Baby-Reanimation

Baby atmet nicht: Reanimation beim Säugling für Laien

Eine verständliche Anleitung zur Herz-Lungen-Wiederbelebung bei Babys unter einem Jahr. Der Artikel erklärt Atemkontrolle, Beatmung und Herzdruckmassage mit korrekter Handposition – speziell aufbereitet für Eltern und Großeltern ohne medizinische Vorkenntnisse.

Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol

Lesezeit ca. 9 Min.

Kaum ein Gedanke löst bei Eltern mehr Angst aus als dieser: Das Baby atmet nicht. Vielleicht hast du diesen Artikel geöffnet, weil du dich vorbereiten willst – oder weil du gerade einen Schreck erlebt hast und wissen möchtest, was im Ernstfall zu tun ist. Beides ist gut und richtig. Denn die wenigen Minuten zwischen dem Moment, in dem ein Baby aufhört zu atmen, und dem Eintreffen der Rettung sind entscheidend. In diesen Minuten bist du als Elternteil, Großelternteil oder Betreuungsperson die wichtigste Rettungskraft der Welt. Die gute Nachricht: Die Handgriffe sind erlernbar, und du brauchst dafür kein medizinisches Vorwissen. Dieser Artikel führt dich Schritt für Schritt durch die Herz-Lungen-Wiederbelebung (Reanimation) bei Säuglingen unter einem Jahr.

Warum Babys anders reanimiert werden als Erwachsene

Säuglinge sind keine kleinen Erwachsenen. Ihr Körper ist in vielen Punkten anders aufgebaut, und das hat direkte Auswirkungen auf die Wiederbelebung:

  • Der Kopf ist im Verhältnis zum Körper groß und schwer. Wenn du das Baby auf den Rücken legst, kann der Kopf leicht nach vorne kippen und die Atemwege blockieren. Deshalb wird der Kopf bei Säuglingen nur ganz leicht überstreckt – nicht so stark wie bei Erwachsenen.
  • Die Atemwege sind sehr eng. Schon kleine Schwellungen, ein Stückchen Nahrung oder Schleim können sie vollständig verlegen.
  • Das Herz sitzt etwas anders und der Brustkorb ist weich und nachgiebig. Für die Herzdruckmassage genügen deshalb zwei Finger statt der ganzen Handfläche.
  • Die häufigste Ursache für einen Herzstillstand bei Babys ist ein Atemstillstand. Bei Erwachsenen ist es meist das Herz selbst. Deshalb beginnt die Wiederbelebung beim Säugling immer zuerst mit Beatmung – das ist ein wichtiger Unterschied.

Wann musst du handeln?

Du musst handeln, wenn dein Baby:

  • nicht reagiert, also weder auf Ansprechen noch auf vorsichtiges Berühren eine Reaktion zeigt,
  • nicht normal atmet, also keine regelmäßigen Brustkorbbewegungen zu sehen sind, oder
  • nur Schnappatmung zeigt – das sind einzelne, unregelmäßige, krampfartige Atemzüge, die keine echte Atmung sind.

Vertraue deinem Bauchgefühl: Wenn dir irgendetwas „nicht richtig" vorkommt und dein Baby leblos wirkt, beginne sofort mit den folgenden Schritten. Du kannst mit einer Wiederbelebung keinen Schaden anrichten – aber du kannst durch Zögern wertvolle Zeit verlieren.

Schritt für Schritt: Reanimation beim Säugling

Schritt 1 – Sicherheit und Reaktion prüfen

Bevor du irgendetwas tust, nimm dir einen kurzen Moment (wirklich nur ein bis zwei Sekunden), um sicherzustellen, dass für dich und das Baby keine unmittelbare Gefahr besteht – zum Beispiel durch Strom, Verkehr oder herabfallende Gegenstände.

Dann prüfst du, ob das Baby reagiert:

  • Sprich es laut an: „Hallo, Schatz! Hörst du mich?"
  • Berühre es vorsichtig: Streiche sanft über die Fußsohle oder klopfe leicht an die Schulter.

Wichtig: Schüttle das Baby niemals! Das kann bei Säuglingen zu schweren Hirnverletzungen führen.

Wenn das Baby nicht reagiert – kein Weinen, kein Bewegen, kein Augenöffnen – gehe weiter zu Schritt 2.

