Anaphylaxie Notfalltherapie: Adrenalin-Dosierung und Algorithmus
Die anaphylaktische Reaktion ist ein zeitkritischer Notfall in Praxis und Klinik. Der Artikel behandelt Stadieneinteilung, Adrenalin-Dosen (intramuskulär vs. intravenös) für Erwachsene und Kinder sowie die Nachbeobachtung bei biphasischen Reaktionen.

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA
Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol
Lesezeit ca. 7 Min.

Die Anaphylaxie gehört zu den zeitkritischsten Notfällen, die dir in Klinik, Praxis oder präklinischer Versorgung begegnen können. Vom Einsetzen der ersten Symptome bis zum Kreislaufstillstand vergehen mitunter nur Minuten. Gleichzeitig zeigen Auswertungen kritischer Ereignisse immer wieder dasselbe Muster: Adrenalin wird zu spät, in falscher Dosierung oder über den falschen Applikationsweg gegeben. Die Konsequenz ist klar – wer Anaphylaxie sicher behandeln will, muss den Algorithmus im Schlaf beherrschen und die Dosierungen für Erwachsene wie Kinder abrufbereit haben. Dieser Artikel liefert dir eine systematische Aufarbeitung von Pathophysiologie, Stadieneinteilung, dem konkreten Behandlungsalgorithmus mit exakten Dosierungen sowie den Besonderheiten biphasischer Reaktionen.
Pathophysiologie im Schnelldurchlauf
Die anaphylaktische Reaktion ist eine akute, systemische Überempfindlichkeitsreaktion, die in den meisten Fällen IgE-vermittelt abläuft (Typ-I-Reaktion nach Coombs und Gell). Mastzellen und basophile Granulozyten degranulieren massiv und setzen Histamin, Tryptase, Prostaglandine, Leukotriene und plättchenaktivierenden Faktor (PAF) frei. Klinisch relevant sind vor allem drei pathophysiologische Achsen:
- Vasodilatation und Permeabilitätssteigerung: Innerhalb weniger Minuten können bis zu 35 % des intravasalen Volumens ins Interstitium versacken. Der resultierende distributive Schock ist die häufigste Todesursache.
- Bronchospasmus: Kontraktion der glatten Bronchialmuskulatur, Schleimhautödem und Hypersekretion führen zu schwerer Atemwegsobstruktion.
- Kardiale Effekte: Direkte Mediatoren-Wirkung auf das Myokard kann eine Tako-Tsubo-ähnliche Kardiomyopathie oder schwere Arrhythmien auslösen (Kounis-Syndrom).
Die Kenntnis dieser drei Achsen erklärt, warum Adrenalin das Medikament der ersten Wahl ist: Es wirkt über α₁-Rezeptoren vasokonstriktorisch, über β₂-Rezeptoren bronchodilatatorisch und über β₁-Rezeptoren positiv inotrop und chronotrop. Kein anderes Einzelmedikament adressiert alle drei Pathomechanismen gleichzeitig.
Stadieneinteilung nach Schweregrad
Die klinische Einteilung der Anaphylaxie folgt einem vierstufigen Modell, das sich an der Systematik nach Ring und Meßmer orientiert. Diese Klassifikation hilft dir, die Dringlichkeit einzuschätzen und die Therapie zu eskalieren.
Grad I – Kutane Reaktion
- Juckreiz, Flush, Urtikaria, Angioödem
- Keine systemischen Zeichen
- Engmaschige Überwachung, Allergenkarenz, Antihistaminika
Grad II – Moderate systemische Reaktion
- Zusätzlich zu kutanen Symptomen: Tachykardie, leichte Hypotension, beginnende Dyspnoe, Übelkeit, Erbrechen
- Adrenalin intramuskulär indiziert
Grad III – Schwere systemische Reaktion (anaphylaktischer Schock)
- Bronchospasmus, ausgeprägte Hypotension (systolisch < 90 mmHg), Bewusstseinstrübung
- Lebensbedrohlich – sofortige aggressive Therapie erforderlich
- Adrenalin i.m. sofort, bei fehlendem Ansprechen i.v.-Gabe erwägen
Grad IV – Kreislaufstillstand
- Atem- und/oder Kreislaufstillstand
- CPR nach AHA-Algorithmus, Adrenalin in Reanimationsdosierung
Praxisrelevanter Hinweis: Die Stadien verlaufen nicht zwingend sequenziell. Eine Anaphylaxie kann ohne vorherige kutane Symptome direkt mit Schock oder Atemwegsobstruktion beginnen – insbesondere bei parenteraler Allergenexposition (z. B. intravenöse Medikamente, Insektenstiche).
