Erste Hilfe

Notfallausrüstung in der Arztpraxis: Checkliste und Wartung

Viele Praxen sind unzureichend auf Notfälle vorbereitet. Der Artikel liefert eine evidenzbasierte Checkliste für Notfallkoffer, Medikamente und Geräte, inklusive Wartungsintervalle, Ablaufdaten-Management und gesetzliche Vorgaben in Österreich.

Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol

Lesezeit ca. 8 Min.

Notfälle in der Arztpraxis sind selten – aber wenn sie eintreten, entscheiden Sekunden über das Outcome. Ob anaphylaktischer Schock nach einer Impfung, Synkope mit Krampfanfall im Wartezimmer oder akutes Koronarsyndrom während der Untersuchung: Jede Ordination muss auf solche Szenarien vorbereitet sein. Die Realität zeigt jedoch, dass viele Praxen ihre Notfallausrüstung stiefmütterlich behandeln. Abgelaufene Medikamente, leere Sauerstoffflaschen oder ein Defibrillator ohne geladene Batterie sind keine Ausnahme, sondern erschreckend häufig. Dieser Artikel liefert dir eine praxistaugliche, evidenzbasierte Checkliste für die Notfallausrüstung in der niedergelassenen Praxis, erläutert Wartungsintervalle und beleuchtet die rechtlichen Rahmenbedingungen in Österreich.

Rechtliche Grundlagen in Österreich

In Österreich sind niedergelassene Ärzt:innen gemäß Ärztegesetz (ÄrzteG) zur Hilfeleistung in Notfällen verpflichtet. Das betrifft nicht nur Notfälle auf der Straße, sondern explizit auch Ereignisse in der eigenen Ordination. Die Ärztekammern der jeweiligen Bundesländer konkretisieren in ihren Qualitätssicherungsverordnungen, welche Mindestausstattung eine Praxis vorhalten muss. Grundsätzlich gilt:

  • Die Ordinationseinrichtungsverordnung der jeweiligen Landesärztekammer definiert die Mindestanforderungen an die Notfallausstattung.
  • Die Vorhaltekriterien variieren nach Fachrichtung – eine Allgemeinmedizin-Ordination hat andere Anforderungen als eine Praxis für Dermatologie oder Anästhesiologie.
  • Es besteht eine Dokumentationspflicht über den Zustand und die Wartung der Notfallausrüstung.
  • Bei Ordinationsbegehungen durch die Ärztekammer wird die Notfallausrüstung regelmäßig überprüft.

Unabhängig von der spezifischen Fachrichtung sollte jede Praxis über eine Basisausstattung verfügen, die eine initiale Notfallversorgung bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes ermöglicht. Der Grundsatz lautet: Bridge to EMS – überbrücke die Zeit, bis professionelle Hilfe eintrifft.

Häufige Notfälle in der Arztpraxis

Bevor du deine Checkliste zusammenstellst, lohnt sich ein Blick auf die statistisch relevantesten Notfallsituationen in der niedergelassenen Praxis:

  • Vasovagale Synkope – mit Abstand der häufigste Notfall, meist harmlos, gelegentlich aber mit Verletzungsfolgen oder prolongiertem Verlauf
  • Anaphylaxie – insbesondere nach Medikamentengabe, Impfungen oder Allergietestungen
  • Akutes Koronarsyndrom – Brustschmerz, Dyspnoe, vegetative Begleitsymptomatik
  • Hypoglykämie – vor allem bei Diabetiker:innen, die nüchtern zur Blutabnahme erscheinen
  • Asthma-/COPD-Exazerbation – akute Bronchospastik
  • Krampfanfall – epileptisch oder symptomatisch
  • Kreislaufstillstand – selten, aber die ultimative Herausforderung

Die Notfallausrüstung muss auf genau diese Szenarien ausgerichtet sein. Jedes Gerät und jedes Medikament im Notfallkoffer sollte einem konkreten Algorithmus zuordenbar sein.

