Pharmakologie

Amiodaron vs. Lidocain bei Kammerflimmern

Vergleich der beiden Antiarrhythmika bei schockrefraktärem Kammerflimmern und pulsloser ventrikulärer Tachykardie: Dosierung, Evidenzlage und Empfehlungen der aktuellen AHA-Leitlinien.

Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol

Lesezeit ca. 8 Min.

Schockrefraktäres Kammerflimmern (VF) und pulslose ventrikuläre Tachykardie (pVT) gehören zu den zeitkritischsten Situationen, die dir in der Notfallmedizin begegnen können. Wenn nach drei Defibrillationsversuchen und hochqualitativer CPR kein Sinusrhythmus zu erzielen ist, stellt sich unweigerlich die Frage nach der medikamentösen Eskalation. Die beiden Antiarrhythmika, die in diesem Kontext die größte Rolle spielen, sind Amiodaron und Lidocain. Beide Substanzen werden in den AHA-Leitlinien als Optionen bei schockrefraktärem VF/pVT genannt – doch sie unterscheiden sich grundlegend in ihrer Pharmakologie, Evidenzlage und praktischen Handhabung. Dieser Artikel beleuchtet beide Substanzen im direkten Vergleich und gibt dir eine evidenzbasierte Orientierung für die klinische Entscheidungsfindung.

Pathophysiologischer Hintergrund: Warum Antiarrhythmika bei VF/pVT?

Kammerflimmern ist ein Zustand chaotischer, unkoordinierter elektrischer Aktivität des Myokards, der ohne sofortige Defibrillation tödlich verläuft. Die Defibrillation bleibt die einzige kausale Therapie – kein Medikament kann VF terminieren. Antiarrhythmika verfolgen daher ein anderes Ziel: Sie sollen die Schwelle für eine erfolgreiche Defibrillation senken, einen erneuten Übergang in VF nach erfolgreicher Kardioversion verhindern und das myokardiale Substrat so stabilisieren, dass ein organisierter Rhythmus erhalten bleibt.

Dieser Punkt ist entscheidend: Antiarrhythmika ersetzen keine Defibrillation und keine hochqualitative CPR. Sie sind ein adjunktives Werkzeug, das frühestens nach dem dritten erfolglosen Schock und der Gabe von Adrenalin zum Einsatz kommt.

Amiodaron: Pharmakologie und Dosierung

Wirkmechanismus

Amiodaron ist ein Klasse-III-Antiarrhythmikum nach der Vaughan-Williams-Klassifikation, besitzt aber Eigenschaften aller vier Klassen. Es blockiert primär Kaliumkanäle und verlängert damit die Repolarisationsphase und die Refraktärzeit des Aktionspotentials. Zusätzlich hemmt es Natriumkanäle (Klasse I), Calciumkanäle (Klasse IV) und besitzt eine nicht-kompetitive antiadrenerge Wirkung (Klasse II). Diese Mehrfachwirkung erklärt seine breite antiarrhythmische Potenz, aber auch sein komplexes Nebenwirkungsprofil.

Im Reanimationskontext ist die intravenöse Gabe relevant. Nach Bolusgabe verteilt sich Amiodaron rasch in gut perfundierte Organe – vorausgesetzt, die CPR liefert ein ausreichendes Herzzeitvolumen. Die Halbwertszeit bei Einmalgabe beträgt etwa 4–10 Stunden; bei chronischer Gabe verlängert sie sich auf Wochen.

Dosierung im Reanimationsalgorithmus

Die AHA-Leitlinie empfiehlt folgendes Vorgehen:

  • Erste Dosis: 300 mg Amiodaron als intravenöser Bolus (oder intraossär), unverdünnt oder in 20 ml Glukose 5 %, nach dem dritten erfolglosen Defibrillationsversuch
  • Zweite Dosis: 150 mg Amiodaron als Bolus, falls VF/pVT persistiert
  • Maximale Reanimationsdosis: 450 mg (300 mg + 150 mg)

Nach erfolgreicher Reanimation kann eine Erhaltungsinfusion erwogen werden: 1 mg/min über 6 Stunden, anschließend 0,5 mg/min über 18 Stunden (Gesamtdosis in 24 Stunden: ca. 1050 mg). Diese Post-ROSC-Infusion dient der Rezidivprophylaxe.