Der Behandlungsalgorithmus Schritt für Schritt
Der folgende Algorithmus orientiert sich an den aktuellen Empfehlungen der AHA, des European Resuscitation Council (ERC) und der einschlägigen allergologischen Fachgesellschaften.
Schritt 1: Erkennen und Allergenkarenz
- Infusion stoppen, Insektenstachel entfernen, orale Allergene nicht provozieren
- Zeitpunkt der Exposition dokumentieren
- Hilfe rufen (Notfallteam, Reanimationsteam)
Schritt 2: Adrenalin intramuskulär
Adrenalin i.m. in den anterolateralen Oberschenkel (M. vastus lateralis) ist die First-Line-Therapie ab Grad II. Die Resorption aus dem Oberschenkelmuskel ist deutlich schneller und zuverlässiger als aus dem Deltamuskel oder subkutan.
Dosierungen Adrenalin i.m. (Konzentration 1 mg/ml = 1:1.000):
| Patientengruppe | Dosis | Volumen (1 mg/ml) |
|---|---|---|
| Erwachsene und Jugendliche > 12 Jahre | 0,5 mg | 0,5 ml |
| Kinder 6–12 Jahre | 0,3 mg | 0,3 ml |
| Kinder 6 Monate – 6 Jahre | 0,15 mg | 0,15 ml |
| Säuglinge < 6 Monate | 0,01 mg/kg KG | individuell berechnen |
- Wiederholung alle 5 Minuten bei ausbleibender klinischer Besserung
- Bis zu drei Dosen i.m., bevor auf intravenösen Applikationsweg eskaliert wird
- Dokumentation von Zeitpunkt und Dosis jeder Gabe
Schritt 3: Lagerung
- Grad II–III ohne Atemnot: Trendelenburg-Lagerung (Schocklage) mit Anhebung der Beine um ca. 30°
- Bei vorherrschender Atemnot/Bronchospasmus: Oberkörperhochlagerung
- Schwangere: Linksseitenlage zur Vermeidung des Vena-cava-Kompressionssyndroms
- Bewusstlose mit erhaltener Spontanatmung: stabile Seitenlage
- Kreislaufstillstand: Rückenlage, CPR beginnen
Wichtig: Patient:innen mit Anaphylaxie niemals zum Stehen oder Aufsetzen auffordern. Der abrupte Lagewechsel bei relativem Volumenmangel kann einen fatalen Kreislaufkollaps triggern (sogenanntes „empty ventricle syndrome").
Schritt 4: Sauerstoff und Atemwegsmanagement
- High-Flow-Sauerstoff über Maske mit Reservoir (10–15 l/min), Ziel SpO₂ > 94 %
- Bei Stridor oder drohendem Atemwegsödem: frühzeitige Intubation erwägen – ein ödematöser Larynx wird mit jeder Minute schwerer zu intubieren
- Verneblung von Adrenalin (3–5 mg in 5 ml NaCl 0,9 %) bei isoliertem Larynxödem als Bridging-Maßnahme
- Chirurgischer Atemweg (Koniotomie) als Ultima Ratio vorbereiten
Schritt 5: Volumentherapie
- Großlumiger intravenöser Zugang (mindestens 18 G, besser 16 G), idealerweise zwei Zugänge
- Erwachsene: Kristalloide Vollelektrolytlösung als Bolus 500–1000 ml, rasch infundiert, wiederholbar bis 2–4 Liter in der ersten Stunde
- Kinder: 20 ml/kg KG als Bolus über 10–15 Minuten, wiederholbar
- Kolloide (insbesondere HES) sind bei Anaphylaxie kontraindiziert – sie können selbst Anaphylaxien auslösen
Schritt 6: Adrenalin intravenös (bei refraktärer Anaphylaxie)
Wenn nach zwei bis drei i.m.-Gaben keine hämodynamische Stabilisierung eintritt, ist die intravenöse Gabe indiziert. Die i.v.-Applikation erfordert zwingend ein hämodynamisches Monitoring (mindestens kontinuierliche EKG- und Blutdrucküberwachung).
