Neugeborenen-Erstversorgung: APGAR und erste Minuten
Jede Fachkraft in der Geburtshilfe muss die strukturierte Neugeborenen-Erstversorgung beherrschen. Der Artikel beschreibt die systematische Beurteilung mit APGAR-Score, initiale Stabilisierungsmaßnahmen und Kriterien zur Eskalation.

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA
Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol
Lesezeit ca. 7 Min.

Die ersten Minuten nach der Geburt sind eine der kritischsten Phasen im menschlichen Leben. Rund 10 % aller Neugeborenen benötigen unmittelbar nach der Geburt unterstützende Maßnahmen, etwa 1 % eine umfassende Reanimation. Für dich als Fachkraft in der Geburtshilfe, Neonatologie oder Notfallmedizin bedeutet das: Du musst die strukturierte Neugeborenen-Erstversorgung nicht nur theoretisch kennen, sondern sie reflexartig beherrschen. Denn anders als bei Erwachsenen ist das Zeitfenster extrem eng, die Physiologie einzigartig und der Übergang vom fetalen zum neonatalen Kreislauf ein komplexer Vorgang, der in Sekundenschritten entgleisen kann. Dieser Artikel führt dich systematisch durch die Beurteilung mittels APGAR-Score, die initialen Stabilisierungsmaßnahmen und die klinischen Entscheidungspunkte für eine Eskalation.
Physiologische Grundlagen: Der Übergang vom fetalen zum neonatalen Leben
Um die Erstversorgung richtig einzuordnen, lohnt ein kurzer Blick auf die Transitionsphysiologie. Intrauterin erfolgt der Gasaustausch über die Plazenta. Die fetale Lunge ist flüssigkeitsgefüllt, der pulmonale Gefäßwiderstand hoch, und ein Großteil des Blutes wird über den Ductus arteriosus und das Foramen ovale am Lungenkreislauf vorbeigeleitet.
Mit dem ersten Atemzug passiert Folgendes in rascher Abfolge:
- Lungenentfaltung: Die Flüssigkeit wird aus den Alveolen resorbiert, der erste Atemzug erzeugt einen negativen intrathorakalen Druck von bis zu –60 cmH₂O.
- Abfall des pulmonalen Gefäßwiderstands: Die Oxygenierung führt zur pulmonalen Vasodilatation.
- Anstieg des systemischen Widerstands: Durch Abnabelung fällt der niedrigresistente Plazentakreislauf weg.
- Funktioneller Verschluss der Shunts: Foramen ovale und Ductus arteriosus beginnen sich zu schließen.
Gelingt dieser Übergang nicht – etwa bei Asphyxie, Frühgeburtlichkeit, Mekoniumaspiration oder kongenitalen Fehlbildungen – entsteht eine persistierende fetale Zirkulation mit Hypoxämie, Azidose und potenziell irreversiblem Organschaden. Genau hier setzt deine strukturierte Erstversorgung an.
Vorbereitung: Bevor das Kind da ist
Die beste Erstversorgung beginnt vor der Geburt. Bei jeder Entbindung – ob im Kreißsaal, Sectio-OP oder präklinisch – sollte ein standardisiertes Setting vorbereitet sein. Die AHA-Leitlinie für neonatale Reanimation betont die Bedeutung des „Pre-Briefings" im Team.
Checkliste Erstversorgungsplatz
- Wärmequelle: Vorgewärmter Reanimationsplatz (Zieltemperatur der Auflage ca. 36–37 °C), vorgewärmte Tücher
- Absaugung: Absaugkatheter (8F, 10F), Absauggerät mit Manometer (max. –100 mmHg bei Reifgeborenen)
- Beatmung: Selbstfüllender Beutel (240 ml Neonatal) oder T-Stück-System (z. B. Neopuff), Masken Größe 0 und 1, Sauerstoffquelle mit Blender
- Intubation: Laryngoskop mit Miller-Spatel (Größe 0 und 1), Tuben (2,5 / 3,0 / 3,5 mm ID), Larynxmaske Größe 1
- Medikamente: Adrenalin 1:10.000 (0,1 mg/ml), NaCl 0,9 % zur Volumensubstitution
- Monitoring: Pulsoxymetrie (präduktal, rechte Hand), optional EKG-Elektroden
- Abnabelung: Klemmen, Schere, Nabelvenenkatheter-Set
Risikoanamnese
Folgende Faktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass das Neugeborene Unterstützung braucht:
- Frühgeburtlichkeit (< 37 SSW, insbesondere < 34 SSW)
- Mekoniumhaltiges Fruchtwasser
- Pathologisches CTG / fetale Bradykardie
- Mehrlingsschwangerschaft
- Mütterliche Sedierung (Opioide, Magnesium)
- Gestationsdiabetes, Präeklampsie
- Bekannte kongenitale Anomalien
- Notfall-Sectio, Nabelschnurvorfall, Plazentalösung
Bei Vorliegen solcher Risikofaktoren sollte ein erfahrenes Team – idealerweise mit neonatologischer Kompetenz – bereitstehen.
