Noradrenalin-Perfusor berechnen: Verdünnung und Dosierung
Noradrenalin ist der zentrale Vasopressor im Schockmanagement, doch die korrekte Verdünnung und Laufratenberechnung sorgt regelmäßig für Unsicherheit. Der Artikel erklärt gängige Zubereitungen (z. B. 5 mg/50 ml), die gewichtsadaptierte Dosierung in µg/kg/min, Umrechnung in ml/h und typische Dosierungsfehler.

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA
Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol
Lesezeit ca. 7 Min.

Noradrenalin gehört zum absoluten Standardrepertoire in der Notfall- und Intensivmedizin. Als First-Line-Vasopressor bei distributivem Schock – insbesondere bei Sepsis – ist es aus dem klinischen Alltag nicht wegzudenken. Dennoch zeigt die Praxis immer wieder, dass die korrekte Zubereitung des Perfusors, die gewichtsadaptierte Dosierung und die Umrechnung in eine konkrete Laufrate in ml/h eine relevante Fehlerquelle darstellen. Gerade in zeitkritischen Situationen – Reanimation, septischer Schock, perioperative Hämodynamik – muss der Perfusor rasch und fehlerfrei laufen. Dieser Artikel liefert dir das Handwerkszeug: von der Pharmakologie über gängige Verdünnungen bis hin zu konkreten Berechnungsbeispielen und den häufigsten Fallstricken.
Pharmakologische Grundlagen
Noradrenalin (Norepinephrin) ist ein endogenes Katecholamin und wirkt vorwiegend über α₁-Adrenozeptoren. Das Ergebnis ist eine ausgeprägte arterielle Vasokonstriktion mit konsekutivem Anstieg des systemischen Gefäßwiderstands (SVR) und des mittleren arteriellen Drucks (MAP). Anders als Adrenalin besitzt Noradrenalin nur eine schwache β₁-Wirkung und praktisch keine relevante β₂-Aktivität. Das macht es zum idealen Vasopressor, wenn primär der Gefäßtonus wiederhergestellt werden soll, ohne eine übermäßige Tachykardie oder metabolische Nebenwirkungen (Laktatanstieg, Hyperglykämie) in Kauf nehmen zu müssen.
Pharmakokinetische Eckdaten
- Wirkeintritt: Innerhalb von Sekunden nach intravenöser Gabe
- Halbwertszeit: Extrem kurz, ca. 1–2 Minuten
- Metabolisierung: Durch COMT (Catechol-O-Methyltransferase) und MAO (Monoaminooxidase), vorwiegend hepatisch
- Elimination: Renal als inaktive Metaboliten
Die kurze Halbwertszeit ist klinisch hochrelevant: Noradrenalin muss als kontinuierliche Infusion über einen Perfusor verabreicht werden. Bolusapplikationen führen zu unkontrollierbaren Blutdruckspitzen und sind – abgesehen von klar definierten Situationen wie dem Push-Dose-Vasopressor – nicht vorgesehen.
Indikationen
- Septischer Schock: First-Line-Vasopressor nach initialer Volumentherapie (MAP-Ziel ≥ 65 mmHg)
- Distributiver Schock: Anaphylaxie (ergänzend zu Adrenalin), neurogener Schock, Vasodilatation unter Narkose
- Kardiogener Schock: In Kombination mit Inotropika, wenn der SVR zu niedrig ist
- Post-Reanimation: Hämodynamische Stabilisierung im Rahmen der Post-Cardiac-Arrest-Care
Gängige Verdünnungen
In der klinischen Praxis haben sich verschiedene Standardverdünnungen etabliert. Die Wahl hängt von der klinischen Situation, dem Zugangsweg und den hausinternen SOPs ab. Das übergeordnete Ziel ist immer dasselbe: eine definierte Konzentration, die eine einfache Berechnung der Laufrate ermöglicht.
