Baby-Reanimation

Engbrüstige Atemgeräusche beim Baby: Giemen und Pfeifen deuten

Viele Eltern hören pfeifende oder giemende Atemgeräusche bei ihrem Säugling und sind verunsichert. Der Artikel erklärt die häufigsten Ursachen (Bronchiolitis, obstruktive Bronchitis, Asthma), wann ärztliche Hilfe nötig ist und welche Sofortmaßnahmen Eltern ergreifen können.

Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol

Lesezeit ca. 8 Min.

Wenn dein Baby beim Atmen plötzlich pfeift, giemt oder ein enges, quietschendes Geräusch von sich gibt, ist das erst einmal beunruhigend. Vielleicht hast du es beim Stillen bemerkt, beim Einschlafen oder mitten in der Nacht. Du fragst dich: Ist das noch normal? Oder braucht mein Kind jetzt einen Arzt? Diese Unsicherheit ist absolut verständlich – und du bist damit nicht allein. Pfeifende oder giemende Atemgeräusche bei Säuglingen und Kleinkindern gehören zu den häufigsten Gründen, warum Eltern kinderärztliche Notaufnahmen aufsuchen. Dieser Artikel hilft dir, die Geräusche richtig einzuordnen, die wichtigsten Ursachen zu verstehen und zu erkennen, wann du sofort handeln musst.

Was genau sind Giemen und Pfeifen?

Bevor wir in die Ursachen einsteigen, ist es hilfreich zu verstehen, was diese Geräusche eigentlich bedeuten. Giemen und Pfeifen sind sogenannte obstruktive Atemgeräusche – das heißt, sie entstehen, wenn die Atemwege deines Babys verengt sind und die Luft sich durch einen engeren Durchgang hindurchzwängen muss.

Stell dir einen Gartenschlauch vor: Wenn du die Öffnung mit dem Daumen halb zudrückst, wird der Wasserstrahl enger und es entsteht ein pfeifendes Geräusch. Ganz ähnlich funktioniert das in den Bronchien deines Babys. Die Verengung kann verschiedene Gründe haben:

  • Schwellung der Schleimhaut – zum Beispiel bei einer Infektion
  • Zäher Schleim, der die Atemwege teilweise verstopft
  • Verkrampfung der Bronchialmuskulatur – die Muskeln rund um die Atemwege ziehen sich zusammen
  • Äußerer Druck auf die Atemwege – etwa durch vergrößerte Lymphknoten

Wichtig zu wissen: Bei Babys sind die Atemwege von Natur aus sehr eng und weich. Schon eine geringe Schwellung, die bei einem Erwachsenen kaum auffallen würde, kann bei einem Säugling zu deutlich hörbaren Geräuschen führen. Das bedeutet einerseits, dass giemende Geräusche bei Babys häufiger vorkommen – aber auch, dass Atemprobleme schneller gefährlich werden können.

Giemen, Pfeifen, Stridor – was ist der Unterschied?

Diese drei Begriffe werden oft durcheinandergebracht, beschreiben aber unterschiedliche Dinge:

  • Giemen (Wheezing): Ein leises, musikalisches, oft mehrtöniges Geräusch, das vor allem beim Ausatmen zu hören ist. Es entsteht in den unteren Atemwegen (Bronchien).
  • Pfeifen: Wird im Alltag oft synonym mit Giemen verwendet. Es beschreibt einen höheren, eher eintönigen Pfeifton beim Atmen.
  • Stridor: Ein eher raues, kratzendes oder krächzendes Geräusch, das typischerweise beim Einatmen auftritt. Es deutet auf eine Verengung der oberen Atemwege hin (Kehlkopf, Luftröhre) und hat andere Ursachen, zum Beispiel Pseudokrupp.

Für dich als Elternteil ist die wichtigste Frage nicht die exakte Benennung, sondern: In welcher Atemphase tritt das Geräusch auf? Geräusche beim Einatmen deuten eher auf ein Problem im Kehlkopf- oder Luftröhrenbereich hin. Geräusche beim Ausatmen sprechen eher für verengte Bronchien.

