Wundversorgung im Notfall: Naht, Kleber und Steri-Strips
Ärzt:innen in Praxen und Ambulanzen versorgen täglich traumatische Wunden. Der Artikel vergleicht Verschlusstechniken nach Lokalisation und Kontamination, beschreibt Nahttechniken und gibt klare Kriterien für die Antibiotika-Prophylaxe.

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA
Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol
Lesezeit ca. 7 Min.

Traumatische Wunden gehören zum täglichen Geschäft in Notaufnahmen, Ordinationen und präklinischen Settings. Vom Schnittverletzung am Küchenmesser bis zur kontaminierten Risswunde nach einem Fahrradsturz – die Bandbreite ist enorm, und die Entscheidung für die richtige Verschlusstechnik beeinflusst das Outcome maßgeblich. Gleichzeitig zeigt die Praxis, dass viele Wunden suboptimal versorgt werden: zu späte Exploration, falsche Nahttechnik, unnötige oder unterlassene Antibiotikagabe. Dieser Artikel gibt dir einen systematischen Überblick über die Erstbeurteilung traumatischer Wunden, vergleicht Naht, Gewebekleber und Steri-Strips nach klinischen Kriterien und liefert konkrete Entscheidungshilfen für Antibiotika-Prophylaxe und Tetanusschutz.
Erstbeurteilung: Bevor du verschließt
Bevor du überhaupt an Verschlusstechniken denkst, steht die strukturierte Wundbeurteilung. Eine übereilte Naht über einem Fremdkörper, einer Sehnenverletzung oder einem eröffneten Gelenk kann fatale Folgen haben.
Anamnese
Folgende Informationen sind für die Entscheidungsfindung essenziell:
- Unfallmechanismus: Schnitt, Riss, Quetschung, Biss, Schuss?
- Zeitpunkt der Verletzung: Wie lange ist die Wunde bereits offen? Die klassische „6-Stunden-Regel" für den Primärverschluss ist ein Richtwert, keine absolute Grenze – Gesichtswunden können auch nach 12–24 Stunden primär verschlossen werden, stark kontaminierte Wunden an den Extremitäten hingegen auch innerhalb von 6 Stunden bereits eine verzögerte Versorgung erfordern.
- Kontaminationsgrad: Erde, Tierkot, Rostpartikel, Speichel (Bisswunde)?
- Tetanus-Impfstatus: Letzte Auffrischung? Grundimmunisierung vollständig?
- Begleiterkrankungen: Diabetes mellitus, pAVK, Immunsuppression, Gerinnungsstörungen, Antikoagulation?
Klinische Untersuchung
Die Untersuchung erfolgt vor der Lokalanästhesie, sofern dies für den Patienten zumutbar ist – insbesondere die neurologische Beurteilung (Sensibilität, Motorik distal der Wunde) muss vor der Nervenblockade dokumentiert werden.
Prüfe systematisch:
- Durchblutung: Kapilläre Füllzeit distal, Pulse, aktive Blutung
- Sensibilität: Spitz-stumpf-Diskrimination im Versorgungsgebiet distaler Nerven
- Motorik: Aktive Bewegung gegen Widerstand – Sehnenintegrität
- Tiefe: Faszien, Muskeln, Knochen, Gelenke betroffen?
- Fremdkörper: Im Zweifel Bildgebung (Röntgen bei röntgendichten Fremdkörpern, Sonographie bei Holzsplittern oder Glas)
Wundreinigung und Débridement
Die wichtigste Maßnahme zur Infektionsprävention ist die gründliche Wundspülung. Die Evidenz zeigt, dass die Spülung mit Leitungswasser in Trinkwasserqualität der Spülung mit steriler Kochsalzlösung nicht unterlegen ist. Entscheidend ist das Volumen und der moderate Druck:
- Spülvolumen: Mindestens 100–200 ml pro Zentimeter Wundlänge
- Druck: Moderate Druckspülung (z. B. mit einer 20-ml-Spritze und 18-G-Kanüle erzeugt man ca. 8–12 psi – ein wirksamer Bereich, der Gewebe nicht zusätzlich schädigt)
- Débridement: Devitalisiertes Gewebe, Schmutzpartikel und nekrotische Wundränder sparsam, aber konsequent abtragen. An Gesicht und Händen besonders gewebeschonend vorgehen.
