Baby-Reanimation

Beinahe-Ertrinken im Pool: Erste Hilfe für Eltern

Jedes Jahr ertrinken Kleinkinder in Planschbecken, Pools und Regentonnen. Der Artikel erklärt Eltern und Großeltern Schritt für Schritt die Sofortmaßnahmen nach Submersion beim Säugling und Kleinkind – von Atemkontrolle über Beatmung bis zum Notruf – und grenzt das gefährliche ‚sekundäre Ertrinken' von Mythen ab.

Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA

Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol

Lesezeit ca. 8 Min.

Es passiert in Sekunden – lautlos und ohne das dramatische Strampeln, das man aus Filmen kennt. Ein Kleinkind, das ins Wasser fällt, schreit nicht um Hilfe. Es geht einfach unter. Schon wenige Zentimeter Wassertiefe reichen aus, damit ein Baby oder Kleinkind ertrinkt. Planschbecken, Gartenteiche, Regentonnen, aufblasbare Pools und sogar Kübel mit Wischwasser zählen zu den häufigsten Gefahrenquellen im häuslichen Umfeld. Als Eltern, Großeltern oder Betreuungsperson kannst du in einer solchen Situation den entscheidenden Unterschied machen – wenn du weißt, was zu tun ist. Dieser Artikel führt dich Schritt für Schritt durch die Erste Hilfe nach einem Beinahe-Ertrinken und räumt mit verbreiteten Mythen auf.

Warum Kinder so gefährdet sind

Säuglinge und Kleinkinder haben einen verhältnismäßig großen, schweren Kopf im Vergleich zum restlichen Körper. Wenn sie sich über einen Wannenrand, eine Regentonne oder den Rand eines Planschbeckens beugen, kippt der Schwerpunkt nach vorne – sie fallen kopfüber ins Wasser und können sich aus eigener Kraft nicht aufrichten. Dazu kommt: Kleine Kinder ertrinken still. Anders als Erwachsene kämpfen sie nicht an der Oberfläche. Sie reagieren mit einer Art Schockstarre, der sogenannten instinktiven Ertrinkensreaktion, und gehen innerhalb von 20 bis 60 Sekunden unter.

Gefahrenquellen, die oft unterschätzt werden

  • Planschbecken und aufblasbare Pools – bereits 5 bis 10 cm Wassertiefe sind für Babys gefährlich
  • Regentonnen und Kübel – besonders tückisch, weil Kinder kopfüber hineinfallen
  • Badewanne – auch mit Badesitz kein sicherer Ort ohne Aufsicht
  • Gartenteiche und Biotope – oft nicht eingezäunt
  • Hundenäpfe und Putzeimer – klingt absurd, ist aber dokumentiert

Die wichtigste Regel lautet: Kinder im und am Wasser niemals unbeaufsichtigt lassen – nicht einmal für wenige Sekunden. Kein Geschwisterkind, keine Schwimmhilfe und kein Zaun ersetzen die direkte Aufsicht durch eine erwachsene Person.

Was passiert im Körper bei einem Beinahe-Ertrinken?

Wenn ein Kind unter Wasser gerät und Wasser einatmet (Fachleute sprechen von einer „Submersion"), gelangt Wasser in die Atemwege und die Lunge. Dort stört es den Gasaustausch – also den Vorgang, bei dem Sauerstoff ins Blut aufgenommen und Kohlendioxid abgegeben wird. Die Folge: Der Sauerstoffgehalt im Blut sinkt rapide. Das Gehirn reagiert extrem empfindlich auf Sauerstoffmangel – schon nach wenigen Minuten können bleibende Schäden entstehen.

Zusätzlich kann es zu einem Stimmritzenkrampf (Laryngospasmus) kommen: Der Kehlkopf verkrampft sich reflexartig, um die Lunge zu schützen. Dadurch gelangt zwar weniger Wasser in die tieferen Atemwege, aber eben auch keine Luft mehr. Das Kind erstickt dann gewissermaßen „trocken".

