Erste Hilfe

Stabile Seitenlage und Basismaßnahmen: Erste Hilfe richtig anwenden

Grundlegende Erste-Hilfe-Maßnahmen für betriebliche Ersthelfer:innen: stabile Seitenlage, Notruf, Basisreanimation, Schockbekämpfung und häufige Fehler. Ideal als Auffrischung für Firmenersthelfer und Grundlage für betriebliche Erste-Hilfe-Schulungen.

Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol

Lesezeit ca. 8 Min.

Die stabile Seitenlage, der korrekte Notruf und die Basisreanimation gehören zu den fundamentalen Fertigkeiten, die im Ernstfall über Leben und Tod entscheiden. Gerade betriebliche Ersthelfer:innen stehen vor der Herausforderung, unter Stress und ohne umfangreiche Ausrüstung die richtigen Maßnahmen zu setzen – oft Monate oder Jahre nach dem letzten Kurs. Dieser Artikel bietet eine strukturierte Auffrischung der wichtigsten Erste-Hilfe-Maßnahmen, beleuchtet häufige Fehler und gibt dir als Fachperson oder betrieblicher Ersthelfer:in klare Handlungsalgorithmen an die Hand.

Das Fundament: Sicherheit und strukturiertes Vorgehen

Bevor du eine bewusstlose oder verletzte Person versorgst, gilt ein eherner Grundsatz: Eigenschutz geht vor Fremdschutz. Das ist kein leerer Slogan, sondern eine klinisch wie rechtlich relevante Maxime. Ein:e verletzte:r Ersthelfer:in kann nicht helfen und bindet zusätzliche Rettungsressourcen.

Das ABCDE der Erstbeurteilung

Auch im betrieblichen Umfeld hat sich ein strukturiertes Vorgehen bewährt, das dem professionellen Rettungsdienst entlehnt ist:

  1. Absicherung: Gefahrenzone erkennen und absichern (Verkehr, Strom, Chemikalien, Maschinen)
  2. Bewusstseinskontrolle: Laut ansprechen, sanft an den Schultern rütteln
  3. Notruf: 144 (Rettung in Österreich), alternativ 112 (europäischer Notruf)
  4. Atemkontrolle: Kopf überstrecken, sehen – hören – fühlen (maximal 10 Sekunden)
  5. Definitive Maßnahmen: Stabile Seitenlage bei vorhandener Atmung, CPR bei fehlender Atmung

Dieses Schema gibt dir eine klare Reihenfolge, die auch unter Stress reproduzierbar ist. Entscheidend ist: Zwischen dem Auffinden einer bewusstlosen Person und dem Beginn definitiver Maßnahmen sollten nicht mehr als 30–60 Sekunden vergehen.

Der Notruf: Mehr als nur eine Telefonnummer

Der Notruf ist keine bloße Formalität, sondern der kritischste Einzelschritt in der Rettungskette. Jede Minute Verzögerung beim Absetzen verschlechtert das Outcome – besonders bei Herz-Kreislauf-Stillstand, wo die Überlebenswahrscheinlichkeit pro Minute ohne Reanimation um etwa 7–10 % sinkt.

Die 5 W-Fragen

  • Wo ist der Notfall? (Adresse, Stockwerk, Gebäudeteil, Zugangsinformationen)
  • Was ist passiert? (Sturz, Bewusstlosigkeit, Atemnot, Verbrennung)
  • Wie viele Verletzte/Betroffene gibt es?
  • Welche Verletzungen oder Symptome liegen vor?
  • Warten auf Rückfragen der Leitstelle

Ein häufiger Fehler: Ersthelfer:innen legen auf, bevor die Leitstelle das Gespräch beendet hat. Die Disponent:innen in der Leitstelle geben oft wertvolle Anweisungen – etwa zur telefonischen Anleitung der Herzdruckmassage (Telefon-CPR). Lass das Telefon auf Lautsprecher laufen und folge den Anweisungen, während du gleichzeitig hilfst.

Besonderheiten im Betrieb

Im betrieblichen Setting solltest du wissen:

  • Wo befindet sich der nächste Defibrillator (AED)?
  • Gibt es eine innerbetriebliche Notrufnummer?
  • Wie ist der Zugang für den Rettungsdienst organisiert (Schranke, Pforte, Aufzüge)?
  • Wer übernimmt das Einweisen des Rettungswagens?

Diese organisatorischen Fragen sollten idealerweise nicht erst im Ernstfall geklärt werden, sondern Teil jeder betrieblichen Erste-Hilfe-Schulung sein.

