ACLS

Awareness-Pause bei Reanimation: Rhythmusanalyse richtig timen

Im ACLS-Algorithmus sind die Pausen für Rhythmusanalysen kritisch für das Outcome. Der Artikel erklärt, wie man Hands-off-Zeiten minimiert, wann der Rhythmus-Check erfolgen soll und welche häufigen Timing-Fehler vermieden werden müssen.

Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol

Lesezeit ca. 8 Min.

Jede Sekunde ohne Thoraxkompressionen während einer Reanimation senkt die Überlebenswahrscheinlichkeit. Was in der Theorie simpel klingt, wird in der Praxis zu einer der größten Herausforderungen im ACLS-Algorithmus: Die Balance zwischen notwendiger Rhythmusanalyse und maximaler Kompressionszeit. Die sogenannte Hands-off-Zeit – also jene Zeitspanne, in der keine Thoraxkompressionen durchgeführt werden – ist ein unabhängiger Prädiktor für das Outcome nach Herzstillstand. Trotzdem zeigen Studien und Simulationsdaten immer wieder, dass selbst erfahrene Teams unnötig lange Pausen einlegen, oft ohne sich dessen bewusst zu sein. Dieser Artikel beleuchtet die evidenzbasierte Grundlage für optimales Timing der Rhythmusanalyse, häufige Fehlerquellen und konkrete Strategien, um die Hands-off-Zeit auf ein Minimum zu reduzieren.

Warum jede Sekunde zählt: Die Physiologie hinter der Hands-off-Zeit

Thoraxkompressionen erzeugen einen koronaren Perfusionsdruck (CPP), der entscheidend für die myokardiale Durchblutung und damit für den Erfolg einer Defibrillation ist. Dieser Perfusionsdruck baut sich mit jeder Kompression schrittweise auf – und fällt bei Unterbrechung nahezu sofort ab. Nach einer Pause von nur zehn Sekunden dauert es mehrere Kompressionszyklen, bis ein adäquater CPP wieder erreicht wird.

Die Konsequenzen sind klinisch relevant:

  • Perfusionsdruck-Verlust: Der CPP fällt innerhalb weniger Sekunden nach Kompressionsunterbrechung unter die kritische Schwelle von ca. 15 mmHg, die für eine erfolgreiche Defibrillation notwendig ist.
  • Defibrillationserfolg: Jede Sekunde Prä-Schock-Pause (die Pause unmittelbar vor der Defibrillation) reduziert die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Konversion um etwa 5–10 %.
  • Überlebensrate: Registerdaten zeigen einen linearen Zusammenhang zwischen kumulativer Hands-off-Zeit und Mortalität. Eine Chest Compression Fraction (CCF) unter 60 % ist mit signifikant schlechteren Outcomes assoziiert.

Die aktuelle AHA-Leitlinie empfiehlt eine CCF von mindestens 80 %, idealerweise über 80 %. Das bedeutet: In jeder Minute der Reanimation sollten mindestens 48 Sekunden lang Thoraxkompressionen durchgeführt werden.

Der ACLS-Algorithmus: Wann ist der Rhythmus-Check vorgesehen?

Im standardisierten ACLS-Algorithmus sind Rhythmusanalysen an definierten Zeitpunkten vorgesehen. Dennoch kommt es in der Praxis häufig zu zusätzlichen, nicht indizierten Unterbrechungen. Die klare Struktur des Algorithmus hilft, diese zu vermeiden.

Der 2-Minuten-Zyklus als Taktgeber

Der ACLS-Algorithmus sieht folgende Rhythmus-Checks vor:

  1. Initialer Rhythmus-Check: Unmittelbar nach Feststellen des Kreislaufstillstands – während die Defibrillator-Pads angelegt werden, laufen die Kompressionen.
  2. Nach jedem 2-Minuten-Zyklus: Alle zwei Minuten (entspricht ca. fünf Zyklen à 30:2 bei nicht gesichertem Atemweg) wird der Rhythmus analysiert.
  3. Kein Rhythmus-Check nach dem Schock: Nach Abgabe einer Defibrillation wird sofort mit Kompressionen weitergemacht – ohne Rhythmus-Check, ohne Pulskontrolle.