Standardverdünnung: 5 mg auf 50 ml
Dies ist die mit Abstand gebräuchlichste Zubereitung im intensivmedizinischen und notfallmedizinischen Setting:
- Zubereitung: 5 mg Noradrenalin (= 5 ml einer 1 mg/ml Lösung) aufziehen, mit NaCl 0,9 % oder Glucose 5 % auf 50 ml auffüllen
- Resultierende Konzentration: 0,1 mg/ml = 100 µg/ml
- Vorteil: Einfache Rechnung, breiter Dosierungsbereich bei üblichen Laufraten
Konzentrierte Verdünnung: 10 mg auf 50 ml
- Zubereitung: 10 mg Noradrenalin auf 50 ml Gesamtvolumen
- Resultierende Konzentration: 0,2 mg/ml = 200 µg/ml
- Einsatz: Bei hohem Katecholaminbedarf (z. B. refraktärer septischer Schock), um Volumenbelastung und Perfusorwechselfrequenz zu reduzieren
Niedrig dosierte Verdünnung: 2 mg auf 50 ml
- Zubereitung: 2 mg Noradrenalin auf 50 ml Gesamtvolumen
- Resultierende Konzentration: 0,04 mg/ml = 40 µg/ml
- Einsatz: Pädiatrische Intensivmedizin oder Situationen mit sehr niedrigem Katecholaminbedarf, um eine feinere Titration zu ermöglichen
Übersichtstabelle: Verdünnungen
| Verdünnung | Konzentration | Typischer Einsatz |
|---|---|---|
| 2 mg / 50 ml | 40 µg/ml | Pädiatrie, Low-Dose-Therapie |
| 5 mg / 50 ml | 100 µg/ml | Standard Intensiv/Notfall |
| 10 mg / 50 ml | 200 µg/ml | Hochdosisbedarf, Volumenschonung |
Die Berechnung Schritt für Schritt
Die gewichtsadaptierte Dosierung von Noradrenalin wird in µg/kg/min angegeben. Der übliche Dosierungsbereich liegt bei:
- Startdosis: 0,05–0,1 µg/kg/min
- Therapeutischer Bereich: 0,1–1,0 µg/kg/min
- Hochdosis (vasoplegischer Schock): bis 2,0 µg/kg/min (selten höher)
Die Grundformel
Die Umrechnung von µg/kg/min in ml/h erfolgt mit folgender Formel:
Laufrate (ml/h) = [Dosis (µg/kg/min) × Körpergewicht (kg) × 60] ÷ Konzentration (µg/ml)
Dabei steht der Faktor 60 für die Umrechnung von Minuten auf Stunden.
Rechenbeispiel 1: Standardsituation
Ausgangslage: Patient mit 80 kg Körpergewicht, septischer Schock, Ziel-MAP 65 mmHg. Verdünnung: 5 mg / 50 ml (= 100 µg/ml). Gewünschte Startdosis: 0,1 µg/kg/min.
Berechnung:
- Laufrate = (0,1 × 80 × 60) ÷ 100
- Laufrate = 480 ÷ 100
- Laufrate = 4,8 ml/h
Rechenbeispiel 2: Dosiseskalation
Ausgangslage: Gleicher Patient, MAP weiterhin bei 55 mmHg trotz 30 ml/kg Volumen. Dosis wird auf 0,3 µg/kg/min gesteigert.
Berechnung:
- Laufrate = (0,3 × 80 × 60) ÷ 100
- Laufrate = 1440 ÷ 100
- Laufrate = 14,4 ml/h
Rechenbeispiel 3: Konzentrierte Lösung
Ausgangslage: Patientin mit 60 kg, hochdosierter Katecholaminbedarf (0,8 µg/kg/min). Verdünnung: 10 mg / 50 ml (= 200 µg/ml).
Berechnung:
- Laufrate = (0,8 × 60 × 60) ÷ 200
- Laufrate = 2880 ÷ 200
- Laufrate = 14,4 ml/h
Schnelle Abschätzung: Die „Daumenregel" für 5 mg/50 ml
Für die Standardverdünnung (100 µg/ml) bei einem 70-kg-Standardpatienten gilt folgende Faustregel zur schnellen Orientierung:
| Dosis (µg/kg/min) | Laufrate (ml/h) |
|---|---|
| 0,05 | ~2 |
| 0,1 | ~4 |
| 0,2 | ~8 |
| 0,3 | ~13 |
| 0,5 | ~21 |
| 1,0 | ~42 |
Diese Werte dienen der Plausibilitätskontrolle – die exakte Berechnung für den individuellen Patienten bleibt obligat.
