Erste Hilfe

Notfallmedizin für MFA: Was Praxispersonal wissen muss

Medizinische Fachangestellte sind oft die Ersten am Patienten. Der Artikel behandelt Erkennung kritischer Zustände, BLS-Maßnahmen, Notfallwagen-Management und rechtliche Rahmenbedingungen.

Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol

Lesezeit ca. 7 Min.

Als Medizinische Fachangestellte (MFA) bist du oft die erste Person, die einen Patienten sieht, bewertet und auf kritische Veränderungen reagiert. Ob im Wartezimmer, am Empfang oder im Behandlungsraum – du bist diejenige, die bemerkt, wenn etwas nicht stimmt. Dieser Artikel gibt dir das Rüstzeug, um Notfälle sicher zu erkennen, strukturiert zu handeln und die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes oder der Rettungskräfte optimal zu überbrücken. Denn genau in diesen Minuten entscheidet sich oft der Outcome.

Warum Notfallkompetenz für MFA unverzichtbar ist

In einer Ordination oder Praxis rechnet man nicht primär mit Reanimationen oder anaphylaktischen Schocks – und genau das macht diese Situationen so gefährlich. Die fehlende Routine führt zu Unsicherheit, Verzögerungen und im schlimmsten Fall zu vermeidbaren Fehlern. Studien zeigen, dass die Überlebensrate bei innerklinischen Notfällen signifikant von der Reaktionszeit und Qualität der Erstmaßnahmen abhängt.

Als MFA hast du eine Schlüsselrolle:

  • Du führst die Ersteinschätzung durch (Triage am Empfang).
  • Du bemerkst Verschlechterungen während Wartezeiten.
  • Du assistierst bei Notfallmaßnahmen.
  • Du alarmierst den Rettungsdienst.
  • Du dokumentierst den Verlauf.
  • Du betreust Angehörige und andere Patient:innen.

Diese Rolle erfordert keine ärztliche Approbation – aber fundiertes Wissen und regelmäßiges Training.

Kritische Zustände erkennen: Das ABCDE-Schema

Die strukturierte Ersteinschätzung nach dem ABCDE-Schema ist der Goldstandard, um lebensbedrohliche Zustände systematisch zu identifizieren. Es funktioniert unabhängig von der Ursache und gibt dir einen klaren Handlungsrahmen.

A – Airway (Atemweg)

  • Spricht der Patient? Wenn ja, ist der Atemweg frei.
  • Gibt es Stridor, Gurgeln, Schnarchen oder inspiratorischen Ziehen?
  • Sichtbare Verlegungen: Erbrochenes, Fremdkörper, Schwellung im Rachenraum.
  • Sofortmaßnahme bei Verlegung: Atemwege freimachen (Kopf überstrecken, Esmarch-Handgriff, Absaugen).

B – Breathing (Atmung)

  • Atemfrequenz zählen (normal: 12–20/min bei Erwachsenen).
  • Atemtiefe und -muster beobachten: Ist die Atmung flach, angestrengt, asymmetrisch?
  • Sauerstoffsättigung messen (SpO₂ – Zielwert ≥ 94 %).
  • Zeichen der respiratorischen Insuffizienz: Einsatz der Atemhilfsmuskulatur, Nasenflügeln, Zyanose.
  • Sofortmaßnahme: Oberkörperhochlagerung, Sauerstoffgabe nach Anordnung.

C – Circulation (Kreislauf)

  • Puls tasten: Frequenz, Rhythmus, Qualität (kräftig vs. fadenförmig).
  • Blutdruck messen.
  • Hautkolorit beurteilen: blass, kaltschweißig, marmoriert?
  • Rekapillarisierungszeit prüfen (Nagelbett drücken – normal: < 2 Sekunden).
  • Zeichen des Schocks erkennen: Tachykardie, Hypotonie, Bewusstseinseintrübung, Oligurie.
  • Sofortmaßnahme: Venöser Zugang (wenn Kompetenz vorhanden und angeordnet), Schocklagerung, Volumen nach Anordnung.

D – Disability (Neurologie)

  • Bewusstseinsgrad nach AVPU-Schema:
    • Alert – wach und orientiert
    • Voice – reagiert auf Ansprache
    • Pain – reagiert auf Schmerzreiz
    • Unresponsive – keine Reaktion
  • Pupillen prüfen: Größe, Seitengleichheit, Lichtreaktion.
  • Blutzucker messen – Hypoglykämie ist eine häufige und leicht behandelbare Ursache für Bewusstseinsstörungen.
  • Sofortmaßnahme bei Hypoglykämie: orale Glukosegabe (bei wachem Patienten) oder intravenöse Glukose nach Anordnung.