Dieser letzte Punkt ist ein häufiger Stolperstein: Viele Teams neigen dazu, nach der Schockabgabe „kurz nachzusehen", ob der Rhythmus konvertiert hat. Diese intuitive Handlung ist nicht evidenzbasiert und kostet wertvolle Sekunden. Selbst wenn die Defibrillation erfolgreich war, profitiert das Myokard von sofortigen Kompressionen, da der postkonvertierte Rhythmus initial häufig hämodynamisch instabil ist.

Zeitbudget für den Rhythmus-Check

Die aktuelle Empfehlung sieht vor, den gesamten Rhythmus-Check – inklusive visueller Analyse und Entscheidung über schockbar vs. nicht schockbar – in weniger als zehn Sekunden durchzuführen. Das Zeitbudget verteilt sich so:

  • Kompressionen stoppen und Monitor beurteilen: maximal 5 Sekunden
  • Entscheidung treffen (schockbar / nicht schockbar): maximal 2–3 Sekunden
  • Bei schockbarem Rhythmus: Laden und Schockabgabe während laufender Kompressionen (Pre-Charge-Strategie, siehe unten)
  • Pulskontrolle nur bei organisiertem Rhythmus, dann maximal 10 Sekunden

Die Pre-Charge-Strategie: Laden während der Kompressionen

Eine der wirksamsten Strategien zur Minimierung der Prä-Schock-Pause ist das sogenannte Pre-Charging. Dabei wird der Defibrillator bereits gegen Ende des 2-Minuten-Zyklus geladen – während die Thoraxkompressionen noch laufen.

Ablauf der Pre-Charge-Strategie

  1. Ca. 15–30 Sekunden vor Ende des 2-Minuten-Zyklus: Der Teamleader kündigt an: „In 15 Sekunden Rhythmus-Check, Defibrillator laden."
  2. Defibrillator wird geladen: Während die Kompressionen weiterlaufen.
  3. Kompressionen stoppen: Kurzes Fenster für die Rhythmusanalyse.
  4. Schockbarer Rhythmus → Sofortige Schockabgabe: Die Prä-Schock-Pause beträgt so oft unter drei Sekunden.
  5. Nicht schockbarer Rhythmus → Energie verwerfen: Der Defibrillator wird entladen (Abrüstfunktion) und die Kompressionen werden sofort fortgesetzt.

Durch diese Strategie lässt sich die Prä-Schock-Pause in Studien auf unter fünf Sekunden reduzieren – im Vergleich zu durchschnittlich 15–30 Sekunden ohne Pre-Charging. Das klingt nach einem kleinen Unterschied, hat aber über den Verlauf einer Reanimation kumulativ erhebliche Auswirkungen.

Sicherheitsaspekte beim Pre-Charging

Ein häufiges Gegenargument ist die Sorge um die Sicherheit des komprimierenden Teammitglieds. Bei Verwendung von Klebepads (Self-Adhesive Pads) – die ohnehin Standard sein sollten – besteht kein relevantes Risiko für den Helfenden, solange während der Schockabgabe selbst kein Patientenkontakt besteht. Das Laden allein stellt kein Sicherheitsrisiko dar.

Häufige Timing-Fehler bei der Rhythmusanalyse

In Simulationstrainings und Real-World-Analysen zeigen sich immer wieder dieselben Fehlerquellen, die zu unnötig langen Hands-off-Zeiten führen:

1. Der „Post-Schock-Check"

Fehler: Nach der Defibrillation wird sofort der Rhythmus kontrolliert, anstatt mit Kompressionen fortzufahren.

Warum das problematisch ist: Ein ROSC (Return of Spontaneous Circulation) ist unmittelbar nach dem Schock oft noch nicht nachweisbar, selbst wenn die Defibrillation erfolgreich war. Zudem besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit einer passageren Asystolie oder PEA direkt nach der Konversion. Sofortige Kompressionen stabilisieren den Rhythmus.

Lösung: Nach jeder Schockabgabe sofort Kompressionen für zwei Minuten, dann erst Rhythmus-Check.

2. Das „diagnostische Zögern"

Fehler: Der Rhythmus-Check dauert zu lange, weil das Team unsicher ist, ob es sich um Kammerflimmern, eine feine Asystolie oder ein Artefakt handelt.

Warum das problematisch ist: Jede Sekunde Diskussion bei liegendem Patienten ohne Kompressionen verschlechtert das Outcome.

