Kohlenstoffmonoxid-Vergiftung: Symptome und Notfalltherapie
CO-Vergiftungen werden häufig übersehen, da die Symptome unspezifisch sind. Der Artikel behandelt Diagnostik mit CO-Oximétrie, Sauerstofftherapie, Indikation zur hyperbaren Therapie und typische Fallstricke bei der Pulsoximetrie.

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA
Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol
Lesezeit ca. 8 Min.

Die Kohlenstoffmonoxid-Vergiftung (CO-Vergiftung) zählt zu den häufigsten letalen Vergiftungen weltweit – und gleichzeitig zu den am häufigsten übersehenen Notfällen im klinischen Alltag. Der Grund liegt in der Natur des Gases selbst: Kohlenstoffmonoxid ist farb-, geruch- und geschmacklos. Die klinischen Symptome sind derart unspezifisch, dass sie leicht als grippaler Infekt, Migräne oder gastroenteritische Beschwerden fehlgedeutet werden. Für Notärzt:innen, Rettungsteams und Notaufnahme-Personal ist das systematische Erkennen und die korrekte Erstbehandlung der CO-Vergiftung deshalb eine Kernkompetenz, die im Ernstfall über neurologisches Outcome und Überleben entscheidet.
Pathophysiologie: Warum Kohlenstoffmonoxid so gefährlich ist
Um die Diagnostik und Therapie zu verstehen, lohnt sich ein kurzer Blick auf die pathophysiologischen Mechanismen. CO entfaltet seine Toxizität über mehrere Wege:
- Hämoglobin-Bindung: CO bindet mit einer etwa 200- bis 250-fach höheren Affinität an Hämoglobin als Sauerstoff. Das entstehende Carboxyhämoglobin (COHb) ist funktionell inaktiv und transportiert keinen Sauerstoff. Zusätzlich verschiebt CO die Sauerstoffbindungskurve nach links, was die Sauerstoffabgabe im Gewebe weiter verschlechtert.
- Myoglobin-Bindung: CO bindet auch an Myoglobin in der Skelett- und Herzmuskulatur, was zu kardialer Dysfunktion und Rhabdomyolyse beitragen kann.
- Cytochrom-c-Oxidase-Hemmung: Auf mitochondrialer Ebene hemmt CO die Cytochrom-c-Oxidase und beeinträchtigt damit die zelluläre Atmungskette. Dieser Mechanismus erklärt, warum selbst bei moderaten COHb-Werten schwere Gewebeschäden auftreten können.
- Inflammatorische Kaskade: CO löst über oxidativen Stress und Lipidperoxidation eine entzündliche Kaskade aus, die insbesondere im ZNS zu verzögerten neurologischen Schäden führen kann – den gefürchteten Delayed Neurological Sequelae (DNS).
Die Kombination dieser Mechanismen macht deutlich: Der COHb-Wert allein korreliert schlecht mit der klinischen Schwere. Ein Patient mit einem COHb von 15 % kann schwere Symptome zeigen, während ein anderer mit 25 % zunächst wenig beeinträchtigt wirkt.
Klinische Präsentation: Das Chamäleon der Notfallmedizin
Die klinischen Symptome einer CO-Vergiftung sind notorisch unspezifisch und stadienabhängig. Dies macht die Vergiftung zum diagnostischen Chamäleon.
Leichte Vergiftung (COHb ca. 10–20 %)
- Kopfschmerzen (frontal betont, häufig als Leitsymptom)
- Übelkeit, Erbrechen
- Schwindel
- Allgemeine Schwäche, Müdigkeit
- Konzentrationsstörungen
Mittelschwere Vergiftung (COHb ca. 20–40 %)
- Starke Kopfschmerzen
- Verwirrung, Agitation
- Sehstörungen
- Tachykardie, Tachypnoe
- Ataxie, Koordinationsstörungen
- Thorakale Beschwerden (insbesondere bei vorbestehender KHK)
Schwere Vergiftung (COHb > 40 %)
- Bewusstseinsstörung bis Koma
- Krampfanfälle
- Kardiale Arrhythmien, myokardiale Ischämie
- Lungenödem
- Laktatazidose
- Kreislaufversagen, Herzstillstand
Typische Fallstricke bei der Symptomzuordnung
- „Grippewelle": Mehrere Familienmitglieder präsentieren sich gleichzeitig mit Kopfschmerzen, Übelkeit und Abgeschlagenheit → immer an CO denken, insbesondere in der Heizperiode.
