemwegsobstruktion – Schleim, Mekonium, Fehlbildungen (z. B. Choanalatresie, Pierre-Robin-Sequenz)
- Pneumothorax – insbesondere nach Beatmung oder Reanimation
- Inadäquate Ventilation – fehlende oder unzureichende Beutel-Masken-Beatmung, Tubusfehllage
- Kongenitale Zwerchfellhernie – eingeschränkte Lungenfunktion bei Verlagerung abdomineller Organe
Kardiale Ursachen
- Kongenitale Herzfehler – strukturelle Anomalien mit hämodynamischer Relevanz
- Kongenitaler AV-Block – insbesondere bei maternalem Lupus erythematodes (Anti-Ro/SSA-Antikörper)
- Myokarditis – viral, selten bakteriell
- Perikarderguss/Tamponade – z. B. nach Zentralvenenkatheteranlage
Vagal vermittelte Bradykardie
- Absaugmanöver – insbesondere tiefes nasotracheales oder pharyngeales Absaugen
- Laryngoskopie und Intubation – direkter Vagusreiz
- Okulokardialer Reflex – Druck auf die Bulbi (relevant in der Augenheilkunde)
- Defäkation und Erbrechen – Valsalva-assoziiert
Metabolische und systemische Ursachen
- Hypothermie – iatrogen (Kreißsaal!) oder bei Exposition
- Hypoglykämie – besonders bei SGA-Kindern und Kindern diabetischer Mütter
- Hyperkaliämie – bei Niereninsuffizienz, Hämolyse, Transfusionskomplikationen
- Azidose – respiratorisch und/oder metabolisch
- Sepsis – mit begleitender Myokarddepression
Medikamentöse Ursachen
- Maternale Medikamente – Betablocker, Kalziumantagonisten, Magnesiumsulfat (Tokolyse, Eklampsie-Prophylaxe), Opioide
- Neonatale Medikamente – Succinylcholin (ohne Atropin-Vorbehandlung), Prostaglandin E1 (Ductus-offenhalten bei ductusabhängigen Vitien), Dexmedetomidin
Kritische Herzfrequenzgrenzen
Die Herzfrequenz ist der wichtigste Vitalparameter zur Beurteilung des neonatalen Zustands – wichtiger als Hautfarbe, Muskeltonus oder SpO₂ in den ersten Lebensminuten.
Die AHA-Leitlinie für die neonatale Reanimation definiert folgende Grenzwerte:
| Herzfrequenz | Interpretation | Konsequenz |
|---|---|---|
| > 100/min | Adäquat | Weiter beobachten, supportive Maßnahmen |
| 60–100/min | Bradykardie | Effektive Ventilation sicherstellen, reevaluieren |
| < 60/min trotz adäquater Ventilation | Schwere Bradykardie | Thoraxkompressionen beginnen |
| < 60/min trotz Ventilation + Kompressionen | Kritische Bradykardie/Prä-Asystolie | Adrenalin |
Merke: Beim Neugeborenen ist eine Herzfrequenz unter 60/min funktionell einem Kreislaufstillstand gleichzusetzen, da das HMV bei dieser Frequenz nicht mehr ausreicht, um eine adäquate Organperfusion aufrechtzuerhalten.
Schrittweises Vorgehen: Vom Stimulieren bis zum Adrenalin
Die neonatale Reanimation folgt einem klaren Stufenschema. Entscheidend ist, dass jede Stufe konsequent und korrekt durchgeführt wird, bevor zur nächsten eskaliert wird. In der Praxis scheitert die Reanimation häufiger an inadäquater Ventilation als am Fehlen von Medikamenten.
Stufe 1: Basismaßnahmen und taktile Stimulation
- Wärmeerhalt – Abtrocknen, nasse Tücher entfernen, Wärmestrahler oder Wärmematte. Hypothermie verschärft die Bradykardie.
- Atemwege freimachen – Kopf in Neutralposition (Schnüffelstellung), Mund und Nase bei Bedarf vorsichtig absaugen (Achtung: übermäßiges Absaugen löst vagale Bradykardie aus!).
- Taktile Stimulation – Fußsohlen reiben, Rücken stimulieren. Kurze, gezielte Reize. Kein wiederholtes, frustranes Stimulieren – wenn nach 10–15 Sekunden keine Besserung eintritt, muss ventiliert werden.
Stufe 2: Positive Druckbeatmung (PPV)
Die positive Druckbeatmung ist die wichtigste und effektivste Intervention bei neonataler Bradykardie. In der überwiegenden Mehrheit der Fälle ist eine adäquate Ventilation allein ausreichend, um die Herzfrequenz zu normalisieren.