Adrenalin i.v. – Erwachsene:
- Bolusgabe: 10–20 µg (= 0,01–0,02 mg) langsam i.v. über 1–2 Minuten. Dazu 1 mg Adrenalin in 100 ml NaCl 0,9 % aufziehen (Konzentration 10 µg/ml) und 1–2 ml-weise titrieren.
- Perfusor bei anhaltendem Schock: 0,05–1 µg/kg/min, Titration nach Blutdruck und Herzfrequenz
Adrenalin i.v. – Kinder:
- Bolusgabe: 1 µg/kg KG langsam i.v., titrierend
- Perfusor: 0,1–1 µg/kg/min
Häufiger kritischer Fehler: Die Verwechslung der Konzentrationen. Die i.m.-Gabe erfolgt mit der 1:1.000-Lösung (1 mg/ml), die i.v.-Bolusgabe mit der 1:100.000-Verdünnung (10 µg/ml). Eine versehentliche i.v.-Gabe der unverdünnten 1:1.000-Lösung kann zu letalen Arrhythmien oder hypertensiver Krise führen. Klare Beschriftung und Vier-Augen-Prinzip sind essenziell.
Schritt 7: Adjuvante Medikamente
Die folgenden Medikamente sind Zweitlinientherapie – sie ersetzen Adrenalin nicht, unterstützen aber die Behandlung:
Antihistaminika:
- H₁-Blocker: Dimetinden (Fenistil®) 0,1 mg/kg KG i.v. (Erwachsene: 4–8 mg)
- H₂-Blocker: Ranitidin 50 mg i.v. oder Famotidin 20 mg i.v.
- Die Kombination H₁ + H₂ ist der Monotherapie überlegen
Glukokortikoide:
- Methylprednisolon 1–2 mg/kg KG i.v. oder Prednisolon-Äquivalent
- Wirkungseintritt erst nach 4–6 Stunden – kein Akutmedikament!
- Hauptindikation: Prophylaxe biphasischer Reaktionen (Evidenz hierfür allerdings limitiert)
Bronchospasmolyse:
- Salbutamol vernebelt: 2,5–5 mg über Vernebler bei persistierendem Bronchospasmus
- Ipratropiumbromid 0,5 mg vernebelt als Add-on bei unzureichendem Ansprechen auf β₂-Mimetika
Vasopressin-Analoga bei katecholaminrefraktärem Schock:
- Vasopressin 1–2 IE als Bolus, dann 0,01–0,04 IE/min als Perfusor
- Methylenblau (1–2 mg/kg i.v. über 20 Minuten) als Rescue-Therapie bei therapierefraktärer Vasodilatation – Einzelfallberichte zeigen Wirksamkeit
Glukagon:
- Indikation: Patient:innen unter Betablocker-Therapie mit unzureichendem Ansprechen auf Adrenalin
- Dosis: 1–5 mg i.v. über 5 Minuten, dann 5–15 µg/min als Infusion
- Wirkt über einen katecholaminunabhängigen Mechanismus positiv inotrop und chronotrop
Besonderheiten bei Kindern
Die Anaphylaxie-Therapie bei Kindern folgt demselben Algorithmus, erfordert aber besondere Aufmerksamkeit:
- Gewichtsbasierte Dosierung ist bei allen Medikamenten obligat – Notfalllineale oder Apps (z. B. PedAMINES) reduzieren Dosierungsfehler
- Hypotension zeigt sich bei Kindern erst spät – Tachykardie und Verhaltensänderung (Unruhe, Schläfrigkeit) sind die früheren Warnzeichen
- Intraossärer Zugang (i.o.) frühzeitig erwägen, wenn kein periphervenöser Zugang innerhalb von 60–90 Sekunden gelingt
- Adrenalin-Autoinjektoren für Kinder zwischen 15 und 30 kg enthalten 0,15 mg, ab 30 kg 0,3 mg
Biphasische Reaktionen: Die unterschätzte Gefahr
Biphasische Anaphylaxien treten in etwa 5–20 % der Fälle auf. Dabei kommt es nach initialer klinischer Besserung zu einer erneuten Symptomverschlechterung – typischerweise innerhalb von 1–72 Stunden, mit einem Häufigkeitsgipfel bei 8–12 Stunden nach dem Erstereignis.
