PALS

Broselow-Tape und Gewichtsschätzung bei Kindernotfällen

Im Kindernotfall müssen Medikamente gewichtsadaptiert dosiert werden. Der Artikel erklärt die Anwendung des Broselow-Tapes, alternativer Schätzformeln und Dosierungshilfen für die häufigsten Notfallmedikamente in der Pädiatrie.

Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol

Lesezeit ca. 9 Min.

Kaum ein Szenario in der Notfallmedizin erzeugt mehr Stress als die Versorgung eines kritisch kranken Kindes. Ein zentraler Grund dafür: Nahezu jede therapeutische Maßnahme – von der Medikamentendosierung über die Tubusgröße bis zur Defibrillationsenergie – hängt vom Körpergewicht ab. Während bei Erwachsenen mit Standarddosierungen gearbeitet werden kann, führt eine Fehleinschätzung des Gewichts bei Kindern rasch zu relevanten Über- oder Unterdosierungen. Das Broselow-Tape ist eines der bewährtesten Werkzeuge, um in solchen Situationen schnell und zuverlässig zu einer Gewichtsschätzung zu gelangen. Doch es ist nicht das einzige. Dieser Artikel beleuchtet die korrekte Anwendung des Broselow-Tapes, stellt alternative Schätzformeln gegenüber und gibt dir konkrete Dosierungstabellen für die häufigsten pädiatrischen Notfallmedikamente an die Hand.

Warum Gewichtsschätzung im Kindernotfall kritisch ist

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen – dieser Grundsatz zieht sich durch die gesamte Pädiatrie und gilt in der Notfallmedizin in besonderem Maße. Das therapeutische Fenster vieler Notfallmedikamente ist bei Kindern deutlich enger als bei Erwachsenen. Eine zehnprozentige Abweichung vom tatsächlichen Gewicht kann bei einem Säugling bereits klinisch relevante Konsequenzen haben.

Die Herausforderungen im Detail:

  • Große Variabilität: Ein einjähriges Kind wiegt im Durchschnitt 10 kg, kann aber physiologisch zwischen 7 und 13 kg liegen.
  • Stresssituation: Eltern sind häufig nicht ansprechbar oder kennen das aktuelle Gewicht nicht. Eine Waage ist präklinisch selten verfügbar.
  • Kognitive Überlastung: Kopfrechnen unter Zeitdruck und emotionaler Belastung ist eine häufige Fehlerquelle. Studien zeigen, dass Dosierungsfehler bei Kindern bis zu zehnmal häufiger auftreten als bei Erwachsenen.
  • Equipment-Auswahl: Neben Medikamenten müssen auch Tubusgröße, Laryngoskopspatel, Braunülen-Größe und Defibrillationsenergie an das Kind angepasst werden.

Genau hier setzen längenbasierte Gewichtsschätzungssysteme an: Sie machen aus einer komplexen Schätzaufgabe einen einfachen, reproduzierbaren Messvorgang.

Das Broselow-Tape: Aufbau und Funktionsprinzip

Das Broselow-Tape (auch Broselow-Luten-Band) ist ein farbcodiertes Maßband, das die Körperlänge eines Kindes misst und daraus ein geschätztes Körpergewicht sowie die entsprechenden Dosierungen und Equipmentgrößen ableitet. Es wurde von James Broselow und Robert Luten entwickelt und ist fester Bestandteil vieler PALS-Algorithmen.

Grundprinzip

Die Körperlänge korreliert bei Kindern besser mit dem Gewicht als das geschätzte Alter. Das Tape nutzt diese Korrelation und teilt Kinder in Farbzonen ein, die jeweils einem Gewichtsbereich entsprechen.

Farbzonen und Gewichtsbereiche

Farbzone Gewichtsbereich (kg) Ungefähres Alter
Grau 3–5 Neugeborenes
Pink 6–7 Säugling (ca. 3–6 Monate)
Rot 8–9 Säugling (ca. 6–9 Monate)
Violett 10–11 ca. 9–12 Monate
Gelb 12–14 ca. 1–2 Jahre
Weiß 15–18 ca. 2–4 Jahre
Blau 19–23 ca. 4–6 Jahre
Orange 24–29 ca. 6–8 Jahre
Grün 30–36 ca. 8–10 Jahre

Hinweis: Die exakten Werte können je nach Tape-Version geringfügig variieren.