Nebenwirkungen und Limitationen

Im Reanimationskontext sind Nebenwirkungen nachrangig – das Überleben hat Priorität. Dennoch solltest du die relevanten unerwünschten Wirkungen kennen, insbesondere für die Post-ROSC-Phase:

  • Hypotension: durch Vasodilatation und negative Inotropie, besonders bei zu rascher Infusion außerhalb der Reanimation
  • Bradykardie: kann nach ROSC relevant werden und eine passagere Schrittmachertherapie erfordern
  • QT-Verlängerung: Torsade-de-Pointes-Risiko, besonders bei Hypokaliämie oder Kombination mit anderen QT-verlängernden Substanzen
  • Phlebitis: bei periphervenöser Gabe; ein zentraler Venenzugang oder intraossärer Zugang ist zu bevorzugen
  • Langzeittoxizität: Schilddrüse, Lunge, Leber, Cornea – im akuten Reanimationssetting irrelevant, aber bei Weiterführung der Therapie auf Intensivstation bedeutsam

Lidocain: Pharmakologie und Dosierung

Wirkmechanismus

Lidocain ist ein Klasse-IB-Antiarrhythmikum. Es blockiert spannungsabhängige Natriumkanäle, wobei es bevorzugt an inaktivierte Kanäle bindet – also an Kanäle in depolarisiertem, ischämischem Myokard. Dadurch verkürzt es die Aktionspotentialdauer und die Refraktärzeit, unterdrückt abnorme Automatie und erhöht die Flimmerschwelle.

Im Vergleich zu Amiodaron wirkt Lidocain deutlich selektiver: Es beeinflusst primär ischämisches Gewebe und hat weniger hämodynamische Nebenwirkungen. Die Halbwertszeit beträgt 1,5–2 Stunden, was eine besser steuerbare Pharmakodynamik ergibt.

Dosierung im Reanimationsalgorithmus

Die AHA-Leitlinie benennt Lidocain als Alternative zu Amiodaron bei schockrefraktärem VF/pVT:

  • Erste Dosis: 1–1,5 mg/kg Körpergewicht intravenös als Bolus
  • Weitere Dosen: 0,5–0,75 mg/kg alle 5–10 Minuten
  • Maximale Reanimationsdosis: 3 mg/kg

Bei einem 80-kg-Patienten bedeutet das: Erstdosis 80–120 mg, Folgedosen 40–60 mg, maximal 240 mg.

Nach ROSC kann eine Erhaltungsinfusion mit 1–4 mg/min erwogen werden. Die Dosis sollte bei eingeschränkter Leberfunktion, Herzinsuffizienz und bei älteren Patient:innen reduziert werden, da Lidocain hepatisch metabolisiert wird.

Nebenwirkungen und Limitationen

  • ZNS-Toxizität: Parästhesien, Verwirrtheit, Krampfanfälle – dosisabhängig, selten im Reanimationskontext, aber nach ROSC unter Erhaltungsinfusion relevant
  • Bradykardie und AV-Block: seltener als bei Amiodaron, aber möglich
  • Negative Inotropie: gering, aber bei schwer eingeschränkter LV-Funktion zu beachten
  • Proarrhythmie: in Einzelfällen beschrieben, insgesamt seltener als bei Klasse-III-Substanzen

Evidenzlage im direkten Vergleich

Die ALIVE-Studie

Die wichtigste randomisierte Studie zum direkten Vergleich von Amiodaron und Lidocain bei außerklinischem Herzstillstand ist die ALIVE-Studie (Amiodarone versus Lidocaine in prehospital Ventricular Fibrillation Evaluation). In dieser doppelblinden, randomisierten Studie wurden Patient:innen mit schockrefraktärem VF nach mindestens drei Defibrillationsversuchen entweder mit Amiodaron (5 mg/kg) oder Lidocain (1,5 mg/kg) behandelt.

Das Ergebnis: Amiodaron zeigte eine signifikant höhere Rate an Krankenhausaufnahmen im Vergleich zu Lidocain (22,8 % vs. 12,0 %). Dieser Überlebensvorteil bis zur Krankenhausaufnahme war statistisch signifikant und klinisch relevant.

Aber – und das ist der zentrale Punkt: Die Studie war nicht darauf ausgelegt, einen Unterschied im Überleben bis zur Krankenhausentlassung oder im neurologischen Outcome zu zeigen. Die Rate der Entlassung mit gutem neurologischem Ergebnis unterschied sich nicht signifikant.