Die stabile Seitenlage: Indikation, Technik und Fallstricke

Die stabile Seitenlage ist eine der am häufigsten gelehrten, aber auch am häufigsten fehlerhaft durchgeführten Maßnahmen in der Ersten Hilfe. Ihr Zweck ist eindeutig: Sicherung der Atemwege bei bewusstlosen Personen mit vorhandener Atmung.

Wann ist die stabile Seitenlage indiziert?

Die Indikation ist klar umrissen:

  • Die Person ist bewusstlos (reagiert nicht auf Ansprache und Schmerzreiz)
  • Die Atmung ist vorhanden (normale Atemzüge erkennbar)
  • Es liegt kein Herz-Kreislauf-Stillstand vor

Die pathophysiologische Rationale: Bei Bewusstlosigkeit erschlafft die Muskulatur, die Zunge fällt nach hinten und verlegt den Atemweg. Gleichzeitig sind die Schutzreflexe (Husten, Schlucken) aufgehoben – Erbrochenes, Blut oder Speichel können aspiriert werden. Die Seitenlage nutzt die Schwerkraft, um sowohl die Zunge als auch Flüssigkeiten aus dem Atemweg fernzuhalten.

Technik der stabilen Seitenlage – Schritt für Schritt

  1. Neben der Person knien (auf der Seite, zu der du sie drehen willst)
  2. Den dir nahen Arm im rechten Winkel zum Körper auslegen (Handfläche nach oben)
  3. Den fernen Arm greifen und den Handrücken an die dir zugewandte Wange der Person legen – festhalten
  4. Das ferne Bein am Knie anwinkeln und als Hebel nutzen
  5. Die Person zu dir herüberziehen, indem du am angewinkelten Knie ziehst
  6. Das oben liegende Bein so positionieren, dass Hüfte und Knie im rechten Winkel stabilisiert sind
  7. Kopf überstrecken, um den Atemweg freizuhalten
  8. Den Mund leicht nach unten öffnen, damit Flüssigkeiten abfließen können

Häufige Fehler bei der stabilen Seitenlage

In der Praxis sieht man regelmäßig folgende Probleme:

  • Keine Atemwegssicherung: Die Person wird zwar auf die Seite gedreht, aber der Kopf nicht überstreckt. Damit ist der Hauptzweck der Maßnahme verfehlt.
  • Instabile Lagerung: Bein und Arm stabilisieren die Position nicht ausreichend – die Person rollt auf den Bauch oder zurück auf den Rücken.
  • Vergessen der wiederholten Atemkontrolle: Die stabile Seitenlage ist keine "Einmal-und-fertig"-Maßnahme. Du musst die Atmung kontinuierlich überwachen.
  • Verzögerung der CPR: Hört die Person in Seitenlage auf zu atmen, muss sie sofort auf den Rücken gedreht und mit der Herzdruckmassage begonnen werden.
  • Anwendung bei V.a. Wirbelsäulenverletzung ohne Abwägung: Bei Verdacht auf HWS-Trauma ist die Atemwegssicherung trotzdem vorrangig. Die Seitenlage darf durchgeführt werden, wenn die Alternative Aspiration und Atemwegsverlust bedeutet – idealerweise unter Stabilisierung der HWS durch eine zweite helfende Person.

Ein wichtiger Hinweis zur Schnappatmung

Schnappatmung (Gasping) ist keine normale Atmung. Sie tritt in den ersten Minuten nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand bei bis zu 40 % der Betroffenen auf und wird von Laien häufig als Zeichen vorhandener Atmung fehlinterpretiert. Die Folge: Die Person wird in die stabile Seitenlage gebracht statt reanimiert – ein potenziell tödlicher Fehler. Schnappatmung zeigt sich als unregelmäßiges, seufzendes oder schnarchendes Atmen mit langen Pausen. Im Zweifel gilt: Beginne mit der Herzdruckmassage.

Basisreanimation (BLS): Der Algorithmus für Ersthelfer:innen

Wenn eine bewusstlose Person nicht normal atmet, liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Herz-Kreislauf-Stillstand vor. In diesem Fall beginnt der BLS-Algorithmus:

BLS-Algorithmus für Ersthelfer:innen

  1. Sicherheit gewährleisten
  2. Bewusstsein prüfen (ansprechen, rütteln)
  3. Hilfe rufen – Umstehende einbinden
  4. Atemwege freimachen (Kopf überstrecken, Kinn anheben)
  5. Atmung prüfen (sehen – hören – fühlen, max. 10 Sekunden)
  6. Notruf 144/112 absetzen (oder absetzen lassen), AED holen lassen
  7. 30 Thoraxkompressionen beginnen:
    • Druckpunkt: Mitte des Brustkorbs (untere Hälfte des Sternums)
    • Drucktiefe: 5–6 cm
    • Frequenz: 100–120/min
    • Vollständige Entlastung zwischen den Kompressionen
  8. 2 Beatmungen (je 1 Sekunde, sichtbare Thoraxhebung)
  9. Verhältnis 30:2 fortführen bis:
    • Professionelle Hilfe eintrifft
    • Ein AED einsatzbereit ist
    • Die Person eindeutige Lebenszeichen zeigt
    • Du körperlich nicht mehr in der Lage bist

Worauf es wirklich ankommt

Die Qualität der Thoraxkompressionen ist der entscheidende Faktor für das Überleben. Nach aktueller Evidenz und den AHA-Leitlinien gelten folgende Qualitätsmerkmale:

  • Drück fest: 5–6 cm Tiefe – die meisten Ersthelfer:innen drücken zu flach
  • Drück schnell: 100–120 Kompressionen pro Minute – ein guter Rhythmus entspricht dem Beat von „Stayin' Alive" (Bee Gees)
  • Lass los: Vollständige Entlastung des Brustkorbs zwischen den Kompressionen – „Lehnen" auf dem Thorax reduziert den venösen Rückstrom massiv
  • Minimiere Unterbrechungen: Jede Pause in der Herzdruckmassage lässt den koronaren Perfusionsdruck abfallen. No-flow-Zeiten unter 10 Sekunden halten

Wenn du als Ersthelfer:in die Beatmung nicht durchführen kannst oder willst – etwa wegen fehlender Beatmungshilfe oder Hemmung – ist eine kontinuierliche Herzdruckmassage ohne Beatmung deutlich besser als gar keine Reanimation. Die AHA-Leitlinien unterstützen Hands-Only-CPR als gleichwertige Option für Laienhelfer:innen bei beobachtetem Kreislaufstillstand im Erwachsenenalter.

AED-Einsatz

Der automatisierte externe Defibrillator ist das wichtigste Gerät in der Ersthelfer:innen-Ausstattung. Bei Kammerflimmern – dem häufigsten initialen Rhythmus beim plötzlichen Herztod – ist die Defibrillation die einzige kausale Therapie. Jede Minute ohne Defibrillation reduziert die Überlebenschance um ca. 10 %.

Die Bedienung ist bewusst einfach gehalten:

  1. AED einschalten
  2. Pads gemäß Abbildung aufkleben (rechts unter dem Schlüsselbein, links unter der Achsel)
  3. Den Sprachanweisungen folgen
  4. Während der Rhythmusanalyse die Person nicht berühren
  5. Bei Schockempfehlung: Sicherstellen, dass niemand die Person berührt, Schock auslösen
  6. Sofort nach Schockabgabe mit CPR 30:2 fortfahren – nicht auf eine Pulskontrolle warten

Schockbekämpfung: Erkennen und Erstmaßnahmen

Der Begriff „Schock" wird im Alltag inflationär verwendet, bezeichnet aber in der Medizin ein lebensbedrohliches Kreislaufversagen mit inadäquater Gewebeperfusion. Für Ersthelfer:innen im Betrieb sind vor allem der hypovolämische Schock (Blutverlust, Flüssigkeitsmangel) und der anaphylaktische Schock (allergische Reaktion) relevant.

Erkennen eines Schocks

  • Blasse, kühle, schweißige Haut
  • Schneller, flacher Puls (Tachykardie)
  • Schnelle, flache Atmung
  • Unruhe, Angst, Verwirrtheit
  • Bewusstseinstrübung bis Bewusstlosigkeit

Erstmaßnahmen bei Schock

  • Notruf absetzen
  • Blutungen stillen (direkter Druck, Druckverband)
  • Flach lagern, Beine erhöht (ca. 20–30°) – die sogenannte Schocklage. Achtung: Nicht bei Verdacht auf Wirbelsäulenverletzung, Thoraxtrauma, Schädel-Hirn-Trauma oder bei Atemnot
  • Wärmeerhalt: Rettungsdecke oder Decke – Hypothermie verschlechtert die Gerinnung und das Outcome erheblich
  • Psychische Betreuung: Ruhig ansprechen, Angst nehmen, Sichtschutz aufbauen
  • Keine orale Flüssigkeitszufuhr – auch wenn der Betroffene Durst äußert. Aspiration und potenzielle Narkoseeinleitung im Krankenhaus sprechen dagegen

Sonderfall Anaphylaxie

Beim anaphylaktischen Schock (z. B. Insektenstich, Nahrungsmittelallergie) ist die Flachlagerung mit erhöhten Beinen essenziell – ein Aufrichten kann durch den fehlenden venösen Rückstrom zum Kreislaufstillstand führen. Wenn die betroffene Person einen Adrenalin-Autoinjektor bei sich trägt (z. B. EpiPen®), unterstütze die Selbstapplikation oder verabreiche ihn bei Handlungsunfähigkeit in den anterolateralen Oberschenkel. Die Dosis beträgt in der Regel 0,3 mg (Erwachsene) bzw. 0,15 mg (Kinder 15–30 kg).

