Rocuronium-Sugammadex im Notfall: Dosierung und Reversal
Sugammadex hat die Notfall-Narkose verändert. Der Artikel erklärt Dosierung, Indikationen und Zeitfenster für die Aufhebung der neuromuskulären Blockade – besonders bei Cannot-Ventilate-Szenarien nach RSI.

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA
Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol
Lesezeit ca. 8 Min.

Die Einführung von Sugammadex hat das Risikomanagement bei der Rapid Sequence Induction (RSI) grundlegend verändert. Erstmals steht ein Medikament zur Verfügung, das eine tiefe neuromuskuläre Blockade durch Rocuronium innerhalb von Minuten vollständig aufheben kann – ein entscheidender Vorteil in Cannot-Intubate-Cannot-Ventilate-(CICV)-Szenarien, in denen die Wiederherstellung der Spontanatmung lebensrettend sein kann. Dieser Artikel beleuchtet die Pharmakologie, Dosierungsstrategien, das klinische Zeitfenster und die praktischen Implikationen von Sugammadex im notfallmedizinischen Kontext.
Pharmakologische Grundlagen
Rocuronium: Das Relaxans der Wahl bei RSI
Rocuronium ist ein nicht-depolarisierendes, aminosteroidales Muskelrelaxans, das am nikotinergen Acetylcholinrezeptor der motorischen Endplatte kompetitiv antagonistisch wirkt. In der RSI-Dosierung von 1,0–1,2 mg/kg KG erzeugt es innerhalb von 60–90 Sekunden exzellente Intubationsbedingungen – vergleichbar mit Succinylcholin, jedoch ohne dessen problematisches Nebenwirkungsprofil (Hyperkaliämie, maligne Hyperthermie, Faszikulationen, Bradykardie).
Die klinische Wirkdauer bei RSI-Dosierung beträgt etwa 40–70 Minuten. Ohne Sugammadex als Gegenmittel war diese lange Wirkdauer historisch der größte Nachteil gegenüber dem kurzwirksamen Succinylcholin: Bei gescheiterter Intubation und gleichzeitig unmöglicher Maskenbeatmung fehlte ein schneller Ausweg.
Sugammadex: Mechanismus der Enkapsulation
Sugammadex ist ein modifiziertes γ-Cyclodextrin – ein ringförmiges Oligosaccharid mit einem lipophilen Hohlraum und einer hydrophilen Außenseite. Der Wirkmechanismus unterscheidet sich fundamental von klassischen Cholinesterasehemmern wie Neostigmin:
- Enkapsulation statt Rezeptorkompetition: Sugammadex umschließt das Rocuronium-Molekül im Verhältnis 1:1 in seinem Hohlraum und bildet einen hochstabilen Komplex. Das gebundene Rocuronium kann nicht mehr an den Acetylcholinrezeptor binden.
- Konzentrationsgradient: Durch die Bindung freier Rocuronium-Moleküle im Plasma entsteht ein Konzentrationsgradient, der Rocuronium von der neuromuskulären Endplatte zurück ins Plasma zieht.
- Keine cholinergen Nebenwirkungen: Da Sugammadex nicht in die cholinerge Transmission eingreift, entfällt die Notwendigkeit einer begleitenden Atropin-Gabe. Bradykardie, Bronchospasmus und übermäßige Sekretion – typische Probleme der Neostigmin-Reversierung – treten nicht auf.
Die Bindung ist hochspezifisch für aminosteroidale Relaxanzien, wobei die Affinität in folgender Reihenfolge abnimmt: Rocuronium > Vecuronium >> Pancuronium. Für Benzylisochinoline (Atracurium, Cisatracurium) ist Sugammadex unwirksam.
Dosierung im Notfall
Die Dosierung von Sugammadex richtet sich nach der Tiefe der neuromuskulären Blockade und nicht nach der ursprünglich verabreichten Rocuronium-Dosis. In der Notfallmedizin ist praktisch ausschließlich die höchste Dosierungsstufe relevant.