Die häufigsten Ursachen für pfeifende Atemgeräusche

Bronchiolitis – die häufigste Ursache bei Babys unter einem Jahr

Die Bronchiolitis ist eine Entzündung der kleinsten Atemwege (Bronchiolen) und wird fast immer durch Viren ausgelöst, am häufigsten durch das RS-Virus (Respiratorisches Synzytial-Virus). Sie betrifft vor allem Babys in den ersten zwölf Lebensmonaten und tritt gehäuft in der kalten Jahreszeit auf.

Typischer Verlauf:

  • Beginn wie ein normaler Schnupfen: laufende Nase, leichter Husten, eventuell leichtes Fieber
  • Nach zwei bis drei Tagen Verschlechterung: Husten wird stärker, Atmen wird schwerer
  • Giemende und pfeifende Atemgeräusche treten auf
  • Das Baby trinkt möglicherweise schlechter, weil es beim Saugen schlecht Luft bekommt
  • Höhepunkt der Erkrankung meist am dritten bis fünften Tag, dann langsame Besserung

Die Bronchiolitis heilt in den meisten Fällen von selbst aus. Bei sehr jungen Babys (unter drei Monaten), Frühgeborenen oder Kindern mit Vorerkrankungen kann sie aber gefährlich werden und einen Krankenhausaufenthalt erfordern.

Obstruktive Bronchitis – wiederkehrende Atemwegsverengung

Die obstruktive (also verengende) Bronchitis ist eine der häufigsten Atemwegserkrankungen bei Kleinkindern. Auch sie wird meist durch Virusinfekte ausgelöst, betrifft aber die etwas größeren Bronchien.

Kennzeichen:

  • Trockener, oft bellender Husten
  • Deutlich hörbare pfeifende oder brummende Atemgeräusche
  • Verlängerte Ausatmung – das Baby braucht sichtbar länger zum Ausatmen als zum Einatmen
  • Das Kind kann unruhig oder quengelig wirken
  • Wiederholtes Auftreten ist typisch: Manche Kinder haben bei jedem Infekt eine obstruktive Komponente

Viele Kinder, die als Babys wiederholt obstruktive Bronchitiden durchmachen, „wachsen da heraus". Mit zunehmendem Alter werden die Atemwege weiter, stabiler und weniger anfällig. Nur ein kleiner Teil entwickelt tatsächlich ein dauerhaftes Asthma.

Asthma bronchiale – eher selten beim Säugling

Eine gesicherte Asthma-Diagnose wird bei Babys und Kleinkindern unter zwei Jahren nur selten gestellt, weil die typischen Lungenfunktionstests in diesem Alter noch nicht zuverlässig durchführbar sind. Dennoch gibt es Kinder, bei denen schon sehr früh asthma-typische Muster erkennbar sind.

Hinweise, die auf Asthma hindeuten können:

  • Wiederkehrendes Giemen auch ohne Infekt
  • Giemen bei körperlicher Anstrengung (z. B. lebhaftem Strampeln oder Schreien)
  • Familiäre Vorbelastung: Asthma, Neurodermitis oder Heuschnupfen bei Eltern oder Geschwistern
  • Besserung nach Gabe von atemwegserweiternden Medikamenten (Inhalation)

Weitere mögliche Ursachen

Neben den drei häufigsten Ursachen gibt es weitere Gründe für pfeifende Atemgeräusche beim Baby, die seltener, aber wichtig zu kennen sind:

  • Fremdkörperaspiration: Hat dein Baby einen kleinen Gegenstand, ein Stück Essen oder ein kleines Spielzeugteil eingeatmet? Plötzliches Auftreten von Husten und Pfeifen ohne vorherigen Infekt ist ein Alarmsignal. Besonders bei Kindern ab dem Krabbelalter, die alles in den Mund nehmen.
  • Gastroösophagealer Reflux: Magensäure, die in die Speiseröhre und von dort in die Atemwege gelangt, kann zu wiederkehrendem Giemen führen – oft in Verbindung mit häufigem Spucken und Unruhe nach dem Füttern.
  • Angeborene Atemwegsveränderungen: Zum Beispiel eine weiche Luftröhre (Tracheomalazie) oder eine weiche Kehlkopfstruktur (Laryngomalazie). Diese verursachen oft Geräusche von Geburt an, die sich in bestimmten Positionen verändern.
  • Allergische Reaktionen: Selten im Säuglingsalter, aber möglich – etwa auf Nahrungsmittel, Tierhaare oder Rauch.

