Erste Hilfe

Erste Hilfe bei Krampfanfall: Lagerung, Schutz und Notruf

Laien und Ersthelfer:innen suchen häufig nach konkreten Handlungsanweisungen bei epileptischen Anfällen. Der Artikel räumt mit Mythen auf und gibt eine klare Schritt-für-Schritt-Anleitung.

Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol

Lesezeit ca. 8 Min.

Ein Krampfanfall im öffentlichen Raum, am Arbeitsplatz oder zu Hause löst bei Umstehenden oft Panik aus. Die betroffene Person zuckt unkontrolliert, reagiert nicht auf Ansprache, vielleicht tritt Schaum vor den Mund. In solchen Momenten entscheidet ruhiges, richtiges Handeln darüber, ob die Person sicher durch den Anfall kommt – oder ob gutgemeinte, aber falsche Maßnahmen zusätzlichen Schaden anrichten. Denn kaum ein Notfallbild ist so von hartnäckigen Mythen umgeben wie der Krampfanfall. Dieser Artikel gibt dir eine klare, evidenzbasierte Schritt-für-Schritt-Anleitung und räumt mit gefährlichen Halbwahrheiten auf.

Was passiert bei einem Krampfanfall?

Ein Krampfanfall – medizinisch als epileptischer Anfall oder zerebraler Krampfanfall bezeichnet – entsteht durch eine plötzliche, unkontrollierte elektrische Entladung von Nervenzellen im Gehirn. Je nachdem, welche Hirnareale betroffen sind, äußert sich der Anfall unterschiedlich:

  • Generalisiert tonisch-klonischer Anfall (Grand mal): Die klassische Form mit Bewusstseinsverlust, Versteifung des gesamten Körpers (tonische Phase) und anschließenden rhythmischen Zuckungen (klonische Phase). Oft begleitet von Zungenbiss, Speichelfluss und unwillkürlichem Urinabgang.
  • Fokaler Anfall mit eingeschränktem Bewusstsein: Die Person wirkt abwesend, führt automatische Bewegungen aus (Schmatzen, Nesteln, Herumgehen), reagiert aber nicht adäquat auf Ansprache.
  • Absencen: Kurze Bewusstseinspausen von wenigen Sekunden, häufig bei Kindern. Die Person starrt ins Leere und setzt danach ihre Tätigkeit wie selbstverständlich fort.

Nicht jeder Krampfanfall bedeutet, dass eine Epilepsie vorliegt. Auslöser können auch Fieber (besonders bei Kindern), Unterzuckerung, Alkoholentzug, Elektrolytstörungen, Schädel-Hirn-Traumata oder Vergiftungen sein. Für die Erste Hilfe spielt die Ursache zunächst keine Rolle – die Sofortmaßnahmen sind grundsätzlich dieselben.

Die gefährlichsten Mythen – und warum du sie vergessen solltest

Bevor wir zur eigentlichen Handlungsanleitung kommen, müssen wir mit drei besonders hartnäckigen und gefährlichen Mythen aufräumen. Diese Fehlinformationen halten sich seit Jahrzehnten und führen immer wieder zu Verletzungen – nicht durch den Anfall selbst, sondern durch falsche Erste Hilfe.

Mythos 1: „Du musst etwas zwischen die Zähne schieben"

Das ist der wohl verbreitetste und gefährlichste Irrglaube. Die Vorstellung, die betroffene Person könne sich die Zunge „verschlucken" oder „abbeißen", führt dazu, dass Ersthelfer:innen Kugelschreiber, Löffel, Geldbörsen oder sogar die eigenen Finger in den Mund der krampfenden Person schieben. Die Realität: Es ist anatomisch unmöglich, sich die eigene Zunge zu verschlucken. Die Zunge ist am Mundboden fixiert. Ein Zungenbiss kann vorkommen – meist seitlich und in der Regel harmlos. Der Versuch, den Kiefer aufzuhebeln oder Gegenstände einzuführen, verursacht hingegen abgebrochene Zähne, Kieferverletzungen, Schnittwunden im Mundraum und Bissverletzungen an den Fingern der helfenden Person. Niemals etwas in den Mund einer krampfenden Person einführen.