Dosierungsschemata nach Blockadetiefe
| Klinische Situation | Blockadetiefe | Sugammadex-Dosis | Erwartete Reversierungszeit |
|---|---|---|---|
| Moderate Blockade (TOF-Count ≥ 2) | Moderat | 2 mg/kg KG | ca. 2–3 Minuten |
| Tiefe Blockade (PTC 1–2, kein TOF) | Tief | 4 mg/kg KG | ca. 3–5 Minuten |
| Sofortige Reversierung (Notfall) | Unmittelbar nach RSI-Dosis | 16 mg/kg KG | ca. 1,5–3 Minuten |
Die 16-mg/kg-Notfalldosis im Detail
Die Notfalldosierung von 16 mg/kg KG ist spezifisch für die Situation konzipiert, in der Rocuronium in RSI-Dosierung (1,0–1,2 mg/kg) gerade erst appliziert wurde und eine sofortige Reversierung erforderlich wird. Zentrale Punkte:
- Berechnung vereinfachen: Für einen 70-kg-Patienten ergibt sich eine Dosis von 1.120 mg. Bei einer Konzentration von 100 mg/ml entspricht dies über 11 ml – eine relevante Menge, die vorkalkuliert bereitliegen sollte.
- Schnelle Applikation: Die Gabe erfolgt als intravenöser Bolus über maximal 10 Sekunden. Langsamere Injektion verzögert den Wirkeintritt.
- Gewichtsbasierte Dosierung: Bei adipösen Patient:innen orientiert sich die Dosierung am tatsächlichen Körpergewicht (TBW), nicht am idealen Körpergewicht (IBW). Eine Unterdosierung kann fatale Folgen haben.
- Verfallsdatum und Lagerung: Sugammadex ist bei Raumtemperatur stabil. Angebrochene Ampullen müssen innerhalb von 24 Stunden verwendet werden.
Praktische Dosierungstabelle für den Notfall (16 mg/kg)
| Körpergewicht | Sugammadex-Dosis | Volumen (100 mg/ml) |
|---|---|---|
| 50 kg | 800 mg | 8 ml |
| 60 kg | 960 mg | 9,6 ml |
| 70 kg | 1.120 mg | 11,2 ml |
| 80 kg | 1.280 mg | 12,8 ml |
| 90 kg | 1.440 mg | 14,4 ml |
| 100 kg | 1.600 mg | 16 ml |
Diese Tabelle sollte – idealerweise laminiert – in unmittelbarer Nähe des Notfall-Equipments verfügbar sein.
Das Cannot-Intubate-Cannot-Ventilate-Szenario
Position von Sugammadex im Atemwegsalgorithmus
Die eindrücklichste Indikation für die Notfall-Reversierung mit Sugammadex liegt im CICV-Szenario. Der Atemwegsalgorithmus nach den gängigen Leitlinien sieht typischerweise folgende Eskalation vor:
- Plan A: Optimierter Intubationsversuch (maximal 3 + 1 Versuche)
- Plan B: Supraglottische Atemwegshilfe (z. B. Larynxmaske der 2. Generation)
- Plan C: Maskenbeatmung als Rückfallebene
- Plan D: Notfallkoniotomie / chirurgischer Atemweg
Sugammadex findet seinen Platz nicht als Ersatz für den chirurgischen Atemweg, sondern als ergänzende Maßnahme, die parallel zu Plan C oder am Übergang zu Plan D erwogen wird. Die zentrale Überlegung lautet: Wenn die Patient:in nach Reversierung der Muskelrelaxation spontan atmen kann, gewinnt man Zeit und vermeidet einen invasiven Eingriff.
Wichtige Einschränkungen
Sugammadex ist kein Allheilmittel im CICV-Szenario, und es wäre gefährlich, es als solches zu betrachten:
- Sugammadex hebt nur die Relaxierung auf, nicht die Narkose. Die hypnotische und analgetische Komponente der Einleitung (Propofol, Ketamin, Opioide) bleibt bestehen. Eine spontane Ventilation ist nur möglich, wenn der Atemantrieb ausreicht – was bei tiefer Sedierung keineswegs garantiert ist.
- Anatomische Obstruktion wird nicht beeinflusst. Bei obstruktivem Atemweg (Tumor, Schwellung, Trauma) nützt die Rückkehr des Muskeltonus wenig oder kann die Situation sogar verschlechtern (Laryngospasmus, aktive Abwehr bei unzureichender Narkosetiefe).
- Zeitfaktor: Auch 1,5–3 Minuten können in einer Hypoxie-Situation zu lang sein. Bei einem SpO₂-Abfall unter 75 % mit fallender Tendenz darf die Koniotomie nicht verzögert werden, um auf die Sugammadex-Wirkung zu warten.
