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Atemwegsmanagement beim Neugeborenen: Absaugen und Stimulation

Wann und wie Absaugen bei Neugeborenen indiziert ist, taktile Stimulation als erster Schritt und häufige Fehler bei der initialen Atemunterstützung. Praktische Anleitung für Fachpersonal im Kreißsaal und Rettungsdienst.

Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol

Lesezeit ca. 8 Min.

Die ersten Sekunden nach der Geburt entscheiden über die Qualität der neonatalen Transition – und damit über das Outcome des Neugeborenen. In dieser kritischen Phase ist das Atemwegsmanagement die zentrale Kompetenz, die jede Fachperson im Kreißsaal und im Rettungsdienst sicher beherrschen muss. Dabei gilt ein Paradigma, das sich in den vergangenen Leitlinien-Generationen zunehmend gefestigt hat: Weniger ist oft mehr. Routinemäßiges Absaugen ist obsolet. Taktile Stimulation ist der erste, häufig unterschätzte Schritt. Und die korrekte Lagerung des Kopfes kann den entscheidenden Unterschied zwischen einem freien und einem verlegten Atemweg machen. Dieser Artikel liefert dir eine evidenzbasierte, praxisorientierte Anleitung für das initiale Atemwegsmanagement beim Neugeborenen – mit klaren Entscheidungspunkten, konkreten Techniken und den häufigsten Fehlerquellen.

Physiologie der neonatalen Transition

Um die Maßnahmen des initialen Atemwegsmanagements richtig einzuordnen, ist das Verständnis der fetalen-neonatalen Transition essenziell. Intrauterin sind die Alveolen mit Flüssigkeit gefüllt. Der erste Atemzug erzeugt einen transpulmonalen Druck von bis zu –70 cmH₂O, der die Lungenflüssigkeit in das Interstitium und die Lymphbahnen verschiebt. Gleichzeitig sinkt der pulmonale Gefäßwiderstand, der Ductus arteriosus beginnt sich zu schließen, und die funktionelle Residualkapazität (FRC) wird aufgebaut.

Dieser Prozess ist in den meisten Fällen ein physiologischer Selbstläufer: Etwa 85–90 % aller Neugeborenen beginnen innerhalb der ersten 30 Sekunden selbstständig zu atmen. Nur 10–15 % benötigen eine Form der Atemunterstützung, und lediglich 1–2 % erfordern umfassende Reanimationsmaßnahmen. Das initiale Atemwegsmanagement – Lagerung, Stimulation, gezieltes Absaugen – bildet die Grundlage dafür, diese natürliche Transition zu unterstützen, ohne sie durch übermäßige Interventionen zu stören.

Der initiale Algorithmus: Die ersten 60 Sekunden

Die AHA-Leitlinie zur neonatalen Reanimation strukturiert die erste Lebensminute – die sogenannte „Golden Minute" – in eine klare Abfolge von Assessments und Interventionen. Der Ablauf lässt sich in folgende Schritte gliedern:

  1. Initiale Beurteilung (unmittelbar nach der Geburt): Gestationsalter, Muskeltonus, Atembemühungen
  2. Wärmemanagement: Abtrocknen, Wärmequelle, ggf. Polyethylenfolie bei Frühgeborenen < 32 SSW
  3. Atemweg freimachen: Lagerung in Neutralposition (Schnüffelposition)
  4. Taktile Stimulation: Abtrocknen und sanftes Stimulieren
  5. Absaugen: Nur bei sichtbarer Verlegung oder fehlender Spontanatmung trotz Stimulation
  6. Re-Assessment nach 30 Sekunden: Atmung und Herzfrequenz evaluieren

Entscheidend ist: Diese Schritte sind nicht als starre Sequenz zu verstehen, sondern als parallele Maßnahmen innerhalb eines Teams. Das Abtrocknen ist gleichzeitig Wärmemanagement und taktile Stimulation. Die Lagerung des Kopfes ist gleichzeitig Atemwegsmanagement.

Lagerung: Die Schnüffelposition beim Neugeborenen

Die korrekte Kopfposition ist der am häufigsten vernachlässigte Aspekt des neonatalen Atemwegsmanagements. Das Neugeborene hat ein proportional großes Okziput, das bei Rückenlage auf einer flachen Unterlage automatisch zu einer Flexion der Halswirbelsäule und damit zu einer Atemwegsobstruktion führt.