Lösung: Die Entscheidung muss binär sein – schockbar oder nicht schockbar. Im Zweifel gilt: Wenn du nicht sicher bist, ob es VF oder Asystolie ist, behandle es als Asystolie (nicht schockbar) und komprimiere. Ein feines Kammerflimmern, das nicht eindeutig zu erkennen ist, wird durch Defibrillation ohnehin selten erfolgreich konvertiert. Kompressionen können die Amplitude vergrößern und einen nachfolgenden Schock erfolgreicher machen.

3. Pulskontrolle zum falschen Zeitpunkt

Fehler: Pulskontrolle bei jedem Rhythmus-Check, unabhängig vom angezeigten Rhythmus.

Warum das problematisch ist: Eine Pulskontrolle ist nur sinnvoll, wenn ein organisierter Rhythmus vorliegt, der potenziell einen Auswurf erzeugen kann. Bei Asystolie oder Kammerflimmern ist eine Pulskontrolle sinnlos und verlängert die Pause unnötig.

Lösung: Pulskontrolle nur bei organisiertem Rhythmus (schmale oder breite Komplexe mit erkennbarer Regelmäßigkeit). Und selbst dann: maximal zehn Sekunden, und bei Unsicherheit sofort weiter komprimieren.

4. Fragmentierte Kommunikation

Fehler: Der Rhythmus-Check wird nicht angekündigt, verschiedene Teammitglieder unterbrechen die Kompressionen zu unterschiedlichen Zeitpunkten, oder es gibt keine klare Ansage, wann die Kompressionen wieder beginnen sollen.

Warum das problematisch ist: Unkoordinierte Unterbrechungen führen zu „schleichenden" Hands-off-Zeiten, die sich über den Verlauf der Reanimation aufsummieren.

Lösung: Strukturierte Ansagen durch den Teamleader (siehe nächster Abschnitt).

5. Die vernachlässigte Wechselpause

Fehler: Der Helferwechsel bei den Kompressionen erfolgt unkoordiniert und erzeugt eine zusätzliche Pause außerhalb des Rhythmus-Checks.

Warum das problematisch ist: Ermüdung führt ab ca. 60–90 Sekunden zu einer messbaren Abnahme der Kompressionstiefe, auch wenn der Helfende dies subjektiv nicht bemerkt. Ein Wechsel ist also notwendig, sollte aber in den Rhythmus-Check integriert werden.

Lösung: Der Helferwechsel findet standardisiert beim 2-Minuten-Rhythmus-Check statt. Der ablösende Helfer positioniert sich bereits vorab.

Strukturierte Kommunikation: Das verbale Protokoll

Effektive Reanimationsteams nutzen standardisierte Ansagen, die den Ablauf takten und Missverständnisse verhindern. Ein bewährtes verbales Protokoll für den Rhythmus-Check sieht so aus:

30 Sekunden vor dem Rhythmus-Check:

„In 30 Sekunden Rhythmus-Check. Nächster Kompressor bitte bereit machen. Defibrillator auf 200 Joule laden."

Beim Rhythmus-Check:

„Kompressionen stoppen – alle Hände weg – Rhythmus beurteilen."

Bei schockbarem Rhythmus:

„Kammerflimmern – Schock wird abgegeben – alle weg vom Patienten – Schock!" Sofort danach: „Kompressionen weiter – jetzt!"

Bei nicht schockbarem Rhythmus:

„Asystolie / PEA – Kompressionen sofort weiter – Adrenalin geben."

Diese Standardisierung reduziert nachweislich die Pausendauer und verbessert die Teamkoordination. In Simulationsstudien konnte die Hands-off-Zeit durch strukturierte Kommunikation um bis zu 50 % reduziert werden.

Monitoring der eigenen Performance: Die CCF als Qualitätsindikator

Moderne Defibrillatoren und CPR-Feedback-Geräte bieten die Möglichkeit, die Chest Compression Fraction in Echtzeit anzuzeigen. Dieser Wert sollte als zentraler Qualitätsindikator während und nach der Reanimation genutzt werden.

Zielwerte

Parameter Zielwert
Chest Compression Fraction (CCF) ≥ 80 %
Prä-Schock-Pause < 10 Sekunden, ideal < 5 Sekunden
Post-Schock-Pause < 5 Sekunden (ideal: keine)
Gesamte Peri-Schock-Pause < 10 Sekunden
Rhythmus-Check-Dauer < 10 Sekunden

Debriefing als Lernwerkzeug

Nach jeder Reanimation sollte ein Debriefing stattfinden, bei dem die registrierten Pausenzeiten besprochen werden. Viele Defibrillator-Systeme zeichnen CPR-Qualitätsdaten auf, die retrospektiv analysiert werden können. Dieses Feedback ist einer der effektivsten Hebel zur Verbesserung der Reanimationsqualität im Team.