Applikation: Zugangsweg und Monitoring
Zentralvenöser Katheter (ZVK)
Die Leitlinien empfehlen die Applikation von Noradrenalin über einen zentralvenösen Zugang. Die Gründe liegen auf der Hand:
- Sichere, kontinuierliche Infusion ohne Paravasatrisiko
- Keine lokale Gewebeschädigung bei Dislokation
- Möglichkeit der mehrlumigen, getrennten Applikation
Periphere Gabe – wann vertretbar?
Die strenge Forderung nach einem ZVK vor Beginn der Vasopressortherapie ist nach aktueller Evidenz aufgeweicht. Die periphere Noradrenalin-Gabe ist unter folgenden Bedingungen vertretbar:
- Zeitlich begrenzt: Maximale Dauer in der Regel unter 24 Stunden
- Großlumiger Zugang: 18 G oder größer, sicher liegend
- Proximale Lage: Antekubitalvene bevorzugt, keine Hand- oder Fußvenen
- Konzentration begrenzt: Verdünnte Lösung (z. B. 5 mg / 50 ml oder verdünnter)
- Engmaschige Kontrolle: Einstichstelle alle 30–60 Minuten auf Paravasatzeichen prüfen
- Dosislimit: In der Regel ≤ 0,2 µg/kg/min über peripher
Im Notfallsetting – insbesondere präklinisch oder bei verzögerter ZVK-Anlage – soll die periphere Gabe nicht verzögert werden, wenn der Patient hämodynamisch instabil ist.
Monitoring
Unter laufender Noradrenalin-Therapie ist folgendes Monitoring obligat:
- Invasive Blutdruckmessung (arterielle Kanüle) – Goldstandard unter Vasopressortherapie
- Kontinuierliches EKG-Monitoring – Detektion von Rhythmusstörungen
- Diurese – als Surrogatparameter der Organperfusion
- Laktat – seriell zur Therapiesteuerung (Trend wichtiger als Einzelwert)
- Rekapillarisierungszeit – ergänzender klinischer Parameter der Mikrozirkulation
Häufige Dosierungsfehler und Fallstricke
1. Verwechslung der Einheiten
Der klassischste und potenziell gefährlichste Fehler: Verwechslung von mg und µg. Ein Faktor-1000-Fehler kann letal sein. Beim Aufziehen, Beschriften und Programmieren des Perfusors ist größte Sorgfalt geboten.
Gegenmaßnahme: Doppelkontrolle (4-Augen-Prinzip), klare Beschriftung der Spritze mit Wirkstoffname, Gesamtdosis, Konzentration und Herstellungsdatum.
2. Fehlende Gewichtsadaptation
Noradrenalin wird gewichtsadaptiert dosiert. Ein 50-kg-Patient und ein 120-kg-Patient brauchen bei gleicher µg/kg/min-Dosis völlig unterschiedliche Laufraten. Wird das Gewicht nicht berücksichtigt, kommt es zu Unter- oder Überdosierung.
Gegenmaßnahme: Geschätztes oder gemessenes Körpergewicht auf dem Intensivkurvenblatt bzw. im PDMS dokumentieren und bei jeder Dosisänderung in die Berechnung einbeziehen.
3. Unkontrollierter Perfusorwechsel
Die extrem kurze Halbwertszeit von Noradrenalin bedeutet: Bereits eine Unterbrechung von 30–60 Sekunden kann einen relevanten Blutdruckabfall auslösen. Der Wechsel einer leeren Perfusorspritze ist ein kritischer Moment.
Gegenmaßnahmen:
- Rechtzeitig zweiten Perfusor vorbereiten (Overlap-Methode)
- Wenn möglich: Zweitperfusor parallel anfahren, bevor der erste leer ist
- Niemals beide Perfusoren gleichzeitig stoppen
- Alternativ: „Quick-Change"-Technik mit vorgespülter Leitung
4. Totraum und Bolus-Effekt
Wird Noradrenalin über einen Dreiwegehahn oder ein Infusionssystem mit großem Totraum appliziert, kann sich bei Laufratenänderung oder Systemspülung ein unkontrollierter Bolus ergeben. Besonders gefährlich ist dies bei gleichzeitiger Infusion von Trägerlösung mit variabler Rate.
