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Fieberkrampf beim Kind: Erstmaßnahmen und Differenzialdiagnose

Der Fieberkrampf ist einer der häufigsten pädiatrischen Notfälle und verunsichert medizinisches Personal wie Eltern. Der Artikel behandelt Akuttherapie mit Benzodiazepin-Dosierung, Abgrenzung einfacher von kompliziertem Fieberkrampf und Red Flags für andere Ursachen.

Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol

Lesezeit ca. 8 Min.

Der Fieberkrampf gehört zu den häufigsten pädiatrischen Notfällen und betrifft etwa 2–5 % aller Kinder zwischen dem 6. Lebensmonat und dem 5. Lebensjahr. Obwohl die Prognose in den allermeisten Fällen exzellent ist, löst ein krampfendes, zyanotisches Kind sowohl bei Eltern als auch bei erfahrenem medizinischem Fachpersonal erheblichen Stress aus. Gerade deshalb ist ein strukturiertes, algorithmusbasiertes Vorgehen entscheidend – vom initialen Assessment über die medikamentöse Durchbrechung bis zur sauberen Differenzialdiagnose. Denn hinter dem vermeintlich harmlosen Fieberkrampf kann sich eine lebensbedrohliche Ursache verbergen, die du nur erkennst, wenn du systematisch vorgehst.

Pathophysiologie und Epidemiologie

Fieberkrämpfe entstehen durch die besondere Vulnerabilität des unreifen kindlichen Gehirns gegenüber raschen Temperaturanstiegen. Nicht die absolute Fieberhöhe, sondern die Geschwindigkeit des Temperaturanstiegs scheint der entscheidende Trigger zu sein. Die genetische Prädisposition spielt eine wesentliche Rolle: Bei positiver Familienanamnese steigt das Risiko auf bis zu 25–40 %.

Wichtige epidemiologische Eckpunkte

  • Altersgipfel: 12–18 Monate
  • Geschlecht: Buben sind etwas häufiger betroffen als Mädchen
  • Rezidivrate: Etwa 30 % der Kinder erleben mindestens einen weiteren Fieberkrampf
  • Risikofaktoren für Rezidive: Erstmanifestation vor dem 15. Lebensmonat, niedrige Temperatur bei Erstanfall, positive Familienanamnese, kurzes Intervall zwischen Fieberbeginn und Krampf

Die zugrunde liegende Fieberursache ist in den meisten Fällen ein banaler viraler Infekt der oberen Atemwege, eine Otitis media, ein Harnwegsinfekt oder eine Gastroenteritis. Das ändert jedoch nichts daran, dass du bei jedem Fieberkrampf aktiv nach gefährlichen Ursachen suchen musst.

Einfacher vs. komplizierter Fieberkrampf

Die Unterscheidung zwischen einfachem und kompliziertem Fieberkrampf ist der zentrale klinische Entscheidungspunkt, weil sie das weitere diagnostische und therapeutische Vorgehen maßgeblich bestimmt.

Einfacher (unkomplizierter) Fieberkrampf

  • Generalisiert tonisch-klonisch
  • Dauer < 15 Minuten (die meisten dauern 1–3 Minuten)
  • Kein Rezidiv innerhalb von 24 Stunden
  • Alter 6 Monate bis 5 Jahre
  • Keine fokalen Zeichen
  • Komplette Erholung innerhalb von 60 Minuten (Postikal-Phase kann kürzer sein)
  • Unauffälliger neurologischer Status nach dem Anfall

Komplizierter (komplexer) Fieberkrampf

Mindestens eines der folgenden Kriterien ist erfüllt:

  • Fokal oder mit fokalem Beginn
  • Dauer ≥ 15 Minuten
  • Rezidiv innerhalb von 24 Stunden
  • Postiktale Todd'sche Parese oder andere fokale neurologische Ausfälle
  • Auftreten bei Kindern < 6 Monate oder > 5 Jahre

Ein komplizierter Fieberkrampf erfordert immer eine erweiterte Diagnostik, da das Risiko für eine zugrunde liegende strukturelle oder infektiöse ZNS-Pathologie signifikant höher ist.

Febriler Status epilepticus

Ein Fieberkrampf, der ≥ 30 Minuten andauert oder eine Serie von Anfällen ohne zwischenzeitliche Bewusstseinsklarheit, wird als febriler Status epilepticus klassifiziert. Er betrifft etwa 5 % aller Fieberkrämpfe und stellt einen echten pädiatrischen Notfall mit Risiko für neuronale Schädigung dar. Bereits ab einer Anfallsdauer von 5 Minuten solltest du medikamentös intervenieren, da die Wahrscheinlichkeit einer Selbstlimitierung mit zunehmender Dauer sinkt.