Die ALPS-Studie

Die ALPS-Studie (Amiodarone, Lidocaine, or Placebo Study) untersuchte in einem dreiarmigen Design Amiodaron vs. Lidocain vs. Placebo bei außerklinischem schockrefraktärem VF/pVT. Es handelt sich um die bisher größte und methodisch hochwertigste Studie zu dieser Fragestellung.

Die Ergebnisse:

  • Primärer Endpunkt (Überleben bis Krankenhausentlassung): Kein signifikanter Unterschied zwischen Amiodaron (24,4 %), Lidocain (23,7 %) und Placebo (21,0 %)
  • Sekundärer Endpunkt (gutes neurologisches Outcome): Ebenfalls kein signifikanter Unterschied zwischen den drei Gruppen
  • Subgruppenanalyse: Bei beobachtetem Herzstillstand (bystander-witnessed arrest) zeigte sich ein Trend zugunsten von Amiodaron gegenüber Placebo

Die ALPS-Studie hat die Sichtweise auf Antiarrhythmika bei VF/pVT fundamental verändert: Weder Amiodaron noch Lidocain verbessern nachweislich das Überleben bis zur Krankenhausentlassung oder das neurologische Outcome im Vergleich zu Placebo. Dies hat dazu geführt, dass die AHA-Leitlinie die Empfehlungsklasse für beide Substanzen herabgestuft hat.

Zusammenfassung der Evidenz

Parameter Amiodaron Lidocain
Klasse (Vaughan-Williams) III (mit I, II, IV-Eigenschaften) IB
Erstdosis Reanimation 300 mg IV/IO Bolus 1–1,5 mg/kg IV/IO
Wiederholungsdosis 150 mg 0,5–0,75 mg/kg
Maximaldosis 450 mg 3 mg/kg
Überleben bis Krankenhausaufnahme Vorteil (ALIVE-Studie) Unterlegen vs. Amiodaron
Überleben bis Entlassung Kein Vorteil vs. Placebo Kein Vorteil vs. Placebo
Neurologisches Outcome Kein Vorteil vs. Placebo Kein Vorteil vs. Placebo
AHA-Empfehlungsklasse IIb IIb
Hämodynamische Effekte Stärkere Hypotension Geringer
Steuerbarkeit Gering (lange HWZ) Gut (kurze HWZ)

Aktuelle AHA-Empfehlung

Die AHA-Leitlinie gibt für beide Substanzen eine Klasse-IIb-Empfehlung (Evidenzgrad B) bei schockrefraktärem VF/pVT. Das bedeutet: Die Gabe kann erwogen werden – es handelt sich aber nicht um eine starke Empfehlung. Im ACLS-Algorithmus ist der Einsatz wie folgt vorgesehen:

  1. Erster Schock → sofort CPR fortsetzen (2 Minuten)
  2. Rhythmusanalyse → falls weiterhin VF/pVT: zweiter Schock → CPR
  3. Rhythmusanalyse → falls weiterhin VF/pVT: Adrenalin 1 mg IV/IOdritter Schock → CPR
  4. Rhythmusanalyse → falls weiterhin VF/pVT: Amiodaron 300 mg ODER Lidocain 1–1,5 mg/kg → vierter Schock → CPR
  5. Adrenalin 1 mg alle 3–5 Minuten wiederholen
  6. Bei Persistenz: Amiodaron 150 mg oder Lidocain 0,5–0,75 mg/kg als Wiederholungsdosis

Entscheidend: Die Leitlinie stellt Amiodaron und Lidocain als gleichwertige Alternativen dar. Es gibt keine explizite Bevorzugung einer Substanz über die andere.

Klinische Entscheidungshilfe: Wann welche Substanz?

Trotz der formal gleichwertigen Empfehlung gibt es klinische Szenarien, in denen eine der beiden Substanzen Vorteile bieten kann:

Argumente für Amiodaron

  • Standardmedikament in den meisten Rettungsdienstsystemen und Notaufnahmen – die Vertrautheit des Teams ist ein Sicherheitsfaktor
  • Breiteres Wirkspektrum durch Mehrklasseneffekt
  • Subgruppenanalyse der ALPS-Studie deutet auf einen möglichen Vorteil bei beobachtetem Herzstillstand hin
  • Keine Dosisanpassung bei eingeschränkter Leber- oder Nierenfunktion im Reanimationskontext erforderlich