Deshalb ist schnelles Handeln so entscheidend: Jede Sekunde ohne Sauerstoff zählt.

Schritt-für-Schritt-Anleitung: Erste Hilfe beim Beinahe-Ertrinken

Schritt 1: Kind aus dem Wasser holen – und dabei selbst sicher bleiben

Hole das Kind sofort aus dem Wasser. Bei einem Planschbecken oder einer Badewanne ist das in der Regel unproblematisch. Achte bei tieferen Gewässern darauf, dich nicht selbst in Gefahr zu bringen.

Lege das Kind auf eine feste, flache Unterlage – den Boden, einen Tisch oder eine Wickelauflage.

Schritt 2: Bewusstsein prüfen

Sprich das Kind laut an, klopfe sanft an die Fußsohlen (bei Babys) oder tippe ihm auf die Schulter (bei Kleinkindern). Reagiert es – durch Weinen, Husten, Bewegungen, Augenöffnen?

  • Kind reagiert → weiter bei Schritt 5 (Notruf und Überwachung)
  • Kind reagiert nicht → sofort weiter bei Schritt 3

Schritt 3: Atemwege freimachen und Atmung prüfen

Lege das Kind auf den Rücken. Um die Atemwege freizumachen:

  • Beim Baby (unter 1 Jahr): Bringe den Kopf in eine neutrale Position. Hebe das Kinn leicht an, indem du mit einer Fingerspitze am knöchernen Teil des Kinns nach oben hebst. Den Kopf nicht überstrecken – bei Babys reicht eine „Schnüffelposition" (der Kopf ist gerade, die Nase zeigt leicht nach oben, als würde das Baby an einer Blume riechen).
  • Beim Kleinkind (1–5 Jahre): Überstrecke den Kopf leicht nach hinten und hebe gleichzeitig das Kinn an.

Jetzt prüfst du die Atmung: Halte dein Ohr und deine Wange dicht über Mund und Nase des Kindes. Schau dabei auf den Brustkorb. Für maximal 10 Sekunden:

  • Siehst du, wie sich der Brustkorb hebt und senkt?
  • Hörst du Atemgeräusche?
  • Spürst du Luftstrom an deiner Wange?

Achtung: Vereinzeltes, schnappend-röchelndes Atmen (sogenannte Schnappatmung) ist keine normale Atmung. Behandle es wie einen Atemstillstand.

  • Kind atmet normal → stabile Seitenlage (bei Kindern) bzw. Bauchlage/Seitenlage beim Baby, Notruf 144
  • Kind atmet nicht oder nur Schnappatmung → sofort weiter bei Schritt 4

Schritt 4: Beatmung und Herzdruckmassage (Wiederbelebung)

Beim Beinahe-Ertrinken ist der Sauerstoffmangel das zentrale Problem. Deshalb beginnt die Wiederbelebung bei Kindern – anders als bei Erwachsenen – mit fünf Initialbeatmungen, bevor du mit der Herzdruckmassage startest.

Fünf Initialbeatmungen

Beim Baby (unter 1 Jahr):

  • Umschließe mit deinem Mund gleichzeitig Mund und Nase des Babys
  • Blase sanft und gleichmäßig Luft hinein – gerade so viel, dass sich der Brustkorb sichtbar hebt
  • Jeder Atemstoß dauert etwa 1 Sekunde
  • Gib 5 Beatmungen hintereinander

Beim Kleinkind (1–5 Jahre):

  • Verschließe die Nase mit deinen Fingern
  • Umschließe den Mund des Kindes mit deinem Mund
  • Blase Luft hinein, bis sich der Brustkorb hebt
  • Gib 5 Beatmungen hintereinander

Wichtig: Blase nicht zu kräftig! Kinderlungen sind klein und empfindlich. Passe die Luftmenge an die Größe des Kindes an. Der Brustkorb soll sich sichtbar, aber sanft heben.

