Point-of-Care-Blutgasanalyse: Interpretation im Notfall
Arterielle und venöse BGA liefern in Minuten Informationen zu pH, Laktat, Elektrolyten und Hämoglobin. Systematische Interpretation nach Säure-Basen-Schema und klinische Konsequenzen.

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA
Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol
Lesezeit ca. 8 Min.

Die Blutgasanalyse (BGA) gehört zu den mächtigsten diagnostischen Werkzeugen in der Notfallmedizin. Innerhalb von 60 bis 90 Sekunden liefert ein Point-of-Care-Gerät eine Fülle an Informationen, die unmittelbar therapieentscheidend sein können: Säure-Basen-Status, Oxygenierung, Ventilation, Elektrolyte, Laktat und Hämoglobin. Das Problem ist selten die Verfügbarkeit der Werte – sondern deren systematische Interpretation unter Zeitdruck. Wer im Notfall nur den pH-Wert liest und den Rest überfliegt, verschenkt entscheidende klinische Informationen. Dieser Artikel gibt dir ein strukturiertes Schema an die Hand, mit dem du jede BGA in wenigen Schritten interpretierst und unmittelbar klinische Konsequenzen ableitest.
Arterielle vs. venöse BGA: Wann welche?
Die arterielle BGA (aBGA) gilt als Goldstandard für die Beurteilung der Oxygenierung und Ventilation. In der Notfallmedizin ist die arterielle Punktion jedoch nicht immer rasch verfügbar – sei es im präklinischen Setting, bei schwierigem Gefäßzugang oder bei instabilen Patient:innen.
Venöse BGA – unterschätzt und oft ausreichend
Die venöse BGA (vBGA) aus einer peripheren Vene liefert für viele Fragestellungen klinisch verwertbare Ergebnisse:
- pH: Der venöse pH liegt typischerweise 0,02–0,04 Einheiten unter dem arteriellen. Ein venöser pH ≥ 7,35 schließt eine relevante arterielle Azidose mit hoher Wahrscheinlichkeit aus.
- pCO₂: Der venöse pCO₂ liegt ca. 3–8 mmHg über dem arteriellen. Ein venöser pCO₂ < 45 mmHg macht eine relevante Hyperkapnie unwahrscheinlich.
- Bikarbonat, Laktat, Elektrolyte, Hämoglobin, Glukose: Diese Werte sind arteriell und venös nahezu identisch und können direkt übernommen werden.
Wo die venöse BGA versagt: Für die Beurteilung der Oxygenierung (paO₂, SaO₂) ist sie ungeeignet. Wenn du eine Aussage über die Lungenfunktion im engeren Sinn (A-a-Gradient, Oxygenierungsindex) brauchst, kommst du um die arterielle Punktion nicht herum.
Praxis-Tipp: In vielen Notaufnahmen hat sich ein stufenweises Vorgehen etabliert: Zuerst venöse BGA aus dem ohnehin gelegten periphervenösen Zugang, arterielle Punktion nur bei gezielter Fragestellung zur Oxygenierung oder persistierender Unklarheit.
Was steht auf dem BGA-Ausdruck? Die wichtigsten Parameter
Bevor du interpretierst, musst du wissen, was du vor dir hast. Ein modernes Point-of-Care-Gerät liefert typischerweise folgende Werte:
| Parameter | Referenzbereich (arteriell) | Klinische Bedeutung |
|---|---|---|
| pH | 7,35–7,45 | Säure-Basen-Status |
| pCO₂ | 35–45 mmHg | Ventilation (respiratorische Komponente) |
| pO₂ | 70–100 mmHg | Oxygenierung |
| HCO₃⁻ | 22–26 mmol/l | Metabolische Komponente |
| Base Excess (BE) | −2 bis +2 mmol/l | Metabolische Gesamtbilanz |
| Laktat | < 2 mmol/l | Gewebeperfusion, anaerober Stoffwechsel |
| Na⁺ | 135–145 mmol/l | Häufigste Elektrolytstörung |
| K⁺ | 3,5–5,0 mmol/l | Kardiale Relevanz |
| Ca²⁺ (ionisiert) | 1,15–1,30 mmol/l | Neuromuskuläre Erregbarkeit |
| Cl⁻ | 96–106 mmol/l | Anionenlücke, hyperchlorämische Azidose |
| Glukose | 70–110 mg/dl | Hypo-/Hyperglykämie |
| Hämoglobin | 12–17 g/dl | Anämie, Blutungserkennung |
Das 6-Schritte-Schema zur BGA-Interpretation
Systematik schlägt Intuition. Das folgende Schema funktioniert in jeder klinischen Situation – vom Schockraum bis zur Intensivstation.