- Kinder und ältere Patient:innen: Kinder zeigen oft früher Symptome (höhere Atemfrequenz, höherer Metabolismus). Bei älteren Patient:innen werden Symptome häufig als zerebrale Durchblutungsstörung oder Demenz fehlgedeutet.
- Kirschrot verfärbte Haut: Dieses klassische Lehrbuchzeichen ist in der Praxis ein Spätzeichen und wird fast nur postmortal oder bei schwerstgradigen Vergiftungen beobachtet. Verlasse dich niemals darauf.
Diagnostik: Die CO-Oximetrie als Goldstandard
Der Fallstrick Pulsoximetrie
Hier liegt einer der relevantesten klinischen Fallstricke: Die konventionelle Pulsoximetrie (SpO₂) kann eine CO-Vergiftung nicht erkennen. Standard-Pulsoximeter arbeiten mit zwei Wellenlängen (660 nm und 940 nm) und können Oxyhämoglobin (O₂Hb) nicht zuverlässig von Carboxyhämoglobin (COHb) unterscheiden. COHb absorbiert Licht bei 660 nm nahezu identisch wie O₂Hb.
Das Ergebnis: Ein Patient mit einem COHb von 40 % und einem tatsächlichen O₂Hb von 55 % kann auf dem Pulsoximeter eine SpO₂ von 95–99 % anzeigen. Die falsch hohe SpO₂ wiegt das Team in trügerischer Sicherheit.
Merke: Eine normale SpO₂ schließt eine CO-Vergiftung keinesfalls aus. Bei jedem Verdacht auf CO-Exposition muss die COHb-Messung erfolgen.
CO-Oximetrie: Blutgasanalyse mit COHb-Messung
Die arterielle oder venöse Blutgasanalyse mit integrierter CO-Oximetrie ist der diagnostische Goldstandard. Moderne BGA-Geräte messen mit mehreren Wellenlängen und können die verschiedenen Hämoglobin-Fraktionen differenzieren:
- O₂Hb (Oxyhämoglobin)
- COHb (Carboxyhämoglobin)
- MetHb (Methämoglobin)
- HHb (Desoxyhämoglobin)
Normwerte COHb:
- Nichtraucher:innen: < 3 %
- Raucher:innen: bis 10 % (bei starkem Konsum bis 15 %)
Wichtig: Eine venöse BGA ist für die COHb-Bestimmung ausreichend und unterscheidet sich nur marginal von arteriellen Werten. In der Akutsituation soll die Diagnostik nicht durch die Suche nach einer arteriellen Punktionsstelle verzögert werden.
Präklinische CO-Messung
Einige neuere Pulsoximeter-Modelle (Mehrwellenlängen-Pulsoximetrie, z. B. Masimo Rad-57 mit SpCO) ermöglichen eine nicht-invasive, transkutane COHb-Schätzung. Diese Geräte können im Screening hilfreich sein, die Genauigkeit ist jedoch limitiert und ersetzt nicht die laborchemische Bestätigung. Trends und Screening-Werte sind verwertbar, therapeutische Entscheidungen sollten auf der CO-Oximetrie der BGA basieren.
Weitere Diagnostik
- 12-Kanal-EKG: Obligat bei jeder CO-Vergiftung. ST-Strecken-Veränderungen und Arrhythmien sind häufig, auch bei jüngeren Patient:innen ohne kardiale Vorerkrankung.
- Troponin: Myokardiale Schädigung ist auch bei moderater CO-Vergiftung beschrieben. Ein Troponin-Monitoring ist empfehlenswert.
- Laktat: Erhöhtes Laktat zeigt die Gewebehypoxie an und korreliert besser mit der klinischen Schwere als der COHb-Wert allein.
- Neurologischer Status: Dokumentation mittels GCS und gezielter kognitiver Prüfung (Orientierung, Rechenfähigkeit, Kurzzeitgedächtnis). Kognitive Defizite bei CO-Vergiftung werden häufig unterschätzt.
