Ductus-abhängige Herzfehler: Prostaglandin-E1 im Notfall
Neugeborene mit ductus-abhängigen Vitien können sich akut verschlechtern. Der Artikel erklärt die klinischen Zeichen, die Indikation für Prostaglandin-E1, Dosierung, Nebenwirkungen und die Stabilisierung bis zur Kinderkardiologie.

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA
Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol
Lesezeit ca. 7 Min.

Wenige Situationen in der Neonatologie sind so zeitkritisch wie der drohende Verschluss des Ductus arteriosus bei einem Neugeborenen mit ductus-abhängigem Herzfehler. Was in der Fetalzeit durch offene Shunt-Verbindungen kompensiert wurde, wird postnatal innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen zur lebensbedrohlichen Kreislaufsituation. Die rechtzeitige Gabe von Prostaglandin E1 (PGE1, Alprostadil) entscheidet in diesen Fällen über Leben und Tod – und ist eine der wenigen Maßnahmen in der Notfallmedizin, die eine scheinbar aussichtslose Situation komplett umkehren kann. Dieser Artikel vermittelt dir das nötige Wissen, um diese Kinder zu erkennen, die Therapie einzuleiten und sie sicher bis zur kinderkardiologischen Versorgung zu stabilisieren.
Pathophysiologische Grundlagen
Der Ductus arteriosus – von der Lebensrettung zum Problem
Der Ductus arteriosus Botalli ist eine fetale Gefäßverbindung zwischen Truncus pulmonalis und Aorta descendens. In utero leitet er den Großteil des rechtsventrikulären Auswurfs an der noch nicht belüfteten Lunge vorbei direkt in die Aorta. Postnatal führt der steigende Sauerstoffpartialdruck zusammen mit dem Abfall der zirkulierenden Prostaglandine (nach Wegfall der plazentaren Produktion) zum funktionellen Verschluss des Ductus – physiologischerweise innerhalb der ersten 24–72 Lebensstunden.
Bei einer Reihe angeborener Herzfehler ist dieser Verschluss jedoch katastrophal, weil der Ductus die einzige oder wesentliche Verbindung darstellt, über die entweder:
- die Lungenstrombahn perfundiert wird (ductus-abhängige Lungenperfusion), oder
- die Systemperfusion aufrechterhalten wird (ductus-abhängige Systemperfusion), oder
- eine Durchmischung zwischen oxygeniertem und desoxygeniertem Blut stattfindet.
Einteilung der ductus-abhängigen Vitien
Ductus-abhängige Lungenperfusion (Rechts-links-Shunt über den Ductus versorgt die Lunge):
- Pulmonalatresie mit und ohne VSD
- Kritische Pulmonalstenose
- Trikuspidalatresie mit restriktivem VSD
- Fallot-Tetralogie mit schwerer Ausflussobstruktion
- Bestimmte Formen der Ebstein-Anomalie
Ductus-abhängige Systemperfusion (Links-rechts-Shunt über den Ductus versorgt die Aorta descendens):
- Hypoplastisches Linksherzsyndrom (HLHS)
- Kritische Aortenstenose
- Unterbrochener Aortenbogen (Interrupted Aortic Arch)
- Kritische Aortenisthmusstenose (Coarctation)
Ductus-abhängige Durchmischung:
- Transposition der großen Arterien (TGA) – hier ist der Ductus zwar nicht die einzige Durchmischungsebene, kann aber die Oxygenierung entscheidend verbessern, bis ein Rashkind-Manöver (Ballonatrioseptostomie) durchgeführt wird.
Klinische Präsentation erkennen
Die Kunst liegt darin, an diese Diagnose zu denken, bevor das Kind in extremis ist. Die Symptome treten typischerweise auf, wenn der Ductus sich zu verschließen beginnt – also häufig am zweiten bis dritten Lebenstag, manchmal aber auch erst nach ein bis zwei Wochen.
Warnsignale bei ductus-abhängiger Lungenperfusion
Hier fehlt die Lungendurchblutung, das Leitsymptom ist die zentrale Zyanose:
- Tiefe Zyanose, die auf Sauerstoffgabe nicht oder kaum anspricht (typisches Merkmal!)