Akutmanagement: Strukturiertes Vorgehen

Initiales Assessment

Wie bei jedem pädiatrischen Notfall gehst du nach dem PAT (Pädiatrisches Beurteilungsdreieck) vor:

  1. Erscheinungsbild: Bewusstseinslage, Muskeltonus, Interaktion
  2. Atemarbeit: Atemfrequenz, Einziehungen, Atemgeräusche, Zyanose
  3. Hautkolorit: Blässe, Marmorierung, Zyanose

Dann folgt das systematische ABCDE-Assessment:

  • A – Airway: Atemweg sichern, stabile Seitenlage bei aktivem Krampf, Aspiration verhindern. Nichts in den Mund einführen!
  • B – Breathing: Sauerstoffsättigung monitoren, Sauerstoffgabe bei SpO₂ < 94 %. Achtung: Während eines generalisierten Krampfes kann die Oxygenierung vorübergehend eingeschränkt sein.
  • C – Circulation: Herzfrequenz, Rekapillarisierungszeit, Blutdruck. Venösen Zugang etablieren, wenn möglich – aber nicht auf Kosten der Anfallsdurchbrechung.
  • D – Disability: GCS oder AVPU, Pupillenreaktion, Blutzucker (BZ)! Hypoglykämie ist eine häufige und leicht behandelbare Ursache für Krampfanfälle.
  • E – Exposure: Temperatur messen (rektal ist der Goldstandard beim Kind), Hautinspektion (Petechien? Meningismus-Zeichen?), vollständige körperliche Untersuchung.

Blutzucker – der am häufigsten vergessene Schritt

Die Blutzuckermessung gehört bei jedem krampfenden Kind zu den allerersten Maßnahmen. Eine Hypoglykämie (BZ < 60 mg/dL bzw. < 3,3 mmol/L beim Kind) kann Krampfanfälle auslösen und muss umgehend korrigiert werden:

  • Glukose 10 % IV: 2–5 mL/kg als Bolus
  • Keine hochkonzentrierte Glukoselösung (20 % oder 40 %) bei Kindern – Osmolaritäts- und Gewebeschädigungsrisiko!

Medikamentöse Anfallsdurchbrechung

Die pharmakologische Therapie folgt einem klaren Stufenschema. Merke: Ab 5 Minuten Anfallsdauer medikamentös intervenieren.

Stufe 1: Benzodiazepine (First-Line)

Medikament Route Dosierung Besonderheiten
Midazolam Buccal 0,2 mg/kg (max. 10 mg) Mittel der Wahl prähospital, kein IV-Zugang nötig
Midazolam Intranasal 0,2 mg/kg (max. 10 mg) Über MAD-Device, halbierte Dosis pro Nasenloch
Midazolam IV 0,1 mg/kg (max. 5 mg) Bei liegendem Zugang bevorzugt
Diazepam Rektal 0,5 mg/kg (max. 10 mg) Klassische Eltern-Notfallmedikation
Lorazepam IV 0,1 mg/kg (max. 4 mg) Längere Wirkdauer als Midazolam

Wiederholung: Bei anhaltender Anfallsaktivität nach 5 Minuten kann eine zweite Benzodiazepin-Dosis gegeben werden. Nach zwei Gaben ohne Erfolg spricht man von einem benzodiazepinrefraktären Anfall, und du musst zur Stufe 2 eskalieren.

Cave: Atemdepression! Nach jeder Benzodiazepin-Gabe engmaschige Überwachung von Atmung und Sättigung. Beatmungsbeutel mit passender Maske muss griffbereit sein.

Stufe 2: Antikonvulsiva (Second-Line)

Bei Versagen der Benzodiazepine:

  • Phenobarbital IV: 20 mg/kg über 20 Minuten (max. Einzeldosis 1 g). Achtung: Erhöhtes Risiko für Atemdepression in Kombination mit Benzodiazepinen – Intubationsbereitschaft!
  • Levetiracetam IV: 40–60 mg/kg über 15 Minuten (max. 3 g). Günstigeres Nebenwirkungsprofil, zunehmend als Alternative zu Phenobarbital eingesetzt.
  • Phenytoin/Fosphenytoin IV: 20 mg PE/kg über 20 Minuten. Unter Monitorüberwachung (Rhythmusstörungen!). In der pädiatrischen Akutsituation zunehmend von Levetiracetam abgelöst.

