Videolaryngoskopie im Notfall: Technik und Geräteauswahl
Videolaryngoskope verbessern die Erstintubationserfolgsrate. Vergleich gängiger Systeme (C-MAC, GlideScope, McGrath), Indikationen und Tipps für die Anwendung unter Zeitdruck.

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA
Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol
Lesezeit ca. 8 Min.

Die endotracheale Intubation zählt zu den anspruchsvollsten Maßnahmen in der Notfallmedizin – und gleichzeitig zu jenen, bei denen ein Scheitern unmittelbar lebensbedrohlich werden kann. Registerdaten zeigen konsistent, dass die Erstintubationserfolgsrate im präklinischen und innerklinischen Notfallsetting mit konventioneller direkter Laryngoskopie (DL) teils unter 80 % liegt. Jeder zusätzliche Intubationsversuch erhöht das Risiko für Hypoxie, Aspiration, Ösophagusintubation und hämodynamische Instabilität. Vor diesem Hintergrund hat die Videolaryngoskopie (VL) in den letzten Jahren einen festen Platz im Atemwegsmanagement eingenommen. Die aktuelle Evidenz stützt den Einsatz von Videolaryngoskopen als First-Line-Instrument insbesondere bei erwartet schwierigem Atemweg – doch auch bei vermeintlich einfachen Intubationen profitierst du von der verbesserten Sicht auf die Glottisebene. Dieser Artikel vergleicht die gängigsten Systeme, beleuchtet technische Unterschiede und gibt dir konkrete Tipps für den Einsatz unter Zeitdruck.
Warum Videolaryngoskopie? – Die Evidenzlage
Mehrere multizentrische Studien und Metaanalysen belegen, dass Videolaryngoskope die Erstintubationserfolgsrate im Vergleich zur direkten Laryngoskopie signifikant verbessern. Besonders deutlich ist der Vorteil bei:
- Cormack-Lehane-Grad III und IV bei direkter Laryngoskopie
- Eingeschränkter Mundöffnung (≥ 2 cm reichen für die meisten VL-Spatel)
- Eingeschränkter HWS-Mobilität (z. B. Trauma mit Immobilisation, Morbus Bechterew)
- Adipositas (BMI > 30, besonders bei kurzem Hals)
- Blut, Sekret oder Erbrochenem im Pharynx – hier verschafft das Kamerabild oft noch Orientierung, wenn die direkte Sicht komplett verloren geht
Gleichzeitig zeigt die Literatur, dass Videolaryngoskope auch bei Anwendern mit geringerer Intubationserfahrung die Erfolgsrate heben. Das macht sie besonders wertvoll in Settings, in denen nicht täglich intubiert wird – etwa im Schockraum durch nicht-anästhesiologisches Personal oder im Rettungsdienst.
Limitationen ehrlich benennen
Die VL ist kein Allheilmittel. Eine verbesserte Sicht auf die Glottis (besserer Cormack-Lehane-Grad) korreliert nicht automatisch mit einer erfolgreichen Tubusplatzierung. Das sogenannte „Videolaryngoskopie-Paradoxon" beschreibt genau diese Situation: Du siehst die Stimmbänder perfekt, bekommst den Tubus aber nicht hindurch. Die Ursachen liegen meist in:
- Fehlendem Stilett oder falsch vorgebogenem Stilett
- Zu steilem Einführwinkel bei hyperangulierten Spateln
- Mangelnder Übung in der spezifischen Tubus-Steuerungstechnik des jeweiligen Geräts
Bauformen und Spateldesign: Macintosh-Geometrie vs. hyperanguliert
Bevor wir die konkreten Geräte vergleichen, lohnt sich ein Blick auf die grundlegenden Designphilosophien:
Macintosh-Geometrie-Spatel
- Spatelprofil ähnelt dem klassischen Macintosh-Spatel
- Erlaubt sowohl direkte Laryngoskopie (am Spatel vorbei schauen) als auch videoassistierte Intubation
- Tubusführung erfolgt ähnlich wie bei DL – meist ist kein Stilett zwingend erforderlich
- Beispiele: C-MAC mit Macintosh-Spatel, McGrath MAC
Hyperangulierte Spatel
- Steilerer Krümmungswinkel (meist 60–90°)
- Bieten eine exzellente Sicht auch bei schwierigsten anatomischen Verhältnissen
- Erfordern zwingend ein vorgebogenes Stilett (Hockey-Stick-Form, ca. 60°)
- Direkte Sicht am Spatel vorbei ist konstruktionsbedingt kaum möglich
- Beispiele: C-MAC D-Blade, GlideScope (Standardspatel), McGrath X-Blade
Klinische Empfehlung: In der Notfallmedizin bewährt sich ein System, das beide Spatelgeometrien anbietet. So kannst du bei unerwartet schwierigem Atemweg vom Macintosh-Spatel auf den hyperangulierten Spatel wechseln, ohne das gesamte Gerätesystem zu tauschen.