Mythos 2: „Du musst die Person festhalten"

Während eines generalisierten Anfalls entwickelt die Muskulatur enorme Kräfte. Der Versuch, die Zuckungen zu unterdrücken oder die Person am Boden festzuhalten, führt zu Frakturen, Luxationen und Weichteilverletzungen – bei der betroffenen Person und bei dir. Die Krämpfe lassen sich durch Festhalten nicht stoppen. Niemals eine krampfende Person gewaltsam fixieren.

Mythos 3: „Sofort Mund-zu-Mund-Beatmung beginnen"

Während eines Anfalls kann die Atmung kurzzeitig aussetzen oder unregelmäßig werden. Eine Blaufärbung der Lippen (Zyanose) ist häufig und löst bei Umstehenden verständlicherweise Angst aus. Dennoch ist eine Beatmung während des aktiven Krampfens weder möglich noch notwendig. Die Atmung setzt in der Regel nach Ende des Anfalls spontan wieder ein. Erst wenn nach dem Anfall keine normale Atmung vorhanden ist, greifst du ein – dann aber mit dem vollständigen Wiederbelebungsalgorithmus.

Schritt-für-Schritt-Anleitung: So hilfst du richtig

Schritt 1: Ruhe bewahren und Umgebung sichern

Dieser erste Punkt klingt banal, ist aber der wichtigste. Deine Ruhe überträgt sich auf Umstehende und ermöglicht dir klares Denken.

  • Blick auf die Uhr werfen: Notiere dir die Uhrzeit oder starte die Stoppuhr am Handy. Die Dauer des Anfalls ist eine entscheidende Information für den Rettungsdienst.
  • Gefahrenquellen entfernen: Schiebe Möbel, Gläser, scharfkantige Gegenstände und harte Objekte aus dem unmittelbaren Umfeld der betroffenen Person weg.
  • Nicht umlagern: Bewege die Person nur dann von ihrer Position weg, wenn unmittelbare Gefahr besteht (Straßenverkehr, Treppenkante, Wasser).

Schritt 2: Kopf schützen

Der Kopf ist während der Krämpfe besonders gefährdet. Wiederholtes Aufschlagen auf harten Boden kann zu Schädel-Hirn-Verletzungen führen.

  • Schiebe etwas Weiches unter den Kopf: eine zusammengefaltete Jacke, einen Pullover, ein Kissen, eine Decke – was immer verfügbar ist.
  • Wenn nichts zur Hand ist: Knie dich hin und polstere den Kopf mit deinen Händen oder Oberschenkeln ab – ohne die Bewegung aktiv einzuschränken.

Schritt 3: Beengende Kleidung lockern

Wenn es ohne Krafteinwirkung möglich ist:

  • Krawatte, Schal oder Halstuch lockern
  • Hemdkragen oder enge Jacke öffnen
  • Gürtel lösen

Das erleichtert die Atmung und reduziert das Verletzungsrisiko durch Druck auf Hals und Thorax.

Schritt 4: Abwarten – und den Anfall nicht unterbrechen

Jetzt kommt der für viele Ersthelfer:innen schwierigste Teil: Du musst den Anfall ablaufen lassen. Die überaktiven Nervenzellen müssen sich von selbst erschöpfen. Das dauert in den allermeisten Fällen ein bis drei Minuten, auch wenn es sich subjektiv wesentlich länger anfühlt.