Technik

  • Rückenlage auf einer festen, warmen Unterlage
  • Leichte Extension des Kopfes in die Neutralposition (Schnüffelposition): Der äußere Gehörgang liegt auf einer Linie mit der Schulter
  • Ggf. eine gefaltete Windel oder ein kleines Tuch (2–3 cm Höhe) unter die Schultern legen, um das prominente Okziput auszugleichen
  • Überstreckung vermeiden – diese komprimiert den weichen neonatalen Trachealknorpel und verschließt den Atemweg ebenso wie eine Flexion

Häufige Fehler

  • Zu starke Extension: Imitiert die Kopfposition des Erwachsenen und obstruiert paradoxerweise den neonatalen Atemweg
  • Flexion durch fehlendes Schulterpolster: Besonders bei Frühgeborenen mit ausgeprägtem Okziput
  • Seitliche Rotation des Kopfes: Führt zur Kompression der kontralateralen Atemwegsstrukturen

Taktile Stimulation: Der unterschätzte Ersthelfer-Reflex

Die taktile Stimulation ist die erste und häufig einzige notwendige Intervention, um eine suffiziente Spontanatmung auszulösen. Sie wirkt über somatosensorische Afferenzen, die das Atemzentrum im Hirnstamm aktivieren. Gleichzeitig ist das Abtrocknen des Neugeborenen ein integraler Bestandteil des Wärmemanagements und verhindert evaporative Wärmeverluste.

Empfohlene Techniken

  • Abtrocknen des gesamten Körpers mit vorgewärmten Tüchern – kräftig, aber nicht traumatisch. Nasse Tücher sofort entfernen und durch trockene ersetzen.
  • Reiben des Rückens: Sanftes, aber bestimmtes Reiben entlang der Wirbelsäule mit der flachen Hand
  • Stimulation der Fußsohlen: Zwei- bis dreimaliges Schnipsen oder Reiben der Fußsohle mit dem Finger

Was du nicht tun solltest

  • Wiederholtes Stimulieren ohne Re-Assessment: Wenn nach 10–15 Sekunden taktiler Stimulation keine effektive Atmung einsetzt, ist die Stimulation gescheitert. Der nächste Schritt ist Überdruckbeatmung (PPV), nicht noch mehr Stimulation.
  • Schlagen auf das Gesäß oder den Rücken: Historisch tradiert, aber potenziell traumatisch und nicht effektiver als sanfte Stimulation
  • Kaltes Wasser oder Eiswürfel: Obsolet und gefährlich – Hypothermie ist ein eigenständiger Risikofaktor für neonatale Morbidität

Klinischer Entscheidungspunkt

Nach Abtrocknen und Stimulation: Zeigt das Neugeborene eine suffiziente Spontanatmung mit einer Herzfrequenz > 100/min? Wenn ja, sind keine weiteren Atemwegsinterventionen notwendig. Wenn nein, folgt unmittelbar die Überdruckbeatmung – Absaugen ist kein Ersatz für PPV und darf diese nicht verzögern.

Absaugen: Indikation, Technik und Kontraindikationen

Das Absaugen der Atemwege beim Neugeborenen hat in den vergangenen Leitlinien-Revisionen einen fundamentalen Paradigmenwechsel erfahren. Die aktuelle Evidenz zeigt klar, dass routinemäßiges Absaugen keinen Benefit hat und potenziell schädlich ist.

Wann ist Absaugen indiziert?

Absaugen ist nur dann indiziert, wenn eine sichtbare Verlegung der Atemwege vorliegt, die die Spontanatmung oder die Beatmungseffektivität beeinträchtigt. Konkret:

  • Sichtbares Sekret, Blut oder Fruchtwasser in Mund oder Nase, das die Atmung behindert
  • Ineffektive PPV trotz korrekter Maske, Lagerung und Beatmungstechnik – hier kann eine Sekretverlegung die Ursache sein
  • Mekoniumhaltiges Fruchtwasser mit fehlender Vitalität des Neugeborenen (keine suffiziente Atmung, schlechter Tonus) – allerdings auch hier: kein routinemäßiges tracheales Absaugen mehr empfohlen

Wann ist Absaugen NICHT indiziert?