Risikofaktoren für biphasische Reaktionen
- Schwere initiale Reaktion (Grad III–IV)
- Verzögerte oder unzureichende Adrenalin-Gabe bei Erstreaktion
- Notwendigkeit von mehr als einer Adrenalin-Dosis
- Unbekanntes oder nicht eliminierbares Allergen
- Anaphylaxie durch oral aufgenommene Allergene (verzögerte Resorption)
Konsequenz: Nachbeobachtung
Die aktuelle Empfehlung sieht folgende Mindest-Nachbeobachtungszeiten vor:
- Grad I: mindestens 4–6 Stunden
- Grad II–III mit raschem Ansprechen auf eine Einzeldosis Adrenalin: mindestens 6–8 Stunden
- Grad III mit multiplen Adrenalin-Gaben, hämodynamischer Instabilität oder bekannten Risikofaktoren: mindestens 24 Stunden stationäre Überwachung
- Grad IV (Reanimation): Intensivstationäre Aufnahme obligat
Während der Nachbeobachtung sind kontinuierliches Monitoring (EKG, SpO₂, nicht-invasive Blutdruckmessung), ein liegender venöser Zugang und sofort verfügbares Adrenalin essenziell.
Dokumentation und Nachsorge
Jede anaphylaktische Reaktion erfordert eine sorgfältige Dokumentation und Nachsorge:
- Tryptase-Bestimmung: Blutentnahme idealerweise 1–2 Stunden nach Symptombeginn sowie ein Basalwert nach 24 Stunden. Die Tryptase-Erhöhung objektiviert die Mastzellaktivierung und hat differenzialdiagnostische sowie forensische Bedeutung.
- Allergiepass: Sofern das auslösende Allergen bekannt oder vermutet wird, sollte ein vorläufiger Allergiepass ausgestellt und die Zuweisung zur allergologischen Abklärung veranlasst werden.
- Adrenalin-Autoinjektror-Verordnung: Jede:r Patient:in nach einer systemischen Anaphylaxie (≥ Grad II) sollte mit mindestens zwei Adrenalin-Autoinjektoren und einem schriftlichen Anaphylaxie-Notfallplan entlassen werden.
- Schulung: Patient:innen und Angehörige müssen in der Handhabung des Autoinjektors praktisch geschult werden – eine rein mündliche Erklärung reicht nachweislich nicht aus.
Häufige Fehler in der Praxis
Abschließend eine Zusammenfassung der häufigsten vermeidbaren Fehler, die in der Aufarbeitung anaphylaktischer Zwischenfälle immer wieder identifiziert werden:
- Adrenalin wird nicht oder zu spät gegeben – oft aus Angst vor Nebenwirkungen. Bei korrekter i.m.-Dosierung ist das Risiko-Nutzen-Verhältnis eindeutig zugunsten der Gabe.
- Falsche Injektionsstelle: Subkutane Gabe oder Injektion in den Deltamuskel führt zu unzuverlässiger Resorption.
- Konzentrationsverwechslung bei i.v.-Gabe (1:1.000 statt 1:100.000).
- Ausschließliche Gabe von Antihistaminika und Kortison ohne Adrenalin – diese Medikamente allein behandeln weder den Schock noch den Bronchospasmus adäquat.
- Zu frühe Entlassung ohne adäquate Nachbeobachtungszeit.
- Aufsetzen oder Aufrichten der Patient:innen nach scheinbarer Besserung.
- Fehlende Nachsorge: Keine Tryptase-Bestimmung, kein Allergiepass, keine Autoinjektror-Verordnung.
Praktisches Training
Die Anaphylaxie ist ein Notfall, bei dem Sekunden zählen und Dosierungsfehler fatale Folgen haben können. Theoretisches Wissen allein reicht nicht – die sichere Anwendung des Algorithmus, das rasche Aufziehen und korrekte Verdünnen von Adrenalin sowie die Teamkommunikation unter Stress müssen regelmäßig praktisch trainiert werden. Im Notfalltraining von Simulation Tirol übst du genau diese Szenarien in realistischer Simulationsumgebung, erhältst direktes Feedback und festigst die Handlungsabläufe, die im Ernstfall Leben retten.
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