Erste Hilfe

Automatischer externer Defibrillator: Anleitung für Ersthelfer

AEDs sind flächendeckend verfügbar, aber viele Laien zögern bei der Anwendung. Der Artikel erklärt die Funktionsweise, korrekte Pad-Platzierung, häufige Fehler und gibt praxisnahe Tipps für die Anleitung von Ersthelfern in Betrieben.

Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol

Lesezeit ca. 8 Min.

Der plötzliche Herztod ist eine der häufigsten Todesursachen in Österreich. Die Überlebensrate bei Kammerflimmern sinkt mit jeder Minute ohne Defibrillation um etwa 7–10 %. Ein automatischer externer Defibrillator (AED) kann diese tödliche Spirale durchbrechen – vorausgesetzt, jemand vor Ort greift zum Gerät. Genau hier liegt das Problem: Obwohl AEDs in Bahnhöfen, Einkaufszentren, Betrieben und öffentlichen Gebäuden flächendeckend verfügbar sind, zögern viele Ersthelfer bei der Anwendung. Als medizinisches Fachpersonal bist du häufig die Person, die Laien in der Ersten Hilfe schult, im Betrieb als Ansprechpartner fungiert oder im Alltag die entscheidende Brücke zwischen Laienreanimation und professioneller Versorgung bildet. Dieser Artikel gibt dir das Rüstzeug, um AED-Anwendung fundiert zu erklären, typische Fehlerquellen zu kennen und Ersthelfer:innen in Betrieben praxisnah anzuleiten.

Pathophysiologie: Warum der AED Leben rettet

Um die Bedeutung der frühzeitigen Defibrillation zu verstehen, lohnt ein kurzer Blick auf die Elektrophysiologie des Herzstillstands. Bei einem plötzlichen Kreislaufstillstand liegt in etwa 60–80 % der Fälle initial ein Kammerflimmern (VF) oder eine pulslose ventrikuläre Tachykardie (pVT) vor. In beiden Fällen kontrahiert sich der Herzmuskel chaotisch und unkoordiniert – es findet keine effektive Pumpleistung statt.

Die Defibrillation setzt einen definierten Stromstoß, der die gesamte Herzmuskulatur gleichzeitig depolarisiert. Dadurch wird das elektrische Chaos unterbrochen, und der Sinusknoten hat die Chance, die geordnete Erregungsleitung wieder zu übernehmen. Entscheidend ist der Zeitfaktor:

  • Innerhalb der ersten 3–5 Minuten nach Einsetzen von Kammerflimmern liegt die Überlebenswahrscheinlichkeit bei frühzeitiger Defibrillation bei 50–70 %.
  • Nach 10 Minuten ohne Defibrillation sinkt sie auf unter 5 %.
  • Die durchschnittliche Eintreffzeit des Rettungsdienstes in Österreich liegt je nach Region bei 8–15 Minuten.

Diese Zeitlücke kann nur durch Laienreanimation mit AED-Einsatz geschlossen werden. Hochrechnungen zeigen, dass die konsequente Anwendung von AEDs durch Ersthelfer:innen die Überlebensrate bei außerklinischem Kreislaufstillstand verdoppeln bis verdreifachen kann.

Funktionsweise des AED: Was das Gerät kann – und was nicht

Automatische Rhythmusanalyse

AEDs sind so konzipiert, dass sie auch von Personen ohne medizinische Ausbildung sicher bedient werden können. Nach dem Aufkleben der Elektroden-Pads analysiert das Gerät den Herzrhythmus vollautomatisch und unterscheidet zwischen:

  • Schockbaren Rhythmen: Kammerflimmern (VF), pulslose ventrikuläre Tachykardie (pVT)
  • Nicht schockbaren Rhythmen: Asystolie, pulslose elektrische Aktivität (PEA)

Die Sensitivität moderner AEDs für schockbare Rhythmen liegt bei über 95 %, die Spezifität bei über 98 %. Das bedeutet: Das Gerät gibt keinen Schock ab, wenn keiner indiziert ist. Diese Information ist zentral, wenn du Laien die Angst vor Fehlbedienung nimmst.

Voll- vs. Halbautomaten

  • Vollautomatische AEDs geben den Schock nach Analyse selbstständig ab, sobald alle Sicherheitsbedingungen erfüllt sind (Pads korrekt aufgeklebt, kein Bewegungsartefakt). Der Anwender muss nur die Pads aufkleben.
  • Halbautomatische AEDs fordern den Anwender per Sprachanweisung auf, die Schocktaste zu drücken. Dieses Modell ist in Österreich am weitesten verbreitet.

