Neonatale Reanimation: Algorithmus für die ersten Minuten
Die Versorgung des Neugeborenen im Kreißsaal folgt einem eigenen Algorithmus mit Wärmemanagement, Stimulation und Beatmung. Der Artikel erklärt das strukturierte Vorgehen Schritt für Schritt inklusive Sauerstoffgabe und Herzdruckmassage beim Neugeborenen.

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA
Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol
Lesezeit ca. 8 Min.

Die ersten Minuten nach der Geburt entscheiden über das weitere Leben eines Neugeborenen. Rund 10 % aller Neugeborenen benötigen nach der Geburt eine Form der Unterstützung, etwa 1 % eine umfassende Reanimation. Anders als bei Erwachsenen steht bei der neonatalen Reanimation nicht das Herz, sondern die Lunge im Mittelpunkt: Die überwiegende Mehrheit der perinatalen Notfälle ist respiratorisch bedingt. Der neonatale Reanimationsalgorithmus folgt daher einer eigenen Logik – strukturiert, zeitkritisch und in seiner Konsequenz gnadenlos. Wer ihn beherrscht, kann in wenigen Minuten den Unterschied zwischen einem gesunden Start ins Leben und einer hypoxischen Katastrophe machen. Dieser Artikel führt dich Schritt für Schritt durch den Algorithmus der neonatalen Erstversorgung.
Vorbereitung: Bevor das Kind da ist
Die neonatale Reanimation beginnt nicht mit der Geburt, sondern mit der Vorbereitung. Jede Entbindung – auch die vermeintlich unkomplizierte – kann eine Reanimation erforderlich machen. Eine strukturierte Vorbereitung ist deshalb kein Luxus, sondern Standard.
Team-Briefing und Risikoevaluation
Vor jeder Geburt solltest du folgende Risikofaktoren abklären:
- Gestationsalter (Frühgeburtlichkeit < 35 SSW)
- Mekoniumhaltiges Fruchtwasser
- Fehlende pränatale Vorsorge
- Mehrlingsgravidität
- Bekannte fetale Anomalien
- Pathologisches CTG / fetale Bradykardie
- Nabelschnurvorfall oder vorzeitige Plazentalösung
- Maternale Risikofaktoren (Präeklampsie, Diabetes, Opiatgabe unter der Geburt)
Bei erhöhtem Risiko muss ein erfahrenes Reanimationsteam – idealerweise Neonatolog:in, Anästhesist:in und spezialisierte Pflegekraft – vor der Geburt im Raum sein.
Ausrüstung und Umgebung
Der Reanimationsplatz (Reanimationseinheit, „Rea-Tisch") muss vollständig vorbereitet und überprüft sein:
- Wärmeerhalt: Vorgewärmte Tücher, Wärmestrahler eingeschaltet, bei Frühgeborenen < 32 SSW Polyethylen-Folie und Wärmematte
- Absaugung: Absaugkatheter (8F, 10F), Absaugdruck max. –100 mmHg
- Beatmung: T-Stück-System (z. B. Neopuff) oder selbstfüllendes Beatmungsbeutel mit passender Maske (Größe 0 und 00/01), Sauerstoffanschluss, Blender (Sauerstoff-Luft-Mischer)
- Monitoring: Pulsoxymetrie mit neonatalem Sensor, idealerweise EKG-Elektroden (3-Kanal)
- Intubation: Laryngoskop mit Miller-Spatel (Größe 0 und 1), Tuben (2,5 / 3,0 / 3,5 mm ID), Führungsstab, supraglottische Atemwegshilfe (Larynxmaske Größe 1)
- Medikamente: Adrenalin (1:10.000 = 0,1 mg/ml), NaCl 0,9 % zur Volumenexpansion
- Nabelvenenkatheter: steriles Set bereithalten
Der Algorithmus: Die erste Minute – „Golden Minute"
Die Erstversorgung des Neugeborenen folgt einem klaren, schrittweisen Algorithmus. Die erste Minute nach der Geburt – die sogenannte „Golden Minute" – ist der Beatmung gewidmet, nicht der Herzdruckmassage.
Schritt 1: Initiale Beurteilung (erste 30 Sekunden)
Unmittelbar nach der Geburt stellst du dir drei Fragen:
- Reifes Neugeborenes? (Termingeburt, kein Frühgeborenes)
- Guter Muskeltonus?