Der APGAR-Score: Systematische Beurteilung in fünf Dimensionen
Der von Virginia Apgar entwickelte Score ist das weltweit verbreitetste Instrument zur standardisierten Beurteilung des Neugeborenen. Er wird zu drei Zeitpunkten erhoben: 1 Minute, 5 Minuten und 10 Minuten nach der Geburt.
Die fünf Kriterien
| Kriterium | 0 Punkte | 1 Punkt | 2 Punkte |
|---|---|---|---|
| Aussehen (Hautfarbe) | Blass, zyanotisch | Stamm rosig, Akrozyanose | Komplett rosig |
| Puls (Herzfrequenz) | Nicht nachweisbar | < 100/min | ≥ 100/min |
| Grimassieren (Reflexantwort) | Keine Reaktion | Grimassieren | Schreien, Husten, Niesen |
| Aktivität (Muskeltonus) | Schlaff | Geringe Flexion | Aktive Bewegung |
| Respiration (Atmung) | Keine | Unregelmäßig, Schnappatmung | Kräftiges Schreien |
Interpretation
- 7–10 Punkte: Lebensfrisches Neugeborenes, Routineversorgung
- 4–6 Punkte: Mäßige Depression, aktive Stimulation und ggf. Atemunterstützung nötig
- 0–3 Punkte: Schwere Depression, sofortige Reanimationsmaßnahmen
Wichtige Einschränkungen
Der APGAR-Score ist ein Dokumentationsinstrument, kein Entscheidungstool für den Reanimationsbeginn. Du wartest nicht die erste Minute ab, um einen Score zu erheben, bevor du handelst. Die Entscheidung zur Intervention basiert auf drei klinischen Parametern, die du innerhalb der ersten 30 Sekunden beurteilst:
- Atmet das Kind? (Schreien, regelmäßige Atmung)
- Hat es einen adäquaten Muskeltonus?
- Ist es reif? (Gestationsalter ≥ 35 SSW)
Werden eine oder mehrere dieser Fragen mit „Nein" beantwortet, leitest du sofort die initialen Stabilisierungsmaßnahmen ein.
Die ersten 60 Sekunden: Die „Golden Minute"
Die AHA-Leitlinie zur neonatalen Reanimation strukturiert die ersten Lebensminuten in einen klaren Algorithmus. Die ersten 30–60 Sekunden – die sogenannte „Golden Minute" – sind der initialen Stabilisierung gewidmet.
Schritt 1: Wärmemanagement
Hypothermie ist einer der größten Feinde des Neugeborenen. Jedes Grad Körpertemperaturverlust unter 36,5 °C erhöht die Mortalität signifikant. Maßnahmen:
- Kind unter den Wärmestrahler legen
- Gründlich abtrocknen (stimuliert gleichzeitig die Atmung)
- Nasses Tuch entfernen, in warme Tücher wickeln
- Bei Frühgeborenen < 32 SSW: Polyethylenbeutel/-folie ohne vorheriges Abtrocknen (Kopf frei lassen, Mütze aufsetzen)
Schritt 2: Atemwege freimachen
- Kopf in Neutralposition (Schnüffelstellung) lagern – KEINE Überstreckung
- Mund und Nase nur bei sichtbarer Verlegung absaugen (routinemäßiges Absaugen wird nicht mehr empfohlen, da es vagale Bradykardien auslösen kann)
- Bei Mekonium: Nicht vitales Kind → Absaugung unter Sicht, ggf. tracheale Absaugung bei Atemwegsverlegung. Ein vitales, schreiendes Kind mit mekoniumhaltigem Fruchtwasser wird nicht tracheal abgesaugt.