Korrekte Anwendung – Schritt für Schritt

Die korrekte Messtechnik ist entscheidend für die Genauigkeit:

  1. Kind in Rückenlage auf einer festen Unterlage positionieren.
  2. Rotes Ende des Tapes (markiert mit „Measure from this end") am Scheitelpunkt des Kopfes anlegen – nicht an der Stirn.
  3. Tape längs am Kind entlang bis zur Ferse ausrollen. Das Kind sollte gestreckt liegen, die Füße in Neutralstellung.
  4. Farbzone an der Ferse ablesen. Die Ferse, nicht die Zehenspitzen, bestimmt die Zone.
  5. Gewicht, Medikamentendosierungen und Equipmentgrößen direkt von der entsprechenden Farbzone ablesen.

Häufige Anwendungsfehler

  • Messung an bekleideten Kindern mit Schuhen: Führt zu systematischer Überschätzung der Länge und damit des Gewichts.
  • Tape am Kinn statt am Scheitel anlegen: Verkürzt die gemessene Länge.
  • Kind in Flexionshaltung messen: Besonders bei Säuglingen, die zum Anziehen der Beine neigen, wird die Länge unterschätzt.
  • Anwendung bei Kindern über 36 kg: Das Broselow-Tape ist für Kinder bis ca. 36 kg (ca. 150 cm Körperlänge) validiert. Bei größeren Kindern sollte auf andere Methoden zurückgegriffen werden.

Limitationen des Broselow-Tapes

Das Broselow-Tape wurde an einer überwiegend nordamerikanischen Studienpopulation entwickelt und validiert. Einige wichtige Einschränkungen:

  • Adipöse Kinder: Bei zunehmender Prävalenz von Adipositas im Kindesalter unterschätzt das Broselow-Tape das tatsächliche Gewicht bei übergewichtigen Kindern systematisch. Allerdings ist umstritten, ob bei adipösen Kindern nach dem tatsächlichen oder dem idealen Körpergewicht dosiert werden soll – für die meisten Notfallmedikamente wird die Dosierung nach idealem Körpergewicht (also dem Broselow-Gewicht) empfohlen.
  • Unterernährte Kinder: In Populationen mit hoher Prävalenz von Malnutrition überschätzt das Tape das Gewicht.
  • Ethnische Variabilität: Die Körperproportionen variieren zwischen Populationen. Die Genauigkeit kann in nicht-nordamerikanischen Kohorten eingeschränkt sein.

Trotz dieser Limitationen zeigt die verfügbare Evidenz, dass das Broselow-Tape in über 50–65 % der Fälle das Gewicht innerhalb von ±10 % des tatsächlichen Gewichts schätzt und damit anderen Schätzmethoden (insbesondere der reinen Altersschätzung) überlegen oder zumindest gleichwertig ist.

Alternative Methoden der Gewichtsschätzung

Altersbasierte Formeln

Wenn kein Broselow-Tape verfügbar ist, können altersbasierte Formeln als Rückfallstrategie dienen. Die gängigsten:

APLS-Formel (für Kinder 1–10 Jahre):

  • Gewicht (kg) = (Alter in Jahren + 4) × 2

Modifizierte Luscombe-Owens-Formel:

  • Gewicht (kg) = (Alter in Jahren × 3) + 7

Für Säuglinge (0–12 Monate):

  • Gewicht (kg) = (Alter in Monaten + 9) / 2
  • Oder vereinfacht: Geburtsgewicht verdoppelt sich mit 5 Monaten, verdreifacht sich mit 12 Monaten.

Bewertung der Formeln:

Formel Vorteil Nachteil
APLS Einfach, weit verbreitet Unterschätzt Gewicht bei älteren Kindern tendenziell
Luscombe-Owens Genauer für ältere Kinder Weniger verbreitet
Alter in Monaten Nützlich für Säuglinge Setzt bekanntes Alter voraus

Grundproblem aller altersbasierten Formeln: Sie setzen voraus, dass das Alter bekannt ist. In Notfallsituationen mit nicht ansprechbaren Bezugspersonen oder unbegleiteten Kindern ist das Alter oft nicht eruierbar. Zudem korreliert das Alter schlechter mit dem Gewicht als die Körperlänge.

Kindersichere Notfallineale (PAWPER-Tape, Pädiatrisches Notfalllineal)

Neuere Systeme wie das PAWPER-XL-Tape (Pediatric Advanced Weight Prediction in the Emergency Room) versuchen, die Limitationen des Broselow-Tapes zu überwinden, indem sie neben der Körperlänge auch den Habitus (schlank, normal, adipös) berücksichtigen. Die Genauigkeit ist in Studien tendenziell höher als beim klassischen Broselow-Tape, die Anwendung ist jedoch etwas komplexer.

