PALS

Adrenalindosis bei Kinderreanimation: Berechnung nach Gewicht

Adrenalin ist das zentrale Medikament bei pädiatrischer Reanimation, doch die gewichtsadaptierte Dosierung ist eine häufige Fehlerquelle. Der Artikel erklärt die korrekte Berechnung (10 µg/kg), Verdünnungsschritte, Applikationswege und typische Dosierungsfehler, die in der Stresssituation passieren.

Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol

Lesezeit ca. 8 Min.

Adrenalin ist das einzige Vasopressormedikament, das in den AHA-Leitlinien zur pädiatrischen Reanimation empfohlen wird – und gleichzeitig eines der am häufigsten fehlerhaft dosierten. Der Grund liegt auf der Hand: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Während bei Erwachsenen eine fixe Dosis von 1 mg verabreicht wird, muss bei Kindern jede einzelne Gabe individuell nach Körpergewicht berechnet werden. In einer Reanimationssituation, die ohnehin von maximalem Stress geprägt ist, werden aus Mikrogramm schnell Milligramm, aus einer 1:10.000-Verdünnung eine 1:1.000-Lösung – mit potenziell fatalen Folgen. Dieser Artikel führt dich systematisch durch die korrekte Berechnung, die Verdünnungslogik, die verschiedenen Applikationswege und die typischen Fehlerquellen, die du kennen musst, um sie zu vermeiden.

Pharmakologie von Adrenalin im Reanimationskontext

Adrenalin (Epinephrin) entfaltet seine Wirkung über α- und β-Adrenozeptoren. Im Kontext der Reanimation ist primär der α₁-adrenerge Effekt entscheidend: Die periphere Vasokonstriktion erhöht den diastolischen Aortendruck und damit den koronaren Perfusionsdruck – jenen Parameter, der am stärksten mit dem Erreichen eines Return of Spontaneous Circulation (ROSC) korreliert. Gleichzeitig steigert die β₁-Stimulation Herzfrequenz und Kontraktilität, was nach Wiedererlangen eines Eigenrhythmus relevant wird.

Bei Kindern ist die hämodynamische Ausgangssituation häufig anders als bei Erwachsenen: Pädiatrische Kreislaufstillstände sind überwiegend asphyxiebedingt (Hypoxie, Atemversagen), nicht primär kardial. Das bedeutet, dass die initiale Azidose und Hypoxämie oft ausgeprägter sind. Die Katecholaminwirkung kann dadurch abgeschwächt sein, was die korrekte Dosierung umso wichtiger macht – eine Unterdosierung bleibt wirkungslos, eine Überdosierung kann nach ROSC zu schweren hypertensiven Krisen, Tachyarrhythmien und myokardialer Schädigung führen.

Die Standarddosis: 10 µg/kg intravenös/intraossär

Die AHA-Leitlinie gibt für die pädiatrische Reanimation eine klare Dosierung vor:

  • Intravenös (i.v.) / Intraossär (i.o.): 0,01 mg/kg = 10 µg/kg
  • Maximale Einzeldosis: 1 mg (entspricht der Erwachsenendosis)
  • Wiederholung: alle 3–5 Minuten während des Kreislaufstillstands

Diese Dosis gilt sowohl für schockbare Rhythmen (Kammerflimmern, pulslose ventrikuläre Tachykardie) als auch für nicht-schockbare Rhythmen (Asystolie, pulslose elektrische Aktivität). Der Unterschied liegt im Timing innerhalb des Algorithmus:

  • Nicht-schockbare Rhythmen: Adrenalin so früh wie möglich nach Beginn der CPR
  • Schockbare Rhythmen: Adrenalin nach dem zweiten erfolglosen Schock (also nach dem ersten Zyklus CPR post Schock)

Berechnung Schritt für Schritt

Nehmen wir als Beispiel ein Kind mit einem geschätzten Körpergewicht von 15 kg:

  1. Dosis bestimmen: 10 µg × 15 kg = 150 µg = 0,15 mg
  2. Konzentration der verfügbaren Lösung prüfen: In der Reanimation wird die Verdünnung 1:10.000 (= 0,1 mg/ml) verwendet
  3. Volumen berechnen: 0,15 mg ÷ 0,1 mg/ml = 1,5 ml

Das ergibt eine einfache Faustregel für die 1:10.000-Verdünnung:

Volumen in ml = Körpergewicht in kg × 0,1

Für ein 8-kg-Kind: 0,8 ml. Für ein 25-kg-Kind: 2,5 ml. Für ein 35-kg-Kind: 3,5 ml – aber Achtung: Die Maximaldosis von 1 mg (= 10 ml der 1:10.000-Lösung) darf nicht überschritten werden. Ab einem Gewicht von 100 kg wäre rechnerisch mehr als 1 mg nötig – hier greift die Deckelung.