Beide Varianten leiten den Ersthelfer durch klare Sprachanweisungen Schritt für Schritt durch den Prozess. Moderne Geräte geben zusätzlich Feedback zur Drucktiefe und Frequenz der Herzdruckmassage.

Energieabgabe

Die meisten aktuellen AEDs arbeiten mit biphasischer Wellenform und geben Energien zwischen 120 und 360 Joule ab. Die exakte Energiestufe wird vom Gerät automatisch gewählt oder ist herstellerseitig voreingestellt. Für den Ersthelfer ist keinerlei Einstellung notwendig.

Schritt-für-Schritt-Anleitung: AED-Einsatz in der Praxis

Die folgende Anleitung bildet den Ablauf ab, wie du ihn Ersthelfer:innen vermitteln solltest. Sie basiert auf der aktuellen AHA-Leitlinie und den ERC-Empfehlungen zur Laienreanimation:

1. Sicherheit und Notruf

  • Eigene Sicherheit prüfen (keine Wasserlachen, keine Stromquellen in unmittelbarer Nähe).
  • Bewusstsein prüfen: Ansprechen und an den Schultern rütteln.
  • Atmung prüfen: Atemwege freimachen (Kopf überstrecken), maximal 10 Sekunden auf normale Atmung prüfen. Schnappatmung zählt als Atemstillstand.
  • Notruf 144 absetzen (bzw. in Betrieben die interne Notfallnummer). Idealerweise delegieren: „Du rufst jetzt die 144 an! Du holst den AED!"

2. Herzdruckmassage starten

Sofort mit qualitativ hochwertiger Herzdruckmassage (CPR) beginnen:

  • Druckpunkt: Mitte des Brustkorbs, untere Sternumhälfte
  • Drucktiefe: 5–6 cm
  • Frequenz: 100–120/Minute
  • Vollständige Entlastung zwischen den Kompressionen
  • Verhältnis: 30 Kompressionen : 2 Beatmungen (für geschulte Helfer:innen). Reine Kompressionsreanimation ist ebenfalls akzeptabel und besser als gar keine CPR.

Wichtig für die Anleitung: Die Herzdruckmassage darf durch das Holen und Vorbereiten des AED nicht unterbrochen werden. Wenn nur eine Person vor Ort ist, hat CPR Priorität – der AED wird geholt, sobald ein zweiter Helfer verfügbar ist. Ist der Ersthelfer allein und der AED in unmittelbarer Nähe (< 30 Sekunden Gehweg), kann er kurz geholt werden.

3. AED einschalten und Pads aufkleben

  • Gerät einschalten (Taste drücken oder Deckel öffnen – je nach Modell startet das Gerät automatisch).
  • Sprachanweisungen folgen.
  • Oberkörper freimachen: Kleidung öffnen oder aufschneiden. Viele AED-Taschen enthalten eine Kleiderschere.
  • Brust trocknen, falls nass oder stark verschwitzt. Einige Kits enthalten ein Handtuch.
  • Starke Brustbehaarung: Wenn die Pads nicht haften, rasieren (Einmalrasierer im Kit) oder erstes Pad-Paar zum „Abreißen" der Haare verwenden und zweites Paar aufkleben.

4. Korrekte Pad-Platzierung

Die Pad-Platzierung ist einer der kritischsten Schritte und gleichzeitig eine häufige Fehlerquelle:

Standard-Position (anterior-lateral):

  • Rechte Elektrode: Unterhalb des rechten Schlüsselbeins, rechts neben dem Brustbein (parasternal)
  • Linke Elektrode: Linke Seite des Brustkorbs, unterhalb der Achselhöhle, auf Höhe der Mamillarlinie (etwa V6-Position)

Die Pads sind auf den meisten Geräten mit Abbildungen versehen, die die korrekte Platzierung zeigen. Der Strom muss das Herz zwischen den beiden Elektroden durchfließen – daher ist die Positionierung entscheidend für die Effektivität.

Alternative Positionen (für die Information an Fachpersonal):

  • Anterior-posterior: Eine Elektrode auf dem Sternum, eine auf dem Rücken zwischen den Schulterblättern. Besonders bei adipösen Patient:innen oder bei ineffektivem erstem Schock zu erwägen.