Schritt 2 – Um Hilfe rufen

Wenn eine zweite Person in der Nähe ist, bitte sie sofort, den Notruf 144 (in Österreich) bzw. 112 (europaweit) zu wählen. Die zweite Person soll am Telefon bleiben und den Lautsprecher einschalten, damit die Leitstelle mithören und Anweisungen geben kann.

Wenn du allein bist: Beginne zuerst mit der Wiederbelebung (Schritte 3–5) und führe diese zwei Minuten lang durch, bevor du den Notruf absetzt. Der Grund: Bei Babys ist der häufigste Auslöser ein Atemproblem – und zwei Minuten Beatmung plus Herzdruckmassage können in dieser Zeit bereits lebensrettend wirken. Danach rufst du an, idealerweise mit Lautsprecher, damit du weiter reanimieren kannst.

Schritt 3 – Atemwege freimachen und Atmung kontrollieren

Lege das Baby vorsichtig auf eine feste, flache Unterlage – zum Beispiel auf den Boden, einen Tisch oder ein Wickelbrett.

Atemwege öffnen:

  1. Lege eine Hand sanft auf die Stirn des Babys.
  2. Hebe mit einem Finger der anderen Hand das Kinn leicht an (am Knochen, nicht am weichen Gewebe unter dem Kinn).
  3. Bringe den Kopf in eine neutrale Position – also nur ganz leicht überstreckt. Stell dir vor, das Baby würde schnuppernd an einer Blume riechen. Das ist ungefähr der richtige Winkel. Zu starkes Überstrecken kann die kleinen Atemwege sogar abknicken.

Atmung kontrollieren (maximal 10 Sekunden):

Beuge dich mit deinem Ohr und deiner Wange ganz nah an Mund und Nase des Babys und schau dabei auf den Brustkorb:

  • Sehen: Hebt und senkt sich der Brustkorb?
  • Hören: Hörst du Atemgeräusche?
  • Fühlen: Spürst du einen Lufthauch an deiner Wange?

Wenn das Baby normal atmet: Drehe es vorsichtig in die stabile Seitenlage (dazu weiter unten mehr) und rufe den Notruf.

Wenn das Baby nicht atmet oder nur Schnappatmung zeigt: Gehe sofort weiter zu Schritt 4.

Schritt 4 – Fünf Anfangsbeatmungen

Bei Babys beginnt die Wiederbelebung mit Beatmung – denn meist ist der Sauerstoffmangel das Grundproblem. Diese ersten fünf Beatmungen werden „Anfangsbeatmungen" oder „Initialbeatmungen" genannt.

So gehst du vor:

  1. Halte den Kopf weiter in der leicht überstreckten Position (Stirn-Kinn-Griff).
  2. Lege deinen Mund so über das Gesicht des Babys, dass du Mund und Nase gleichzeitig umschließt. Babys haben sehr kleine Gesichter – bei den meisten Säuglingen ist das gut möglich. Wenn das Baby größer ist und du Mund und Nase nicht gemeinsam umschließen kannst, beatme nur über den Mund und halte dabei die Nase zu (oder umgekehrt, nur über die Nase bei geschlossenem Mund).
  3. Blase sanft Luft in die Lungen des Babys. Ein Atemzug dauert ungefähr eine Sekunde. Du brauchst nur wenig Luft – etwa so viel, wie du in deine eigenen Wangen pusten würdest. Babys Lungen sind winzig. Zu viel Luft kann den Magen aufblähen oder die Lunge verletzen.
  4. Beobachte dabei den Brustkorb: Hebt er sich sichtbar, ist die Beatmung gelungen.
  5. Nimm deinen Mund kurz weg, lass die Luft ausströmen (der Brustkorb senkt sich wieder) und beatme erneut.
  6. Wiederhole das, bis du fünf Beatmungen gegeben hast.

Was, wenn sich der Brustkorb nicht hebt?

  • Kontrolliere die Kopfposition: Vielleicht ist der Kopf zu wenig oder zu stark überstreckt. Korrigiere den Winkel.
  • Schau in den Mund: Siehst du einen Fremdkörper, den du einfach mit einem Finger herausholen kannst? Dann entferne ihn. Aber: Stochere niemals blind im Mund herum – du könntest den Fremdkörper tiefer hineinschieben.
  • Versuche es erneut. Auch wenn nicht alle fünf Beatmungen gelingen, gehe nach maximal fünf Versuchen weiter zu Schritt 5.