- Tachypnoe, jedoch oft ohne massive Dyspnoe (die Lunge selbst ist ja gesund)
- Pulsoxymetrie: SpO₂-Werte zwischen 40–70 %, die sich auch unter 100 % O₂ kaum bessern
- Im Verlauf: metabolische Azidose, Laktatanstieg
Warnsignale bei ductus-abhängiger Systemperfusion
Hier fehlt die Körperperfusion – das Kind sieht aus wie im kardiogenen Schock:
- Grau-blasses Hautkolorit, marmoriert, kaltschweißig
- Schwache oder fehlende Femoralispulse (insbesondere bei Coarctation und IAA)
- Tachykardie, Tachypnoe
- Hepatomegalie
- Oligurie bis Anurie
- Rasch progrediente metabolische Azidose, Laktat oft > 10 mmol/l
- Blutdruckdifferenz zwischen oberer und unterer Extremität (> 10 mmHg systolisch, bei Coarctation/IAA)
Der Hyperoxietest als diagnostisches Werkzeug
Ein einfaches, aber wertvolles Werkzeug zur Unterscheidung pulmonaler von kardialer Zyanose ist der Hyperoxietest:
- Das Neugeborene wird für 10 Minuten mit 100 % O₂ beatmet/versorgt
- Pulmonale Ursache: PaO₂ steigt in der Regel deutlich über 150 mmHg
- Kardiale Ursache (Rechts-links-Shunt): PaO₂ bleibt typischerweise unter 100 mmHg, häufig unter 60 mmHg
- Cave: Bei Mischvitien können Zwischenwerte auftreten
Ergänzend ist das prä- und postduktale Pulsoxymetrie-Screening essenziell: Eine Sättigungsdifferenz > 3 % zwischen rechter Hand (präduktal) und Fuß (postduktal) ist verdächtig auf einen ductus-abhängigen Herzfehler oder eine persistierende pulmonale Hypertonie.
Prostaglandin E1 – Pharmakologie und Dosierung
Wirkmechanismus
Alprostadil (Prostaglandin E1) wirkt direkt auf die glatte Muskulatur der Ductuswand. Es bindet an EP₂- und EP₄-Rezeptoren und führt über eine cAMP-vermittelte Relaxation zur Dilatation bzw. Wiedereröffnung des Ductus arteriosus. Die Wirkung tritt in der Regel innerhalb von 15–30 Minuten ein, bei bereits verschlossenem Ductus kann es jedoch länger dauern oder in seltenen Fällen unwirksam bleiben.
Dosierung
Die Dosierung von Prostaglandin E1 erfolgt als kontinuierliche intravenöse Infusion (alternativ über einen Nabelvenenkatheter):
| Situation | Dosierung |
|---|---|
| Startdosis | 0,01–0,05 µg/kg/min |
| Akute Notfallsituation (Kind in extremis) | Beginn mit 0,05–0,1 µg/kg/min |
| Erhaltungsdosis (nach Ansprechen) | 0,01–0,02 µg/kg/min (auf niedrigste wirksame Dosis titrieren) |
Praktische Zubereitung (Beispiel):
- 1 Ampulle Alprostadil à 500 µg in 50 ml NaCl 0,9 % aufziehen → Konzentration: 10 µg/ml
- Bei einem 3,5 kg schweren Neugeborenen und einer Zieldosis von 0,05 µg/kg/min:
- 0,05 × 3,5 = 0,175 µg/min = 0,0175 ml/min = 1,05 ml/h
Wichtig: Verschiedene Kliniken und Länder verwenden unterschiedliche Zubereitungsstandards. Verwende grundsätzlich die in deiner Institution etablierten Standardverdünnungen und Dosierungstabellen, um Fehler zu vermeiden.