Notfalltherapie: Sauerstoff als Antidot
Sofortmaßnahmen
Eigenschutz und Gefahrenzone: Rettungskräfte müssen sich selbst schützen. CO-Warngeräte am Rettungsmittel sind essenziell. Patient:innen schnellstmöglich aus der kontaminierten Umgebung entfernen.
Hochdosierte Sauerstofftherapie – 100 % O₂: Die Halbwertszeit von COHb beträgt:
- Bei Raumluft (21 % O₂): ca. 240–320 Minuten
- Bei 100 % O₂ über Reservoirmaske: ca. 60–90 Minuten
- Bei hyperbarer Oxygenierung (HBO, 2,5–3 ATA): ca. 20–30 Minuten
Sofort 100 % Sauerstoff über eng anliegende Reservoirmaske (Non-Rebreather-Maske) mit einem Flow von 15 l/min. Intubierte Patient:innen werden mit 100 % FiO₂ beatmet.
Monitoring: Kontinuierliches EKG-Monitoring, wiederholte BGA mit COHb, Laktat, Troponin.
Symptomatische Therapie: Krampfanfälle mit Benzodiazepinen behandeln (Midazolam 0,1 mg/kg i.v.). Bei Herzstillstand gelten die Standard-ALS-Algorithmen.
Dauer der Sauerstofftherapie
100 % O₂ sollte bis zur klinischen Besserung und einem COHb-Abfall auf unter 5 % (Nichtraucher:innen) bzw. unter 10 % (Raucher:innen) fortgeführt werden. In der Praxis bedeutet das meist mindestens 6 Stunden. Auch nach Normalisierung des COHb-Wertes kann die mitochondriale Toxizität persistieren – die klinische Besserung ist daher ebenso entscheidend wie der Laborwert.
Hyperbare Sauerstofftherapie (HBO): Wann überweisen?
Die hyperbare Oxygenierung ist die effektivste Methode zur COHb-Elimination und adressiert zusätzlich die mitochondriale Toxizität sowie inflammatorische Prozesse. Die Indikationsstellung bleibt allerdings ein Diskussionspunkt, da die Studienlage zur Prävention von DNS heterogen ist.
Anerkannte Indikationen zur HBO-Therapie
Die meisten internationalen Empfehlungen und Toxikologischen Leitlinien nennen folgende Indikationen:
- Bewusstseinsstörung (GCS < 15) zu irgendeinem Zeitpunkt der Vergiftung
- COHb > 25 % (bei Schwangeren > 15–20 %)
- Kardiale Ischämie oder Arrhythmien im Zusammenhang mit der CO-Vergiftung
- Schwangere Patient:innen (fetales Hämoglobin hat eine noch höhere CO-Affinität; der fetale COHb-Wert liegt typischerweise 10–15 % über dem maternalen Wert)
- Persistierende neurologische Symptome trotz normobar-hyperoxygenischer Therapie
- Krampfanfälle
Praktische Überlegungen
- Die HBO-Therapie muss idealerweise innerhalb von 6 Stunden nach Expositionsende beginnen, wobei auch ein späterer Therapiebeginn bis 24 Stunden nach Exposition noch als sinnvoll erachtet wird.
- In Österreich stehen HBO-Druckkammern in wenigen Zentren zur Verfügung. Die Entscheidung zur Verlegung muss frühzeitig getroffen werden. Eine Kontaktaufnahme mit dem nächsten HBO-Zentrum und der Giftinformationszentrale (in Österreich: VIZ, Vergiftungsinformationszentrale) ist bei mittelschwerer bis schwerer CO-Vergiftung empfehlenswert.
- Transportzeit vs. Therapiebeginn: Der Beginn der hochdosierten normobar-hyperoxygenischen Therapie darf durch die Planung eines HBO-Transports nicht verzögert werden. 100 % O₂ wird sofort begonnen und während des gesamten Transports fortgeführt.
Delayed Neurological Sequelae (DNS): Das unterschätzte Spätrisiko
Bis zu 40 % der Patient:innen mit mittelschwerer bis schwerer CO-Vergiftung entwickeln innerhalb von 2 bis 40 Tagen nach der Exposition verzögerte neuropsychiatrische Symptome:
- Kognitive Defizite (Gedächtnis, Konzentration, Exekutivfunktionen)
- Persönlichkeitsveränderungen
- Parkinson-ähnliche Bewegungsstörungen
- Depression, Angststörungen
- Demenz-ähnliche Symptome
Das Risiko für DNS ist nicht linear an den initialen COHb-Wert gekoppelt. Auch Patient:innen mit initial moderater Vergiftung können DNS entwickeln. Die HBO-Therapie scheint das DNS-Risiko zu reduzieren, wobei die Evidenz nicht eindeutig ist. Entscheidend ist in jedem Fall eine konsequente Nachsorge mit neurologischer und neuropsychologischer Kontrolle.