Herzdruckmassage

Wenn das Kind nach den 5 Initialbeatmungen keine Lebenszeichen zeigt (kein Husten, keine Bewegung, kein normales Atmen), beginne sofort mit der Herzdruckmassage:

Beim Baby (unter 1 Jahr):

  • Druckpunkt: Mitte des Brustkorbs, auf dem Brustbein, eine Fingerbreite unterhalb der gedachten Linie zwischen den Brustwarzen
  • Drücke mit zwei Fingerspitzen (Zeige- und Mittelfinger) das Brustbein etwa 4 cm tief ein
  • Frequenz: 100 bis 120 Mal pro Minute (der Rhythmus des Liedes „Stayin' Alive" hilft als Eselsbrücke)

Beim Kleinkind (1–5 Jahre):

  • Druckpunkt: Mitte des Brustkorbs, untere Brustbeinhälfte
  • Drücke mit einem Handballen das Brustbein etwa 5 cm tief ein
  • Gleiche Frequenz: 100 bis 120 Mal pro Minute

Das Verhältnis

Nach den 5 Initialbeatmungen wechselst du in den Rhythmus:

15 Herzdruckmassagen → 2 Beatmungen → 15 Herzdruckmassagen → 2 Beatmungen …

Wenn du allein bist und es dir zu schwer fällt, gleichzeitig zu beatmen und zu drücken, ist ein Verhältnis von 30 Herzdruckmassagen zu 2 Beatmungen ebenfalls akzeptabel. Hauptsache, du hörst nicht auf.

Stoppe die Wiederbelebung erst, wenn:

  • das Kind wieder normal atmet, hustet oder sich bewegt
  • der Rettungsdienst übernimmt
  • du körperlich nicht mehr in der Lage bist

Schritt 5: Notruf absetzen – 144 (in Österreich)

Im Idealfall ruft eine zweite Person sofort den Notruf, während du mit der Ersten Hilfe beginnst. Bist du allein mit dem Kind, gilt folgende Regel:

  • Führe zuerst 1 Minute lang Wiederbelebung durch, bevor du den Notruf absetzt
  • Stelle das Telefon auf Lautsprecherfunktion, damit du während des Telefonats weiterarbeiten kannst
  • Sage klar: „Ein Kind ist beinahe ertrunken, es atmet nicht, ich reanimiere"
  • Die Leitstelle leitet dich telefonisch weiter an

In Österreich erreichst du den Rettungsdienst unter 144, den Euro-Notruf unter 112. Beide Nummern funktionieren auch ohne Guthaben und ohne SIM-Karte.

Und wenn das Kind wach ist und hustet?

Nicht jedes Beinahe-Ertrinken führt zu Bewusstlosigkeit. Viele Kinder husten, würgen oder weinen nach einer kurzen Submersion. Das ist zunächst ein gutes Zeichen – das Kind atmet und ist bei Bewusstsein.

Trotzdem gilt: Jedes Kind, das untergetaucht war und Wasser eingeatmet haben könnte, muss ärztlich untersucht werden – auch wenn es sich scheinbar erholt hat.

Rufe den Rettungsdienst (144) oder fahre umgehend in die nächste Kindernotaufnahme. Begründung: Auch wenn das Kind jetzt gut wirkt, kann sich in den Stunden danach eine Lungenschädigung zeigen, die eine Überwachung und möglicherweise eine Behandlung erfordert.

„Sekundäres Ertrinken" – was steckt dahinter?

Du hast vielleicht schon von „sekundärem Ertrinken" oder „trockenem Ertrinken" gehört – Begriffe, die vor allem in sozialen Medien für Verunsicherung sorgen. Lass uns das einordnen:

Was medizinisch tatsächlich passieren kann

Wenn ein Kind Wasser eingeatmet hat, kann das Wasser in der Lunge eine Entzündungsreaktion auslösen. Dadurch sammelt sich Flüssigkeit in den Lungenbläschen (ein sogenanntes Lungenödem), und der Gasaustausch wird zunehmend schlechter. Das kann tatsächlich erst Stunden nach dem eigentlichen Ereignis zu Atemproblemen führen.