Therapieziele
- Bei ductus-abhängiger Lungenperfusion: Anstieg der SpO₂ auf 75–85 % (nicht höher nötig – diese Kinder haben Ein-Kammer-Physiologie oder Parallelkreisläufe)
- Bei ductus-abhängiger Systemperfusion: Verbesserung der peripheren Perfusion, Rückgang der metabolischen Azidose, tastbare Femoralispulse, Anstieg der Urinproduktion
Nebenwirkungen und Komplikationsmanagement
PGE1 ist ein hochwirksames, aber nebenwirkungsreiches Medikament. Du musst auf folgende Komplikationen vorbereitet sein:
Apnoe – die häufigste und gefährlichste Nebenwirkung
- Tritt bei 10–12 % der Neugeborenen auf, besonders bei Frühgeborenen und bei höheren Dosierungen
- Typischerweise innerhalb der ersten Stunde nach Therapiebeginn
- Konsequenz: Intubationsbereitschaft ist obligat! Material in passender Größe und eine Person mit Intubationskompetenz müssen griffbereit sein
- Viele Zentren empfehlen die prophylaktische Intubation vor einem Transportvorhaben unter PGE1
Weitere Nebenwirkungen
- Hypotension: PGE1 ist ein potenter Vasodilatator. Volumengabe (10 ml/kg NaCl 0,9 % als Bolus) und ggf. Katecholamine bereithalten
- Fieber/Temperaturinstabilität: Häufig, durch PGE1-Wirkung auf das Thermoregulationszentrum – kein Grund, die Infusion zu stoppen
- Bradykardie: Seltener, aber relevant – Monitoring obligat
- Thrombozytopenie: Bei längerer Anwendung
- Kortikale Hyperostose: Nur bei Langzeittherapie über Wochen relevant
- Nekrotisierende Enterokolitis (NEC): Selten, aber beschrieben, besonders bei ductus-abhängiger Systemperfusion mit bereits kompromittierter Mesenterialperfusion
Stabilisierung bis zur Kinderkardiologie
Erstmaßnahmen – strukturiert vorgehen
Wenn du den Verdacht auf einen ductus-abhängigen Herzfehler hast, folge diesem Schema:
Atemweg sichern, Oxygenierung optimieren
- Sauerstoff vorsichtig einsetzen: Bei ductus-abhängiger Systemperfusion kann zu viel O₂ den pulmonalen Widerstand senken und ein „pulmonales Steal"-Phänomen verursachen → Ziel-SpO₂ 75–85 %
- Intubationsbereitschaft herstellen (wegen Apnoe-Risiko unter PGE1)
Venösen Zugang etablieren
- Periphere Verweilkanüle oder Nabelvenenkatheter
- Nabelvenenkatheter hat den Vorteil des schnellen Zugangs und der sicheren PGE1-Applikation
PGE1-Infusion starten
- Startdosis 0,05 µg/kg/min bei klinisch instabilem Kind
- Klinisches Ansprechen innerhalb von 15–30 Minuten erwarten
Monitoring etablieren
- Prä- und postduktale Pulsoxymetrie (rechte Hand + Fuß)
- EKG-Monitoring
- Blutdruckmessung an allen vier Extremitäten (wenn möglich)
- Temperatur
Labordiagnostik
- BGA (arteriell oder kapillär): pH, Laktat, Base Excess
- BZ (Neugeborene sind hypoglykämiegefährdet!)
- Blutbild, Elektrolyte, Kreatinin
- Blutgruppe und Kreuzprobe (für eventuelle OP)
Echokardiographie anfordern
- Die definitive Diagnose erfolgt echokardiographisch
- Wenn keine Echokardiographie vor Ort verfügbar: PGE1-Gabe bei begründetem Verdacht NICHT verzögern!