- Kein Ersatz für den chirurgischen Atemweg: Die Entscheidung zur Notfallkoniotomie darf durch Sugammadex-Gabe nicht aufgeschoben werden. Beide Maßnahmen können und sollen parallel erfolgen.
Neuromuskuläres Monitoring
Warum TOF-Monitoring entscheidend ist
Das Train-of-Four-(TOF)-Monitoring mittels Nervenstimulator ist der Goldstandard zur Beurteilung der neuromuskulären Blockade. In der Notfallmedizin wird es leider noch zu selten eingesetzt, obwohl es in mehreren Situationen wichtige Informationen liefert:
- Vor Extubation: Eine TOF-Ratio ≥ 0,9 bestätigt die adäquate Erholung der neuromuskulären Funktion. Klinische Zeichen (Kopfheben ≥ 5 Sekunden, Händedruck) sind weniger verlässlich.
- Dosisfindung: Die TOF-Messung bestimmt, ob 2, 4 oder 16 mg/kg Sugammadex notwendig sind.
- Rekurarisierung ausschließen: Nach Sugammadex-Gabe zeigt ein anhaltendes TOF-Ratio ≥ 0,9 die erfolgreiche und stabile Reversierung an.
Klinische Zeichen ohne TOF-Monitoring
Im präklinischen Setting steht häufig kein TOF-Monitor zur Verfügung. Dann muss die Beurteilung klinisch erfolgen:
- Spontanbewegungen der Extremitäten
- Atemexkursionen und Atemzugvolumen
- Kopfheben für ≥ 5 Sekunden (zuverlässigster klinischer Test)
- Zungenstoß gegen einen Spatel
- Suffizienter Hustenstoß
Im Notfall nach RSI mit sofortiger 16-mg/kg-Reversierung ist diese differenzierte Beurteilung allerdings akademisch: Es geht darum, ob die Patient:in spontan atmet – ja oder nein.
Spezielle Überlegungen
Rekurarisierung
Eine klinisch relevante Rekurarisierung nach adäquater Sugammadex-Dosierung ist bei korrekter Anwendung extrem selten. Sie kann auftreten bei:
- Unterdosierung – insbesondere bei adipösen Patient:innen, wenn nach IBW statt TBW dosiert wurde
- Renaler Insuffizienz – der Sugammadex-Rocuronium-Komplex wird renal eliminiert; bei schwerer Niereninsuffizienz (GFR < 30 ml/min) ist die Elimination verzögert, der Komplex bleibt jedoch stabil
- Erneuter Rocuronium-Gabe – nach Sugammadex 16 mg/kg sollte bei Bedarf einer erneuten Relaxierung für mindestens 24 Stunden auf Benzylisochinoline (Cisatracurium) umgestiegen werden; alternativ ist eine Wartezeit von 5 Minuten bei massiv erhöhter Rocuronium-Dosis (1,2 mg/kg) möglich, wobei dies aber in der Praxis problematisch und kaum steuerbar ist
Anaphylaxie
Sugammadex kann in seltenen Fällen anaphylaktische Reaktionen auslösen. Die geschätzte Inzidenz liegt bei etwa 1:2.500 bis 1:20.000 Applikationen. Symptome umfassen Hautreaktionen, Bronchospasmus und Kreislaufdepression bis zum Schock. In der Notfallsituation muss die Adrenalin-Gabe unmittelbar verfügbar sein.
Ein zusätzlicher pharmakologischer Aspekt: Der Sugammadex-Rocuronium-Komplex kann in seltenen Fällen selbst als Antigen wirken. Diese sogenannte Cyclodextrin-Hypersensitivität unterscheidet sich von einer Reaktion auf freies Sugammadex und kann auch bei Erstexposition auftreten.
Interaktion mit hormoneller Kontrazeption
Sugammadex bindet – wenn auch mit geringerer Affinität – Steroidhormone, darunter Progesteron. Die klinische Konsequenz: Die Wirksamkeit hormoneller Kontrazeptiva kann nach Sugammadex-Gabe (insbesondere bei höheren Dosen) beeinträchtigt sein. Patient:innen sollten darüber informiert werden, dass für 7 Tage eine zusätzliche Verhütungsmethode angewendet werden sollte. Im Notfallkontext ist diese Information nachrangig, muss aber im Rahmen der Dokumentation und Nachbesprechung berücksichtigt werden.