- Kräftiges Schreien oder Atmen?
Wenn alle drei Fragen mit Ja beantwortet werden können, bleibt das Kind bei der Mutter: Abtrocknen, Hautkontakt, Wärmeerhalt. Delayed Cord Clamping (verzögertes Abnabeln, mindestens 30–60 Sekunden) ist bei vitalen Neugeborenen empfohlen.
Wenn eine der drei Fragen mit Nein beantwortet wird, kommt das Kind auf den Reanimationsplatz.
Schritt 2: Die initialen Maßnahmen
Diese Maßnahmen bilden das Fundament und werden bei jedem Neugeborenen am Rea-Tisch durchgeführt:
- Wärmeerhalt: Unter den Wärmestrahler legen, gründlich abtrocknen, nasse Tücher entfernen. Bei Frühgeborenen < 32 SSW: Kind in Polyethylen-Folie einwickeln (ohne vorheriges Abtrocknen), Mütze aufsetzen, Wärmematte aktivieren. Zieltemperatur: 36,5–37,5 °C.
- Atemwege positionieren: Leichte Schnüffelposition (Neutralposition des Kopfes, evtl. Schulterrolle). Mund und Nase bei Bedarf absaugen – aber nicht routinemäßig. Auch bei mekoniumhaltigem Fruchtwasser wird ein vitales Kind nicht endotracheal abgesaugt.
- Stimulation: Sanftes Reiben des Rückens oder der Fußsohlen. Diese taktile Stimulation reicht bei vielen Kindern aus, um die Eigenatmung auszulösen.
Schritt 3: Beurteilung nach 30 Sekunden
Nach den initialen Maßnahmen beurteilst du:
- Atmung: Atmet das Kind spontan, regelmäßig, effektiv? Oder Schnappatmung/Apnoe?
- Herzfrequenz: Auskultation mit dem Stethoskop oder Palpation der Nabelschnurbasis. Die Pulsoxymetrie (rechte Hand = präduktal) sollte sofort angelegt werden, braucht aber Zeit für ein verlässliches Signal. Die AHA-Leitlinie empfiehlt zusätzlich das 3-Kanal-EKG als schnellste und zuverlässigste Methode zur HF-Bestimmung.
Die Herzfrequenz ist der zentrale Parameter zur Steuerung aller weiteren Maßnahmen.
Beatmung: Der Schlüssel zur neonatalen Reanimation
Wenn das Neugeborene nach den initialen Maßnahmen nicht suffizient atmet oder die Herzfrequenz unter 100/min liegt, ist die Überdruckbeatmung (Positive Pressure Ventilation, PPV) die wichtigste Intervention.
Durchführung der Maskenbeatmung
- Frequenz: 40–60 Atemhübe pro Minute (ca. ein Atemhub pro Sekunde, Verhältnis Inspiration:Exspiration ca. 1:2)
- Initialer Spitzendruck: 20–25 cmH₂O bei reifen Neugeborenen, ggf. bis 30 cmH₂O bei den ersten Atemhüben zur Eröffnung der flüssigkeitsgefüllten Lunge. Bei Frühgeborenen: Beginn mit 20 cmH₂O, PEEP 5 cmH₂O.
- Sauerstoffkonzentration:
- Reifes Neugeborenes ≥ 35 SSW: Beginn mit 21 % O₂ (Raumluft)
- Frühgeborenes < 35 SSW: Beginn mit 21–30 % O₂
- Titration nach Pulsoxymetrie an der rechten Hand (präduktal)
Ziel-SpO₂-Werte nach der Geburt (präduktal)
| Zeit nach Geburt | Ziel-SpO₂ |
|---|---|
| 1 Minute | 60–65 % |
| 2 Minuten | 65–70 % |
| 3 Minuten | 70–75 % |
| 4 Minuten | 75–80 % |
| 5 Minuten | 80–85 % |
| 10 Minuten | 85–95 % |
Diese Werte spiegeln den physiologischen Übergang von der fetalen zur postnatalen Zirkulation wider. Eine sofortige SpO₂ von 95 % nach der Geburt ist nicht zu erwarten und kein Grund für überhöhte O₂-Gabe – Hyperoxie ist beim Neugeborenen schädlich.