Schritt 5 – Herzdruckmassage und Beatmung im Wechsel

Nach den fünf Anfangsbeatmungen beginnst du mit der Herzdruckmassage im Wechsel mit weiterer Beatmung. Das Verhältnis lautet:

30 Herzdruckmassagen – dann 2 Beatmungen – dann wieder 30 Herzdruckmassagen – dann 2 Beatmungen …

Diesen Rhythmus wiederholst du ohne Unterbrechung, bis die Rettung eintrifft oder das Baby wieder deutlich Lebenszeichen zeigt (Bewegung, Weinen, normale Atmung).

Die richtige Handposition für die Herzdruckmassage:

  1. Stelle dir eine gedachte Linie zwischen den beiden Brustwarzen des Babys vor.
  2. Setze zwei Fingerspitzen (Zeige- und Mittelfinger) direkt unterhalb dieser Linie auf das Brustbein – also auf die Mitte des Brustkorbs, ein kleines Stück unterhalb der gedachten Brustwarzen-Linie.
  3. Die Finger stehen senkrecht auf dem Brustbein.

So drückst du:

  • Drücke das Brustbein mit deinen zwei Fingern ungefähr 4 Zentimeter tief ein. Das entspricht etwa einem Drittel des Brustkorbdurchmessers. Das fühlt sich vielleicht tiefer an, als du erwartest – aber dieser Druck ist notwendig, damit das Blut zum Gehirn gepumpt wird.
  • Lass den Brustkorb nach jedem Druck vollständig wieder hochkommen, ohne die Finger abzuheben. Dieses Entlasten ist genauso wichtig wie das Drücken, denn nur so kann das Herz sich wieder mit Blut füllen.
  • Drücke schnell: etwa 100 bis 120 Mal pro Minute. Als Merkhilfe: Das entspricht dem Rhythmus des Lieds „Stayin' Alive" von den Bee Gees oder dem Kinderlied „Hänschen klein". Wenn du innerlich mitzählst, hilft es, schnell und gleichmäßig zu zählen: „1 und 2 und 3 und 4 …"

Nach 30 Druckvorgängen: Öffne die Atemwege erneut (Stirn-Kinn-Griff), gib 2 Beatmungen und mache sofort mit den nächsten 30 Herzdruckmassagen weiter.

Wie lange musst du weitermachen?

So lange, bis eines der folgenden Dinge passiert:

  • Die Rettung trifft ein und übernimmt.
  • Das Baby zeigt eindeutige Lebenszeichen: Es bewegt sich, weint oder atmet wieder normal. In diesem Fall: Drehe das Baby in die Seitenlage und überwache die Atmung bis zum Eintreffen der Rettung.
  • Du bist körperlich so erschöpft, dass du nicht mehr drücken kannst. (Versuche trotzdem, so lange wie möglich durchzuhalten. Jede Minute zählt.)

Wenn eine zweite Person verfügbar ist, wechselt euch etwa alle zwei Minuten bei der Herzdruckmassage ab, um Ermüdung zu vermeiden. Der Wechsel sollte möglichst schnell gehen – jede Sekunde Unterbrechung reduziert die Wirksamkeit.

Die stabile Seitenlage beim Säugling

Wenn dein Baby bewusstlos ist, aber normal atmet, bringst du es in die Seitenlage, damit Speichel, Schleim oder Erbrochenes ablaufen können und die Atemwege frei bleiben.

Die einfachste Methode:

  • Halte das Baby auf deinem Unterarm, sodass der Bauch auf deinem Arm liegt und der Kopf leicht tiefer ist als der Körper.
  • Stütze mit deiner Hand den Kopf seitlich.
  • Überwache ständig die Atmung, bis der Rettungsdienst eintrifft.

