Aortendissektion: Notfalldiagnose und Soforttherapie
Die akute Aortendissektion ist ein zeitkritischer Notfall mit hoher Mortalität, der häufig als Herzinfarkt fehldiagnostiziert wird. Der Artikel behandelt Leitsymptome, Stanford-Klassifikation, Blutdruckmanagement und die kritische Unterscheidung von ACS.

Autor: Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA
Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, AHA-zertifizierter ACLS/PALS-Instructor, Kursleitung Simulation Tirol
Lesezeit ca. 7 Min.

Die akute Aortendissektion gehört zu den zeitkritischsten Notfällen in der Medizin. Mit einer Mortalitätsrate von etwa 1–2 % pro Stunde in den ersten 48 Stunden bei unbehandelter Typ-A-Dissektion entscheidet die rasche Erkennung über Leben und Tod. Gleichzeitig wird die Diagnose erschreckend häufig verzögert oder initial verfehlt – Studien zeigen, dass bis zu 38 % der Aortendissektionen beim Erstkontakt nicht korrekt erkannt werden. Die klinische Präsentation kann einem akuten Koronarsyndrom täuschend ähnlich sein, und eine falsch eingeleitete Antikoagulation oder Thrombolyse kann den Ausgang fatal verschlechtern. Dieser Artikel vermittelt dir die wesentlichen diagnostischen und therapeutischen Entscheidungspunkte, die du in der Akutsituation brauchst.
Pathophysiologie im Schnelldurchlauf
Bei der Aortendissektion kommt es zu einem Einriss der Tunica intima, durch den Blut in die Gefäßwand eindringt und die Mediaschichten aufspaltet. Es entsteht ein falsches Lumen, das sich nach proximal und/oder distal ausdehnen kann. Die Konsequenzen hängen davon ab, welche Abgänge betroffen sind:
- Koronararterien → Myokardischämie, ST-Hebungen (häufigste Falle!)
- Supraaortale Äste → Schlaganfall, Blutdruckdifferenz zwischen den Armen
- Aortenklappe → akute Aortenklappeninsuffizienz mit Lungenödem
- Spinalarterien → Querschnittssymptomatik
- Mesenterialarterien → akute Mesenterialischämie
- Nierenarterien → akutes Nierenversagen, Anurie
- Iliakalgefäße → Beinischämie
Die Variabilität der Malperfusionssyndrome macht die Aortendissektion zu einem der großen Chamäleons der Notfallmedizin.
Stanford- und DeBakey-Klassifikation
Die Klassifikation ist für die therapeutische Entscheidung essenziell. In der klinischen Praxis hat sich die Stanford-Klassifikation durchgesetzt, weil sie direkt die Therapiestrategie determiniert:
Stanford Typ A
- Definition: Jede Dissektion, die die Aorta ascendens betrifft – unabhängig vom Ort des Intimaeinrisses (Entry).
- Häufigkeit: ca. 60–70 % aller Dissektionen.
- Therapie: Notfallindikation zur operativen Versorgung. Jede Stunde Verzögerung erhöht die Mortalität signifikant.
- Mortalität ohne OP: bis zu 50 % innerhalb von 48 Stunden.
Stanford Typ B
- Definition: Dissektion, die ausschließlich die Aorta descendens betrifft (distal des Abgangs der linken A. subclavia).
- Häufigkeit: ca. 30–40 % aller Dissektionen.
- Therapie: Primär konservativ-medikamentös (Blutdruck- und Herzfrequenzkontrolle). Interventionell (TEVAR) bei Komplikationen wie Malperfusion, Rupturzeichen oder unkontrollierbarem Schmerz.
Die DeBakey-Klassifikation unterteilt feiner (Typ I: gesamte Aorta, Typ II: nur Ascendens, Typ III: nur Descendens), ist aber für die Akutentscheidung weniger praxisrelevant.