- Frequenz: 40–60 Atemhübe/min (entspricht „beatme-zwei-drei, beatme-zwei-drei")
- Initialdruck: 20–25 cmH₂O bei reifen Neugeborenen, bei Frühgeborenen ggf. niedriger
- Erste Beatmungen: ggf. höherer Druck (bis 30 cmH₂O) zur Eröffnung der flüssigkeitsgefüllten Alveolen
- FiO₂: Beginn mit 21 % (Raumluft) bei reifen Neugeborenen, Titration nach SpO₂. Bei Frühgeborenen < 35 SSW Beginn mit 21–30 %
- Erfolgskontrolle: Thoraxexkursionen sichtbar? Herzfrequenzanstieg innerhalb von 15–30 Sekunden?
Wenn die Herzfrequenz trotz PPV nicht steigt, überprüfe die Ventilation systematisch – MR SOPA:
- M – Mask adjustment (Maskensitz korrigieren)
- R – Reposition (Kopfposition optimieren)
- S – Suction (Absaugen von Mund und Nase)
- O – Open mouth (Mund des Kindes öffnen)
- P – Pressure increase (Beatmungsdruck erhöhen)
- A – Airway alternative (alternativer Atemweg: Larynxmaske, Intubation)
Stufe 3: Thoraxkompressionen
Wenn die Herzfrequenz trotz 30 Sekunden effektiver Ventilation unter 60/min bleibt, beginnen Thoraxkompressionen.
Technik:
- Daumentechnik (bevorzugt): Beide Daumen nebeneinander oder übereinander auf dem unteren Sternumdrittel, Hände umgreifen den Thorax. Diese Technik erzeugt einen höheren koronaren Perfusionsdruck als die Zwei-Finger-Technik.
- Kompressionstiefe: Etwa ein Drittel des anterior-posterioren Thoraxdurchmessers
- Verhältnis Kompression:Beatmung: 3:1 (Unterschied zum PALS-Algorithmus für ältere Kinder mit 15:2!). Das Verhältnis 3:1 reflektiert die Tatsache, dass die neonatale Bradykardie nahezu immer respiratorisch bedingt ist.
- Koordination: „Eins – und – zwei – und – drei – und – beatmen" ergibt 90 Kompressionen und 30 Beatmungen pro Minute = 120 Ereignisse/min
FiO₂ auf 100 % bei Beginn der Thoraxkompressionen – unabhängig von der vorherigen Einstellung.
Stufe 4: Adrenalin und vaskulärer Zugang
Wenn die Herzfrequenz nach 60 Sekunden koordinierter Kompressionen und Ventilation weiterhin unter 60/min liegt, ist Adrenalin indiziert.
Adrenalin-Dosierung (Neonatal):
| Applikationsweg | Dosis | Verdünnung |
|---|---|---|
| Intravenös (bevorzugt) | 0,01–0,03 mg/kg | 1:10.000 (= 0,1 mg/ml) |
| Endotracheal (wenn kein IV-Zugang) | 0,05–0,1 mg/kg | 1:10.000 |
- Bevorzugter Zugangsweg: Nabelvene (Vena umbilicalis) – schnell, technisch einfacher als periphere Venenpunktion beim Neugeborenen
- Nabelvenenkatheter (NVK): Einführen bis Blut aspirierbar ist (meist 2–4 cm ab Hautniveau); nicht zu tief vorschieben (Lebergefäß-Fehllage)
- Intraossärer Zugang: Alternative, wenn NVK nicht möglich
- Endotracheale Gabe: Nur als Überbrückung bis ein vaskulärer Zugang etabliert ist. Die Resorption ist unzuverlässig, daher die höhere Dosis.
Wiederholung: Adrenalin kann alle 3–5 Minuten wiederholt werden.
Stufe 5: Volumen und spezielle Maßnahmen
Bei Verdacht auf Volumenmangel (z. B. Plazentalösung, Vasa-praevia-Blutung, fetomaternale Transfusion):
- Volumenbolus: 10 ml/kg isotone Kochsalzlösung oder 0-Rh-negatives Erythrozytenkonzentrat über 5–10 Minuten i.v.
- Wiederholung möglich, cave Volumenüberladung bei Frühgeborenen
Sondersituation: Persistierende Bradykardie trotz korrekter Reanimation
Wenn alle Algorithmusschritte korrekt durchgeführt werden und die Bradykardie persistiert, müssen reversible Ursachen systematisch ausgeschlossen werden. In Anlehnung an die „Hs und Ts" des PALS-Algorithmus:
Hs:
- Hypoxie (Ventilation adäquat? Pneumothorax?)