Gegenmaßnahme: Dedizierter Schenkel am ZVK für Vasopressoren, keine Parallelinfusion über denselben Schenkel, minimaler Totraum.
5. Konzentrationsverwechslung bei Perfusorwechsel
Wird im Verlauf von einer 5 mg/50 ml auf eine 10 mg/50 ml Lösung gewechselt (oder umgekehrt), ohne die Laufrate anzupassen, verdoppelt (oder halbiert) sich die Dosis schlagartig.
Gegenmaßnahme: Konzentrationswechsel nur nach expliziter ärztlicher Anordnung, klare Beschriftung, erneute Berechnung und Plausibilitätskontrolle.
Besondere Situationen
Noradrenalin in der Reanimation und Post-Reanimationsphase
Die AHA-Leitlinie empfiehlt Noradrenalin als bevorzugten Vasopressor in der Post-Cardiac-Arrest-Care, wenn nach Wiedererlangung eines Spontankreislaufs (ROSC) eine Hypotension besteht. Das MAP-Ziel liegt bei ≥ 65 mmHg. Während der eigentlichen Reanimation spielt Noradrenalin keine Rolle – hier ist Adrenalin der Standard.
Push-Dose-Noradrenalin
In ausgewählten Notfallsituationen – z. B. bei drohender Kreislaufstillstand durch schwere Hypotension und noch nicht laufendem Perfusor – kann ein Push-Dose-Vasopressor als Bridging eingesetzt werden. Eine gängige Zubereitung:
- 1 mg Noradrenalin (1 ml der 1 mg/ml Lösung) auf 100 ml NaCl 0,9 % → 10 µg/ml
- Applikation: 0,5–2 ml (= 5–20 µg) langsam i.v. als Bolus, Wirkung nach Sekunden
- Nur als Bridge, bis der Perfusor läuft
Diese Technik erfordert Übung und klare SOPs – sie ist kein Ersatz für den kontinuierlichen Perfusor.
Therapieeskalation bei refraktärem Schock
Wenn trotz adäquater Volumengabe und Noradrenalin-Dosen > 0,5 µg/kg/min der MAP-Zielwert nicht erreicht wird, kommen folgende Eskalationsstrategien in Betracht:
- Vasopressin: 0,03 IE/min als additiver Vasopressor (nicht titrierbar)
- Adrenalin: Zusätzlich bei Verdacht auf kardiale Dysfunktion
- Hydrocortison: 200 mg/Tag bei katecholaminrefraktärem septischen Schock (relative Nebenniereninsuffizienz)
- Angiotensin II: In spezialisierten Zentren verfügbar
- Methylenblau: Bei vasodilatatorischem Schock als Rescue-Therapie
Checkliste: Noradrenalin-Perfusor einrichten
Diese Checkliste fasst die wesentlichen Schritte strukturiert zusammen:
- Indikation prüfen: Ist die Hypotension volumenresponsiv? → Erst Volumen, dann Vasopressor
- Zugang sichern: ZVK vorhanden? Falls nicht: peripher unter den genannten Bedingungen starten
- Verdünnung festlegen: In der Regel 5 mg / 50 ml (= 100 µg/ml)
- Sorgfältig aufziehen: 4-Augen-Prinzip, Spritze beschriften
- Körpergewicht dokumentieren: Geschätzt oder gemessen
- Startdosis festlegen: Typisch 0,05–0,1 µg/kg/min
- Laufrate berechnen: Formel anwenden oder Dosierungstabelle nutzen
- Perfusor starten: Leitung entlüften, Laufrate programmieren
- Monitoring etablieren: Idealerweise invasive Blutdruckmessung
- Titrieren: Nach MAP-Zielwert (in der Regel ≥ 65 mmHg), Dosisänderungen in kleinen Schritten
- Dokumentieren: Dosis, Konzentration, Laufrate, Zeitpunkt jeder Änderung
Praktisches Training
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