Während des Anfalls gilt:

  • Nicht festhalten oder fixieren
  • Nichts in den Mund einführen
  • Nicht versuchen, die Person wachzurütteln oder anzuschreien
  • Nicht versuchen, Flüssigkeit einzuflößen
  • Neugierige auf Abstand halten – die Würde der betroffenen Person schützen

Schritt 5: Nach dem Anfall – stabile Seitenlage

Wenn die Krämpfe aufhören, tritt die sogenannte postiktale Phase ein. Die Person ist bewusstseinsgetrübt, verwirrt, schläfrig und reagiert verzögert oder gar nicht. Jetzt ist dein aktives Handeln gefragt:

  1. Atemwege überprüfen: Kopf vorsichtig überstrecken, Kinn anheben. Ist die Atmung vorhanden? Siehst du Brustkorbbewegungen, hörst oder spürst du Atemluft?
  2. Stabile Seitenlage: Drehe die Person vorsichtig auf die Seite. Dadurch kann Speichel, Blut (bei Zungenbiss) oder Erbrochenes aus dem Mund abfließen und wird nicht aspiriert.
  3. Mundhöhle kontrollieren: Erst jetzt – wenn der Anfall vorbei ist und der Kiefertonus nachlässt – kannst du sichtbare Fremdkörper, gelockerte Zahnprothesen oder größere Blutmengen vorsichtig aus dem Mund entfernen.
  4. Wärmeerhalt: Decke die Person zu. Nach einem Anfall kühlt der Körper schnell aus.
  5. Ruhig ansprechen: Wenn die Person langsam zu Bewusstsein kommt, sprich sie ruhig und orientierend an: „Du bist in Sicherheit. Du hattest einen Krampfanfall. Ich bleibe bei dir."

Schritt 6: Beobachten bis zur vollständigen Erholung

Die postiktale Verwirrung kann wenige Minuten, aber auch über eine Stunde andauern. Bleibe bei der Person. Lass sie nicht alleine aufstehen oder weggehen, solange sie nicht vollständig orientiert ist. Manche Betroffene reagieren in dieser Phase unruhig oder sogar aggressiv – das ist nicht persönlich gemeint, sondern Ausdruck der Gehirnfunktionsstörung.

Wann musst du den Notruf (144) wählen?

Nicht jeder Krampfanfall erfordert zwingend den Rettungsdienst. Viele Menschen mit bekannter Epilepsie haben einen individuellen Notfallplan und tragen oft einen Notfallausweis oder ein medizinisches Armband. Dennoch gibt es klare Situationen, in denen du immer die 144 rufen solltest:

  • Erstmaliger Anfall: Die Person hat nach eigenem oder fremdem Wissen noch nie einen Krampfanfall gehabt.
  • Anfallsdauer über fünf Minuten: Ein Anfall, der länger als fünf Minuten dauert, gilt als Status epilepticus und ist ein lebensbedrohlicher Notfall.
  • Kein Aufwachen nach dem Anfall: Die Person erlangt auch nach mehreren Minuten nicht das Bewusstsein zurück.
  • Anfallsserie: Mehrere Anfälle hintereinander, ohne dass die Person dazwischen vollständig zu sich kommt.
  • Verletzungen: Sichtbare Kopfverletzungen, Blutungen, Verdacht auf Knochenbrüche.
  • Anfall im Wasser: Auch wenn die Person gerettet wurde – immer den Rettungsdienst rufen.
  • Schwangerschaft: Ein Krampfanfall in der Schwangerschaft kann auf eine Eklampsie hinweisen und ist immer ein Notfall.
  • Vorerkrankungen: Die Person ist Diabetikerin, herzkrank oder hat nach deinem Wissen kürzlich ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten.
  • Unsicherheit: Im Zweifel rufst du immer den Notruf. Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig.

Was du dem Rettungsdienst mitteilst

Wenn du die 144 anrufst, sind folgende Informationen besonders wertvoll:

  • Wo bist du? (Adresse, Stockwerk, besondere Merkmale)
  • Was ist passiert? (Person hat Krampfanfall)
  • Wie lange dauert der Anfall bereits?
  • Wie sah der Anfall aus? (Ganzer Körper oder nur eine Seite? Zuckungen oder Versteifung?)
  • Wer ist betroffen? (Geschätztes Alter, bekannte Epilepsie, andere Vorerkrankungen falls bekannt)
  • Bewusstsein: Ist die Person ansprechbar? Atmet sie?