  • Routinemäßig bei jedem Neugeborenen: Kein Benefit, aber Risiko für vagale Bradykardie und Schleimhauttraumata
  • Routinemäßiges Absaugen bei mekoniumhaltigem Fruchtwasser und vitalem Neugeborenen: Die aktuelle AHA-Leitlinie empfiehlt explizit kein routinemäßiges Absaugen bei vitalem Kind, unabhängig von der Fruchtwasserfarbe
  • Tiefes Absaugen des Oropharynx ohne klare Indikation: Löst potenziell den Vagusreflex mit konsekutiver Bradykardie und Apnoe aus

Technik des oropharyngealen Absaugens

Wenn abgesaugt werden muss, dann korrekt:

  • Kathetergrößen: 10–12 Fr für reife Neugeborene, 6–8 Fr für Frühgeborene
  • Sog: Maximal –100 mmHg (–13,3 kPa). Höhere Drücke traumatisieren die Schleimhaut.
  • Reihenfolge: Erst Mund, dann Nase (M vor N – „Mouth before Nose"). Begründung: Absaugen der Nase kann einen Schnappatmreflex auslösen, bei dem oropharyngeales Sekret aspiriert werden kann.
  • Dauer: Maximal 3–5 Sekunden pro Absaugvorgang
  • Tiefe: Nur so tief, wie du siehst – kein blindes tiefes Einführen des Katheters
  • Alternativ: Bei geringen Sekretmengen reicht häufig ein Mulltupfer oder eine Absaugbirne (Bulb Syringe)

Sonderfall: Mekoniumaspiration

Der Umgang mit mekoniumhaltigem Fruchtwasser hat sich in den vergangenen Leitlinien-Generationen grundlegend verändert. Die wesentlichen Punkte:

  • Vitales Neugeborenes (guter Tonus, Schreien, HR > 100/min): Standardversorgung. Kein Absaugen. Kein intratracheales Absaugen.
  • Nicht-vitales Neugeborenes (schlechter Tonus, keine suffiziente Atmung): Initiale Schritte durchführen (Lagerung, Abtrocknen, Stimulation). Wenn keine Besserung: PPV beginnen. Intratracheales Absaugen über Endotrachealtubus wird nach aktueller AHA-Leitlinie nicht mehr routinemäßig empfohlen, kann aber im Einzelfall erwogen werden, wenn die PPV durch massives Mekonium ineffektiv ist.
  • Absaugen des Mekoniums vor Entwicklung der Schultern (intrapartales Absaugen): Nicht mehr empfohlen – kein nachgewiesener Benefit.

Dieser Paradigmenwechsel ist klinisch hochrelevant: Das intratracheale Absaugen verzögert die Beatmung, und die Evidenz zeigt, dass der frühzeitige Beginn der PPV das Outcome stärker verbessert als das Entfernen von Mekonium aus der Trachea.

Häufige Fehler bei der initialen Atemunterstützung

Die folgenden Fehler sind in Simulationstrainings und klinischen Audits immer wieder dokumentiert:

1. Verzögerter Beginn der PPV

Das häufigste und folgenschwerste Problem: Das Team stimuliert zu lange, saugt zu ausgiebig ab oder ist mit Assessment-Schritten beschäftigt, während das Neugeborene eine Bradykardie entwickelt. Wenn nach 30 Sekunden keine suffiziente Atmung bei einer HR > 100/min vorliegt, muss die PPV beginnen – ohne Wenn und Aber.

2. Falscher Maskensitz

Die Beatmungsmaske muss Mund und Nase abdichten, ohne die Augen zu bedecken oder auf das Kinn zu drücken. Die CE-Griff-Technik (C-Griff an der Maske, E-Finger am Unterkiefer) ist Standard. Eine undichte Maske ist die häufigste Ursache für ineffektive PPV.

3. Inadäquater Beatmungsdruck

Der initiale Beatmungsdruck für reife Neugeborene liegt bei 20–25 cmH₂O, die ersten 2–3 Atemzüge können bis 30 cmH₂O erfordern, um die FRC aufzubauen. Bei Frühgeborenen: 20–25 cmH₂O. PEEP von 5 cmH₂O wird empfohlen, wenn ein T-Stück-System verfügbar ist.