Schritt 3: Taktile Stimulation
- Sanftes Reiben des Rückens
- Beklopfen der Fußsohlen
- Maximale Dauer: 10–15 Sekunden. Wenn keine Reaktion → nächste Eskalationsstufe
Schritt 4: Beurteilung nach 30 Sekunden
Jetzt beurteilst du:
- Herzfrequenz (Auskultation mit Stethoskop, ergänzend Pulsoxymetrie präduktual an der rechten Hand)
- Atmung (Frequenz, Qualität, Einziehungen)
Entscheidungspunkt:
- HF ≥ 100/min UND suffiziente Eigenatmung → Beobachtung, Routineversorgung
- HF ≥ 100/min ABER Atemnot/Zyanose → CPAP erwägen (5–8 cmH₂O)
- HF < 100/min ODER Apnoe/Schnappatmung → Überdruckbeatmung beginnen
Überdruckbeatmung: Der wichtigste Einzelschritt
Die Beatmung ist die entscheidende Intervention in der neonatalen Reanimation. Die meisten Neugeborenen, die Unterstützung brauchen, benötigen „nur" eine effektive Belüftung der Lunge – keine Herzdruckmassage, keine Medikamente.
Technik
- Beatmungsfrequenz: 40–60/min (entspricht einem Atemzug alle 1–1,5 Sekunden)
- Inspirationsdruck: Initial 20–25 cmH₂O bei reifen Neugeborenen, die ersten Atemhübe ggf. höher (bis 30 cmH₂O) zur Lungenentfaltung. Bei Frühgeborenen: 20–25 cmH₂O
- PEEP: 5 cmH₂O (besonders bei Frühgeborenen entscheidend)
- FiO₂: Beginn mit 21 % (Raumluft) bei reifen Neugeborenen (≥ 35 SSW), bei Frühgeborenen < 35 SSW mit 21–30 %. Titration nach Pulsoxymetrie
Ziel-SpO₂ nach Geburt (präduktual)
| Lebensminute | Ziel-SpO₂ |
|---|---|
| 1 | 60–65 % |
| 2 | 65–70 % |
| 3 | 70–75 % |
| 4 | 75–80 % |
| 5 | 80–85 % |
| 10 | 85–95 % |
Diese Werte verdeutlichen: Eine SpO₂ von 70 % in der dritten Lebensminute ist physiologisch und kein Grund zur Panik. Zu aggressive Sauerstoffgabe schädigt – insbesondere Frühgeborene sind durch oxidativen Stress gefährdet.
Effektivität prüfen: MR SOPA
Wenn die Beatmung nicht zu einem Anstieg der Herzfrequenz führt, gehst du das MR-SOPA-Akronym durch:
- M – Mask adjustment (Maskensitz korrigieren, C-E-Griff überprüfen)
- R – Reposition (Kopf neu positionieren, Schnüffelstellung)
- S – Suction (Mund, dann Nase absaugen)
- O – Open mouth (Mund des Kindes leicht öffnen)
- P – Pressure increase (Beatmungsdruck erhöhen, schrittweise bis max. 40 cmH₂O)
- A – Alternative airway (Intubation oder Larynxmaske)
Eskalation: Herzdruckmassage und Medikamente
Herzdruckmassage
Indikation: Herzfrequenz < 60/min trotz 30 Sekunden effektiver Überdruckbeatmung mit 100 % O₂.
Technik:
- Zwei-Daumen-Technik (bevorzugt): Beide Daumen nebeneinander oder übereinander auf das untere Sternumdrittel, Hände umgreifen den Thorax
- Kompressionstiefe: Etwa ein Drittel des sagittalen Thoraxdurchmessers
- Kompressions-Beatmungs-Verhältnis: 3:1 (90 Kompressionen + 30 Beatmungen = 120 Ereignisse pro Minute)
- FiO₂ auf 100 % bei Beginn der Herzdruckmassage
Medikamentöse Therapie
Adrenalin – Indikation: HF bleibt < 60/min trotz 60 Sekunden Herzdruckmassage + effektiver Beatmung.