Sondersituationen

Krampfanfall auf dem Stuhl oder im Rollstuhl

Versuche nicht, die Person auf den Boden zu legen, solange der Anfall aktiv ist. Stütze stattdessen den Oberkörper, damit die Person nicht vom Stuhl rutscht, und polstere den Kopf ab. Bremsen am Rollstuhl feststellen. Erst nach dem Anfall in die stabile Seitenlage auf dem Boden bringen.

Krampfanfall bei Kindern mit Fieber (Fieberkrampf)

Fieberkrämpfe betreffen etwa drei bis fünf Prozent aller Kinder im Alter von sechs Monaten bis sechs Jahren. Sie sehen dramatisch aus, sind aber in der Regel harmlos. Es gelten dieselben Grundprinzipien: Umgebung sichern, Kopf schützen, Anfall ablaufen lassen, danach stabile Seitenlage. Beim erstmaligen Fieberkrampf immer den Notruf wählen. Das Kind nicht in kaltes Wasser tauchen oder mit Eiswürfeln abreiben.

Krampfanfall im Wasser

Sofort aus dem Wasser retten – Eigenschutz beachten. Auch wenn die Person sich nach dem Anfall gut fühlt, ist eine medizinische Abklärung zwingend erforderlich. Es besteht die Gefahr des sekundären Ertrinkens durch aspiriertes Wasser.

Was du NACH dem Anfall für die betroffene Person tun kannst

Wenn die Person wieder zu sich kommt, ist sie oft erschöpft, beschämt und desorientiert. Dein Verhalten in diesen Minuten macht einen großen Unterschied:

  • Privatsphäre schützen: Halte Schaulustige fern. Wenn unwillkürlicher Urinabgang stattgefunden hat, bedecke die Person diskret mit einer Jacke oder Decke.
  • Keine Vorwürfe, keine Nachfragen: Fragen wie „Nimmst du deine Medikamente?" oder „Warum hast du keinen Ausweis dabei?" sind in der Akutsituation unangebracht.
  • Orientierung geben: Sag der Person, wo sie ist, was passiert ist, und dass sie in Sicherheit ist.
  • Begleitung anbieten: Biete an, jemanden anzurufen, oder bleibe, bis die Person sicher nach Hause kommt.

Die wichtigsten Punkte auf einen Blick

TU DAS LASS DAS
Ruhe bewahren Panik verbreiten
Uhrzeit/Dauer dokumentieren Die Person festhalten
Gefahrenquellen entfernen Etwas in den Mund schieben
Kopf polstern Gewaltsam den Kiefer öffnen
Beengende Kleidung lockern Flüssigkeit einflößen
Anfall ablaufen lassen Die Person wachrütteln
Danach stabile Seitenlage Während des Anfalls beatmen
Notruf 144 bei Bedarf Die Person alleine lassen

Praktisches Training

Erste Hilfe bei einem Krampfanfall ist mehr als theoretisches Wissen – es geht um Handlungssicherheit in einem Moment, in dem Stress und Unsicherheit das klare Denken erschweren. Im Erste-Hilfe-Kurs von Simulation Tirol trainierst du genau solche Szenarien praktisch: vom Erkennen der Situation über die korrekte Lagerung bis zum strukturierten Notruf. Unter Anleitung erfahrener Instruktor:innen übst du an realistischen Simulationen, damit du im Ernstfall nicht überlegen musst, sondern handeln kannst. Alle Inhalte basieren auf den Leitlinien der American Heart Association und werden in kleinen Gruppen vermittelt. Mehr Informationen findest du unter simulation.tirol.

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