Evaluierung der Beatmungseffektivität
Nach 15–30 Sekunden effektiver PPV beurteilst du erneut die Herzfrequenz:
- HF ≥ 100/min: Beatmung erfolgreich. Weiterführen, langsam reduzieren, spontane Atmung abwarten.
- HF 60–99/min: Beatmung ist nicht effektiv. → MR SOPA anwenden (s. u.)
- HF < 60/min trotz 30 Sekunden effektiver PPV: → Herzdruckmassage beginnen.
MR SOPA – Korrekturschritte bei ineffektiver Beatmung
Bevor du zur Herzdruckmassage übergehst, musst du sicherstellen, dass die Beatmung tatsächlich effektiv ist. Die häufigste Ursache für ein Versagen der Neugeborenenreanimation ist eine ineffektive Beatmung. Die Eselsbrücke MR SOPA hilft:
- M – Mask adjustment: Maske korrekt positionieren, Leckage minimieren
- R – Reposition: Kopf in Schnüffelposition bringen, ggf. Schulterrolle
- S – Suction: Mund und Nase absaugen
- O – Open mouth: Mund des Kindes leicht öffnen (Esmarch-Handgriff angepasst)
- P – Pressure increase: Beatmungsdruck steigern (schrittweise bis 30–40 cmH₂O)
- A – Alternative airway: Endotracheale Intubation oder Larynxmaske (Größe 1, bei Neugeborenen ≥ 34 SSW und ≥ 2.000 g)
Herzdruckmassage beim Neugeborenen
Die Herzdruckmassage wird beim Neugeborenen nur begonnen, wenn die Herzfrequenz trotz mindestens 30 Sekunden effektiver Überdruckbeatmung unter 60/min bleibt. Das ist ein entscheidender Unterschied zum Erwachsenen-Algorithmus: Zuerst die Lunge öffnen, dann das Herz unterstützen.
Technik
Die AHA-Leitlinie empfiehlt die Zwei-Daumen-Technik (Thoraxumfassungsmethode) als bevorzugte Methode:
- Beide Daumen nebeneinander oder übereinander auf das untere Drittel des Sternums setzen (unterhalb der Intermamillarlinie, oberhalb des Xiphoids)
- Die restlichen Finger umfassen den Thorax von dorsal
- Drucktiefe: ca. ein Drittel des anterior-posterioren Thoraxdurchmessers
- Frequenz: 120 Ereignisse pro Minute im Verhältnis 3:1 (3 Kompressionen : 1 Beatmung), das ergibt 90 Kompressionen und 30 Beatmungen pro Minute
- Koordination: „Eins – zwei – drei – beatmen" als rhythmische Ansage
Sauerstoffgabe unter Herzdruckmassage
Sobald Herzdruckmassage notwendig wird, sollte die FiO₂ auf 100 % erhöht werden. Nach Stabilisierung wird der Sauerstoff rasch wieder nach Pulsoxymetrie titriert.
Reevaluation
Alle 60 Sekunden wird die Herzfrequenz überprüft. Die Herzdruckmassage wird beendet, wenn die HF > 60/min ist. Die Beatmung wird fortgeführt, bis die HF > 100/min liegt und das Kind suffizient spontan atmet.
Medikamentöse Therapie
Medikamente sind in der neonatalen Reanimation selten erforderlich – sie kommen erst dann zum Einsatz, wenn die HF trotz effektiver Beatmung und Herzdruckmassage unter 60/min bleibt.
Adrenalin
- Indikation: HF < 60/min trotz mindestens 60 Sekunden koordinierter CPR (3:1) mit gesichertem Atemweg
- Dosis IV/IO: 0,01–0,03 mg/kg (entspricht 0,1–0,3 ml/kg der 1:10.000-Lösung), bevorzugt über Nabelvenenkatheter (NVK)
- Dosis endotracheal (nur wenn kein IV-Zugang): 0,05–0,1 mg/kg (entspricht 0,5–1 ml/kg der 1:10.000-Lösung)
- Wiederholung: Alle 3–5 Minuten bei persistierender HF < 60/min
Der Nabelvenenkatheter ist der schnellste und einfachste vaskuläre Zugang beim Neugeborenen. Er kann in der Regel innerhalb weniger Minuten gelegt werden und sollte frühzeitig vorbereitet werden, wenn die initiale Beatmung keine Besserung zeigt.