Spezielle Patientengruppen
Schwangere
Schwangere verdienen besondere Aufmerksamkeit: Fetales Hämoglobin bindet CO noch stärker als adultes Hämoglobin. Der fetale COHb-Wert ist nicht direkt messbar und liegt deutlich über dem maternalen Wert. Die COHb-Elimination beim Fetus ist zudem erheblich langsamer. Die Indikation zur HBO-Therapie wird daher großzügiger gestellt (COHb > 15–20 % oder jegliche Symptomatik). Die Sauerstofftherapie sollte bei Schwangeren mindestens fünfmal so lang durchgeführt werden wie die Zeit bis zur Normalisierung des maternalen COHb.
Kinder
Kinder zeigen aufgrund ihrer höheren Atemfrequenz und ihres höheren metabolischen Bedarfs oft früher Symptome. Die Diagnosestellung ist jedoch schwieriger, da Kleinkinder Kopfschmerzen und Schwindel nicht artikulieren können. Bei unklarer Lethargie, Erbrechen oder Bewusstseinstrübung eines Kindes – insbesondere wenn weitere Haushaltsmitglieder betroffen sind – muss eine CO-Vergiftung differenzialdiagnostisch erwogen werden.
Patient:innen mit kardiovaskulären Vorerkrankungen
Bei vorbestehender KHK oder Herzinsuffizienz können bereits niedrige COHb-Werte (< 10 %) eine myokardiale Ischämie auslösen. Die Schwelle für eine aggressive Therapie und stationäre Überwachung sollte bei diesen Patient:innen deutlich niedriger liegen.
Einsatztaktische Überlegungen für den Rettungsdienst
- CO-Warngerät: Jedes Rettungsmittel sollte mit einem CO-Detektor ausgestattet sein. Beim Betreten unklarer Einsatzstellen (Bewusstlosigkeit in geschlossenen Räumen, mehrere betroffene Personen, Heizungsanlagen) ist der CO-Warner obligat.
- Kontextinformation: Frage aktiv nach Gasthermen, Kaminöfen, Holzkohlegrills in geschlossenen Räumen, laufenden Motoren in Garagen, Shisha-Pfeifen. In der Heizperiode ist die Inzidenz deutlich höher.
- Feuerwehr alarmieren: Bei Verdacht auf CO in der Einsatzstelle muss die Feuerwehr zur Messung und Belüftung nachalarmiert werden. Weitere Bewohner:innen oder Nachbar:innen in Mehrparteienhäusern können ebenfalls betroffen sein.
- Dokumentation: COHb-Wert, Zeitpunkt der Exposition (soweit abschätzbar), Dauer der Exposition und klinischer Befund müssen sorgfältig dokumentiert werden – auch für die spätere Entscheidung zur HBO-Therapie.
Zusammenfassung: Key Points für die Praxis
- CO-Vergiftung ist ein Mimikry-Notfall – bei unklaren, unspezifischen Symptomen (Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel) und passender Anamnese immer daran denken.
- Die konventionelle Pulsoximetrie ist unzuverlässig und zeigt falsch normale Werte. Die CO-Oximetrie per BGA ist der Goldstandard.
- 100 % Sauerstoff über Reservoirmaske sofort beginnen – Sauerstoff ist das Antidot.
- Die Schwere der Vergiftung korreliert schlecht mit dem COHb-Wert allein. Klinisches Bild, Laktat und Troponin ergänzen die Einschätzung.
- HBO-Therapie bei Bewusstseinsstörung, COHb > 25 %, kardialer Beteiligung, Schwangerschaft oder persistierenden neurologischen Symptomen erwägen.
- An Delayed Neurological Sequelae denken und eine neurologische Nachsorge organisieren.
- Eigenschutz geht immer vor – CO-Warngeräte am Rettungsmittel sind keine Option, sondern eine Notwendigkeit.
Praktisches Training
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