Argumente für Lidocain

  • Bessere hämodynamische Verträglichkeit – weniger Hypotension nach ROSC
  • Kürzere Halbwertszeit – bessere Steuerbarkeit, insbesondere wenn ein Substanzwechsel nötig wird
  • Geringeres Risiko für QT-Verlängerung – relevant, wenn die Ursache des VF bereits eine QT-Verlängerung ist (z. B. medikamenteninduzierte Torsade de Pointes)
  • Bevorzugte Wirkung auf ischämisches Myokard – theoretischer Vorteil bei VF im Kontext eines akuten Myokardinfarkts
  • Verfügbarkeit: In manchen Settings (z. B. Anästhesie) ist Lidocain ohnehin vorrätig

Sondersituation: Torsade de Pointes

Bei polymorphem VF im Kontext einer QT-Verlängerung (Torsade de Pointes) ist Amiodaron kontraindiziert, da es die QT-Zeit weiter verlängert. Hier ist Magnesiumsulfat (1–2 g IV über 1–2 Minuten) die Therapie der ersten Wahl. Lidocain kann als Antiarrhythmikum in diesem Kontext erwogen werden, da es die QT-Zeit nicht verlängert und sogar verkürzen kann.

Sondersituation: Kokain-assoziiertes VF

Bei Kokain-induziertem VF wird Lidocain von einigen Expert:innen bevorzugt, da Kokain selbst natriumkanalblockierende Eigenschaften besitzt und die zusätzliche Natriumkanalblockade durch Amiodaron das Problem verschärfen könnte. Die Evidenz hierzu ist allerdings begrenzt und stammt überwiegend aus Fallberichten und tierexperimentellen Studien.

Reversible Ursachen nicht vergessen

Unabhängig von der Wahl des Antiarrhythmikums gilt: Bei schockrefraktärem VF/pVT musst du systematisch nach reversiblen Ursachen suchen. Das Akronym der 5 H's und 5 T's strukturiert diese Suche:

5 H's:

  • Hypovolämie
  • Hypoxie
  • Hypothermie
  • Hypo-/Hyperkaliämie (und andere Elektrolytstörungen)
  • Hydrogen-Ionen (Azidose)

5 T's:

  • Thrombose (koronar → STEMI)
  • Thrombose (pulmonal → Lungenembolie)
  • Tamponade (Herzbeuteltamponade)
  • Tension (Spannungspneumothorax)
  • Toxine (Vergiftung/Intoxikation)

Kein Antiarrhythmikum kann eine unbehandelte Ursache kompensieren. Eine persistierende Hyperkaliämie, eine undrainierte Perikardtamponade oder eine massive Lungenembolie erfordern ursachenbezogene Interventionen – parallel zur CPR.

Zusammenfassung für die Praxis

  • Amiodaron und Lidocain sind bei schockrefraktärem VF/pVT gleichwertige Optionen (AHA-Klasse IIb)
  • Keines der beiden Medikamente verbessert nachweislich das neurologische Langzeit-Outcome
  • Die Kerntherapie bleibt: hochqualitative CPR, frühzeitige Defibrillation, Adrenalin alle 3–5 Minuten, systematische Ursachensuche
  • Amiodaron ist das häufiger eingesetzte Medikament und Standardwahl in den meisten Algorithmen
  • Lidocain ist eine valide Alternative, besonders bei Torsade de Pointes, hämodynamischer Instabilität nach ROSC oder wenn die QT-Verlängerung als Ursache vermutet wird
  • Kenne beide Substanzen, ihre Dosierungen und Kontraindikationen – in der Reanimation bleibt keine Zeit zum Nachschlagen

Praktisches Training

Die sichere Anwendung von Antiarrhythmika bei Kammerflimmern erfordert mehr als theoretisches Wissen. Entscheidend sind die reibungslose Integration in den Reanimationsalgorithmus, die korrekte Dosierung unter Zeitdruck und die strukturierte Teamkommunikation. In den ACLS-Kursen von Simulation Tirol trainierst du genau diese Szenarien in realistischen Simulationen – inklusive der Entscheidung zwischen Amiodaron und Lidocain, dem Management reversibler Ursachen und der Post-ROSC-Versorgung. Das AHA-zertifizierte Kursformat stellt sicher, dass du die aktuellen Leitlinien nicht nur kennst, sondern unter Druck sicher anwenden kannst.

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