Die Verschlusstechniken im Vergleich
Chirurgische Naht
Die Naht bleibt der Goldstandard für die Mehrzahl traumatischer Wunden. Sie bietet die beste Adaptation der Wundränder, die höchste Zugfestigkeit und die kontrollierbarste Gewebespannung.
Indikationen:
- Tiefe Wunden (Subkutangewebe oder tiefer)
- Wunden unter Spannung
- Wunden über Gelenken oder an stark mobilen Körperregionen
- Wunden, bei denen ein optimales kosmetisches Ergebnis relevant ist (Gesicht)
- Wunden, die eine schichtweise Adaptation erfordern (Muskulatur, Faszie)
Grundlegende Nahttechniken:
- Einzelknopfnaht: Die Standardtechnik. Jeder Stich wird einzeln geknüpft. Vorteil: Bei Infektion kann selektiv ein Faden entfernt werden, ohne die gesamte Naht zu kompromittieren. Einstich 3–5 mm vom Wundrand, Stichtiefe mindestens gleich der Wundtiefe, Stichabstand ca. 5–7 mm.
- Rückstichnaht nach Donati (vertikal-matratzenförmig): Kombiniert eine tiefe, adaptierende Komponente mit einer oberflächlichen Hautadaptation. Ideal bei Wunden mit Tendenz zur Inversion der Wundränder oder bei stärker klaffenden Wunden.
- Horizontale Matratzennaht: Verteilt die Spannung auf eine breitere Fläche. Eignet sich für Wunden unter Zug, z. B. an Extremitäten oder am Skalp.
- Fortlaufende Naht: Schneller, gleichmäßige Spannungsverteilung. Nachteil: Bei Fadenruptur oder Infektion muss die gesamte Naht entfernt werden. Eignet sich für lineare, saubere Wunden mit geringem Infektionsrisiko.
- Subkutannaht (versenkte Naht): Mit resorbierbarem Faden (z. B. Polyglactin 3-0 oder 4-0) wird die Spannung aus der Hautnaht genommen. Essenziell bei tieferen Wunden, um Toträume zu verschließen und die Narbenkosmetik zu verbessern.
Nahtmaterial – Orientierung nach Lokalisation:
| Lokalisation | Nahtmaterial | Fadenentfernung |
|---|---|---|
| Gesicht | Monofiles nichtresorbierbares 5-0 oder 6-0 | 5 Tage |
| Skalp | 3-0 oder 4-0 (oder Klammernaht) | 7–10 Tage |
| Stamm | 3-0 oder 4-0 | 10–14 Tage |
| Extremitäten | 4-0 oder 5-0 | 10–14 Tage |
| Über Gelenken | 4-0 | 12–14 Tage |
| Hand/Finger | 5-0 | 10–12 Tage |
| Fußsohle | 3-0 oder 4-0 | 12–14 Tage |
Gewebekleber (Cyanoacrylat)
Gewebekleber wie Octyl-2-Cyanoacrylat (Dermabond®) oder n-Butyl-2-Cyanoacrylat (Histoacryl®) bieten eine elegante, schmerzfreie Alternative zur Naht – allerdings mit klarem Indikationsspektrum.
Indikationen:
- Oberflächliche, lineare Wunden mit guter Adaptation der Wundränder
- Kurze Wunden (< 5 cm) ohne relevante Spannung
- Wunden an gut durchbluteten Regionen (Gesicht, Kopfhaut)
- Pädiatrische Patienten (Vermeidung der Lokalanästhesie-Injektion)
Kontraindikationen:
- Wunden unter Spannung
- Wunden an Gelenken oder stark mobilen Bereichen
- Tiefere Wunden, die eine Schichtadaptation erfordern
- Wunden an Schleimhäuten oder in der Nähe der Augen (Verklebungsgefahr)
- Kontaminierte Wunden
- Haarbedeckte Regionen (Kleber haftet am Haar statt an der Haut)
- Bisswunden
Anwendung:
Die Wundränder werden mit den Fingern oder einer Pinzette exakt adaptiert, der Kleber wird in einer dünnen Schicht über die geschlossene Wunde aufgetragen – niemals in die Wunde selbst. Drei bis vier Schichten auftragen, jede Schicht kurz antrocknen lassen. Der Kleber bildet eine flexible Schiene, die nach 5–10 Tagen spontan abfällt.