Schritt 1: pH – Azidose oder Alkalose?
- pH < 7,35: Azidämie
- pH > 7,45: Alkalämie
- pH 7,35–7,45: Normaler pH (aber Vorsicht: kann durch Kompensation maskiert sein!)
Der pH gibt die Richtung vor. Er beantwortet die Frage: Was überwiegt?
Schritt 2: Respiratorische Komponente – pCO₂
- pCO₂ > 45 mmHg: Respiratorische Azidose (Hypoventilation)
- pCO₂ < 35 mmHg: Respiratorische Alkalose (Hyperventilation)
Passt die Richtung des pCO₂ zur pH-Veränderung, ist die respiratorische Komponente die primäre Störung. Geht der pCO₂ in die Gegenrichtung, handelt es sich um eine Kompensation.
Schritt 3: Metabolische Komponente – HCO₃⁻ und Base Excess
- HCO₃⁻ < 22 mmol/l (BE < −2): Metabolische Azidose
- HCO₃⁻ > 26 mmol/l (BE > +2): Metabolische Alkalose
Der Base Excess ist ein kalkulierter Wert, der die metabolische Gesamtsituation abbildet. Ein BE von −10 bedeutet: Es fehlen 10 mmol/l Pufferbase – das ist klinisch hochrelevant.
Schritt 4: Kompensation beurteilen
Der Körper versucht immer gegenzusteuern:
- Bei metabolischer Azidose wird hyperventiliert (pCO₂ sinkt) → Wintersche Formel: erwarteter pCO₂ = 1,5 × HCO₃⁻ + 8 (±2)
- Bei metabolischer Alkalose wird hypoventiliert (pCO₂ steigt)
- Bei respiratorischer Azidose steigt das Bikarbonat (renal, dauert Stunden bis Tage)
- Bei respiratorischer Alkalose sinkt das Bikarbonat
Klinisch entscheidend: Ist die Kompensation adäquat oder nicht? Liegt der gemessene pCO₂ bei metabolischer Azidose deutlich über dem erwarteten Wert (Wintersche Formel), liegt eine zusätzliche respiratorische Azidose vor – ein Warnsignal für drohende Erschöpfung oder Atemwegsverlegung.
Schritt 5: Anionenlücke berechnen
Bei metabolischer Azidose ist die Anionenlücke (AG) der Schlüssel zur Differenzierung:
AG = Na⁺ − (Cl⁻ + HCO₃⁻)
- Normale AG (8–12 mmol/l): Hyperchlorämische Azidose (Bikarbonatverlust) – Diarrhö, renale tubuläre Azidose, exzessive NaCl-Infusion
- Erhöhte AG (> 12 mmol/l): Anionenlücken-Azidose – die Klassiker nach dem Akronym KUSSMAUL: Ketoazidose, Urämie, Salicylate, Sepsis/Schock (Laktat), Methanol, Äthylenglykol, Uremia, Laktat
Bei erhöhter Anionenlücke immer das Delta-Delta (Delta-Ratio) berechnen:
Delta-Ratio = (AG − 12) / (24 − HCO₃⁻)
- < 1: Zusätzliche hyperchlorämische Azidose
- 1–2: Reine Anionenlücken-Azidose
- > 2: Gleichzeitige metabolische Alkalose (z. B. Erbrechen + Ketoazidose)
Schritt 6: Oxygenierung und Zusatzparameter
- paO₂ und SaO₂: Beurteilung im Kontext der FiO₂. Der Oxygenierungsindex (paO₂/FiO₂, Horovitz-Quotient) ist der zentrale Parameter: < 300 = milde Oxygenierungsstörung, < 200 = moderate (ARDS-Kriterium), < 100 = schwer.