Kontakt zum Kinderherzzentrum
- Frühzeitig Rücksprache halten
- Transport unter PGE1-Infusion organisieren
Dos and Don'ts bei der Stabilisierung
Dos:
- PGE1 starten bei begründetem klinischem Verdacht – lieber einmal zu viel als zu spät
- Intubationsbereitschaft sicherstellen, bevor PGE1 läuft
- Wärmeschutz beachten (Neugeborene kühlen rasch aus)
- Eltern informieren – auch in der Notfallsituation
- An Begleitpathologien denken: Hypoglykämie, Hypokalzämie, Koagulopathie
Don'ts:
- Hochdosierten Sauerstoff bei Verdacht auf ductus-abhängige Systemperfusion blind applizieren
- PGE1 wegen Nebenwirkungen (Fieber, leichte Hypotension) vorschnell absetzen
- Auf die Echokardiographie warten, bevor man PGE1 startet, wenn das Kind klinisch dekompensiert
- Das Kind ohne Intubationsmöglichkeit auf den Transport schicken
Differenzialdiagnosen nicht vergessen
Nicht jedes zyanotische oder schockige Neugeborene hat einen Herzfehler. Bevor du dich auf die kardiale Diagnose fixierst, denke differenzialdiagnostisch an:
- Neonatale Sepsis – kann identisch aussehen (grau, marmoriert, metabolische Azidose). Im Zweifel: PGE1 starten UND antibiotisch behandeln
- Persistierende pulmonale Hypertonie (PPHN) – hier hilft Sauerstoff häufig besser, die Pulsoxymetrie zeigt typischerweise eine prä-/postduktale Differenz
- Pneumothorax – klinisch und sonographisch ausschließen
- Metabolische Erkrankungen – z. B. kongenitale Nebennierenhyperplasie (Salzverlustkrise), Stoffwechseldefekte
- Ductus-unabhängige Herzfehler – z. B. totale Lungenvenenfehlmündung mit Obstruktion (hier hilft PGE1 nicht, kann sogar schaden)
Eine pragmatische Herangehensweise in der Akutsituation: Wenn ein Neugeborenes in den ersten Lebenstagen eine therapierefraktäre Zyanose oder einen kardiogenen Schock zeigt, beginne mit PGE1, starte parallel eine empirische Antibiose und suche aktiv nach behandelbaren Ursachen.
Besonderheiten bei der Transposition der großen Arterien
Die TGA nimmt eine Sonderstellung ein: Hier existieren zwei parallel geschaltete Kreisläufe, die ohne Durchmischung nicht mit dem Leben vereinbar sind. Der Ductus allein reicht oft nicht für eine ausreichende Durchmischung – das Foramen ovale und ein etwaiger VSD sind häufig die entscheidenden Verbindungen.
- PGE1 kann die Situation verbessern, reicht aber möglicherweise nicht aus
- Bei persistierender schwerer Zyanose trotz PGE1: Rashkind-Ballonatrioseptostomie (Notfall-BAS) – diese muss am Kinderherzzentrum durchgeführt werden
- Transport ist hier besonders dringlich
Dokumentation und Übergabe
Für die Übergabe an das Kinderherzzentrum oder den Transportdienst sind folgende Informationen essenziell:
- Zeitpunkt des Symptombeginns und klinischer Verlauf
- Prä- und postduktale Sättigungswerte (vor und nach PGE1)
- PGE1-Dosis und Ansprechen (zeitlich dokumentiert)
- Atemwegssituation: spontanatmend oder intubiert, FiO₂
- Aktuelle BGA-Werte inklusive Laktat
- Volumenstatus: verabreichte Bolusgaben, Urinproduktion
- Echokardiographie-Befund (falls vorhanden)
Praktisches Training
Ductus-abhängige Herzfehler gehören zu den seltenen, aber hochkritischen Situationen in der Versorgung von Neugeborenen. Die Entscheidung zur PGE1-Gabe, das Management der Apnoe als Nebenwirkung und die strukturierte Stabilisierung bis zum Transport lassen sich am besten in realistischen Simulationsszenarien trainieren. Im PALS-Kurs von Simulation Tirol – nach den Richtlinien der American Heart Association – übst du genau solche Szenarien praxisnah im Team: vom Erkennen des kritisch kranken Neugeborenen über die medikamentöse Therapie bis zur strukturierten Übergabe. So bist du vorbereitet, wenn es wirklich darauf ankommt.
Du willst das praktisch trainieren?
In unserem PALS-Kurs (Pediatric Advanced Life Support) übst du dieses Thema hands-on mit High-Tech-Simulatoren und erfahrenen Instruktor:innen.
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