Die kosmetischen Ergebnisse sind bei korrekt ausgewählten Wunden der Naht ebenbürtig – das belegen mehrere randomisierte Studien für Gesichtswunden bei Kindern und Erwachsenen.
Steri-Strips (Klammerpflaster)
Steri-Strips sind selbstklebende Wundverschlussstreifen, die eine atraumatische, schmerzfreie Wundadaptation ermöglichen.
Indikationen:
- Oberflächliche Schnittwunden mit minimaler Spannung
- Ergänzung nach Fadenentfernung (Unterstützung der Narbe in der Remodellierungsphase)
- Kombiniert mit Subkutannähten (Hautadaptation ohne transkutane Fäden)
- Pädiatrische Patienten bei minimalen Verletzungen
- Regionen mit dünner Haut (z. B. Unterarm, Handrücken bei älteren Patient:innen)
Limitationen:
- Geringe Zugfestigkeit – nicht geeignet für klaffende oder spannungsbeladene Wunden
- Schlechte Haftung auf feuchter, behaarter oder stark schwitzender Haut
- Lösen sich bei mangelnder Compliance frühzeitig
- Keine tiefe Wundadaptation möglich
Anwendungstechnik: Haut trocknen und entfetten (Benzointinktur verbessert die Haftung signifikant). Streifen quer zur Wunde mit ca. 3 mm Abstand aufbringen, dabei abwechselnd von beiden Seiten beginnen, um eine gleichmäßige Adaptation zu erreichen.
Entscheidungsalgorithmus: Welche Technik wann?
Die Wahl der Verschlusstechnik ist keine Frage persönlicher Vorliebe, sondern folgt klinischen Kriterien:
- Wunde tief (Subkutis oder tiefer)? → Naht (ggf. schichtweise)
- Wunde unter Spannung? → Naht (ggf. Matratzennaht oder subkutane Entlastung)
- Wunde oberflächlich, linear, spannungsfrei, < 5 cm? → Gewebekleber oder Steri-Strips
- Wunde kontaminiert oder Bisswunde? → Primär offene Wundbehandlung erwägen, ggf. verzögerter Primärverschluss nach 3–5 Tagen
- Pädiatrischer Patient, superfizielle Wunde? → Gewebekleber bevorzugen
- Skalp-Platzwunde? → Klammernaht (schnell, effektiv, gutes Ergebnis im behaarten Kopf)
Sonderfälle: Bisswunden und stark kontaminierte Wunden
Bisswunden nehmen eine Sonderstellung ein. Die Infektionsrate variiert stark nach Tierart und Lokalisation:
- Katzenbisse: Punktionswunden mit hoher Infektionsrate (30–50 %). Tiefe Inokulierung von Pasteurella multocida. Nicht primär verschließen (Ausnahme: Gesicht). Antibiotika-Prophylaxe obligat.
- Hundebisse: Niedrigere Infektionsrate (5–15 %). Risswunden im Gesicht können nach gründlicher Spülung primär genäht werden. An Hand und Fuß: eher offene Behandlung.
- Menschenbisse: Hohe Infektionsrate durch polymikrobielles Keimspektrum. Immer Antibiotika-Prophylaxe. Knöchelwunden nach Faustschlag gegen Zähne (sog. „Fight Bite") erfordern chirurgische Exploration zum Ausschluss einer Gelenkeröffnung.
Bei stark kontaminierten Wunden (Gartenerde, Tierkot, Schmutzeinsprengung) gilt: Aggressive Spülung und Débridement, offene Wundbehandlung und verzögerter Primärverschluss nach 3–5 Tagen, sofern die Wunde klinisch sauber ist.