Notfallkoffer: Die evidenzbasierte Checkliste

Atemwegsmanagement und Beatmung

Das Freihalten der Atemwege und die Sicherstellung einer adäquaten Oxygenierung haben höchste Priorität. Die folgende Ausstattung sollte in jeder Praxis vorhanden sein:

  • Sauerstoffflasche (mindestens 2 Liter, besser 5 Liter) mit Druckminderer und Flowmeter (0–15 l/min)
  • Sauerstoffmaske mit Reservoir (Non-Rebreather-Maske) für hohe FiO₂
  • Nasenbrillen für moderate Sauerstoffgabe
  • Beatmungsbeutel (Ambu-Beutel) mit Reservoir, Erwachsenengröße, idealerweise auch Kindergröße (je nach Patientenklientel)
  • Guedel-Tuben (Größen 1–4 für Erwachsene)
  • Wendl-Tuben (Größen 6–8 mm)
  • Absaugpumpe – manuell oder elektrisch – mit passenden Absaugkathetern (CH 10–16)
  • Larynxmaske/Larynxtubus (Größe 3–5) – sofern die Anwendung beherrscht wird

Die supraglottische Atemwegssicherung mittels Larynxmaske oder Larynxtubus stellt für die Praxissituation eine sinnvolle Option dar, da die endotracheale Intubation unter den Bedingungen einer Ordination selten praktikabel ist und die Erfolgsrate ohne regelmäßige Übung deutlich sinkt.

Monitoring und Diagnostik

  • Automatisierter externer Defibrillator (AED) – dies ist die wichtigste Einzelinvestition. Halbautomatische Geräte mit manueller Übersteuermöglichkeit bieten die größte Flexibilität. Ein AED ist kein Nice-to-have, sondern eine Grundvoraussetzung.
  • Pulsoximeter – idealerweise ein Fingerclip-Modell mit gut ablesbarem Display
  • Blutdruckmessgerät – manuell oder automatisch
  • Blutzuckermessgerät mit Teststreifen und Lanzetten
  • Stethoskop
  • Taschenlampe/Pupillenleuchte
  • EKG-Gerät (sofern in der Ordination vorhanden – in allgemeinmedizinischen und internistischen Praxen Standard)

Notfallmedikamente

Die folgende Liste orientiert sich an den aktuellen Empfehlungen der AHA, des ERC und der österreichischen Fachgesellschaften. Jedes Medikament hat eine klare Indikation:

Kreislauf/Reanimation:

Medikament Konzentration/Form Indikation Dosierung Erwachsene
Adrenalin (Epinephrin) 1 mg/ml (1:1000) Ampullen Anaphylaxie, Reanimation 0,3–0,5 mg i.m. (Anaphylaxie), 1 mg i.v. (Reanimation alle 3–5 min)
Adrenalin-Autoinjektor 0,3 mg / 0,15 mg Anaphylaxie (Laien-/Erstanwendung) 0,3 mg i.m. in den Oberschenkel
Atropin 0,5 mg/ml Ampullen Symptomatische Bradykardie 0,5 mg i.v., wiederholbar bis max. 3 mg
Amiodaron 150 mg/3 ml Ampullen VF/pulslose VT (refraktär) 300 mg i.v. als Bolus

Atemwege/Bronchospastik:

Medikament Konzentration/Form Indikation Dosierung
Salbutamol Dosieraerosol 100 µg/Hub Bronchospastik 2–4 Hübe, wiederholbar
Salbutamol Inhalationslösung 5 mg/ml Schwere Bronchospastik (Vernebler) 2,5–5 mg vernebelt
Ipratropiumbromid Dosieraerosol 20 µg/Hub Bronchospastik (ergänzend) 4 Hübe
Prednisolon 250 mg Pulver zur Injektion Anaphylaxie, Asthmaexazerbation 250 mg i.v.

Analgesie/Sedierung/Krampfdurchbrechung:

Medikament Konzentration/Form Indikation Dosierung
Midazolam 5 mg/ml buccal/nasal oder i.v. Status epilepticus, Krampfanfall 10 mg buccal oder 5 mg i.v. (titriert)
Diazepam 10 mg Rektiole Krampfanfall (alternativ) 10 mg rektal
Morphin oder Piritramid 10 mg/ml bzw. 15 mg/2 ml Akuter Thoraxschmerz (ACS) Morphin: 2–5 mg i.v. titriert; Piritramid: 3,75–7,5 mg i.v. titriert
Metamizol 1 g/2 ml Ampullen Kolikschmerz, akuter Schmerz 1 g i.v. langsam (cave: Hypotonie)

Stoffwechsel/Sonstiges:

Medikament Konzentration/Form Indikation Dosierung
Glucose 40 % Fertigampulle Hypoglykämie 10–20 ml (= 4–8 g Glucose) i.v.
NaCl 0,9 % 500 ml Infusionsbeutel (×2) Volumentherapie, Verdünnung Nach Bedarf
Nitroglycerin Spray 0,4 mg/Hub ACS, hypertensiver Notfall 1–2 Hübe sublingual (cave: RR >90 mmHg systolisch)
Acetylsalicylsäure 250–500 mg i.v. oder 300 mg oral ACS 150–300 mg i.v. oder oral
Clemastin oder Dimetinden 2 mg/2 ml bzw. 4 mg/4 ml Anaphylaxie (adjunktiv) 2 mg i.v. bzw. 4 mg i.v. langsam

Wichtiger Hinweis: Adrenalin ist das einzige lebensrettende Medikament bei Anaphylaxie. Antihistaminika und Kortikosteroide sind lediglich adjunktiv und dürfen die Adrenalingabe niemals verzögern. Die aktuelle Leitlinie empfiehlt die intramuskuläre Gabe in den lateralen Oberschenkel als Erstlinientherapie.

Verbrauchsmaterial und Gefäßzugang

  • Venenverweilkanülen (Größen 20G, 18G, 16G)
  • Infusionssysteme und Dreiwegehähne
  • Spritzen (2 ml, 5 ml, 10 ml, 20 ml)
  • Kanülen zur Medikamentenaufbereitung
  • Stauschlauch
  • Fixierpflaster, Tupfer, Desinfektionsmittel
  • Intraossärer Zugang (z. B. EZ-IO) – optional, aber bei schwieriger Venenpunktion im Kreislaufstillstand wertvolles Backup
  • Handschuhe (Nitril, verschiedene Größen)
  • Notfall-Beatmungsmaske (Pocket Mask) als persönliche Schutzausrüstung

Strukturierung und Lagerung

Ein Notfallkoffer ist nur dann nützlich, wenn sein Inhalt im Stress sofort auffindbar ist. Folgende Prinzipien haben sich bewährt:

  • Farbcodierung: Module nach ABCDE-Schema farblich trennen (z. B. blau = Atemweg, rot = Kreislauf)
  • Standardisierter Aufbau: Jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin muss blind wissen, wo welches Medikament liegt
  • Fixer Standort: Der Notfallkoffer steht an einem zentralen, jederzeit zugänglichen Ort – nicht im verschlossenen Lager
  • Sichtbare Kennzeichnung: Gut sichtbares Notfallsymbol an der Außenseite
  • Zusätzlicher Mini-Notfallset im Behandlungsraum: Adrenalin-Autoinjektor, Sauerstoff, AED in Reichweite

Wartung und Ablaufdaten-Management

Die beste Ausrüstung ist wertlos, wenn sie im Ernstfall nicht funktioniert. Ein strukturiertes Wartungskonzept ist daher Pflicht – nicht Kür.

Wartungsintervalle

Gegenstand Prüfintervall Prüfpunkte
AED Wöchentlich (Selbsttest) + monatlich manuell Statusanzeige, Elektrodenpads (Ablaufdatum), Batteriestatus
Sauerstoffflasche Monatlich Füllstand (≥50 %?), Druckminderer-Funktion, Dichtigkeit
Absaugpumpe Monatlich Saugleistung, Katheter vorhanden, Batterie/Akku geladen
Beatmungsbeutel Monatlich Ventilgängigkeit, Beuteldichtigkeit, Maskenzustand
Medikamente Monatlich Ablaufdaten, Verfärbungen, Kristallbildung
Verbrauchsmaterial Monatlich Vollständigkeit, Sterilität der Verpackung
Infusionslösungen Monatlich Ablaufdatum, Klarheit, Unversehrtheit der Verpackung

Ablaufdaten-Management

Ein systematisches Ablaufdaten-Management verhindert böse Überraschungen:

  • Ablaufdatenliste führen: Tabellarisch alle Medikamente mit Ablaufdatum erfassen, sortiert nach Verfalldatum
  • First-Expired-First-Out-Prinzip (FEFO): Medikamente mit dem nächsten Ablaufdatum nach vorne legen
  • 3-Monats-Vorwarnung: Medikamente, die in weniger als drei Monaten ablaufen, werden sofort nachbestellt und bei Lieferung ausgetauscht
  • Niemals abgelaufene Medikamente im Notfallkoffer belassen – auch nicht „zur Sicherheit"
  • Charge und Ablaufdatum bei jeder Kontrolle mit der Liste abgleichen