Sugammadex bei besonderen Patientengruppen
- Kinder: Sugammadex ist für Kinder und Jugendliche zugelassen. Die Dosierungsempfehlungen entsprechen denen von Erwachsenen (2, 4 oder 16 mg/kg). Die Datenlage für Neugeborene und Säuglinge unter 2 Jahren ist begrenzt, der Einsatz im lebensbedrohlichen Notfall aber gerechtfertigt.
- Schwangere: Im Rahmen einer Not-Sectio mit gescheitertem Atemweg ist die Gabe von Sugammadex eine wichtige Option. Tierstudien zeigen keine teratogenen Effekte; kontrollierte Studien an Schwangeren fehlen. Die mütterliche Indikation überwiegt in der Notfallsituation.
- Geriatrische Patient:innen: Kein grundsätzlicher Dosierungsunterschied, aber die verlangsamte Kreislaufzeit kann den Wirkeintritt verzögern.
- Niereninsuffizienz: Der Sugammadex-Rocuronium-Komplex wird renal eliminiert. Bei GFR < 30 ml/min wird Sugammadex nicht routinemäßig empfohlen, ist aber in der Notfallsituation trotzdem einzusetzen. Der Komplex bleibt stabil, die Elimination ist lediglich verzögert.
Vorbereitung und Teamkommunikation
Sugammadex als Teil der RSI-Vorbereitung
Die konsequente Vorbereitung von Sugammadex gehört zur RSI wie das Laryngoskop. Folgende Punkte sollten als Standard etabliert sein:
- Dosisvorberechnung: Vor jeder RSI wird die Sugammadex-Notfalldosis (16 mg/kg) berechnet und laut kommuniziert.
- Aufziehen oder Bereitlegen: In Hochrisikosituationen (erwarteter schwieriger Atemweg, Schwangerschaft, Kinder) sollte Sugammadex aufgezogen bereitliegen.
- Klare Rollenverteilung: Ein Teammitglied wird für die Sugammadex-Gabe benannt, damit im CICV-Szenario keine Verzögerung entsteht.
- Standardisierte Callouts: „Sugammadex 16 mg/kg – [Dosis in mg] – aufgezogen und bereit" als Teil des RSI-Briefings.
Dokumentation
Die Gabe von Sugammadex und die klinische Reaktion darauf müssen sorgfältig dokumentiert werden:
- Uhrzeit der Rocuronium-Gabe
- Uhrzeit der Sugammadex-Gabe
- Applizierte Dosis und zugrunde gelegtes Körpergewicht
- Klinische Reaktion (Zeitpunkt der ersten Spontanbewegung/Atmung)
- TOF-Werte, sofern gemessen
Zusammenfassung der wichtigsten Kernpunkte
- Sugammadex 16 mg/kg hebt eine RSI-Dosis Rocuronium innerhalb von 1,5–3 Minuten auf.
- Die Dosierung erfolgt nach tatsächlichem Körpergewicht.
- Sugammadex ist kein Ersatz für den chirurgischen Atemweg, sondern eine ergänzende Maßnahme.
- Es hebt nur die Relaxierung auf – nicht die Narkose. Spontanatmung ist nur bei ausreichendem Atemantrieb zu erwarten.
- Vorbereitung und Dosisvorberechnung vor jeder RSI sind essenziell.
- TOF-Monitoring sollte, wo verfügbar, zur Erfolgskontrolle eingesetzt werden.
- Die Koniotomie darf durch die Sugammadex-Gabe niemals verzögert werden.
Praktisches Training
Die pharmakologische Theorie von Sugammadex und Rocuronium ist das eine – die souveräne Anwendung im Stress eines CICV-Szenarios das andere. Im ACLS-Kurs von Simulation Tirol trainierst du kritische Entscheidungssituationen in realistischen Simulationen, inklusive Atemwegsmanagement, Teamkommunikation und strukturiertem Vorgehen bei Notfallnarkosen. Das praxisnahe Setting erlaubt es, Dosierungsschemata und Algorithmen unter Stress zu verinnerlichen – damit im Ernstfall jeder Handgriff sitzt.
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