Antibiotika-Prophylaxe: Klare Indikationen
Nicht jede Wunde braucht ein Antibiotikum. Eine ungerechtfertigte Antibiose fördert Resistenzentwicklung, ohne das Infektionsrisiko relevanter sauberer Wunden zu senken. Die Indikation sollte gezielt gestellt werden:
Antibiotika-Prophylaxe indiziert bei:
- Bisswunden (Katze, Mensch; Hund bei Risikofaktoren)
- Kontaminierten Wunden mit verzögerter Versorgung (> 6–12 Stunden, abhängig von Lokalisation)
- Wunden mit freiliegendem Knochen, Sehne oder Gelenk
- Wunden bei immunsupprimierten Patient:innen
- Offenen Frakturen
- Wunden an der Hand mit Sehnen- oder Gelenkbeteiligung
- Intraorale Verletzungen mit Durchbiss
Empirische Erstlinientherapie:
- Bisswunden: Amoxicillin/Clavulansäure 875/125 mg p.o. 2× täglich für 5–7 Tage (alternativ bei Penicillinallergie: Moxifloxacin 400 mg 1× täglich oder Clindamycin + Ciprofloxacin)
- Kontaminierte Weichteilwunden: Cephalosporin der 1. Generation, z. B. Cefazolin 2 g IV (oder Cefalexin 500 mg p.o. 3× täglich)
- Offene Frakturen: Je nach Gustilo-Klassifikation – Grad I: Cefazolin 2 g IV; Grad II/III: Cefazolin + Gentamicin; bei fäkaler Kontamination: zusätzlich Metronidazol
Tetanusprophylaxe
Die Tetanusprophylaxe wird in der Hektik des Alltags manchmal vergessen. Ein kurzer Algorithmus hilft:
- Grundimmunisierung vollständig, letzte Auffrischung < 5 Jahre: Keine Maßnahme erforderlich (auch bei verschmutzten Wunden)
- Grundimmunisierung vollständig, letzte Auffrischung 5–10 Jahre: Bei sauberen Wunden keine Maßnahme; bei verschmutzten/tiefen Wunden → Auffrischimpfung
- Grundimmunisierung vollständig, letzte Auffrischung > 10 Jahre: Auffrischimpfung bei jeder Wunde
- Grundimmunisierung unvollständig oder unbekannt: Simultanimpfung (aktiv + passiv mit Tetanus-Immunglobulin 250 IE IM)
Häufige Fehler in der Praxis
- Mangelnde Exploration: Eine Schnittwunde an der Hand wird genäht, ohne die Sehnenfunktion zu prüfen. Tage später zeigt sich eine übersehene Beugesehnenruptur.
- Kleber in die Wunde: Cyanoacrylat wirkt als Fremdkörper im Gewebe und verzögert die Heilung. Immer nur auf die geschlossene Wundoberfläche auftragen.
- Primärverschluss trotz hohem Infektionsrisiko: Eine 12 Stunden alte, verschmutzte Quetschwunde am Unterschenkel sollte nicht primär genäht werden.
- Zu enge Nähte: Ischämie der Wundränder durch zu fest angezogene Fäden führt zu Nekrose und Nahtdehiszenz. Die Wundränder sollen adaptiert, nicht stranguliert werden.
- Vergessen der Tetanusprophylaxe: Besonders bei älteren Patient:innen, deren Impfstatus oft unklar ist.
Nachsorge und Patientenaufklärung
Eine gute Wundversorgung endet nicht mit dem letzten Knoten. Folgende Punkte solltest du mit dem Patienten besprechen und dokumentieren:
- Wundkontrolle: Erste Kontrolle nach 48 Stunden bei erhöhtem Infektionsrisiko, sonst nach 5–7 Tagen
- Zeichen der Wundinfektion: Zunehmende Rötung, Schwellung, Überwärmung, Eiterung, Fieber → sofortige Wiedervorstellung
- Fadenentfernung: Zeitpunkt je nach Lokalisation (siehe Tabelle oben)
- Narbenpflege: Sonnenschutz für 6–12 Monate (UV-Strahlung führt zu dauerhafter Hyperpigmentation frischer Narben)
- Ruhigstellung: Bei Wunden über Gelenken oder an der Hand ggf. Schiene für 7–10 Tage
Praktisches Training
Die korrekte Wundversorgung erfordert neben theoretischem Wissen vor allem handwerkliches Geschick und klinische Entscheidungskompetenz – beides lässt sich am besten unter realistischen Bedingungen trainieren. Im Notfalltraining von Simulation Tirol kannst du Nahttechniken, Wundbeurteilung und klinische Algorithmen in simulationsbasierten Szenarien praxisnah üben und dein Vorgehen mit erfahrenen Instruktor:innen reflektieren.
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