Leitsymptome: Worauf du achten musst
Das klassische Leitsymptom ist der plötzlich einsetzende, schwerste Schmerz – oft beschrieben als „reißend", „zerreißend" oder „wie ein Messerstich". Entscheidend ist weniger die Schmerzqualität als der abrupte Beginn mit sofortigem Maximum. Dies unterscheidet den Dissektionsschmerz typischerweise vom Infarktschmerz, der sich crescendoartig aufbaut.
Typische Schmerzlokalisation
- Typ A: Retrosternaler oder anteriorer Thoraxschmerz, Ausstrahlung in den Hals
- Typ B: Interskapulärer Rückenschmerz, Schmerz im Bereich der Lendenwirbelsäule oder Abdomen
- Wandernder Schmerz: Ein Schmerz, der von thorakal nach abdominal oder in die Flanke „wandert", ist hochverdächtig auf eine fortschreitende Dissektion
Red Flags in der klinischen Untersuchung
- Blutdruckdifferenz >20 mmHg zwischen beiden Armen (in ca. 30 % der Fälle nachweisbar)
- Pulsdifferenz oder fehlende periphere Pulse
- Neu aufgetretenes diastolisches Herzgeräusch (Aortenklappeninsuffizienz bei Typ A)
- Neurologische Defizite: Hemiparese, Bewusstseinstrübung, Querschnittssymptomatik
- Zeichen der Perikardtamponade: gestaute Halsvenen, Hypotension, leise Herztöne (Beck-Trias)
- Beinischämie mit kühler, blasser Extremität
- Synkope als Erstmanifestation (in ca. 10–15 % der Fälle)
Risikofaktoren, die den Verdacht erhärten
- Arterielle Hypertonie (in ca. 70–80 % der Fälle vorliegend)
- Bindegewebserkrankungen (Marfan-Syndrom, Ehlers-Danlos Typ IV, Loeys-Dietz-Syndrom)
- Bikuspide Aortenklappe
- Bekanntes Aortenaneurysma
- Vorausgegangene Herzchirurgie oder Aortenklappenersatz
- Kokainabusus
- Schwangerschaft (drittes Trimenon und peripartal)
Die kritische Unterscheidung vom akuten Koronarsyndrom
Hier liegt die gefährlichste diagnostische Falle. Beide Entitäten können mit Thoraxschmerz und ST-Streckenveränderungen im EKG präsentieren. Eine Aortendissektion Typ A kann die Koronarostien kompromittieren – meist die rechte Koronararterie – und so ein Bild des inferioren STEMI erzeugen.
Wann du an Dissektion statt ACS denken musst
| Merkmal | Eher ACS | Eher Dissektion |
|---|---|---|
| Schmerzbeginn | Crescendo, über Minuten | Perakut, sofortiges Maximum |
| Schmerzqualität | Drückend, engend | Reißend, stechend, „vernichtend" |
| Blutdruck | Normal bis hypoton | Häufig schwer hyperton (oder Seitendifferenz) |
| Pulse | Seitengleich | Pulsdefizit möglich |
| Neues Diastolikum | Ungewöhnlich | Hinweis auf Aortenklappeninsuffizienz |
| Neurologische Symptome | Selten (außer bei kardiogenem Schock) | Möglich (Schlaganfall, Querschnitt) |
| D-Dimere | Können erhöht sein | Praktisch immer deutlich erhöht |
Merke: Bevor du bei einem STEMI-Patienten den Katheter-Alarm auslöst, halte kurz inne und frage dich: Passt die Anamnese wirklich zu einem ACS? Gibt es atypische Merkmale? Ein 55-jähriger Hypertoniker mit perakutem Vernichtungsschmerz und Blutdruckdifferenz gehört primär ins CT und nicht ins Katheterlabor.
Die fatalen Konsequenzen einer Fehldiagnose
Wird eine Dissektion als ACS behandelt, folgen typischerweise:
- Duale Thrombozytenaggregationshemmung (ASS + P2Y12-Inhibitor) → erhöhtes Blutungsrisiko
- Heparin-Antikoagulation → verstärkte Blutung ins falsche Lumen
- Thrombolyse → potenziell letale Konsequenz
Jede dieser Maßnahmen verschlechtert die Prognose dramatisch.