Elternbefragung

Wenn Eltern anwesend und ansprechbar sind, ist die Elternangabe des Gewichts erstaunlich genau – in vielen Studien sogar genauer als altersbasierte Formeln. Die Frage „Wie viel wiegt Ihr Kind?" sollte daher immer gestellt werden, wenn es die Situation zulässt. Vorsicht ist geboten bei sehr aufgeregten Eltern oder wenn die letzte Gewichtsbestimmung lange zurückliegt.

Entscheidungsalgorithmus zur Gewichtsschätzung

Für die Praxis empfiehlt sich folgende Priorisierung:

  1. Tatsächliches Gewicht (Waage, wenn verfügbar und zeitlich vertretbar)
  2. Zuverlässige Elternangabe des letzten gemessenen Gewichts
  3. Längenbasierte Schätzung (Broselow-Tape, PAWPER-Tape)
  4. Altersbasierte Formel (nur als Rückfallstrategie)
  5. Reine klinische Schätzung (ungenaueste Methode – nur als Ultima Ratio)

Dosierungshilfen für pädiatrische Notfallmedikamente

Die korrekte Gewichtsschätzung ist nur der erste Schritt. Anschließend muss das Gewicht in eine korrekte Dosierung umgerechnet werden. Hier sind vorgefertigte Tabellen, Dosierungskarten oder Smartphone-Apps unverzichtbar.

Häufige Notfallmedikamente – Dosierungsübersicht

Reanimation / PALS-Algorithmus:

Medikament Dosierung Maximaldosis Bemerkung
Adrenalin (Epinephrin) IV/IO 0,01 mg/kg (= 0,1 ml/kg der 1:10.000-Lösung) 1 mg Alle 3–5 min wiederholbar
Adrenalin endotracheal 0,1 mg/kg (= 0,1 ml/kg der 1:1.000-Lösung) 2,5 mg Nur wenn IV/IO nicht möglich
Amiodaron IV/IO 5 mg/kg 300 mg (1. Gabe) Bei schockrefraktärem VF/pVT
Lidocain IV/IO 1 mg/kg 100 mg Alternative zu Amiodaron
Atropin IV/IO 0,02 mg/kg 0,5 mg Mindestdosis 0,1 mg
Defibrillation 2 J/kg (1. Schock), 4 J/kg (weitere) 10 J/kg oder Erwachsenendosis Biphasisch
Kardioversion (synchronisiert) 0,5–1 J/kg (initial), 2 J/kg (eskaliert) Bei SVT, VT mit Puls

Atemweg und Anaphylaxie:

Medikament Dosierung Maximaldosis Bemerkung
Adrenalin IM (Anaphylaxie) 0,01 mg/kg der 1:1.000-Lösung 0,5 mg M. vastus lateralis, alle 5–15 min wiederholbar
Salbutamol vernebelt 2,5 mg (<20 kg) / 5 mg (>20 kg) Bei Bronchospasmus
Prednisolon PO/IV 1–2 mg/kg 60 mg Bei Krupp, Asthma, Anaphylaxie
Dexamethason PO/IV 0,15–0,6 mg/kg 16 mg Bei Krupp bevorzugt
Ipratropiumbromid vernebelt 250 µg (<20 kg) / 500 µg (>20 kg) Zusätzlich zu Salbutamol bei schwerem Asthma

Krampfanfall / Status epilepticus:

Medikament Dosierung Maximaldosis Bemerkung
Midazolam buccal/intranasal 0,2 mg/kg 10 mg Erstlinientherapie präklinisch
Midazolam IV/IO 0,1 mg/kg 5 mg Wenn Zugang vorhanden
Diazepam rektal 0,5 mg/kg 20 mg Alternative, wenn Midazolam nicht verfügbar
Levetiracetam IV 40–60 mg/kg 3000 mg Über 15 min, Zweitlinientherapie
Phenobarbital IV 20 mg/kg 1000 mg Über 20 min, bei Versagen der Erstlinientherapie

Weitere wichtige Notfallmedikamente:

Medikament Dosierung Bemerkung
Glukose (10 %) IV 2–5 ml/kg Bei Hypoglykämie; bei Neugeborenen: 2 ml/kg G10 %
NaCl 0,9 % Bolus 20 ml/kg Über 5–20 min; bei Sepsis/Schock, nach Reassessment wiederholen
Adenosin IV 0,1 mg/kg (1. Gabe), 0,2 mg/kg (2. Gabe) Maximaldosis 6 mg / 12 mg; schneller Bolus mit Flush
Naloxon IV/IM/IN 0,1 mg/kg Maximaldosis 2 mg; bei Opioid-Intoxikation