Besondere Situationen

Rhythmusanalyse bei Kapnographie

End-tidales CO₂ (etCO₂) liefert kontinuierliche Information über den Kreislaufstatus, ohne die Kompressionen zu unterbrechen. Ein plötzlicher, anhaltender Anstieg des etCO₂ auf über 40 mmHg während der Reanimation kann ein frühes Zeichen für ROSC sein – noch bevor der Rhythmus-Check fällig ist. Dennoch sollte man in diesem Fall nicht reflexhaft die Kompressionen unterbrechen, sondern den nächsten regulären Rhythmus-Check abwarten, es sei denn, der klinische Zustand ändert sich eindeutig (Spontanbewegungen, Gegenwehr gegen den Tubus).

Echokardiographie während der Reanimation

Point-of-Care-Ultraschall kann wertvolle Informationen liefern (Perikardtamponade, Rechtsherzbelastung, Pseudoelektromechanische Dissoziation), darf aber die Kompressionen nicht unnötig verlängern. Wenn Ultraschall eingesetzt wird, sollte das Bildfenster während des Rhythmus-Checks akquiriert werden – nicht als zusätzliche Unterbrechung. Der Schallkopf wird subxiphoidal positioniert und die Bildaufnahme auf die ohnehin bestehende Pause beschränkt.

Intravenöser Zugang und Medikamentengabe

Medikamente sollen die Kompressionen nicht unterbrechen. Adrenalin, Amiodaron und andere ACLS-Medikamente werden während laufender Kompressionen vorbereitet und verabreicht. Die Gabe wird zeitlich an den Algorithmus gekoppelt (Adrenalin alle 3–5 Minuten), aber die Administration selbst erfordert keine Kompressionspause.

Die Awareness-Pause: Bewusstsein schaffen für unbewusste Unterbrechungen

Der Begriff „Awareness-Pause" beschreibt ein Konzept, das über den reinen Rhythmus-Check hinausgeht: Es geht darum, sich als Team bewusst zu machen, dass jede Handlung am Patienten das Potenzial hat, eine Kompressionsunterbrechung auszulösen. Intubation, Zugangsanlage, Umlagerung, Defibrillator-Pad-Korrektur – all diese Maßnahmen können „schleichende" Pausen verursachen, die in der Hektik der Situation niemand registriert.

Die bewusste Kultivierung einer „Hands-on"-Mentalität im Team – bei der Kompressionen als die eine Maßnahme verstanden werden, die niemals ohne triftigen Grund unterbrochen wird – ist ein wesentlicher Bestandteil moderner ACLS-Ausbildung. Jede Unterbrechung muss einen klaren Grund haben, angekündigt werden und so kurz wie möglich gehalten werden.

Dieses Bewusstsein entsteht nicht durch einmaliges Lesen eines Artikels. Es erfordert wiederholtes, reflektiertes Training unter realistischen Bedingungen, bei dem die eigene Performance gemessen und besprochen wird.

Praktisches Training

Die Optimierung der Rhythmusanalyse-Pausen und die Minimierung der Hands-off-Zeit sind Fertigkeiten, die gezielt trainiert werden müssen. Theoretisches Wissen allein reicht nicht aus – erst im simulierten Reanimationsszenario mit Echtzeit-Feedback zu Kompressionsqualität und Pausendauer wird sichtbar, wo die eigenen blinden Flecken liegen. In den ACLS-Kursen von Simulation Tirol trainierst du in realistischen Szenarien mit modernen Simulatoren und CPR-Feedback-Technologie genau diese kritischen Aspekte. Du lernst, die Pre-Charge-Strategie sicher anzuwenden, strukturierte Kommunikation im Team umzusetzen und deine CCF auf das angestrebte Niveau zu bringen. Alle Kurse folgen dem aktuellen AHA-Curriculum und werden von erfahrenen Instruktor:innen begleitet, die auf konstruktives Debriefing Wert legen.

Du willst das praktisch trainieren?

In unserem ACLS-Kurs (Advanced Cardiac Life Support) übst du dieses Thema hands-on mit High-Tech-Simulatoren und erfahrenen Instruktor:innen.

Weitere Artikel

In Kooperation mit

Netzwerk KindersimulationAmerican Heart Association · ERC Guidelines