Diagnostik im Notfall
Basisdiagnostik
- EKG: Kann normal sein, unspezifische ST-Veränderungen zeigen oder – bei Koronarbeteiligung – ein STEMI-Bild imitieren. Ein normales EKG schließt eine Dissektion keinesfalls aus.
- Röntgen-Thorax: Verbreitertes Mediastinum (in ca. 60–70 % der Fälle), Doppelkontur der Aorta, linksseitiger Pleuraerguss. Ein unauffälliges Röntgen schließt eine Dissektion nicht aus.
- D-Dimere: Ein negativer D-Dimer-Wert (<500 ng/ml) hat einen hohen negativen prädiktiven Wert und kann bei niedriger Vortestwahrscheinlichkeit zum Ausschluss beitragen. Bei klinischem Hochverdacht darf ein negativer D-Dimer-Wert die weitere Abklärung jedoch nicht verzögern.
- Blutdruckmessung an beiden Armen: obligat bei jedem Verdacht.
Bildgebung
Die CT-Angiographie (CTA) der gesamten Aorta ist der Goldstandard in der Akutsituation:
- Sensitivität und Spezifität jeweils nahe 100 %
- Darstellung von Entry, Re-Entry, Ausdehnung, Malperfusion
- Schnell verfügbar in den meisten Notaufnahmen
Transösophageale Echokardiographie (TEE): Hervorragende Sensitivität für Typ-A-Dissektionen, bettseitig durchführbar bei instabilen Patienten, die nicht transportfähig sind. Eingeschränkte Beurteilbarkeit des Aortenbogens und der descendierenden Aorta.
Transthorakale Echokardiographie (TTE): Kann bereits in der Notaufnahme Hinweise liefern – Perikarderguss, Aortenklappeninsuffizienz, dilatierte Aortenwurzel, gegebenenfalls Intimalamelle in der Aorta ascendens. Sollte bei jedem Verdacht früh durchgeführt werden, ersetzt aber die CTA nicht.
Soforttherapie: Die ersten Minuten entscheiden
Allgemeine Maßnahmen
- Monitoring: EKG, SpO₂, invasive Blutdruckmessung anstreben (am Arm mit dem höheren Blutdruck)
- Großlumige Venenzugänge (mindestens zwei periphere Zugänge, 14–16 G)
- Kreuzblut und Bereitstellung von Erythrozytenkonzentraten
- Schmerztherapie: Opioide sind Mittel der Wahl – Morphin 2–5 mg IV fraktioniert oder Fentanyl 25–50 µg IV. Suffiziente Analgesie senkt indirekt auch den Sympathikotonus und damit den Blutdruck.
Blutdruck- und Herzfrequenzkontrolle: Das zentrale Therapieziel
Das Behandlungsprinzip basiert auf der Reduktion der aortalen Wandspannung. Diese wird durch zwei Faktoren bestimmt: den systolischen Blutdruck und die Geschwindigkeit des Druckanstiegs (dP/dt). Beides muss gesenkt werden.
Zielwerte:
- Systolischer Blutdruck: 100–120 mmHg
- Herzfrequenz: <60/min
- Zu erreichen innerhalb von 20 Minuten
Medikamentöse Erstlinientherapie
Esmolol ist aufgrund der kurzen Halbwertszeit und guten Steuerbarkeit das Mittel der Wahl:
- Bolus: 500 µg/kg IV über 1 Minute
- Erhaltung: 50–200 µg/kg/min als Dauerinfusion
- Titriere nach Herzfrequenz und Blutdruck
Alternativ Labetalol (kombinierter α- und β-Blocker):
- 20 mg IV als Bolus, dann 20–80 mg alle 10–15 Minuten
- Maximaldosis: 300 mg
- Oder als Dauerinfusion: 1–2 mg/min
Wenn Betablocker nicht ausreichen (systolischer Blutdruck weiterhin >120 mmHg trotz adäquater β-Blockade):
- Nitroprussid-Natrium: 0,25–10 µg/kg/min IV – NUR in Kombination mit einem Betablocker verwenden. Nitroprussid alleine führt zur Reflextachykardie und erhöht die dP/dt.