Besonderheiten bei der Pad-Platzierung:

  • Frauen: Die Elektrode wird unter der linken Brust platziert, nicht darauf. Einen BH entfernen oder verschieben.
  • Implantierter Schrittmacher/ICD: Mindestens 8 cm Abstand zum Aggregat halten. Erkennbar an einer sicht- oder tastbaren Vorwölbung unterhalb des Schlüsselbeins, meist rechts.
  • Medikamentenpflaster (z. B. Nitroglycerin, Fentanyl): Pflaster entfernen, Hautstelle abwischen, dann Pad aufkleben. Andernfalls Verbrennungsgefahr und reduzierte Energieübertragung.

5. Analyse und Schockabgabe

  • „Alle weg vom Patienten!": Vor der Analyse und vor dem Schock darf niemand den Patienten oder die Unterlage berühren – Bewegungsartefakte verfälschen die Analyse, Stromableitung gefährdet Helfer:innen.
  • Der AED analysiert den Rhythmus (dauert wenige Sekunden).
  • Schock empfohlen: Sicherheitscheck („Alle weg!"), dann blinkende Schocktaste drücken (Halbautomat) oder automatische Abgabe abwarten (Vollautomat).
  • Kein Schock empfohlen: Sofort Herzdruckmassage fortsetzen.

6. CPR fortsetzen

Nach jedem Schock – oder wenn kein Schock empfohlen wird – sofort die Herzdruckmassage für 2 Minuten fortsetzen. Dann analysiert der AED erneut. Dieser Zyklus wird bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes oder bis zur Rückkehr eines Spontankreislaufs (ROSC) wiederholt.

Häufige Fehler und Mythen

Als Fachperson, die Ersthelfer:innen anleitet, solltest du die typischen Fehlerquellen und Hemmschwellen kennen:

Fehler 1: AED nicht einsetzen aus Angst vor Fehlern

Der mit Abstand häufigste „Fehler" ist der Nicht-Einsatz. Ersthelfer:innen fürchten, dem Patienten zu schaden oder etwas falsch zu machen. Die klare Botschaft muss sein: Der AED kann keinen Schaden anrichten, wenn er korrekt aufgeklebt wird. Das Gerät analysiert selbstständig und gibt nur dann einen Schock ab, wenn ein schockbarer Rhythmus vorliegt. Das Nichtstun hingegen ist tödlich.

Fehler 2: CPR-Unterbrechungen

Jede Unterbrechung der Herzdruckmassage reduziert den koronaren Perfusionsdruck dramatisch. Häufige Ursachen:

  • AED-Pads werden aufgeklebt, während niemand drückt
  • Lange Pausen während der Rhythmusanalyse
  • Gaffen und Diskutieren statt Drücken

Lösung: Pads während laufender CPR aufkleben lassen (zweiter Helfer). CPR sofort nach Schockabgabe fortsetzen, nicht auf eine Reaktion des Patienten warten.

Fehler 3: Pads falsch platziert

  • Zu nah beieinander (Strom fließt oberflächlich, nicht durch das Herz)
  • Auf dem Brustbein statt parasternal
  • Über dem Knochen statt auf dem Weichteil
  • Vertauscht aufgeklebt (bei modernen biphasischen Geräten kein Problem – der Schock wirkt in beide Richtungen. Trotzdem Standardposition anstreben)

Fehler 4: Nasse Umgebung

Ein AED kann bei nassem Patienten verwendet werden, wenn die Brust abgetrocknet wird. Der Patient sollte jedoch nicht in einer Wasserlache liegen, da Strom über das Wasser abgeleitet werden kann. Im Zweifel den Patienten auf trockenen Untergrund ziehen.

Fehler 5: Kinder-Elektroden vergessen

Für Kinder zwischen 1 und 8 Jahren (bzw. unter 25 kg Körpergewicht) sollten Kinder-Elektroden bzw. ein pädiatrischer Modus verwendet werden, der die Energieabgabe reduziert. Sind keine Kinder-Pads verfügbar, werden Erwachsenen-Pads verwendet – eine Defibrillation mit höherer Energie ist besser als keine Defibrillation. Bei Kindern unter 1 Jahr ist die AED-Anwendung nur mit pädiatrischem Modus empfohlen; liegt dieser nicht vor, ist die manuelle Defibrillation durch den Rettungsdienst vorzuziehen.