Stufe 3: Refraktärer Status epilepticus

Wenn auch die Second-Line-Therapie versagt, handelt es sich um einen refraktären Status epilepticus. Dieser erfordert:

  • Intensivmedizinische Versorgung
  • Kontinuierliche Infusion von Midazolam (0,1–0,4 mg/kg/h) oder Propofol oder Thiopental unter EEG-Monitoring
  • Intubation und kontrollierte Beatmung

Differenzialdiagnosen: Was alles kein Fieberkrampf ist

Die korrekte Differenzialdiagnose entscheidet über Leben und Tod. Folgende Erkrankungen können einen Fieberkrampf imitieren oder sich dahinter verbergen:

Infektiöse Ursachen – die gefährlichsten Mimics

  • Meningitis/Enzephalitis: Die wichtigste Differenzialdiagnose! Bei Kindern < 12 Monaten können klassische Meningismus-Zeichen fehlen. Eine vorgewölbte Fontanelle, schrilles Schreien, Lethargie und Trinkschwäche sind Warnsignale.
  • Zerebrale Malaria: Bei Reiseanamnese in Endemiegebiet bedenken.
  • Hirnabszess: Fokale Anfälle, Fieber, fokal-neurologische Defizite.

Nicht-infektiöse Ursachen

  • Epilepsie mit Fieber als Trigger: Besonders bei Dravet-Syndrom (schwere myoklonische Epilepsie des Kindesalters) – prolongierte, häufig hemiklonische Anfälle, therapierefraktär, oft SCN1A-Mutation.
  • Intrakranielle Blutung: Trauma? Gerinnungsstörung? Kindesmisshandlung (Schütteltrauma!) – immer daran denken!
  • Metabolische Entgleisungen: Hyponatriämie, Hypokalzämie, Hypoglykämie, angeborene Stoffwechselerkrankungen.
  • Intoxikationen: Medikamente, Pflanzen, Reinigungsmittel – bei Kleinkindern häufiger als gedacht.
  • Affektkrämpfe (Breath-Holding Spells): Blasse oder zyanotische Form, stets durch Provokation (Schreck, Schmerz, Weinen) ausgelöst. Kein Fieber erforderlich, aber kann zufällig mit Fieber koinzidieren.
  • Sinusvenenthrombose: Selten, aber bei Dehydratation, Otitis media und Mastoiditis möglich.

Red Flags – wann du über den Fieberkrampf hinausdenken musst

Folgende Befunde sollten dich alarmieren und eine erweiterte Diagnostik (inkl. Lumbalpunktion, Bildgebung, Laborchemie) veranlassen:

  • Alter < 6 Monate oder > 5 Jahre
  • Fokaler Anfall oder fokaler Beginn
  • Postiktale Bewusstseinstrübung > 60 Minuten
  • Todd'sche Parese
  • Meningismus-Zeichen (Nackensteifigkeit, Kernig, Brudzinski)
  • Vorgewölbte Fontanelle
  • Petechien oder Purpura (→ Meningokokken-Sepsis!)
  • Keine klare Fieberursache identifizierbar
  • Anfallsdauer > 15 Minuten
  • Vorausgegangenes Schädel-Hirn-Trauma
  • Auffälliger neurologischer Status vor dem Anfall
  • Entwicklungsverzögerung oder bekannte neurologische Grunderkrankung
  • Reiseanamnese in tropische Gebiete

Diagnostik: Was ist wann indiziert?

Beim einfachen Fieberkrampf

  • Fokussierte Anamnese und klinische Untersuchung: Infektfokus suchen!
  • Blutzucker: Obligat.
  • Routinelabor: Nicht zwingend erforderlich bei klarem Infektfokus und raschem Aufklaren.
  • Lumbalpunktion: Nicht routinemäßig indiziert. Jedoch dringend empfohlen bei Kindern < 12 Monate (da Meningismus-Zeichen unzuverlässig) und bei unvollständigem Impfstatus (insbesondere ohne Pneumokokken- und Hib-Impfung).
  • EEG: Nicht in der Akutsituation und nicht routinemäßig nach einfachem Fieberkrampf.
  • Bildgebung (CT/MRT): Nicht indiziert.