E – Exposure (Entkleidung/Umgebung)

  • Patienten gezielt entkleiden, um Verletzungen, Hautveränderungen (Exanthem, Petechien, Urtikaria) oder Blutungen zu erkennen.
  • Körpertemperatur messen.
  • Wärmeschutz nicht vergessen – Hypothermie verschlechtert die Gerinnung und den Outcome.

Merke: Das ABCDE-Schema wird sequenziell abgearbeitet. Wird bei einem Buchstaben ein Problem gefunden, wird dieses – soweit möglich – sofort behandelt, bevor du zum nächsten übergehst.

Die häufigsten Notfälle in der Praxis

Nicht jeder Notfall ist ein Herzstillstand. Die folgende Übersicht zeigt dir die häufigsten kritischen Situationen im Praxisalltag und die entscheidenden Erstmaßnahmen.

Synkope und Kollaps

Synkopen im Wartezimmer oder nach Blutabnahmen sind häufig. In den meisten Fällen ist die Ursache vasovagal und harmlos. Entscheidend ist die Differenzierung:

  • Vasovagale Synkope: Prodromi (Schwindel, Übelkeit, Schwarzwerden vor den Augen), rasche Erholung, keine Verletzung.
  • Kardiale Synkope: Ohne Prodromi, ggf. Palpitationen vorher, langsame Erholung – EKG zwingend!
  • Sofortmaßnahme: Flachlagerung, Beine hoch, Monitoring, bei Bewusstlosigkeit ABCDE.

Anaphylaxie

Allergische Reaktionen können in jeder Praxis auftreten – nach Medikamentengabe, Injektionen oder Allergenexposition.

  • Erkennung: Urtikaria, Angioödem, Dyspnoe, Stridor, Hypotonie, Tachykardie, gastrointestinale Symptome.
  • Erstmaßnahme Nummer eins: Adrenalin intramuskulär in den lateralen Oberschenkel: 0,5 mg (= 0,5 ml einer 1:1000-Lösung) beim Erwachsenen. Wiederholung nach 5 Minuten bei ausbleibender Besserung.
  • Lagerung: Bei Hypotonie Schocklagerung; bei Dyspnoe Oberkörperhochlagerung.
  • Weitere Maßnahmen: Großlumiger venöser Zugang, Volumen (kristalloide Lösung), Sauerstoffgabe, Notarzt alarmieren.

Akutes Koronarsyndrom (ACS)

  • Erkennung: Thoraxschmerz (retrosternal, ausstrahlend), Dyspnoe, Kaltschweißigkeit, Übelkeit. Achtung: Atypische Präsentationen besonders bei Frauen und Diabetiker:innen (Oberbauchschmerz, isolierte Dyspnoe, Erschöpfung).
  • Sofortmaßnahmen: 12-Kanal-EKG, Monitoring, Sauerstoff nur bei SpO₂ < 90 %, ASS 250–300 mg oral (kauen lassen), Nitroglycerin sublingual (bei RR systolisch > 90 mmHg, kein Rechtherzinfarkt, keine PDE-5-Hemmer), venöser Zugang, Notarzt alarmieren.

Hypoglykämie

  • Erkennung: Zittern, Schwitzen, Verwirrtheit, Aggressivität, Krampfanfall, Bewusstlosigkeit. BZ < 70 mg/dl.
  • Sofortmaßnahmen: Bei wachem Patienten orale Glukosegabe (Traubenzucker, Saft). Bei Bewusstlosigkeit: Glukose 40 % i.v. (nach ärztlicher Anordnung) oder Glucagon 1 mg i.m.

Kreislaufstillstand

Der absolute Notfall. Hier zählt jede Sekunde.

BLS-Maßnahmen: Basic Life Support in der Praxis

Die Basic-Life-Support-Algorithmen nach AHA-Leitlinie bilden das Fundament jeder Reanimation. Als MFA solltest du diese im Schlaf beherrschen.