Checkliste und Protokollierung

Führe ein Kontrollprotokoll (Papier oder digital), in dem jede Überprüfung dokumentiert wird:

  • Datum der Kontrolle
  • Name der kontrollierenden Person
  • Vollständigkeit (Soll-Ist-Vergleich anhand der Checkliste)
  • Befund bei jedem Gerät (funktioniert / defekt / ausgetauscht)
  • Ablaufdaten-Kontrolle: Medikamente in Ordnung / ausgetauscht
  • Unterschrift

Dieses Protokoll ist im Rahmen von Ordinationsbegehungen durch die Ärztekammer vorzulegen und dient gleichzeitig als rechtliche Absicherung. Definiere eine verantwortliche Person im Praxisteam (z. B. eine diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegeperson oder Ordinationsassistenz), die die monatliche Kontrolle eigenverantwortlich durchführt.

Regelmäßiges Training: Der entscheidende Faktor

Die allerbeste Ausrüstung nützt nichts, wenn das Team sie im Ernstfall nicht bedienen kann. Die Studienlage zeigt eindeutig: Ohne regelmäßiges Training sinkt die Handlungskompetenz im Notfall drastisch. Bereits sechs Monate nach einem Reanimationskurs sind wesentliche Fertigkeiten messbar verschlechtert.

Für das Praxisteam gelten folgende Empfehlungen:

  • Teaminterne Notfallübungen mindestens zweimal jährlich (Simulation konkreter Szenarien wie Anaphylaxie, Reanimation)
  • Jede:r Mitarbeiter:in muss den AED bedienen können und wissen, wo der Notfallkoffer steht
  • Rollenverteilung klären: Wer führt? Wer holt den Koffer? Wer ruft 144? Wer führt den Rettungsdienst ein?
  • Nachbesprechung nach jedem realen Notfall (Debriefing) zur Identifikation von Verbesserungspotenzial
  • Zertifizierte Notfallkurse als Grundlage für alle Teammitglieder

Die AHA-Leitlinie betont die Bedeutung von High-Performance-Teamwork – das gilt nicht nur auf der Intensivstation, sondern genauso in der Ordination. Klare Kommunikation, vorher definierte Rollen und geübte Abläufe machen den Unterschied zwischen Chaos und strukturierter Notfallversorgung.

Häufige Fehler und Fallstricke

Aus der Praxis der Ordinationsbegehungen und Notfallsimulationen begegnen immer wieder dieselben Schwachstellen:

  • Adrenalin fehlt oder ist abgelaufen – das häufigste und gefährlichste Defizit
  • AED vorhanden, aber niemand weiß, wo er steht – oder die Batterie ist leer
  • Sauerstoffflasche leer, weil sie nie kontrolliert wurde
  • Venenverweilkanülen vorhanden, aber niemand im Team kann punktieren – zumindest die Ärzt:in muss das beherrschen, idealerweise auch das Pflegepersonal
  • Kein strukturierter Ablaufplan für den Notfall – das Team improvisiert unter maximalem Stress
  • Notfallkoffer im Keller oder in einem verschlossenen Raum – Zugangszeit >60 Sekunden ist inakzeptabel
  • Veralteter Inhalt, der seit Jahren nicht überarbeitet wurde und Medikamente enthält, die nicht mehr empfohlen werden

Praktisches Training

Die Zusammenstellung und Wartung der Notfallausrüstung ist die eine Seite der Medaille – die sichere Anwendung im Ernstfall die andere. Im Notfalltraining von Simulation Tirol kannst du mit deinem Praxisteam genau diese Szenarien in realistischer Simulationsumgebung üben. Vom Atemwegsmanagement über die Anaphylaxie-Behandlung bis zur Teamreanimation mit AED: Die Kurse orientieren sich an den aktuellen AHA-Leitlinien und sind speziell auf die Bedürfnisse von Praxisteams zugeschnitten. Denn im Notfall zählt nicht, was im Koffer liegt – sondern ob du und dein Team wissen, was zu tun ist.

Du willst das praktisch trainieren?

In unserem Notfalltraining in deiner Arztpraxis oder Klinik übst du dieses Thema hands-on mit High-Tech-Simulatoren und erfahrenen Instruktor:innen.

Weitere Artikel