- Hypovolämie (Blutung? Nabelschnurkomplikation?)
- Hypothermie (Temperatur messen!)
- Hypoglykämie (BZ bestimmen!)
- Hyperkaliämie/metabolische Störung (BGA!)
- H⁺ (Azidose)
Ts:
- Tamponade (bei ZVK-Lage oder Perikarderguss)
- Tension pneumothorax (einseitig abgeschwächtes Atemgeräusch, Schockzeichen)
- Toxine (maternale Medikamente – Anamnese!)
Bei kongenitalem AV-Block III° wird auch eine korrekt durchgeführte Reanimation die Herzfrequenz nur unzureichend steigern. Hier sind temporäres Pacing und die frühzeitige Kontaktaufnahme mit der Kinderkardiologie entscheidend.
Besonderheiten bei Frühgeborenen
Frühgeborene sind besonders anfällig für Bradykardien. Die sogenannten „Apnoe-Bradykardie-Desaturations-Episoden" (ABD-Episoden) gehören zu den häufigsten Ereignissen auf neonatologischen Intensivstationen.
- Unreife des Atemzentrums führt zu zentralen Apnoen
- Geringere funktionelle Residualkapazität beschleunigt die Desaturation
- Dünnere Thoraxwand erfordert sorgfältige Dosierung des Beatmungsdrucks
- Erhöhte Vulnerabilität für IVH bei Blutdruckschwankungen – daher Reanimationsmaßnahmen besonnen, aber konsequent durchführen
- Coffein-Citrat ist die Standardprophylaxe für Apnoe-Bradykardie-Episoden bei Frühgeborenen – Initialdosis 20 mg/kg i.v., Erhaltungsdosis 5–10 mg/kg/Tag
Häufige Fehler und Fallstricke
Die Analyse neonataler Reanimationen zeigt wiederkehrende Fehlerquellen:
- Zu spätes Beginnen mit PPV – taktile Stimulation wird zu lange fortgesetzt, während die Herzfrequenz weiter fällt
- Ineffektive Maskenbeatmung – undichter Maskensitz ist die häufigste Ursache für Ventilationsversagen. Lieber frühzeitig MR SOPA durchgehen als bei insuffizienter Ventilation Thoraxkompressionen beginnen
- Falsches Kompressions-Beatmungs-Verhältnis – 3:1 beim Neugeborenen, nicht 15:2 (PALS) oder 30:2 (Erwachsene)
- Verzögerter vaskulärer Zugang – die Nabelvenenkatheterisierung sollte frühzeitig vorbereitet werden, auch wenn sie (hoffentlich) nicht benötigt wird
- Übersehen reversibler Ursachen – insbesondere Pneumothorax und Hypothermie werden unter Stress leicht übersehen
- Adrenalin-Dosierungsfehler – Verwechslung der Verdünnungen (1:1.000 vs. 1:10.000) kann fatal sein. Immer 1:10.000 für die neonatale Reanimation verwenden
Dokumentation und Teamkommunikation
Eine strukturierte Reanimation erfordert klare Rollenzuweisungen und Kommunikation. Nach aktueller Empfehlung sollte das Team mindestens folgende Rollen besetzen:
- Teamleader – koordiniert, gibt Anweisungen, behält den Überblick
- Atemweg – verantwortlich für Maskenbeatmung/Intubation
- Kompression – führt Thoraxkompressionen durch
- Zugang/Medikamente – NVK-Anlage, Medikamente vorbereiten und applizieren
- Dokumentation/Zeit – hält Zeiten fest, gibt Zeitansagen
Closed-Loop-Kommunikation (Anweisung – Rückmeldung – Bestätigung) reduziert Fehler nachweislich und ist ein zentrales Element moderner Teamreanimation.
Praktisches Training
Die neonatale Bradykardie ist ein zeitkritischer Notfall, bei dem der Algorithmus sitzen muss, bevor man ihn braucht. Theorie allein reicht nicht – die Koordination von Maskenbeatmung, Thoraxkompressionen im 3:1-Verhältnis und Nabelvenenkatheterisierung erfordert regelmäßiges praktisches Training unter realistischen Bedingungen. Im PALS-Kurs von Simulation Tirol trainierst du genau diese Szenarien in Kleingruppen an High-Fidelity-Simulatoren, mit strukturiertem Debriefing und direktem Feedback. So gewinnst du die Sicherheit, die du brauchst, wenn es um die ersten Minuten eines Lebens geht.
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