Praxistipp: Verdünnungen und Fehlervermeidung

Ein häufiger und potenziell fataler Fehler ist die Verwechslung von Adrenalin-Konzentrationen:

  • 1:1.000 (1 mg/ml): Für die IM-Gabe bei Anaphylaxie und die endotracheale Applikation
  • 1:10.000 (0,1 mg/ml): Für die IV/IO-Gabe bei Reanimation

Die AHA-Leitlinie empfiehlt konsequent die Angabe in mg/kg statt in Verdünnungsverhältnissen, um Verwechslungen zu minimieren. Trotzdem muss im Team klar kommuniziert werden, welche Konzentration aufgezogen wird.

Weitere Strategien zur Fehlervermeidung:

  • Medikamente möglichst anhand vorgefertigter Dosierungstabellen oder -karten dosieren, nicht im Kopf rechnen
  • Closed-Loop-Kommunikation: Dosierung ansagen, vom Zubereitenden wiederholen lassen, vor Applikation nochmals bestätigen
  • Auf sogenannte „10-fach-Fehler" achten – die häufigste Fehlerart bei pädiatrischen Dosierungen (Kommastellenfehler)
  • Wenn möglich, standardisierte Spritzen mit vorbereiteten Verdünnungen verwenden

Equipmentgrößen nach Gewicht

Neben Medikamentendosierungen liefert das Broselow-Tape auch Empfehlungen zur Auswahl der richtigen Equipmentgröße. Die wichtigsten Orientierungswerte:

Tubusgröße (ohne Cuff):

  • Innendurchmesser (mm) = (Alter in Jahren / 4) + 4

Tubusgröße (mit Cuff):

  • Innendurchmesser (mm) = (Alter in Jahren / 4) + 3,5

Laryngoskopspatel:

  • Neugeborene: Miller 0–1 (gerade)
  • Säuglinge: Miller 1 (gerade) oder Macintosh 1
  • Kleinkinder: Macintosh 2
  • Schulkinder: Macintosh 2–3

Larynxmaske (Supraglottischer Atemweg):

Gewicht (kg) LMA-Größe
< 5 1
5–10 1,5
10–20 2
20–30 2,5
30–50 3

IV-Zugang:

  • Neugeborene/Säuglinge: 24–22 G
  • Kleinkinder: 22–20 G
  • Schulkinder: 20–18 G
  • Im Notfall: Intraossärer Zugang (IO) als gleichwertige Alternative bei schwierigem venösem Zugang – Insertionsstelle: proximale Tibia (1 cm medial und distal der Tuberositas tibiae)

Integration in die Teamarbeit

Die beste Dosierungshilfe nützt wenig, wenn sie im Notfall nicht systematisch eingesetzt wird. Bewährte Strategien für den Einsatz im Team:

  • Broselow-Tape im Kindernotfallrucksack standardmäßig vorhalten und dessen Position im Team bekannt machen
  • Farbcodierte Notfallkoffer: Manche Rettungsdienste und Notaufnahmen organisieren pädiatrisches Equipment in Schubladen oder Beuteln, die den Broselow-Farbzonen entsprechen – so greift jedes Teammitglied sofort zum richtigen Material
  • Gewicht als erstes ansagen: Sobald das Tape angelegt ist, wird das geschätzte Gewicht laut an das gesamte Team kommuniziert und auf dem Protokoll vermerkt
  • Dedizierte Rolle „Medikamente": Ein Teammitglied übernimmt ausschließlich die Dosisberechnung und -zubereitung
  • Regelmäßiges Training von pädiatrischen Notfallszenarien im Simulationsformat, um Abläufe zu automatisieren und Fehlerquellen zu identifizieren

Praktisches Training

Die korrekte Anwendung des Broselow-Tapes, die sichere Dosierung pädiatrischer Notfallmedikamente und die strukturierte Versorgung kritisch kranker Kinder lassen sich am effektivsten in realistischen Simulationsszenarien trainieren. Im PALS-Kurs (Pediatric Advanced Life Support) von Simulation Tirol arbeitest du in Kleingruppen systematisch pädiatrische Notfallalgorithmen durch – von der Gewichtsschätzung über die Medikamentendosierung bis zur Teamkommunikation. Das nach AHA-Standards zertifizierte Kursformat verbindet Theorie mit hands-on Übungen, sodass du im Ernstfall auf automatisierte, sichere Abläufe zurückgreifen kannst.

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