Geräteübersicht: C-MAC, GlideScope, McGrath
C-MAC (Karl Storz)
Das C-MAC-System von Karl Storz ist im deutschsprachigen Raum weit verbreitet und hat sich sowohl innerklinisch als auch präklinisch etabliert.
Technische Merkmale:
- Modulares System: Monitor (wiederverwendbar) + Spatel (wiederverwendbar oder Einweg)
- Verfügbare Spatel: Macintosh Größe 2–4, Miller 0–1, D-Blade (hyperanguliert), C-MAC Pocket Monitor für den mobilen Einsatz
- Kamera an der Spatelspitze mit LED-Beleuchtung
- Anti-Fog-System integriert
- Aufnahmefunktion für Dokumentation und Lehre
Stärken:
- Vielseitigstes Spatelsortiment auf dem Markt – vom Neonaten (Miller 0) bis zum massiv adipösen Erwachsenen (Macintosh 4 / D-Blade)
- Macintosh-Spatel erlaubt Hybrid-Technik (direkte + indirekte Laryngoskopie)
- Robuste Verarbeitung, klinisch bewährt über viele Jahre
- Pocket-Monitor-Variante ist kompakt genug für den Notfallrucksack
Schwächen:
- Höheres Gewicht und größere Bauform als kompakte Einweg-Systeme
- Wiederverwendbare Spatel erfordern Aufbereitung
- D-Blade hat eine steile Lernkurve für die Tubussteuerung
GlideScope (Verathon)
Das GlideScope war eines der ersten kommerziell erfolgreichen Videolaryngoskope und hat den Begriff „Videolaryngoskopie" maßgeblich geprägt.
Technische Merkmale:
- Verfügbar als GlideScope Titanium (wiederverwendbar) und GlideScope Spectrum (Einweg-Spatel auf wiederverwendbarem Handgriff)
- Hyperangulierter Standardspatel mit 60°-Krümmung
- Macintosh-ähnlicher Spatel (bei neueren Generationen verfügbar)
- Monitor als separate Einheit oder Tablet-basiert
- GlideStylet als speziell angepasstes Stilett im Lieferumfang
Stärken:
- Exzellente Bildqualität mit hoher Auflösung
- Der speziell konzipierte GlideStylet erleichtert die Tubusführung bei hyperanguliertem Spatel erheblich
- Großer Evidenzkörper in der Literatur
- Spectrum-Serie bietet hygienische Einweg-Lösung bei reduzierten Kosten im Vergleich zu vollständigen Einweg-Systemen
Schwächen:
- Standardmäßig hyperangulierter Spatel erfordert konsequenten Stilett-Einsatz
- Separater Monitor kann in beengten Verhältnissen (Rettungswagen, Hubschrauber) störend sein
- Höherer Anschaffungspreis im Vergleich zu einigen Mitbewerbern
McGrath MAC (Medtronic)
Das McGrath MAC besticht durch seine Kompaktheit und ist besonders im prähospitalen Setting beliebt.
Technische Merkmale:
- Integriertes System: Handgriff mit eingebautem LCD-Bildschirm, Einweg-Spatel zum Aufstecken
- Spatel: Macintosh-Geometrie (Größen 2–4), McGrath X-Blade (hyperanguliert, separates Produkt)
- Batteriebetrieben (ca. 250 Minuten Laufzeit)
- Gewicht ca. 175 g – extrem leicht
Stärken:
- Geringstes Gewicht und kompakteste Bauform aller gängigen Systeme
- Monitor am Handgriff – kein separater Bildschirm nötig, kein Kabel
- Einweg-Spatel: keine Aufbereitung, hygienisch, schnell einsatzbereit
- Macintosh-Geometrie erlaubt auch direkte Laryngoskopie
- Intuitive Handhabung, kurze Einarbeitungszeit
Schwächen:
- Kleiner integrierter Bildschirm (2,5 Zoll) – bei mehreren Helfern kann nicht jeder mitsehen
- Einweg-Spatel verursachen laufende Kosten
- Kein Neonaten-Spatel im Standardsortiment
- Bildqualität geringfügig unter den größeren Systemen
- Aufnahme-/Dokumentationsfunktion nicht standardmäßig vorhanden
Geräteauswahl: Welches System passt zu deinem Setting?