Wann musst du sofort zum Arzt oder ins Krankenhaus?

Die meisten pfeifenden Atemgeräusche bei Babys sind durch harmlose Virusinfekte bedingt und klingen von allein wieder ab. Es gibt aber klare Warnsignale, bei denen du nicht abwarten, sondern sofort handeln solltest.

Ruf die Rettung (144 in Österreich) oder fahre sofort in die nächste Kindernotaufnahme, wenn:

  • Dein Baby bläuliche Lippen, Fingernägel oder Haut bekommt (Zeichen für Sauerstoffmangel)
  • Dein Baby aufhört zu atmen oder sehr lange Atempausen hat (mehr als 10-15 Sekunden)
  • Dein Baby extrem angestrengt atmet: Die Haut zieht sich bei jedem Atemzug sichtbar zwischen den Rippen ein (Einziehungen), die Nasenflügel blähen sich, der Kopf wird bei jedem Atemzug nach hinten geworfen
  • Dein Baby nicht mehr trinkt oder nur noch weniger als die Hälfte der üblichen Menge schafft
  • Dein Baby auffallend schlaff, teilnahmslos oder schwer erweckbar ist
  • Ein plötzliches Pfeifen ohne Infektzeichen auftritt – Verdacht auf verschluckten Fremdkörper

Geh zeitnah zum Kinderarzt oder zur Kinderärztin, wenn:

  • Pfeifende Geräusche länger als zwei bis drei Tage anhalten
  • Dein Baby schneller atmet als normal (bei Säuglingen mehr als 50–60 Atemzüge pro Minute)
  • Fieber über 38,5°C dazukommt, besonders bei Babys unter drei Monaten
  • Dein Baby weniger nasse Windeln hat als üblich (Zeichen für Austrocknung)
  • Du dir unsicher bist – dein Elterninstinkt zählt

So zählst du die Atemfrequenz deines Babys

Die Atemfrequenz ist ein einfacher, aber sehr aussagekräftiger Wert. So gehst du vor:

  1. Warte einen ruhigen Moment ab, idealerweise wenn dein Baby schläft oder entspannt liegt.
  2. Beobachte den Brustkorb oder Bauch deines Babys.
  3. Zähle die Atembewegungen (ein Heben UND Senken = ein Atemzug) für volle 60 Sekunden.
  4. Benutze eine Uhr oder die Stoppuhr am Handy.

Orientierungswerte für die normale Atemfrequenz:

  • Neugeborene: 30–50 Atemzüge pro Minute
  • Säuglinge (1–12 Monate): 25–40 Atemzüge pro Minute
  • Kleinkinder (1–3 Jahre): 20–30 Atemzüge pro Minute

Werte deutlich über diesen Bereichen können auf Atemnot hinweisen.

Was du zu Hause tun kannst – Sofortmaßnahmen für Eltern

Wenn dein Baby pfeifende Atemgeräusche hat, aber keine der oben genannten Alarmsignale zeigt, kannst du einiges tun, um ihm das Atmen zu erleichtern:

Ruhe bewahren

Klingt banal, ist aber essenziell. Babys spüren die Anspannung ihrer Bezugspersonen. Wenn du ruhig bleibst, bleibt auch dein Baby eher ruhig – und ein ruhiges Baby atmet leichter als ein schreiendes, aufgeregtes Baby.

Oberkörper erhöht lagern

Lege dein Baby nicht komplett flach hin, sondern lagere den Oberkörper leicht erhöht. Du kannst zum Beispiel ein zusammengefaltetes Handtuch unter die Matratze am Kopfende legen (nicht unter den Kopf des Babys direkt, um die Erstickungsgefahr zu vermeiden). In wachem Zustand kannst du dein Baby aufrecht an deiner Schulter halten.