Verdünnungslogik: 1:1.000 vs. 1:10.000

Hier liegt eine der gefährlichsten Fehlerquellen der pädiatrischen Notfallmedizin. Adrenalin ist kommerziell üblicherweise in der Konzentration 1:1.000 (= 1 mg/ml) verfügbar. Für die intravenöse Reanimationsgabe muss diese Lösung 1:10 verdünnt werden, um die Konzentration 1:10.000 (= 0,1 mg/ml) zu erreichen.

Praktische Verdünnung

  1. Ziehe 1 ml Adrenalin 1:1.000 (= 1 mg) in eine 10-ml-Spritze auf
  2. Fülle mit 9 ml NaCl 0,9 % auf 10 ml Gesamtvolumen auf
  3. Ergebnis: 10 ml mit einer Konzentration von 0,1 mg/ml (1:10.000)

Diese Verdünnung hat mehrere Vorteile:

  • Das zu applizierende Volumen ist größer und damit präziser zu dosieren (0,8 ml statt 0,08 ml)
  • Die Gefahr einer 10-fachen Überdosierung durch Verwechslung der Konzentration sinkt
  • Der anschließende Flush ist bei größerem Applikationsvolumen effektiver

Beschriftung ist nicht optional

Jede aufgezogene Spritze muss sofort beschriftet werden: Wirkstoff, Konzentration, Zeitpunkt der Zubereitung. In der Hektik einer Kinderreanimation liegen häufig mehrere Spritzen am Arbeitsplatz – eine Verwechslung zwischen unverdünntem (1:1.000) und verdünntem (1:10.000) Adrenalin bedeutet eine zehnfache Überdosierung.

Gewichtsschätzung: Wenn die Waage fehlt

Im Notfall ist das tatsächliche Körpergewicht selten bekannt. Verschiedene Methoden stehen zur Schätzung zur Verfügung, jede mit spezifischen Limitationen:

Längenbasierte Schätzsysteme (Broselow-Band)

Das Broselow-Band ist ein farbcodiertes Maßband, das anhand der Körperlänge das geschätzte Gewicht und die daraus abgeleiteten Medikamentendosen anzeigt. Es bietet eine rasche, standardisierte Orientierung und reduziert Rechenaufwand in der Akutsituation. Die Limitation: Bei adipösen Kindern kann das Band das Gewicht unterschätzen, bei chronisch kranken oder dystrophen Kindern überschätzen.

Altersbasierte Formeln

Für Kinder zwischen 1 und 10 Jahren wird häufig folgende Näherungsformel verwendet:

Gewicht (kg) = (Alter in Jahren + 4) × 2

Ein 6-jähriges Kind hätte demnach ein geschätztes Gewicht von (6 + 4) × 2 = 20 kg, was einer Adrenalindosis von 200 µg = 2 ml der 1:10.000-Lösung entspricht.

Diese Formel ist ein Kompromiss – sie ist leicht merkbar, aber unpräzise. Im Zweifelsfall gilt: Lieber mit einem konservativ geschätzten Gewicht rechnen als in der Stresssituation gar nicht dosieren.

Elternangabe

Falls Eltern oder Betreuungspersonen anwesend sind, frag nach dem Gewicht. Die Elternangabe ist nach aktueller Evidenz eine der zuverlässigsten Quellen für das Körpergewicht – zuverlässiger als die meisten Schätzformeln.

Applikationswege und ihre Besonderheiten

Intravenös (i.v.)

Der bevorzugte Zugang, sofern bereits vorhanden. Bei Kindern im Kreislaufstillstand ist die periphere Venenpunktion jedoch oft extrem schwierig (kollabierte Venen, Zentralisation). Wenn kein i.v.-Zugang innerhalb von 60 Sekunden etabliert werden kann, sollte sofort auf den intraossären Zugang gewechselt werden.

Flush: Nach jeder Adrenalingabe über einen peripheren Zugang sollte ein Flush mit mindestens 5 ml NaCl 0,9 % erfolgen, um das Medikament zentral zu transportieren. Bei einem intraossären Zugang gilt dasselbe.