- IV (bevorzugt, über Nabelvenenkatheter): 0,01–0,03 mg/kg (= 0,1–0,3 ml/kg der 1:10.000-Lösung)
- Endotracheal (wenn kein IV-Zugang): 0,05–0,1 mg/kg (= 0,5–1,0 ml/kg der 1:10.000-Lösung)
- Wiederholung alle 3–5 Minuten bei persistierender Bradykardie
Volumensubstitution – Indikation: Vermuteter Volumenmangel (z. B. Plazentalösung, Nabelschnurriss, fetomaternale Transfusion), blasses Kind ohne Ansprechen auf Reanimation.
- NaCl 0,9 % oder O-negatives, ungekreuztes Erythrozytenkonzentrat
- Dosis: 10 ml/kg über 5–10 Minuten, ggf. wiederholen
Nabelvenenkatheter legen
Der schnellste vaskuläre Zugang beim Neugeborenen ist der Nabelvenenkatheter:
- Nabelschnur steril absetzen (ca. 1–2 cm über Hautniveau)
- Die Nabelvene (großes, dünnwandiges, solitäres Gefäß) identifizieren
- Katheter (3,5F bei Reifgeborenen, 5F möglich) ca. 2–4 cm einführen, bis Blut aspirierbar ist
- Nicht zu tief vorschieben (Gefahr der Lebervenenpositionierung)
Sondersituationen
Frühgeborene < 32 SSW
- Polyethylenfolie statt Abtrocknen
- Niedrigere initiale FiO₂ (21–30 %)
- Surfactant-Gabe frühzeitig erwägen
- Besonders vulnerabel für Hypothermie, intraventrikuläre Blutung und oxidativen Stress
- CPAP so früh wie möglich
Verzögerte Abnabelung
Die aktuelle Leitlinie empfiehlt bei nicht-reanimationspflichtigen Neugeborenen eine verzögerte Abnabelung (mindestens 30–60 Sekunden). Vorteile: bessere Eisenreserven, stabilere Hämodynamik, reduzierte Transfusionsrate. Bei Reanimationsbedürftigkeit hat die sofortige Abnabelung und der Beginn der Versorgung Priorität.
Wenn Reanimation nicht erfolgreich ist
Persistiert trotz adäquater Maßnahmen eine Asystolie oder Bradykardie, müssen reversible Ursachen bedacht werden:
- Pneumothorax (asymmetrische Thoraxbewegung, einseitig abgeschwächtes Atemgeräusch)
- Zwerchfellhernie (eingesunkenes Abdomen, einseitig fehlendes Atemgeräusch)
- Kritischer angeborener Herzfehler (duktusabhängig)
- Hypovolämie
- Atemwegsverlegung
Die Entscheidung zum Abbruch einer neonatalen Reanimation ist komplex und sollte im Team getroffen werden. Die Leitlinie nennt als Orientierung: Bei einer Asystolie, die trotz adäquater Reanimation über 20 Minuten persistiert, ist ein Abbruch vertretbar.
Dokumentation und Übergabe
Der APGAR-Score wird – wie beschrieben – nach 1, 5 und 10 Minuten dokumentiert. Zusätzlich sind alle Maßnahmen mit Zeitstempel festzuhalten:
- Zeitpunkt der Geburt und der Abnabelung
- Beginn der Beatmung, FiO₂-Verlauf
- Beginn der Herzdruckmassage
- Medikamentengabe mit Dosis und Applikationsweg
- SpO₂- und HF-Verlauf
- Temperatur bei Aufnahme
Eine strukturierte Übergabe (z. B. nach SBAR-Schema) an das weiterversorgende Team ist essenziell.
Praktisches Training
Die Neugeborenen-Erstversorgung ist ein Paradebeispiel für eine Situation, in der theoretisches Wissen allein nicht ausreicht. Der Algorithmus muss unter Stress abrufbar sein, die Maskenbeatmung am kleinen Gesicht geübt, die Teamkommunikation eingespielt. In den PALS-Kursen von Simulation Tirol trainierst du genau diese Szenarien: strukturierte Neugeborenen-Reanimation, Teamführung und Entscheidungsfindung unter Zeitdruck – praxisnah, simulationsbasiert und nach den Vorgaben der American Heart Association. Denn die „Golden Minute" verzeiht keine Unsicherheit.
Du willst das praktisch trainieren?
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