Die häufigsten Ursachen – und wie du sie erkennst

Es hilft, die typischen Gründe zu kennen, warum ein Baby aufhören kann zu atmen:

  • Verschlucken/Fremdkörper: Das Baby hat etwas in den Mund genommen (kleine Gegenstände, Nahrungsstücke), das die Atemwege blockiert. Anzeichen: plötzliches Würgen, Husten, dann Stille. In diesem Fall sind zunächst Rückenklopfer und Brustkompressionen zur Fremdkörperentfernung nötig – das ist ein eigenes Thema, das du unbedingt auch kennen solltest.
  • Atemwegsinfekte: Schwere Krupp-Anfälle (bellender Husten mit Atemnot), Bronchiolitis (eine Entzündung der kleinen Atemwege) oder Keuchhusten können bei sehr kleinen Babys Atempausen auslösen.
  • Plötzlicher Kindstod (SIDS): Ein Baby wird leblos im Bettchen gefunden, ohne dass eine erkennbare Ursache vorliegt. Gerade hier gilt: Sofort mit der Reanimation beginnen.
  • Krampfanfälle: Manchmal hören Babys während eines Krampfanfalls auf zu atmen. Meist setzt die Atmung nach dem Krampf wieder ein – aber nicht immer.
  • Erstickung durch weiche Unterlagen: Kissen, Kuscheltiere oder zu weiche Matratzen können Mund und Nase bedecken.

Egal, was die Ursache ist: Der Ablauf der Wiederbelebung bleibt immer gleich. Du musst keine Diagnose stellen. Reagiert das Baby nicht und atmet es nicht, startest du die Reanimation.

Was du nicht tun solltest

Auch Dinge, die du unterlassen solltest, sind wichtig:

  • Niemals das Baby schütteln, egal wie panisch du bist.
  • Nicht den Finger blind in den Rachen stecken, um nach einem Fremdkörper zu tasten – außer du siehst ihn deutlich.
  • Die Reanimation nicht unterbrechen, um „erstmal zu googeln" oder ein Video anzusehen. Jede Unterbrechung kostet Zeit und mindert die Überlebenschancen.
  • Nicht warten und hoffen, dass es von alleine besser wird. Wenn dein Baby nicht reagiert und nicht atmet, zählt jede Sekunde.

Die Angst ist normal – Handle trotzdem

Viele Eltern sagen im Nachhinein: „Ich hatte so eine Angst, etwas falsch zu machen." Diese Angst ist völlig verständlich. Aber es gibt eine wichtige Wahrheit: Das Einzige, was du in diesem Moment wirklich falsch machen kannst, ist nichts zu tun. Selbst eine nicht perfekte Herzdruckmassage, selbst eine Beatmung, bei der sich der Brustkorb nur ein wenig hebt, ist unendlich besser als Abwarten.

Dein Baby braucht in diesem Moment nur eine Sache von dir: dass du anfängst.

Zusammenfassung zum Ausdrucken

Hier noch einmal der gesamte Ablauf auf einen Blick:

  1. Sicherheit – Ist die Umgebung sicher?
  2. Reaktion prüfen – Ansprechen, Fußsohle berühren. Nicht schütteln!
  3. Hilfe rufen – Zweite Person ruft 144/112. Wenn allein: erst 2 Minuten reanimieren, dann Notruf.
  4. Atemwege öffnen – Stirn-Kinn-Griff, Kopf in neutrale Position.
  5. Atmung prüfen – Sehen, hören, fühlen. Maximal 10 Sekunden.
  6. 5 Anfangsbeatmungen – Mund über Mund und Nase, sanft, je 1 Sekunde.
  7. 30 Herzdruckmassagen – Zwei Finger, Mitte des Brustkorbs, 4 cm tief, 100–120/min.
  8. 2 Beatmungen
  9. Weiter im Wechsel 30:2 – Bis Rettung kommt oder Baby Lebenszeichen zeigt.

Praktisches Training

Einen Artikel zu lesen ist ein guter erster Schritt – aber die Handgriffe wirklich zu beherrschen, erfordert Übung. Erst wenn du an einer Übungspuppe gespürt hast, wie tief du drücken musst, wie wenig Luft für eine Beatmung reicht und wie schnell der Rhythmus sein soll, wirst du im Ernstfall sicher und entschlossen handeln können. Im Baby-Reanimationskurs von Simulation Tirol übst du genau das: die Wiederbelebung an realistischen Säuglingspuppen, die richtige Beatmungstechnik und auch den Umgang mit Verschlucken und Fremdkörpern. Der Kurs richtet sich bewusst an Eltern, Großeltern, Hebammen und alle, die mit Babys zu tun haben – ganz ohne medizinische Vorkenntnisse. Denn Wissen rettet Leben, aber Können rettet es schneller.

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