4. Hyperoxie durch unreflektierten Sauerstoffeinsatz

Die initiale Beatmung beim reifen Neugeborenen erfolgt mit Raumluft (21 % O₂). Bei Frühgeborenen < 35 SSW mit 21–30 % O₂. Die Sauerstoffzufuhr wird anhand der präduktalen SpO₂ titriert. Zielwerte:

  • 1 Minute: 60–65 %
  • 2 Minuten: 65–70 %
  • 3 Minuten: 70–75 %
  • 5 Minuten: 80–85 %
  • 10 Minuten: 85–95 %

Hyperoxie verursacht oxidativen Stress und ist mit erhöhter Mortalität bei Neugeborenen assoziiert.

5. Fixierung auf den APGAR-Score

Der APGAR-Score ist ein retrospektives Dokumentationsinstrument, kein Entscheidungstool für Reanimationsmaßnahmen. Die Herzfrequenz ist der primäre Parameter, der die nächsten Schritte im Algorithmus bestimmt. Warte nicht auf den 1-Minuten-APGAR, um zu entscheiden, ob du beatmest.

6. Exzessives Absaugen mit konsekutiver Bradykardie

Tiefes oropharyngeales oder nasopharyngeales Absaugen stimuliert den N. vagus und kann eine Reflexbradykardie auslösen. In Kombination mit der ohnehin fragilen hämodynamischen Situation des Neugeborenen ist das potenziell katastrophal.

Besondere Situationen im Rettungsdienst

Die präklinische Versorgung eines Neugeborenen stellt besondere Herausforderungen an das Atemwegsmanagement:

  • Wärmemanagement: Ohne Wärmestrahler ist die Hypothermie-Gefahr massiv erhöht. Abtrocknen, Haut-zu-Haut-Kontakt, Rettungsdecke und beheizter Fahrzeuginnenraum nutzen.
  • Equipment: Eine Absaugpumpe mit einstellbarem Sog und neonatale Absaugkatheter gehören in jeden RTW. Alternative: Handabsaugpumpe oder Bulb Syringe.
  • Beatmung: Ein Beatmungsbeutel mit neonataler Maske (Größe 0 oder 1) und einem Volumen von 240–500 ml ist Standard. Selbstfüllende Beutel liefern keinen PEEP ohne Zusatzventil.
  • Teamkommunikation: Im Rettungsdienst arbeiten oft nur zwei Personen – klare Rollenverteilung und lautes Verbalisieren der Befunde sind essenziell.

Dokumentation und Übergabe

Eine strukturierte Dokumentation der initialen Maßnahmen ist für die weiterführende Versorgung unverzichtbar. Relevante Parameter:

  • Zeitpunkt der Geburt und des ersten Atemzugs
  • Maßnahmen in der ersten Minute (Stimulation, Absaugen, PPV)
  • Herzfrequenz zu definierten Zeitpunkten
  • SpO₂-Verlauf (präduktal)
  • Fruchtwasserbeschaffenheit
  • APGAR-Scores (1, 5, ggf. 10 Minuten)
  • Verabreichte Medikamente und Sauerstoffkonzentration

Zusammenfassung: Die wichtigsten Take-Home-Messages

  • Lagerung ist Atemwegsmanagement: Die Schnüffelposition mit Schulterpolster ist die Basis.
  • Stimulation kommt vor Absaugen: Abtrocknen und Fußsohlenreiben sind die ersten Interventionen.
  • Absaugen nur bei sichtbarer Verlegung: Routinemäßiges Absaugen ist obsolet und potenziell schädlich.
  • Mund vor Nase: Wenn abgesaugt wird, dann in dieser Reihenfolge.
  • Sog begrenzen: Maximal –100 mmHg, maximal 3–5 Sekunden.
  • PPV nicht verzögern: Wenn nach 30 Sekunden keine effektive Atmung vorliegt, sofort beatmen.
  • Raumluft zuerst: Sauerstoff erst nach Bedarf titrieren.
  • Kein routinemäßiges intratracheales Absaugen bei Mekonium – auch nicht beim nicht-vitalen Kind als Standardmaßnahme.

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