Nase freihalten

Babys atmen in den ersten Lebensmonaten fast ausschließlich durch die Nase. Eine verstopfte Nase macht das Atmen zusätzlich schwer. Du kannst:

  • Kochsalz-Nasentropfen verwenden (in der Apotheke erhältlich)
  • Nasensekret vorsichtig mit einem Nasensauger entfernen
  • Keine abschwellenden Nasentropfen für Erwachsene verwenden – diese sind für Babys nicht geeignet

Für feuchte Luft sorgen

Trockene Heizungsluft reizt die Schleimhäute zusätzlich. Du kannst:

  • Feuchte Handtücher über die Heizung hängen
  • Einen Luftbefeuchter verwenden
  • Kurz mit dem Baby ins Badezimmer gehen und warmes Wasser laufen lassen (der Dampf befeuchtet die Luft)

Ausreichend Flüssigkeit anbieten

Gut hydrierte Schleimhäute schwellen weniger an, und dünnflüssiger Schleim lässt sich leichter abhusten. Biete deinem Baby häufiger die Brust oder das Fläschchen an – lieber kleinere Portionen, dafür öfter.

Rauchfreie Umgebung sicherstellen

Zigarettenrauch – auch der Rauch, der an Kleidung, Haaren oder Möbeln haftet (sogenannter „Thirdhand Smoke") – reizt die Atemwege massiv und verschlimmert jede Atemwegsproblematik. Stelle sicher, dass dein Baby einer komplett rauchfreien Umgebung ausgesetzt ist.

Was du NICHT tun solltest

  • Keine ätherischen Öle (Eukalyptus, Menthol, Kampfer) im Säuglingsalter verwenden – sie können Atemkrämpfe auslösen
  • Keine Hustensäfte ohne ärztliche Rücksprache geben – viele sind für Babys nicht zugelassen
  • Nicht versuchen, einen vermuteten Fremdkörper selbst zu entfernen, es sei denn, du siehst ihn deutlich im Mund – bei Verdacht auf Fremdkörperaspiration sofort den Notruf wählen

Wann wird aus Giemen ein Notfall?

Der Übergang von „harmlosem" Giemen zu einer bedrohlichen Atemnot kann bei Babys schnell gehen. Deshalb ist es wichtig, dass du dein Baby in solchen Phasen engmaschig beobachtest – auch nachts.

Ein besonders tückisches Zeichen: Wenn die pfeifenden Geräusche plötzlich aufhören, aber dein Baby weiterhin sichtbar angestrengt atmet, kann das bedeuten, dass die Atemwege so eng geworden sind, dass kaum noch Luft durchströmt. Das ist paradoxerweise gefährlicher als lautes Giemen und erfordert sofortige ärztliche Hilfe.

Zusammengefasst solltest du bei jedem der folgenden Zeichen sofort handeln:

  • Blauverfärbung (Lippen, Zunge, Fingernägel)
  • Stille Atemnot (sichtbare Anstrengung, aber kaum hörbare Atemgeräusche)
  • Bewusstseinsveränderung (das Baby reagiert nicht mehr normal auf Ansprache oder Berührung)
  • Atemstillstand (keine Atembewegung erkennbar)

Im schlimmsten Fall – wenn dein Baby aufhört zu atmen und nicht mehr reagiert – musst du mit Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen, bis der Rettungsdienst eintrifft.

Praktisches Training

Atemnotfälle bei Babys verlaufen oft schneller und dramatischer als bei Erwachsenen. Das Wissen um Warnsignale ist der erste Schritt – aber im Ernstfall zählt, dass du die richtigen Handgriffe auch unter Stress abrufen kannst. Im Baby-Reanimationskurs von Simulation Tirol lernst du, Atemnot bei Säuglingen frühzeitig zu erkennen, die korrekten Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Atemwegsverlegung (Fremdkörperaspiration) durchzuführen und im schlimmsten Fall eine Wiederbelebung einzuleiten. Du übst an realistischen Simulationspuppen und bekommst direktes Feedback von erfahrenen Instruktor:innen. Weil es im Notfall keinen zweiten Versuch gibt. Alle Informationen und Termine findest du unter simulation.tirol/baby-reanimation.

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In unserem Baby-Reanimationskurs übst du dieses Thema hands-on mit High-Tech-Simulatoren und erfahrenen Instruktor:innen.

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