- Laktat: Werte > 2 mmol/l weisen auf Gewebehypoperfusion oder Stressstoffwechsel hin. Werte > 4 mmol/l sind mit signifikant erhöhter Mortalität assoziiert.
- Kalium: Werte < 3,0 oder > 6,0 mmol/l sind unmittelbar bedrohlich (Arrhythmiegefahr).
- Ionisiertes Calcium: Bei Massivtransfusion, Zitratantikoagulation oder Sepsis häufig erniedrigt – und oft vergessen.
- Hämoglobin: Ein Hb von 6 g/dl bei einer vermeintlich stabilen Patientin ändert das Management sofort.
Häufige BGA-Konstellationen im Notfall
Metabolische Azidose mit erhöhtem Laktat
Klinisches Bild: Sepsis, Schock jeder Genese, Mesenterialarterienembolie, nach prolongierter Reanimation
Typische BGA: pH 7,18 | pCO₂ 22 mmHg | HCO₃⁻ 12 mmol/l | BE −14 | Laktat 8,5 mmol/l
Interpretation: Schwere metabolische Azidose mit adäquater respiratorischer Kompensation (Kußmaul-Atmung). Erhöhte Anionenlücke durch Laktatazidose.
Konsequenz: Ursache des Schocks identifizieren und behandeln. Volumengabe (balancierte Kristalloide bevorzugen, kein NaCl 0,9 %), Vasopressoren bei Bedarf. Laktat-Clearance als Therapiemonitoring. Natriumbikarbonat nur bei pH < 7,1 und hämodynamischer Instabilität gemäß aktueller Empfehlungen erwägen.
Diabetische Ketoazidose
Typische BGA: pH 7,08 | pCO₂ 18 mmHg | HCO₃⁻ 6 mmol/l | BE −22 | Laktat 2,1 mmol/l | Glukose 480 mg/dl | K⁺ 5,8 mmol/l
Achtung beim Kalium: Das Serumkalium ist initial oft normal oder erhöht, obwohl ein massives Gesamtkörperdefizit besteht. Mit Insulingabe und pH-Korrektur fällt das Kalium rasch – engmaschige Kontrollen sind essenziell. Kaliumsubstitution beginnen, sobald K⁺ < 5,0 mmol/l.
Respiratorische Azidose (akut dekompensierte COPD)
Typische BGA: pH 7,24 | pCO₂ 78 mmHg | HCO₃⁻ 32 mmol/l | BE +6 | paO₂ 48 mmHg (unter 2 l O₂/min)
Interpretation: Akute auf chronische respiratorische Azidose – das erhöhte Bikarbonat zeigt die chronische renale Kompensation. Der niedrige pH zeigt die akute Verschlechterung.
Konsequenz: NIV (nicht-invasive Ventilation) ist die Therapie der Wahl. Ziel ist nicht die Normalisierung des pCO₂, sondern die Verbesserung des pH auf > 7,30 und die Entlastung der Atemmuskulatur. Cave: Unkontrollierte O₂-Gabe kann den Atemantrieb reduzieren.
Gemischte Störung: Metabolische Azidose + Respiratorische Azidose
Typische BGA: pH 7,02 | pCO₂ 55 mmHg | HCO₃⁻ 12 mmol/l | Laktat 7 mmol/l
Interpretation: Der pCO₂ ist deutlich höher als nach Wintersche Formel erwartet (1,5 × 12 + 8 = 26 mmHg). Die Patientin kann nicht adäquat kompensieren.
Konsequenz: Das ist ein Atemwegsnotfall. Hier muss die Indikation zur Intubation und maschinellen Beatmung unmittelbar gestellt werden. Diese Kombination ist ein Zeichen für drohende respiratorische Dekompensation – klassisch bei Sepsis mit Erschöpfung, bei Intoxikation oder bei schwerem Asthmaanfall.
Metabolische Alkalose
Typische BGA: pH 7,54 | pCO₂ 48 mmHg | HCO₃⁻ 38 mmol/l | K⁺ 2,6 mmol/l | Cl⁻ 84 mmol/l
Interpretation: Metabolische Alkalose mit milder respiratorischer Kompensation. Die Hypokaliämie und Hypochlorämie weisen auf Volumenmangel hin – klassisch bei prolongiertem Erbrechen, Magensonde ohne Substitution oder Diuretika-Exzess.