AED im Betrieb: Organisatorische Aspekte

Viele Ärzt:innen und Pflegekräfte sind als Arbeitsmediziner:innen oder Sicherheitsvertrauenspersonen in die betriebliche Erste-Hilfe-Organisation eingebunden. Folgende Punkte sind für die AED-Implementierung in Betrieben relevant:

Standortwahl und Zugänglichkeit

  • Der AED sollte innerhalb von 3 Minuten nach Erkennen des Kreislaufstillstands am Patienten sein. Das bedeutet: kurze Wege, keine versperrten Türen, keine versteckten Standorte.
  • Sichtbare Kennzeichnung mit dem international standardisierten grünen Herz-Blitz-Symbol (gemäß ILCOR).
  • Kein Verschließen in Schränken oder Büros, die nur zu Bürozeiten zugänglich sind.

Wartung und Überprüfung

  • Batterie-Lebensdauer: Je nach Modell 2–5 Jahre im Standby-Modus. Die meisten Geräte führen tägliche oder wöchentliche Selbsttests durch und zeigen den Status über eine LED an.
  • Elektroden-Pads: Haben ein Ablaufdatum (in der Regel 2–3 Jahre). Das Gel trocknet aus und verliert an Leitfähigkeit.
  • Checkliste: Monatliche Sichtkontrolle (LED-Status, Pad-Ablaufdatum, Vollständigkeit des Zubehörs). Verantwortliche Person benennen.

Einweisung und Schulung

Nach der österreichischen Arbeitsstättenverordnung müssen betriebliche Ersthelfer:innen regelmäßig geschult werden. Für den AED-Einsatz gilt:

  • Initialschulung: Alle designierten Ersthelfer:innen sollten eine praktische Einweisung in den spezifischen AED des Betriebs erhalten.
  • Wiederholungsschulungen: Mindestens alle 2 Jahre, idealerweise jährlich. Studien zeigen, dass die Handlungskompetenz bereits 3–6 Monate nach einer Schulung signifikant nachlässt.
  • Szenariotraining: Die reine Gerätebedienung reicht nicht aus. Ersthelfer:innen müssen den gesamten Ablauf üben – vom Erkennen des Kreislaufstillstands über Notruf, CPR-Beginn und AED-Anwendung bis zur Übergabe an den Rettungsdienst.

Rechtliche Situation in Österreich

Ersthelfer:innen, die einen AED einsetzen, sind durch die allgemeinen Bestimmungen zur Hilfeleistungspflicht (§ 95 StGB – Unterlassung der Hilfeleistung) und die Notstandsregelungen geschützt. Eine Haftung bei korrektem, gutgläubigem Einsatz ist praktisch ausgeschlossen. Im Gegenteil: Das Unterlassen von Erster Hilfe kann strafrechtlich relevant sein. Diese Information ist wichtig, um Ersthelfer:innen die Angst vor juristischen Konsequenzen zu nehmen.

Zusammenfassung: Die Kernbotschaften für Ersthelfer:innen

Wenn du Ersthelfer:innen schulst, reduziere die Information auf das Wesentliche:

  1. Prüfen – Rufen – Drücken – Schocken: Bewusstsein und Atmung prüfen, 144 rufen, Herzdruckmassage starten, AED so früh wie möglich einsetzen.
  2. Du kannst nichts falsch machen – außer nichts zu tun. Der AED entscheidet selbst, ob ein Schock nötig ist.
  3. Hart und schnell drücken: 5–6 cm tief, 100–120/Mal pro Minute, nicht unterbrechen.
  4. Pads richtig kleben: Rechts unter dem Schlüsselbein, links unter der Achsel. Die Bilder auf den Pads zeigen es.
  5. Alle weg vor dem Schock: Sicherheit geht vor.

Praktisches Training

Die AED-Anwendung lässt sich theoretisch gut erklären – doch erst im praktischen Training entsteht die Handlungssicherheit, die im Ernstfall den Unterschied macht. Das Aufkleben der Pads unter Stress, die Koordination von CPR und Defibrillation im Team, das klare Kommando „Alle weg!" – all das will geübt sein. In den Erste-Hilfe-Kursen von Simulation Tirol trainierst du diese Abläufe szenariobasiert und mit modernem Simulationsequipment. Ob du selbst deine Fertigkeiten auffrischen möchtest oder als Multiplikator:in betriebliche Ersthelfer:innen schulst – ein strukturiertes, praxisnahes Training ist die beste Investition in die Überlebenskette.

Du willst das praktisch trainieren?

In unserem Erste Hilfe Kurs für Firmen übst du dieses Thema hands-on mit High-Tech-Simulatoren und erfahrenen Instruktor:innen.

Weitere Artikel