Was Mythos ist

Die Begriffe „sekundäres Ertrinken" und „trockenes Ertrinken" sind keine anerkannten medizinischen Diagnosen. Fachgesellschaften wie die AHA empfehlen, diese Begriffe nicht zu verwenden, weil sie unpräzise sind und unnötig Angst schüren. Es gibt keine mysteriöse, unsichtbare Ertrinkensform, die ein gesundes, unauffälliges Kind Tage später aus dem Nichts tötet.

Worauf du trotzdem achten solltest

Wenn dein Kind Wasser eingeatmet hat und zunächst unauffällig erscheint, beobachte es in den folgenden Stunden auf diese Warnzeichen:

  • Zunehmender Husten oder pfeifende Atemgeräusche
  • Schnelle, angestrengte Atmung oder Nasenflügeln
  • Einziehungen zwischen den Rippen oder am Hals beim Atmen
  • Ungewöhnliche Müdigkeit oder Schläfrigkeit
  • Blaue Verfärbung der Lippen oder Fingernägel
  • Fieber
  • Erbrechen

Treten eines oder mehrere dieser Zeichen auf, fahre sofort in die Kindernotaufnahme oder rufe 144. Aber noch einmal: Der sicherste Weg ist, das Kind nach jedem Submersionsereignis ärztlich vorstellen zu lassen – dann musst du zu Hause nicht allein entscheiden, ob alles in Ordnung ist.

Prävention: So schützt du dein Kind

Die beste Erste Hilfe ist die, die du nie leisten musst. Deshalb hier die wichtigsten Präventionsmaßnahmen:

  • Direkte Aufsicht am Wasser – immer in Armreichweite bleiben, besonders bei Babys und Kleinkindern unter 5 Jahren
  • Planschbecken nach dem Spielen leeren – ein aufblasbares Becken mit Restwasser ist eine stille Falle
  • Regentonnen und Zisternen abdecken und sichern – mit kindersicherem Deckel
  • Gartenteiche einzäunen – mindestens 1 Meter hoher Zaun mit selbstschließendem Tor
  • Badezimmertür geschlossen halten – Badewanne nie mit Wasser gefüllt unbeaufsichtigt lassen
  • Schwimmhilfen sind kein Sicherheitsersatz – Schwimmflügel und Schwimmreifen schützen nicht vor Ertrinken
  • Frühzeitig Schwimmkurse besuchen – ab dem Kindergartenalter, aber auch Schwimmkurse ersetzen niemals die Aufsicht
  • Erste-Hilfe-Kenntnisse auffrischen – damit du im Notfall handlungsfähig bist

Was du dir merken solltest – Zusammenfassung

  1. Kind sofort aus dem Wasser holen
  2. Bewusstsein prüfen – ansprechbar?
  3. Atemwege freimachen, Atmung prüfen – maximal 10 Sekunden
  4. Keine Atmung → 5 Initialbeatmungen → dann 15:2 Herzdruckmassage und Beatmung
  5. Notruf 144 – nach 1 Minute Reanimation, wenn du allein bist
  6. Auch scheinbar fitte Kinder ärztlich vorstellen lassen
  7. Prävention ist der beste Schutz

Praktisches Training

Einen Artikel zu lesen ist ein guter Anfang – aber Erste Hilfe bei Babys und Kleinkindern musst du mit den Händen geübt haben, damit du sie im Notfall wirklich abrufen kannst. Im Baby-Reanimationskurs von Simulation Tirol übst du die Beatmung, die Herzdruckmassage und das Freimachen der Atemwege an realistischen Übungspuppen und lernst unter fachkundiger Anleitung, wie du in kritischen Situationen ruhig und richtig handelst. Der Kurs richtet sich gezielt an Eltern, Großeltern, Hebammen und alle, die regelmäßig mit kleinen Kindern zu tun haben – medizinische Vorkenntnisse sind nicht nötig. Denn Wissen allein rettet kein Leben. Können schon.

Du willst das praktisch trainieren?

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