Beim komplizierten Fieberkrampf

  • Erweitertes Labor: Blutbild, CRP, Elektrolyte (Na⁺, Ca²⁺, Mg²⁺), BGA, Blutkultur
  • Lumbalpunktion: Niedrigschwellig indizieren, insbesondere bei prolongierten oder fokalen Anfällen
  • EEG: Im Verlauf, nicht akut – zur Abgrenzung einer Epilepsie
  • Kraniale Bildgebung (MRT bevorzugt): Bei fokalen Anfällen, persistierenden neurologischen Auffälligkeiten oder Verdacht auf strukturelle Pathologie

Fiebermanagement und Elternberatung

Ein häufiger Irrglaube – auch unter Fachpersonal – ist, dass konsequente Antipyrese Fieberkrämpfe verhindern kann. Die aktuelle Evidenz zeigt eindeutig: Antipyretische Therapie senkt die Rezidivrate von Fieberkrämpfen nicht. Weder Paracetamol noch Ibuprofen noch deren Kombination verhindern Fieberkrämpfe. Die Antipyrese dient ausschließlich dem Wohlbefinden des Kindes.

Elternberatung nach Fieberkrampf

Die Aufklärung der Eltern ist ein essenzieller Teil des Managements:

  • Prognose: Exzellent. Kein erhöhtes Risiko für Entwicklungsverzögerungen oder Intelligenzminderung nach einfachen Fieberkrämpfen.
  • Epilepsierisiko: Nur minimal erhöht (2–4 % nach einfachem Fieberkrampf vs. 1–2 % in der Allgemeinbevölkerung). Nach komplizierten Fieberkrämpfen etwas höher.
  • Rezidivrisiko: Etwa 30 % – Eltern darauf vorbereiten.
  • Notfallplan: Rektales Diazepam (0,5 mg/kg) oder buccales Midazolam als Notfallmedikation für zu Hause verordnen und die korrekte Anwendung praktisch demonstrieren.
  • Erste-Hilfe-Maßnahmen für Eltern: Kind auf die Seite legen, Umgebung sichern, nichts in den Mund einführen, auf die Uhr schauen und Dauer dokumentieren, bei Anfall > 5 Minuten Notfallmedikation verabreichen und Rettung rufen.

Besondere Situationen

Fieberkrampf und COVID-19 / Virale Pandemien

Verschiedene virale Erreger können Fieberkrämpfe triggern. Das Vorgehen unterscheidet sich nicht vom Standardalgorithmus. Entscheidend bleibt die klinische Beurteilung des Kindes und die Suche nach Red Flags.

Impfassoziierte Fieberkrämpfe

Fieberkrämpfe können nach Impfungen auftreten, insbesondere nach MMR-Impfung (Tag 7–14) und nach Influenza-Impfung. Diese sind in der Regel einfache Fieberkrämpfe mit identischer Prognose wie bei infektgetriggerten Fieberkrämpfen. Sie sind keine Kontraindikation für weitere Impfungen.

Post-Fieberkrampf: Stationäre Aufnahme oder Entlassung?

Bei einfachem Fieberkrampf mit klarem Infektfokus, raschem Aufklaren und neurologisch unauffälligem Kind ist eine ambulante Betreuung nach ausreichender Beobachtungszeit (mindestens 2–4 Stunden) und Elternaufklärung vertretbar. Eine stationäre Aufnahme ist indiziert bei:

  • Kompliziertem Fieberkrampf
  • Alter < 12 Monate
  • Verdacht auf ZNS-Infektion
  • Persistierende Bewusstseinstrübung
  • Unsicherer sozialer Kontext oder Erreichbarkeit
  • Erstmaligem Fieberkrampf mit unsicherer Diagnose

Kernpunkte für die Praxis

  • 5-Minuten-Regel: Krampft das Kind länger als 5 Minuten → medikamentös intervenieren
  • Blutzucker sofort messen – wird zu oft vergessen
  • Midazolam buccal/intranasal ist die präklinische First-Line-Therapie
  • Einfach vs. kompliziert unterscheiden – bestimmt das weitere Vorgehen
  • Red Flags systematisch abfragen – insbesondere Meningitis ausschließen
  • Antipyretika verhindern keine Fieberkrämpfe
  • Elternaufklärung ist genauso wichtig wie die Akuttherapie

Praktisches Training

Die strukturierte Versorgung eines krampfenden Kindes – vom initialen Assessment über die gewichtsadaptierte Medikamentendosierung bis zur Entscheidung über weitere Diagnostik – lässt sich am besten in realistischen Simulationsszenarien trainieren. Im PALS-Refresher-Kurs von Simulation Tirol übst du genau diese Situationen in Kleingruppen mit realistischen Fallszenarien, sodass du im Ernstfall sicher und systematisch handeln kannst. Weitere Informationen findest du unter Simulation Tirol – PALS-Refresher.

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