- Clevidipin: 1–2 mg/h IV, Titration alle 90 Sekunden möglich – gut steuerbar
- Nicardipin: 5–15 mg/h IV
Kontraindizierte Maßnahmen
- Keine Vasodilatatoren ohne vorherige β-Blockade (Reflextachykardie!)
- Kein Nitrat als Monotherapie
- Keine Antikoagulation bis zur sicheren Diagnose
- Keine Thrombolyse
- Keine intraaortale Ballonpumpe (IABP)
Sondersituation: Hypotoner Patient
Ein hypotoner Patient mit Aortendissektion ist ein Alarmsignal. Mögliche Ursachen:
- Perikardtamponade → Perikardpunktion nur als Bridging, da eine vollständige Entlastung die aortale Blutung verstärken kann. Ziel: Drainage von gerade so viel Blut, dass ein minimaler Blutdruck aufrechterhalten wird (Konzept der „kontrollierten Perikarddrainage")
- Aortenruptur → sofortige OP-Indikation
- Schwere Aortenklappeninsuffizienz → operative Versorgung
- Malperfusion der Koronararterien → operative Versorgung
Volumensubstitution mit kristalloiden Lösungen und bei Bedarf Katecholamine (Noradrenalin) zur Aufrechterhaltung einer minimalen Organperfusion, bis die operative Versorgung erfolgen kann. Dabei gilt das Prinzip der permissiven Hypotension mit einem systolischen Zielblutdruck von 80–90 mmHg.
Disposition und Zeitmanagement
- Typ A: Sofortige Verständigung der Herzchirurgie. Jede Minute zählt. Die Mortalität steigt pro Stunde um etwa 1–2 %. Wenn keine Herzchirurgie im Haus ist: organisiere den schnellsten Transport (Hubschrauber) unter laufender Therapie.
- Typ B unkompliziert: Aufnahme auf die Intensivstation, konservative Therapie mit engmaschigem Monitoring und Blutdruckmanagement.
- Typ B kompliziert (Malperfusion, drohende Ruptur, refraktärer Schmerz, unkontrollierbare Hypertonie): Interventionelle Versorgung mittels thorakaler endovaskulärer Aortenreparatur (TEVAR) oder operative Therapie.
Checkliste für die Akutsituation
- Verdacht fassen bei perakutem Thorax-/Rückenschmerz, Blutdruckdifferenz, Pulsdefizit, neurologischen Ausfällen
- Blutdruck an beiden Armen messen
- EKG – aber Vorsicht vor vorschneller STEMI-Interpretation
- Betablocker-Therapie sofort beginnen (Esmolol oder Labetalol)
- Schmerztherapie mit Opioiden
- Ziel: Systolischer RR 100–120 mmHg, HF <60/min innerhalb von 20 Minuten
- CTA der gesamten Aorta als Goldstandard-Diagnostik
- Herzchirurgie verständigen bei Typ A – parallel zur Diagnostik
- Keine Antikoagulation/Thrombolyse bis Dissektion ausgeschlossen
- Kreuzblut abnehmen, Blutprodukte bereitstellen
Praktisches Training
Die Aortendissektion ist ein Paradebeispiel dafür, wie eine systematische Herangehensweise und geschärfte klinische Aufmerksamkeit in der Akutsituation lebensrettend sein können. Das Erkennen der Red Flags, die Abgrenzung vom ACS und das rasche, zielgerichtete Blutdruckmanagement erfordern Routine – und die lässt sich nur durch wiederholtes Training in realitätsnahen Szenarien aufbauen. Im Notarzt-Refresher-Kurs von Simulation Tirol hast du die Möglichkeit, genau solche kritischen Differenzialdiagnosen in simulierten Notfallsituationen zu üben und deine Entscheidungskompetenz unter Zeitdruck weiterzuentwickeln.
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