Die Wahl des Videolaryngoskops hängt von mehreren Faktoren ab. Folgende Entscheidungsmatrix hilft bei der Orientierung:
| Kriterium | C-MAC | GlideScope | McGrath MAC |
|---|---|---|---|
| Präklinik / Rettungsdienst | ++ (Pocket Monitor) | + | +++ |
| Schockraum / Notaufnahme | +++ | +++ | ++ |
| Anästhesie / OP | +++ | +++ | ++ |
| Pädiatrie / Neonatologie | +++ | + | – |
| Schwieriger Atemweg | +++ (D-Blade) | +++ | ++ (X-Blade) |
| Team-Sichtbarkeit | +++ (externer Monitor) | +++ | + (kleiner Screen) |
| Portabilität | + | + | +++ |
| Kosten (Anschaffung) | Mittel–hoch | Hoch | Niedrig–mittel |
| Kosten (Verbrauch) | Niedrig (wiederverwendbar) | Mittel | Mittel (Einweg-Spatel) |
Pragmatischer Rat: Viele Abteilungen profitieren von einem Dual-System-Ansatz – etwa McGrath MAC als Standard für schnelle Intubationen und C-MAC mit D-Blade als Backup für den antizipiert schwierigen Atemweg.
Technik unter Zeitdruck: 10 Praxistipps
1. Kenne dein Gerät
Übe die Handhabung deines Videolaryngoskops vor dem Notfall. Das umfasst: Einschalten, Spatel montieren, Stilett vorbereiten, Anti-Fog-Maßnahmen. Im Stress kosten unbekannte Geräte wertvolle Sekunden.
2. Stilett vorbereiten – immer
Auch wenn du einen Macintosh-Geometrie-Spatel verwendest: Hab ein vorgebogenes Stilett im Tubus. Bei hyperangulierten Spateln ist es obligat. Die ideale Form ist der Hockey-Stick – gerade bis zur Tubusspitze, dort 60°-Knick.
3. Positionierung optimieren
Die verbesserte Schnittebene bringt dich schnell an die Glottis heran – die optimale Patientenpositionierung bleibt trotzdem essenziell. Ramped Position (Oberkörper leicht erhöht, Tragus auf Sternumhöhe) ist Standard, besonders bei adipösen Patient:innen.
4. Nicht zu tief einführen
Ein häufiger Anfängerfehler: Der Spatel wird zu tief in den Ösophagus vorgeschoben. Du siehst dann nur Schleimhaut. Lösung: Langsam einführen und die anatomischen Landmarken sukzessive identifizieren – Uvula, Epiglottis, Aryknorpel.
5. Blick auf den Monitor, nicht in den Mund
Bei hyperangulierten Spateln ist die direkte Sicht konstruktionsbedingt nicht möglich. Aber auch bei Macintosh-Geometrie-VL solltest du primär auf den Monitor schauen. Der Wechsel zwischen direkter und indirekter Sicht kostet Zeit und Orientierung.
6. Tubusführung aktiv steuern
Der Tubus folgt nicht automatisch der Spatelkrümmung. Besonders bei hyperangulierten Spateln musst du die Tubusspitze aktiv zur Glottis dirigieren. Technik: Tubus von rechts einführen (um die Sicht auf dem Monitor nicht zu verdecken), Stilett-Spitze Richtung Stimmbänder lenken, nach Passage der Glottis Stilett zurückziehen.
7. BURP/OELM nicht vergessen
Auch mit Videolaryngoskop kann Backward-Upward-Rightward Pressure (BURP) oder Optimal External Laryngeal Manipulation (OELM) die Sicht weiter verbessern. Kommuniziere klar mit deinem Team.
8. Absaugung griffbereit
Blut und Sekret verschmutzen die Kameralinse und machen die VL wertlos. Halte immer eine großlumige Absaugung (Yankauer oder besser: Saugkatheter mit großem Lumen) in Reichweite. Bei massiver Kontamination: Spatel zurückziehen, Linse reinigen, erneut einführen.