Häufige Fehler in der betrieblichen Ersten Hilfe

Aus der Erfahrung mit betrieblichen Erst-Hilfe-Schulungen und Simulationstrainings zeigen sich wiederkehrende Fehlermuster:

Fehler Konsequenz Lösung
Zu langes Zögern vor dem Notruf Verzögerter Rettungsdienst, kein Telefon-CPR Notruf immer sofort, auch bei Unsicherheit
Schnappatmung als Atmung fehlgedeutet Keine CPR bei Kreislaufstillstand Im Zweifel: CPR beginnen
Zu flache Thoraxkompressionen Insuffizienter Blutfluss 5–6 cm Tiefe, regelmäßiges Training
Helm nicht abnehmen (Motorradunfall) Atemwegssicherung unmöglich Helmabnahme zu zweit, Atemweg hat Priorität
Tourniquet-Angst Lebensbedrohliche Blutung nicht kontrolliert Bei massiver Extremitätenblutung ist das Tourniquet lebensrettend
Keine Atemkontrolle in Seitenlage Kreislaufstillstand wird übersehen Regelmäßige Kontrolle alle 1–2 Minuten

Psychologische Aspekte: Handeln unter Stress

Ein Aspekt, der in vielen Auffrischungen zu kurz kommt, ist die psychologische Dimension. Die meisten Ersthelfer:innen wissen theoretisch, was zu tun ist – sie scheitern an der Umsetzung unter realem Stress. Typische Phänomene:

  • Bystander-Effekt: In Gruppen fühlt sich niemand verantwortlich. Lösung: Einzelpersonen direkt ansprechen und konkrete Aufgaben zuweisen ("Du in der blauen Jacke – ruf jetzt 144 an!")
  • Freezing: Totale Handlungsblockade. Lösung: Einfache, trainierte Algorithmen, die automatisiert ablaufen
  • Ekelbarriere: Kontakt mit Blut, Erbrochenem oder Fremdbeatmung. Lösung: Handschuhe und Beatmungsmaske in jedem Erste-Hilfe-Koffer, Hands-Only-CPR als valide Alternative

Regelmäßiges praktisches Training – idealerweise in realitätsnahen Szenarien – ist der einzige wirksame Weg, diese Barrieren abzubauen. Theoretisches Wissen allein genügt nicht.

Dokumentation und Nachsorge

Oft vergessen, aber wichtig: Jeder Erste-Hilfe-Einsatz im Betrieb sollte dokumentiert werden. Dies dient dem Arbeitsschutz, der Unfallversicherung (AUVA) und der Qualitätssicherung. Dokumentiere:

  • Zeitpunkt und Ort des Ereignisses
  • Art der Verletzung oder Erkrankung
  • Durchgeführte Maßnahmen
  • Zustand bei Übergabe an den Rettungsdienst

Vergiss auch die Nachsorge für die Helfenden nicht. Ein belastender Einsatz – insbesondere eine Reanimation – kann psychische Spuren hinterlassen. Im betrieblichen Setting sollte es eine niederschwellige Möglichkeit zur Nachbesprechung oder psychologischen Unterstützung geben.

Praktisches Training

Die stablie Seitenlage, Basisreanimation und Schockbekämpfung sind Fertigkeiten, die regelmäßig praktisch geübt werden müssen – theoretisches Wissen allein führt im Ernstfall nicht zuverlässig zu korrektem Handeln. In den Erste-Hilfe-Kursen von Simulation Tirol trainierst du diese Maßnahmen in realitätsnahen Szenarien, übst den Umgang mit AED und Beatmungshilfen und erhältst qualifiziertes Feedback zu deiner Technik. Gerade für betriebliche Ersthelfer:innen, deren letzter Kurs schon eine Weile zurückliegt, bietet dieses Training die Möglichkeit, Sicherheit zurückzugewinnen und im Ernstfall handlungsfähig zu sein.

Du willst das praktisch trainieren?

In unserem Erste Hilfe Kurs für Firmen übst du dieses Thema hands-on mit High-Tech-Simulatoren und erfahrenen Instruktor:innen.

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