Algorithmus für Erwachsene

  1. Sicherheit prüfen – Eigenschutz geht vor.
  2. Bewusstsein prüfen – Ansprechen, an den Schultern rütteln.
  3. Hilfe rufen – Kolleg:innen alarmieren, Notruf 144 (in Österreich) absetzen lassen, Defibrillator (AED) holen lassen.
  4. Atmung prüfen – Atemwege freimachen, maximal 10 Sekunden: Sehen, Hören, Fühlen. Schnappatmung = keine normale Atmung = Kreislaufstillstand.
  5. 30 Thoraxkompressionen beginnen:
    • Druckpunkt: untere Sternumhälfte
    • Tiefe: 5–6 cm
    • Frequenz: 100–120/min
    • Vollständige Entlastung zwischen den Kompressionen
  6. 2 Beatmungen – mit Beatmungsbeutel und Maske (Zwei-Helfer-Technik bevorzugt)
  7. 30:2 fortsetzen bis AED eintrifft oder Rettungsdienst übernimmt.
  8. AED anschließen – den Sprachanweisungen folgen. Schock nur bei defibrillierbarem Rhythmus (VF/pulslose VT).

Wichtige Praxishinweise

  • Kompressionsqualität ist entscheidend: Drück fest, drück schnell, lass vollständig los und minimiere Unterbrechungen. Jede Pause ohne Kompressionen senkt den koronaren Perfusionsdruck.
  • Helferwechsel alle 2 Minuten – Ermüdung setzt schneller ein, als du denkst.
  • Beatmung: Falls keine Beatmungsausrüstung vorhanden ist, sind kontinuierliche Thoraxkompressionen ohne Beatmung besser als gar keine Reanimation.
  • Teamarbeit: Klare Aufgabenverteilung – wer komprimiert, wer beatmet, wer dokumentiert, wer den Rettungsdienst einweist.

Notfallwagen-Management: Ordnung rettet Leben

Ein gut organisierter Notfallwagen (oder Notfallkoffer) ist das Rückgrat der Notfallbereitschaft in jeder Praxis. Ein veralteter, unübersichtlicher oder unvollständiger Wagen kostet im Ernstfall lebensrettende Zeit.

Inhalt des Notfallwagens (Mindestausstattung)

Atemwegsmanagement:

  • Beatmungsbeutel mit Maske (verschiedene Größen)
  • Guedel-Tuben (Größen 2, 3, 4)
  • Absaugung mit Absaugkathetern
  • Sauerstoff mit Reservoir-Maske und Nasenbrille

Kreislauf:

  • AED (Automatisierter Externer Defibrillator)
  • Venöse Zugänge (verschiedene Größen, mindestens 18G und 20G)
  • Infusionslösungen (NaCl 0,9 %, Ringer-Lösung)
  • Infusionsbesteck, Dreiwegehähne, Pflaster

Medikamente:

  • Adrenalin 1 mg/ml (Ampullen)
  • Atropin 0,5 mg/ml
  • Amiodaron 150 mg
  • Nitroglycerin-Spray
  • ASS (i.v. und oral)
  • Salbutamol-Dosieraerosol
  • Glukose 40 % (Ampullen oder Fertigspritzen)
  • Glucagon
  • Prednisolon/Methylprednisolon i.v.
  • Dimetinden (Antihistaminikum) i.v.
  • Midazolam (nasal oder bukkal, für Krampfanfälle)
  • NaCl 0,9 % zum Aufziehen

Monitoring:

  • Pulsoximeter
  • Blutdruckmessgerät
  • Blutzuckermessgerät mit Teststreifen
  • Stethoskop
  • Thermometer

Sonstiges:

  • Handschuhe, Schere, Stauschlauch
  • Notfallprotokollbogen
  • Algorithmus-Karten (gut sichtbar angebracht)

Überprüfung und Wartung

  • Regelmäßige Checks: Definiere eine verantwortliche Person und einen festen Rhythmus (z. B. wöchentlich für Vollständigkeit, monatlich für Ablaufdaten).
  • Checkliste nutzen: Eine laminierte Checkliste am Notfallwagen erleichtert die Kontrolle und dient gleichzeitig als Nachweis.
  • Nach jeder Verwendung: Sofortige Wiederauffüllung und Funktionskontrolle.
  • AED-Wartung: Batteriestand und Elektroden-Ablaufdatum regelmäßig prüfen. Viele Geräte zeigen den Status automatisch an – trotzdem: Kontrolle ist Pflicht.