Konsequenz: NaCl 0,9 % (hier ausnahmsweise sinnvoll) und Kaliumsubstitution. Eine metabolische Alkalose mit pH > 7,55 ist keineswegs harmlos – sie kann Arrhythmien auslösen und die Sauerstoffabgabe ins Gewebe verschlechtern (Linksverschiebung der O₂-Dissoziationskurve).
Laktat – mehr als nur ein Schockmarker
Laktat verdient besondere Aufmerksamkeit, weil es so viel mehr aussagt als „Schock ja/nein":
- Typ-A-Laktatazidose: Gewebehypoxie (Schock, Herzstillstand, schwere Anämie, CO-Vergiftung, Mesenterialischämie)
- Typ-B-Laktatazidose: Ohne offensichtliche Hypoxie (Leberversagen, Metformin-Intoxikation, Thiaminmangel, Tumorlyse, Adrenalin-Exzess, Krampfanfälle)
Laktat-Clearance: Ein Abfall des Laktats um ≥ 20 % innerhalb von 2 Stunden unter Therapie ist prognostisch günstig. Die Laktat-Clearance ist mindestens so aussagekräftig wie der Absolutwert und eignet sich hervorragend zur Therapiesteuerung im Schockmanagement.
Fallstrick Krampfanfall: Nach einem generalisierten Krampfanfall kann das Laktat kurzfristig auf 10–15 mmol/l ansteigen und normalisiert sich typischerweise innerhalb von 1–2 Stunden spontan. Ein persistierend erhöhtes Laktat nach Krampfanfall sollte an eine zugrunde liegende Ursache denken lassen.
Fallstricke und häufige Fehler
- Heparinverdünnung: Überschüssiges Heparin in der BGA-Spritze kann Elektrolytwerte (besonders Ca²⁺) verfälschen. Spezielle BGA-Spritzen mit lyophilisiertem Heparin verwenden.
- Luftblasen: Beimengung von Raumluft erhöht den pO₂ und senkt den pCO₂ artifiziell.
- Zeitfaktor: Eine BGA sollte innerhalb von 10–15 Minuten analysiert werden. Leukozyten und Erythrozyten metabolisieren weiter – pO₂ fällt, pCO₂ und Laktat steigen.
- Temperaturkorrektur: Bei hypothermen Patient:innen liefert das Gerät temperaturkorrigierte Werte. In der Praxis wird empfohlen, die unkorrigierten Werte (37 °C) zu verwenden und nach denselben Grenzwerten zu behandeln (alpha-stat-Methode).
- Venöse Stauung: Eine BGA aus einem Arm mit laufender Infusion oder nach prolongiertem Stauen kann völlig irreführende Werte liefern (Pseudohyperkaliämie, verfälschte Glukose).
Integration in den klinischen Workflow
Die BGA ist kein isolierter Laborbefund – sie ist ein Puzzleteil. Integriere sie immer in das Gesamtbild:
- Klinischer Blick: Bewusstsein, Atemmuster, Hautfarbe, Rekapillarisierungszeit
- BGA-Interpretation nach dem 6-Schritte-Schema
- Korrelation: Passen die Werte zum klinischen Bild? Eine Laktatazidose bei einer wachen, rosigen Patientin sollte dich stutzig machen (Abnahmefehler? Typ-B-Laktatazidose?).
- Therapieentscheidung: Die BGA beantwortet konkrete Fragen – Muss ich intubieren? Braucht die Patientin Kalium? Ist die Schocktherapie effektiv?
- Verlaufskontrolle: Eine einzelne BGA ist eine Momentaufnahme. Der Trend ist entscheidend.
Praktisches Training
Die systematische BGA-Interpretation ist eine Fertigkeit, die durch regelmäßiges Üben zur Routine wird – und im Notfall wertvolle Sekunden spart. Im Notarzt-Refresher-Kurs von Simulation Tirol trainierst du anhand realistischer Fallszenarien die Integration von BGA-Befunden in die klinische Entscheidungsfindung – vom Schockraum bis zum präklinischen Einsatz. Strukturiertes Arbeiten unter Zeitdruck lässt sich am besten in der Simulation erlernen, bevor es am realen Patienten darauf ankommt.
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