Volumenexpansion
- Indikation: Verdacht auf akuten Blutverlust (z. B. vorzeitige Plazentalösung, Nabelschnurriss, fetomaternale Transfusion) oder Schockzeichen trotz effektiver CPR
- Mittel: NaCl 0,9 % oder ungekreuztes O-negatives Erythrozytenkonzentrat
- Dosis: 10 ml/kg IV über 5–10 Minuten, ggf. Wiederholung
Naloxon
Naloxon hat keinen Stellenwert im initialen Reanimationsalgorithmus des Neugeborenen. Bei respiratorischer Depression nach maternaler Opiatgabe steht die Beatmung im Vordergrund, nicht die Antagonisierung.
Besondere Situationen
Das Frühgeborene
Frühgeborene < 32 SSW sind besonders gefährdet für Hypothermie, Lungenunreife und intrazerebrale Blutungen. Besonderheiten:
- Polyethylen-Folie und Wärmematte – der wichtigste Einzelfaktor zur Vermeidung von Hypothermie
- Niedrigere Beatmungsdrücke, PEEP 5 cmH₂O, CPAP als Erstmaßnahme bei spontan atmenden Frühgeborenen
- Beginn mit 21–30 % O₂
- Surfactant-Gabe bei gesicherter Indikation (nicht Teil des initialen Algorithmus, aber frühzeitig planen)
- Sanftes Handling – Vermeidung von Scherkräften am Kopf
Mekoniumaspiration
Die aktuelle Leitlinie empfiehlt bei einem nicht-vitalen Neugeborenen mit mekoniumhaltigem Fruchtwasser kein routinemäßiges endotracheales Absaugen mehr. Stattdessen gilt: Wenn das Kind nicht atmet → initiale Maßnahmen → PPV beginnen. Eine Intubation erfolgt nur, wenn die Beatmung trotz Korrekturschritte (MR SOPA) ineffektiv bleibt.
Beendigung der Reanimation
Die Entscheidung, eine neonatale Reanimation zu beenden, ist eine der schwierigsten in der Medizin. Die AHA-Leitlinie gibt als Orientierung: Wenn nach 20 Minuten konsequenter und korrekt durchgeführter Reanimation keine Herzaktion nachweisbar ist (Asystolie), kann im Teamkonsens das Beenden der Maßnahmen erwogen werden. Dabei spielen Gestationsalter, Ätiologie und ethische Erwägungen eine zentrale Rolle.
Zusammenfassung des Algorithmus
- Geburt → Initiale Beurteilung: Reif? Tonus? Schreien?
- Ja → Hautkontakt, Routine
- Nein → Rea-Tisch: Wärme, Atemwege, Stimulation, Abtrocknen
- 30 Sekunden → HF und Atmung beurteilen
- HF < 100/min oder Apnoe → PPV mit 21 % O₂ (Reifgeborene), 40–60/min
- 15–30 Sekunden PPV → HF beurteilen
- HF < 100/min → MR SOPA, Beatmung optimieren
- HF < 60/min → Herzdruckmassage 3:1, FiO₂ auf 100 %, alternativen Atemweg erwägen
- HF weiterhin < 60/min → Adrenalin 0,01–0,03 mg/kg IV (NVK), ggf. Volumen
- Reevaluation alle 60 Sekunden
Praktisches Training
Die neonatale Reanimation ist ein hochdynamisches, zeitkritisches Szenario, das selten vorkommt – aber wenn, dann fehlerfrei ablaufen muss. Die Maskenbeatmung am Neugeborenenphantom, das Legen eines Nabelvenenkatheters, die Koordination von 3:1-Kompressionen und Beatmung – all das sind Fertigkeiten, die regelmäßig trainiert werden müssen, um im Ernstfall sicher abgerufen werden zu können. Im PALS-Provider-Kurs von Simulation Tirol übst du genau diese Szenarien in realistischen Simulationen mit strukturiertem Debriefing. Die Arbeit am Simulator schafft jene Routine, die dir bei der nächsten Kreißsaal-Reanimation die nötige Handlungssicherheit gibt.
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