Rechtliche Rahmenbedingungen in Österreich

Notfallsituationen erzeugen nicht nur medizinischen, sondern auch rechtlichen Druck. Es ist wichtig, dass du deine Befugnisse und Pflichten kennst.

Hilfeleistungspflicht

Nach § 95 StGB (Österreich) besteht eine allgemeine Hilfeleistungspflicht. Wer bei einem Unglücksfall oder einer Gemeingefahr die offensichtlich erforderliche Hilfe unterlässt, macht sich strafbar. Das gilt für jede Person – und in besonderem Maße für medizinisches Fachpersonal.

Handeln im Rahmen der Kompetenz

Als MFA darfst du im Notfall:

  • Eigenständig: BLS-Maßnahmen durchführen (Thoraxkompressionen, Beatmung, AED-Anwendung), Notruf absetzen, Sauerstoff verabreichen, Lagerungsmaßnahmen ergreifen, Ersteinschätzung vornehmen.
  • Nach ärztlicher Anordnung (Delegation): Medikamente verabreichen, venöse Zugänge legen, Infusionen anhängen.

Im Notfall gilt der Grundsatz der rechtfertigenden Pflichtenkollision und des Notstandes (§ 10 StGB): Wenn das Leben eines Patienten unmittelbar bedroht ist und kein Arzt verfügbar ist, darfst du Maßnahmen ergreifen, die über deine reguläre Befugnis hinausgehen – sofern sie verhältnismäßig sind und du über die nötige Kompetenz verfügst. Das ersetzt keine ärztliche Qualifikation, schützt aber den beherzt handelnden Ersthelfer.

Dokumentation

Dokumentiere jeden Notfall zeitnah und präzise:

  • Uhrzeit der Ereignisse (Beginn, Notruf, Eintreffen Rettungsdienst)
  • Vitalparameter im Verlauf
  • Durchgeführte Maßnahmen
  • Verabreichte Medikamente (Dosis, Applikationsweg, Uhrzeit)
  • Beteiligte Personen

Eine saubere Dokumentation schützt dich rechtlich und sichert die Versorgungskontinuität.

Teamtraining und Fehlervermeidung

Die häufigsten Fehler in Praxis-Notfällen sind keine Wissenslücken – es sind Kommunikationsprobleme, unklare Zuständigkeiten und fehlende Routine.

Typische Fehlerquellen

  • Niemand übernimmt die Führung: Definiere vorab, wer im Notfall die Koordination übernimmt (z. B. Ärztin oder diensthabende MFA).
  • Paralleles, unkoordiniertes Handeln: Klare Aufgabenverteilung mit geschlossener Kommunikationsschleife (Closed-Loop-Communication): Anweisung → Wiederholung → Rückmeldung.
  • AED wird nicht geholt oder zu spät eingesetzt: Der Defibrillator muss innerhalb von 3 Minuten am Patienten sein.
  • Notfallwagen nicht auffindbar oder unvollständig: Standort muss allen Mitarbeiter:innen bekannt sein.
  • Medikamentenverwechslung unter Stress: Algorithmus-Karten und vorbereitete Notfallsets (z. B. Anaphylaxie-Kit) reduzieren das Risiko.

Strukturierte Nachbesprechung (Debriefing)

Nach jedem Notfall sollte zeitnah ein Debriefing stattfinden:

  • Was ist passiert?
  • Was lief gut?
  • Was können wir verbessern?
  • Wie geht es dem Team?

Letztere Frage ist nicht trivial. Notfälle – besonders Reanimationen mit schlechtem Ausgang – belasten. Sprich darüber und scheu dich nicht, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Praktisches Training

Wissen allein reicht nicht – gerade unter Stress greifen nur Fähigkeiten, die regelmäßig trainiert wurden. In unseren Notfalltrainings bei Simulation Tirol übst du mit deinem Praxisteam genau die Szenarien, die im Alltag auftreten: von der Synkope im Wartezimmer über die Anaphylaxie nach Injektion bis zur Reanimation. Mit realistischer Simulation, strukturiertem Debriefing und einem Fokus auf Teamarbeit. Denn im Notfall zählt nicht nur, was du weißt – sondern ob du es umsetzt. Alle Informationen zu unseren Kursangeboten findest du unter notfalltraining.

Du willst das praktisch trainieren?

In unserem Notfalltraining in deiner Arztpraxis oder Klinik übst du dieses Thema hands-on mit High-Tech-Simulatoren und erfahrenen Instruktor:innen.

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