9. Cuffmanometrie und Kapnographie
Die erfolgreiche Tubuslage ist erst nach endtidaler CO₂-Detektion gesichert. Das Videobild der Stimmband-Passage allein reicht als alleinige Lagekontrolle nicht aus – auch wenn es suggestiv ist.
10. Plan B definieren
Videolaryngoskopie ist ein hervorragendes Werkzeug, aber kein Ersatz für einen strukturierten Atemwegsalgorithmus. Definiere vor jedem Intubationsversuch:
- Plan A: VL-Intubation (maximal 2 Versuche)
- Plan B: Supraglottischer Atemweg (Larynxmaske, i-gel)
- Plan C: Front-of-Neck Access (Koniotomie)
Die aktuelle Leitlinie der Difficult Airway Society (DAS) und die AHA-Empfehlungen zum Atemwegsmanagement betonen: Maximal zwei Intubationsversuche im Notfall, dann Eskalation. Jeder weitere Versuch verschlechtert die Prognose.
Häufige Fehler und wie du sie vermeidest
| Fehler | Konsequenz | Lösung |
|---|---|---|
| Kein Stilett bei hyperanguliertem Spatel | Tubus erreicht die Glottis nicht | Stilett immer vorbereiten |
| Spatel zu tief eingeführt | Ösophagus-Sicht, keine Orientierung | Langsam unter Sicht einführen |
| Zu viel Kraft beim Hebeln | Zahntrauma, Schleimhautverletzung | VL benötigt weniger Kraft als DL |
| Anti-Fog nicht beachtet | Beschlagene Linse, Sichtverlust | Anti-Fog-Tuch verwenden oder Spatel vorwärmen |
| Fehlende Kapnographie-Kontrolle | Unerkannte Ösophagusintubation | etCO₂ nach jeder Intubation |
| Kein definierter Plan B | Zeitverlust bei Scheitern, „Fixation Error" | Atemwegsalgorithmus vorab festlegen |
Integration in den Atemwegsalgorithmus
Die Videolaryngoskopie ersetzt nicht den strukturierten Atemwegsalgorithmus – sie ist ein Element darin. Die AHA empfiehlt in ihren aktuellen Guidelines zum Advanced Cardiac Life Support (ACLS), dass Videolaryngoskopie als bevorzugte Technik erwogen werden soll, wenn die Expertise vorhanden ist. Entscheidend ist die Team-Kommunikation: Wer intubiert, wer assistiert, wer absaugt, wer den Timer überwacht, wer Plan B vorbereitet.
Im Reanimationssetting gilt zudem: Die Intubation darf keine Unterbrechung der Thoraxkompressionen von mehr als 10 Sekunden verursachen. Videolaryngoskopie kann hier helfen, die Intubationszeit zu verkürzen – vorausgesetzt, der Anwender ist mit dem Gerät vertraut.
Zusammenfassung der Kernbotschaften
- Videolaryngoskopie verbessert die Erstintubationserfolgsrate und die Sicht auf die Glottis signifikant.
- Die Wahl zwischen Macintosh-Geometrie und hyperanguliertem Spatel hängt von der klinischen Situation ab – idealerweise hast du Zugang zu beiden Optionen.
- C-MAC, GlideScope und McGrath MAC haben jeweils spezifische Stärken. Die Geräteauswahl richtet sich nach Setting, Patientenpopulation und logistischen Rahmenbedingungen.
- Auch mit perfekter Glottis-Sicht kann die Tubusplatzierung scheitern – die korrekte Stilett-Technik ist essenziell.
- Maximal zwei Intubationsversuche, dann Eskalation im Atemwegsalgorithmus.
- Regelmäßiges Training am jeweiligen Gerät ist der wichtigste Erfolgsfaktor.
Praktisches Training
Videolaryngoskopie lässt sich nicht allein durch Lektüre erlernen. Die Handhabung der verschiedenen Spatelgeometrien, die Tubussteuerung mit Stilett und das strukturierte Vorgehen unter Zeitdruck erfordern wiederholtes praktisches Üben – idealerweise in realistischen Simulationsszenarien. Im Notarzt-Refresher-Kurs von Simulation Tirol trainierst du Atemwegsmanagement an hochwertigen Simulatoren, übst den Umgang mit gängigen Videolaryngoskopen und durchläufst kritische Szenarien vom schwierigen Atemweg bis zur Can't-Intubate-Can't-Oxygenate-Situation. So festigst du deine Fertigkeiten unter kontrollierten Bedingungen, bevor es im nächsten Notfall darauf ankommt.
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