Intraossär (i.o.)

Der intraossäre Zugang ist der Standard-Alternativzugang in der pädiatrischen Reanimation. Die Dosierung ist identisch zur intravenösen Gabe: 10 µg/kg. Die Bioverfügbarkeit über den i.o.-Zugang ist mit der i.v.-Gabe vergleichbar, der Wirkeintritt nur geringfügig verzögert.

Typische Punktionsstellen:

  • Proximale Tibia (bevorzugt bei Säuglingen und Kleinkindern)
  • Distale Tibia (medialer Malleolus)
  • Distaler Femur (bei älteren Kindern)
  • Proximaler Humerus (bei Jugendlichen)

Endotracheal (e.t.)

Die endotracheale Gabe von Adrenalin wird in den aktuellen AHA-Leitlinien nicht mehr als Routinealternative empfohlen. Die Resorption ist unzuverlässig, die erreichbaren Plasmaspiegel sind nicht vorhersagbar. Falls kein anderer Zugangsweg möglich ist und die endotracheale Route als ultima ratio gewählt wird, beträgt die Dosis 100 µg/kg (das Zehnfache der i.v.-Dosis), verdünnt in 3–5 ml NaCl 0,9 %.

Diese Dosis wird direkt über den Endotrachealtubus appliziert, gefolgt von mehreren Beatmungshüben zur Verteilung in der Lunge.

Hochdosis-Adrenalin: Keine Indikation in der Reanimation

Historisch wurde die „Hochdosis-Adrenalin"-Strategie (100 µg/kg i.v.) untersucht, da man sich davon eine höhere ROSC-Rate erhoffte. Mehrere Studien, darunter randomisierte kontrollierte Studien bei Kindern, konnten keinen Überlebensvorteil nachweisen. Im Gegenteil: Die Hochdosis war mit schlechteren neurologischen Outcomes assoziiert. Die AHA-Leitlinie empfiehlt daher ausdrücklich keine Hochdosis-Adrenalin in der Routinereanimation. Die Dosis bleibt bei 10 µg/kg i.v./i.o., Maximaldosis 1 mg.

Typische Dosierungsfehler und wie du sie vermeidest

Fehler 1: Verwechslung der Konzentration

Der häufigste und gefährlichste Fehler. Die Ampulle mit 1:1.000 (1 mg/ml) wird ohne Verdünnung appliziert → zehnfache Überdosis.

Prävention: Immer verdünnen. Immer beschriften. Im Team laut kommunizieren: „Ich gebe Adrenalin 1:10.000, Dosis 150 Mikrogramm, 1,5 ml."

Fehler 2: Einheitenverwechslung (µg vs. mg)

10 µg/kg vs. 10 mg/kg – ein Faktor 1.000. In der Hektik werden Mikrogramm und Milligramm verwechselt, besonders bei mündlicher Kommunikation.

Prävention: Standardisierte Kommunikation. Am besten die Dosis sowohl in Mikrogramm als auch im Volumen der zubereiteten Lösung angeben: „150 Mikrogramm, das sind 1,5 ml unserer 1:10.000-Lösung."

Fehler 3: Falsches Gewicht

Die Gewichtsschätzung weicht erheblich vom tatsächlichen Gewicht ab. Bei einem 3 Jahre alten Kind kann das geschätzte Gewicht zwischen 12 und 18 kg variieren – das bedeutet eine Dosierungsbreite von 120 bis 180 µg.

Prävention: Die therapeutische Breite von Adrenalin in der Reanimationsdosis ist relativ groß. Eine moderate Abweichung (± 20 %) ist klinisch tolerabel. Wichtiger als die perfekte Dosis ist die rechtzeitige Gabe.

Fehler 4: Zeitverzögerung durch Berechnung

Das Team verbringt wertvolle Minuten mit der Berechnung der Dosis, während die CPR-Qualität leidet.

Prävention: Vorbereitete Dosierungstabellen (ausgedruckt oder digital) am Reanimationsarbeitsplatz. Viele Kliniken nutzen gewichtsbasierte Notfalltabellen oder Apps, die alle relevanten Dosierungen auf einen Blick anzeigen. Das Broselow-Band liefert die Dosis direkt ab.

Fehler 5: Vergessener Flush

Das Adrenalin wird über den peripheren Zugang appliziert, aber kein Flush gegeben. Das Medikament verbleibt großteils im Schlauchsystem und erreicht den zentralen Kreislauf nicht.

Prävention: Nach jeder Medikamentengabe über einen peripheren oder intraossären Zugang: mindestens 5 ml NaCl 0,9 % als Bolus nachspülen. Bei Säuglingen kann das Flush-Volumen auf 2–3 ml reduziert werden, um eine Volumenüberladung zu vermeiden.

Dokumentation und Closed-Loop-Kommunikation

In einer pädiatrischen Reanimation ist die Closed-Loop-Kommunikation kein Nice-to-have, sondern eine Sicherheitsmaßnahme. Der Ablauf für jede Adrenalingabe sollte folgendermaßen aussehen:

  1. Teamleader ordnet an: „Bitte Adrenalin 10 Mikrogramm pro Kilo, bei geschätzten 15 Kilo sind das 150 Mikrogramm, 1,5 ml der 1:10.000-Lösung i.v."
  2. Medikamentenverantwortliche:r bestätigt: „Verstanden, Adrenalin 150 Mikrogramm, 1,5 ml 1:10.000, i.v., wird vorbereitet."
  3. Vor Applikation: „Adrenalin 150 Mikrogramm, 1,5 ml 1:10.000, gebe ich jetzt i.v."
  4. Dokumentation: Zeitpunkt, Dosis, Applikationsweg

Dieses Vorgehen mag in der Theorie übertrieben wirken. In der Praxis rettet es vor Dosierungsfehlern, die in der Stresssituation einer Kinderreanimation fast unvermeidlich wären.

Sondersituationen

Neugeborene

Für die neonatale Reanimation (unmittelbar postnatal) gelten spezifische NRP-Richtlinien (Neonatal Resuscitation Program). Die Dosis beträgt hier:

  • i.v. (bevorzugt über Nabelvenenkatheter): 10–30 µg/kg (0,01–0,03 mg/kg)
  • Endotracheal (wenn kein Gefäßzugang): 50–100 µg/kg (0,05–0,1 mg/kg)

Die empfohlene Konzentration ist ebenfalls 1:10.000. Der Nabelvenenkatheter ist der bevorzugte Zugangsweg im Kreißsaal.

Anaphylaxie vs. Reanimation

Häufige Verwechslungsquelle: Bei der Anaphylaxie wird Adrenalin intramuskulär in der Konzentration 1:1.000 (unverdünnt) gegeben, in der Dosis 10 µg/kg (also identische Dosis, aber andere Konzentration und anderer Applikationsweg). Bei der Reanimation wird Adrenalin intravenös in der Konzentration 1:10.000 (verdünnt) gegeben.

Diese Unterscheidung muss jedem Teammitglied klar sein. Im Reanimationsfall darf die unverdünnte Lösung nicht i.v. gegeben werden.

Zusammenfassung der Kernpunkte

Parameter Empfehlung
Dosis i.v./i.o. 10 µg/kg (0,01 mg/kg)
Maximale Einzeldosis 1 mg
Konzentration i.v./i.o. 1:10.000 (0,1 mg/ml)
Wiederholung Alle 3–5 Minuten
Flush ≥ 5 ml NaCl 0,9 %
Dosis endotracheal 100 µg/kg (0,1 mg/kg) – nur als Ultima Ratio
Hochdosis Nicht empfohlen

Praktisches Training

Die gewichtsadaptierte Adrenalin-Dosierung bei Kindern ist ein Thema, das man nicht nur gelesen, sondern unter realistischen Bedingungen geübt haben muss. Rechenaufgaben am Schreibtisch fühlen sich anders an als dieselbe Berechnung neben einem reanimationspflichtigen Kind, während ein Elternteil im Raum steht und das Team auf deine Anordnung wartet. Im PALS-Kurs (Pediatric Advanced Life Support) von Simulation Tirol trainierst du genau diese Szenarien: Gewichtsschätzung, Verdünnung, Dosisberechnung, Closed-Loop-Kommunikation und die korrekte Applikation – unter Zeitdruck, im Team und mit strukturiertem Feedback. Damit aus Wissen Handlungskompetenz wird, wenn es darauf ankommt.

Du willst das praktisch trainieren?

In unserem PALS-Kurs (Pediatric Advanced Life Support) übst du dieses Thema hands-on mit High-Tech-Simulatoren und erfahrenen Instruktor:innen.

Weitere Artikel

In Kooperation mit

Netzwerk KindersimulationAmerican Heart Association · ERC Guidelines